Die Bauerntrachten vom 16. bis 19. Jahrhundert.

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Friedrich Hottenroth. Deutsche Volkstrachten vom 16.-19. Jahrhundert

Deutsche Volkstrachten.

Die Bauerntrachten vom 16. bis 19. Jahrhundert.

von Friedrich Hottenroth.

Volkstrachten aus Süd- und Südwest-Deutschland.

VORWORT.

Die Gegenwart ist der Vergangenheit ebenso verpflichtet, wie das Kind seinen Eltern; aus diesem Grunde ist es auch eine Pflicht, alte Erinnerungen festzuhalten. Jede Art von Arbeit, welche die Vergangenheit lebendig erhält, muss willkommen sein in einer Zeit, die im Begriffe steht, mit der Vergangenheit aufzuräumen, und alles, was ihr wert gewesen ist, umzuwerten. Dass dies geschieht, daran lässt sich auf keinem Gebiete mehr zweifeln; von den vielen Beweisen dafür ist das Verschwinden der Volkstrachten vielleicht einer der augenfälligsten. Wie der gewaltig gesteigerte Verkehr die Besonderheiten in unseren Lebensgewohnheiten ausgleicht, so löst er auch die Volkstrachten in die allgemein gültigen Modeformen auf.

Die Industrie mit ihrer gewaltigen Kraftspannung setzt sich zwischen den Bauernhäusern fest; sie erzieht sich einen neuen und eigenartigen Menschenschlag, der von stiller Behaglichkeit nichts mehr weiss; alle Fähigkeiten schickt sie auf die Hetzjagd nach dem Gewinn, und man würde den für einen Zeitverschwender halten, der sich noch um den Zuschnitt und die Färbung seiner Kleider selber kümmern wollte; das mögen die besorgen, deren Geschäft es ist. Was sollen die bunten Volkstrachten, sie, die Kinder der idyllischen Schlupfwinkel, zwischen den Mauern der Fabriken und Hüttenwerke, sie, die Kinder der wehenden Saatfelder, auf dem aufgewühlten Boden, sie, die Kinder der grünen Wälder, zwischen dem steinernen Walde von hochragenden Schornsteinen, sie, die Kinder von Luft und Sonne, in dem muffigen Atem der Werkstätten, in der von Kohlenruss schwarz durchsetzten Atmosphäre? Das ist einmal so und lässt sich nicht ändern.

Ob der Verfasser mit dem vorliegenden Buch etwas Verdienstvolles getan hat, würde er, selbst wenn er es wüsste, nicht zu behaupten wagen angesichts der prächtigen und schwerwiegenden Arbeiten, die auf dem Gebiete der Volkstrachten bereits von anderen geleistet worden sind. Doch ist auch das Beste von jenen Arbeiten noch immer Teilwerk geblieben, und ein Werk, das den Gegenstand in all seinen Verästelungen zusammenfasste, bis jetzt noch nicht geboten worden. Was der Verfasser bietet, ist auch nur ein Versuch dazu, mehr Bausteine als Gebäude; aber die Steine sind wohlzugerichtet, und jeder, der nicht gar zu jugendlich in dieser Sache ist, wird beurteilen können, wohin sie gehören.

Es liegt in der Natur der Sache, dass zahlreiche Lücken in dem Resultat der Forschung nicht mehr ausgefüllt werden können; sie müssen Lücken bleiben schon aus dem Grund, weil das Füllmaterial verloren gegangen ist. Eine konstruktive Phantasie, wie sie etwa dem Architekten über die Lücken hinaus helfen kann, ist hier nicht anwendbar; der Architekt kann den Beweis des Zusammenhanges aus den architektonischen Gesetzen und aus der Erfahrung herleiten; aber das trifft bei den Volkstrachten nicht zu. Zwar sind auch sie das Produkt von natürlichen Gesetzen; aber die Gesetze sind nicht bloss allgemeiner, sondern auch örtlicher Natur; dann ist auch persönliches Belieben nicht davon ausgeschlossen und selbst die Laune hat ihren Anteil daran.

Daher kommt es, dass sie trotz aller Gesetzmässigkeit wie Produkte der Willkür erscheinen und niemals aus dem Ganzen heraus konstruiert werden können; es wäre dies etwa dasselbe, als wenn man aus der Schriftsprache einen Dialekt sozusagen heraus rechnen wollte, weil man das Gesetz der Lautverwandlung kennt. Und noch Folgendes ist zu erwägen. Durch künstlerische Anordnung kann sich ein Geschichtsschreiber den Anschein geben, als ob in seinem Werke nirgends eine Lücke oder nur eine stumpfe Stelle sei; er kann aus der Sitten- oder Gewerbegeschichte einer einzigen Stadt, wenn nur die Stadt sonst von Bedeutung ist, die Lücken in einer allgemeinen Sitten- oder Gewerbegeschichte zustopfen und ausgleichen; aber aus den Kostümen dieser Stadt könnte er niemals das Kostüm des Landes in weiterem Umkreise herstellen, hierbei würde die Wahrheit zu kurz kommen.

