Die Trachten von Sachsen-Altenburg, Thüringen.

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Bauernmädchen aus Sachsen-Altenburg, Thüringen.

BAUERNMÄDCHEN aus dem Herzogtum Sachsen-Altenburg, Thüringen. Um 1850.

von C.E. Doepler.

Es ist eine interessante Erscheinung, dass sich in einem kleinen, durch natürliche Grenzen nicht abgeschlossenen Ländchen mitten in Deutschland eine Nationaltracht, wenn jetzt auch nur noch in ihren Resten, erhalten hat. Es deutet dies auf eine ganz ausserordentliche Zähigkeit des Charakters, wie diese allerdings den Sorbenwenden im Herzogtum Sachsen-Altenburg eigen ist.

Die Tracht des Altenburger Bauernmädchens, wie sie sich uns darstellt, ist auf den ersten Anblick befremdend, allein man gewöhnt sich bald an sie und findet dann auch ihre eigentümlichen Schönheiten heraus. Sie erfordert namentlich einen sehr graziösen Gang, ohne den sie überhaupt nicht, gedacht werden kann. Der enge, nur bis in die Kniekehle reichende Rock lässt nur kurze Schritte machen, und mit diesen kleinen, trippelnden Schritten wissen die Altenburger Bauernmädchen ganz allerliebst zu kokettieren zumal den Walzer, – der alte, nationale Zweitritt ist fast ganz verschwunden, – tanzen sie äusserst zierlich. Der Rock wird je nach Stand von verschiedenen Stoffen gefertigt.

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Sachsen-Altenburg, um 1840. Hochzeitbitter, Bäuerinnen.

Die reicheren Bauerntöchter, welche der Nationaltracht noch treu geblieben sind, lassen ihn meist aus Seide fertigen, er erfordert an die dreissig Ellen Stoff. Auf der hinteren Seite wird er in ganz eng aneinander gefügte, zolldicke Falten gelegt, die mit Bindfaden durchnäht werden; vorn, wo er ganz einfach ohne Falten herabfällt, wird er durch Knöpfe geschlossen. An seinem unteren Ende wird er mit handbreiten, schweren seidenen Bändern verziert, die saumartig um denselben herumlaufen. Diese sind meist von grüner oder schwarzer Farbe; seltener, aber nicht ungern, wird auch Blau getragen, während Rosa eigentlich gar nicht vorkommt. Eine bestimmte Farbe hat dieses Kleidungsstück nicht, doch wird es niemals in sehr hellen Nuancen getragen.

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Sachsen-Altenburg, um 1800. Hochzeitbitter. Bäuerin.

Über den Rock fällt in der Arbeit eine einfache, an Sonn- und Festtagen eine kostbare Schürze herab, die ganz notwendig ist, da der Rock vorn allein sehr hässlich aussieht. Den Oberkörper bekleidet die Jacke (Jäcke), deren Form jetzt schon wesentlich von der Mode abhängt; nur darin bleibt sie sich stets gleich, dass sie vorn nicht geschlossen werden kann.

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Sachsen-Altenburg. Hochzeitbitter, um 1800. Bauersleute, um 1840.

Die Brust bedeckt der Vorstecklatz (Latz oder Mieder), der, von Pappe gefertigt und mit seidenem oder anderem, geringeren Stoff überzogen, durch Festschnüren gehalten wird. Die Schnüre sind an beiden Seiten der Jacke befestigt. Die Ärmel der Jacke sind eigentlich kurz und reichen nicht ganz bis zu den Ellbogen herab; sie waren bis vor Kurzem Gegenstand eines ganz besonderen Luxus und wurden oft aus den kostbarsten Stoffen angefertigt. Über dem Latze und dicht unter dem Kinn wird immer eine Schleife von breitem, schwarzseidenem Band, das oft bunte Kanten hat, getragen, von der aus zwei lange Bänder von gleicher Art über den Latz bis in die Taille herabhängen.

Das Haar wird nicht geflochten. sondern in einen Knoten zusammengebunden getragen; bei den Mädchen bedeckt es der „Lappen“, ein dicht um den Kopf geschlungenes, meist dunkelgrundiges, mit eingewirkten, bunten Blumen versehenes Tuch, an dem ein langes zweites Tuch, das durch einen Einschlag gehalten, oben etwas absteht, auf den Rücken und fast bis in die Taille herabhängt. Dieses Tuch ist der besondere Stolz der Bauernmädchen, oft sehr kostbar und stets mit handbreiter, heller Kante versehen. An der Vorderseite des „Lappens“ wird zuweilen eine schmale, schwarze Spitze, die Stirn etwa zollbreit bedeckend, getragen. Die grüne Farbe wird an dem Tuche bevorzugt. An der Kopfbedeckung unterscheiden sich die Mäddchen von den Frauen.

Letztere tragen nicht mehr den einfachen Lappen, sondern die Haube. Diese läuft nach hinten in eine Verlängerung aus, die man am besten mit dem aufgeschlagenen Schwanz einer Pfauentaube vergleichen kann. In der Öffnung nach rückwärts ist ein rundes Blättchen mit glänzender Perlenstickerei eingesetzt: unter diesem sind dann die Tücher wie bei der Tracht der Mädchen befestigt.

Die Strümpfe sind jetzt fast ohne Ausnahme gestrickt oder gewirkt, bei grossem Staate müssen sie in Mustern durchbrochen und vom feinsten Garn sein. Früher wurden sie von feiner, übereck geschnittener Leinwand zusammengenäht. Bei jungen Frauen und Mädchen sind sie stets von weisser Farbe, zur Trauer und bei der Arbeit aber von schwarzer Farbe, wie sie ausserdem von den älteren Frauen überhaupt getragen werden.

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Sachsen-Altenburg, um 1780. Brautjungfer, Bauer.

Im Hause trägt der weibliche Teil des Altenburger Bauernstandes Pantoffeln; sonst feine, meist Samtschuhe, die oft mit reicher Perlen- und Seidenstickerei versehen sind. Die Tracht der Braut ist nur durch den Kopfputz von der gewöhnlichen unterschieden. Das Hormt (Brautkrone), das die Braut trägt, gleicht einem ziemlich hohen Zylinder; es ist von Pappe gefertigt und stets mit rotem Damast überzogen, doch ist von der Farbe nicht viel sichtbar, da es von Reifen goldener oder vergoldeter Blätter oder Münzen bedeckt ist, die durch Anschlagen beim Gehen ein leises Geläute ertönen lassen.

Auch die Brautjungfern, Hormtjungfern, tragen diese Kopfbedeckung. Bei der Hochzeit der jetzigen Prinzessin Albrecht von Preussen, früheren Prinzessin Marie von Sachsen-Altenburg zogen mit einer Bauernhochzeit eine grosse Anzahl solcher Hormjungfern mit auf und erfreuten sich besonderer Aufmerksamkeit. Über der Kleidung tragen Frauen und Mädchen bei rauher Witterung einen weiten Mantel aus Tuch, bei Ärmeren aus Kattun von dunkler Farbe. Das Hemd ist stets ohne Ärmel, der kleine Stehkragen desselben mit schwarzer Seide gestickt.

Der Altenburgische Bauer, den unser Holzschnitt zeigt (Bild folgt), hat sich eigentlich schon sehr modernisiert, denn er trägt eine Mütze und einen Backenbart, sonst aber ist er einer vom echten Schlage mit energischem Gesicht und von breitspurigem Gang. Auf dem Kopfe trägt der Bauer, der ganz fest an seiner Tracht gehalten hat, einen ganz kleinen schwarzen Filzhut, nicht grösser als ein Suppenteller und demselben in seiner umgekehrten Form sehr ähnlich. Derselbe hat einen ganz schmalen, vorne einen schirmartig etwas herabgedrückten Rand. Die kurze Pfeife steckt stets dicht in einem der Mundwinkel, wodurch das Gesicht fast immer den Ausdruck des Malitiösen 1) erhält.

Der Spenzer, den unser Bauer trägt, ist eine bis in die Taille reichende Jacke von dunklem Tuch. Hinter demselben finden wir keine Weste, sondern ein den Namen Latz oder Brusttuch tragendes Kleidungsstück. Dasselbe wird auf der linken Seite und Achsel durch Heftel und Schlingen geschlossen und hat vorn auf der Brust keine Öffnung. Der Latz wird stets von schwarzem Tuche gefertigt. Über denselben läuft „die Hosenhebe“, aus schmalen, schwarzen Lederriemen bestehend. Durch diese wird die schwarze Lederhose, die jetzt viel von ihrem früheren Umfang eingebUsst hat, gehalten. In der Hose befindet sich der „Schubsack“, in dem das Taschentuch, und vom Gesinde Messer und Gabel im Futteral getragen wird. Diese Werkzeuge muss das Gesinde sich meist selbst halten. Die Hosen, die unten am Knie mit Lederriemen zugebunden werden, waren sonst so weit, dass sie ein ganzes Sipmaß 2) Getreide fassen konnten.

Sachsen-Altenburg, Thüringen, Bäuerinnen, Trachten, Kostüme, Friedrich Hottenroth

Sachsen-Altenburg, um 1800. Bäuerinnen.

Reiche Bauern hatten früher keinen besonderen Schubsack im Beinkleid. sondern trugen die preussischen Taler gleich in demselben, damit sie bei dem Gehen durch Klappern den Reichtum ihres Herrn anzeigen konnten. Die Stiefeln sind hoch, die Schäfte von ganz weichem Leder und werden von dem Fusse an bis zum Knie herauf aufgewickelt. Das Hemd schliesst oben in einem ganz schmalen, bortenähnlichen Kragen, der in schwarzer Seide, mit hieroglyphenartigen Figuren gestickt ist. Um den Hals wird ein schwarzseidenes Tuch geschlungen. Von der eigentlichen, jetzt fast verschwundenen Tracht der „Kappe“, eines eigentümlichen, langen, schwarzen Rockes, und der „Weissen“, eines ebensolchen von weissem Tuch, zu erzählen, gestattet der Raum nicht. Eine besondere Eigenheit der Altenhurger Bauerntracht ist es, dass Knöpfe, soweit möglich, nicht angewendet werden; die Kleider werden fast nur durch Heftel und Schlingen geschlossen.

Leider verschwindet die Nationaltracht mehr und mehr. Herzog Ernst von Sachsen-Altenburg hält sie, soweit er kann, und hat sich selbst in der Tracht seiner Bauern photographieren lassen. Er wendet in einzelnen Bauernfamilien sogar selbst seinen persönlichen Einfluss an, um die Eigentümlichkeiten zu erhalten, die dem Altenburger Bauernstand ein so eigenartiges Gepräge geben, und dadurch allein kann das Aufhören der Tracht noch auf einige Zeit verschoben werden.

1) Malitiös, Maliziös, französisch malicieux: schelmisch, boshaft-spöttisch, hämisch, mit offensichtlichem Spott, schalkhaft, durchtrieben u.s.w..

2) Sipmaß, im Meißnischen u. Altenburgischen ein Maß für trockene Dinge; 4 Sipmaß machen einen Scheffel, 1 Sipmaß hält 31/2 Maß oder 4 Metzen. Metzen, von dem zu mahlenden Getreide den bestimmten Teil, gewöhnlich 1/10, als Lohn wegnehmen; der Mühlbursche, welcher dies verrichten muß, heißt an manchen Orten der Metzner. Scheffel Maß für trockene Dinge, z.B. Salz, Obst, Hopfen, Mehl, Malz und besonders Getreide. Meist wird der Scheffel in 4 Viertel oder Sipmaß, oder in 16 Metzen geteilt.

Weiterführend: Die Hormtjungfern. Aus: Sitten, Gebräuche, Trachten, Mundart, häusliche und landwirthschaftliche Einrichtungen der Altenburgischen Bauern von Carl Friedrich Hempel, 1839.

Trachten aus Thüringen, Ruhla, Gotha, Erfurt.

Quellen

  • Bildnachweis: Blätter für Kostümkunde der Verlagshandlung Franz Lipperheide, Berlin. Neue Folge. Berlin: Franz Lipperheide, [1876-1887] „Blätter für Kostümkunde: historische und Volkstrachten. Unter Mitwirkung von Otto Brausewetter, Ludwig Burger, C.E. Doepler, Alois Greil, Friedrich Hiddemann, Vinc. St.-Lerche, Jean Lulvès, Franz Meyerheim, B. Nordenberg, Bernhard Plockhorst, Rudolph Schick, Norbert Schroedl, Franz Skarbina, Paul Thumann, Joseph Watter, Carl Werner, Constantin von Wietersheim u.a. . Herausgegeben von A. von Heyden“. Katalog der Freiherrlich von Lipperheide’schen Kostümbibliothek.Stephan Geibel (Werkstatt), Drucker. Franz von Lipperheide Verleger. Pierer’sche Hofdruckerei Druck. Druckort: Altenburg (Thüringen), Verlagsort: Berlin, 1876
  • Textquelle: C.E. Doepler. Blätter für Kostümkunde. Historische und Volkstrachten. Neue folge, bd. 1-3 [v. 1-3], Bildlicher Beschreibender Teil von August von Heyden, 1876.

 

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