Ausser dem Material, das völlig verloren gegangen, giebt es noch manches, das schwer ans Tageslicht zu fördern ist und nur durch das Zusammenwirken freundschaftlicher Kräfte beschafft werden könnte. Dem Verfasser hat es an Hilfe nicht gefehlt; im grossen und ganzen aber hat er sich doch auf seine eigene Kraft angewiesen gesehen. Wie beschränkt diese ist, weiss er selbst am besten, und darum hat er von vornherein darauf verzichtet, ein wohlabgerundetes Ganzes zu liefern und sich entschlossen, es bei einer Studie bewenden zu lassen. Doch hat er, um einigermassen den Zusammenhang klar zu legen, eine systematische Übersicht der deutschen Bauerntrachten, wie solche aus der allgemeinen Mode und den politischen Zuständen heraus sich entwickelt haben, seiner Arbeit vorangestellt, ausserdem bei jedem Volksstamm die Vorbedingungen angegeben, von welchen sein Kostüm noch im besonderen abhängig war. Sonst aber hat er das, was er gefunden, einfach wiedergegeben und sozusagen reliefartig, wie es die alten Künstler auf ihren Gemälden machten, nebeneinander hingestellt; er würde für diese Art der Darstellung sich einen Tadel gerne gefallen lassen, wenn er nur die Überzeugung haben darf, dass Niemand das Buch aus der Hand legen wird, ohne etwas daraus gelernt zu haben.

Frankfurt a. M., den 8. März 1898.
Friedrich Hottenroth.

Die männliche Tracht.

Die Hosen

Die Hosen, wie man sie im Mittelalter trug, bestanden aus zwei langen Strümpfen, die man einzeln anzog und oben mit einem Gürtel oder einer Zugschnur um den Leib befestigte oder auch mit Nesteln an das Wams und selbst an das Hemd schloss. Da jedoch bei dieser Verbindung der Unterleib keinen genügenden Schutz fand, zog man ein paar kürzere Hosen, die „Bruchen“ genannt wurden, darunter an; diese Bruchen waren uralt und schon den Franken und Normannen bekannt.

Erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts verfiel man darauf, die Beinstrümpfe oben durch Zwickel, die man vorn und hinten zwischen sie einsetzte, zu verbinden. Der hintere Zwickel war lang und wurde mit der Spitze nach abwärts eingefügt; der vordere war kürzer und an seiner gleichfalls nach unten gewendeten Spitze abgestumpft; er bestand aus zwei der Länge nach zusammengenähten Stücken, deren in die Mitte fallende Kante etwas gewölbt war, so dass beide Teile vereint einen flachen Beutel formten. Dieser Latz wurde nur unten angenäht, oben aber mit Knöpfen oder Nesteln an die Beinstrümpfe geschlossen. Die arbeitenden Leute konnten keine Hosen von starker Spannung brauchen; namentlich beim Bücken mussten die Hosen hinten genügenden Raum haben. Um diesen zu gewinnen um keine Spannung aufkommen zu lassen, verbreiterte man mit der Zeit die Hosen oben an ihrer Aussenseite und wölbte sie zugleich an ihrer nach der hinteren Mitte fallenden Kante so, dass beim Zusammennähen die Hosen hier eine gewölbte Schale bildeten. Dieser Schnitt machte den hinteren Zwickel überflüssig.

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Fig. 1. Hosenschnitt in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts.

Fig. 1. Hosenschnitt in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. (1 innere und äussere Seite des Beines mit dem halben Hinterzwickel und dem halben Laze; 7 Gesäßteil der Hosen.) 2.3.8 Schnitt zu den spanischen Hosen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. (2 Laz, 3 Kniehosen, 8 halbe Schamkapsel.) 4. 5. 9 Hosenschnitt um 1700. (4 Vorderteil, 5 Hinterteil, 9 Bund.) 6 Hosenschnitt um 1790. (Das eine Hosenbein, gewöhnlich das linke, wurde, damit die sehr engen Hosen nicht spannten, etwas weiter geschnitten.) Nach K. Köhler, Trachten der Völker in Bild und Schnitt.

So beschaffen waren die Bauernhosen am Anfange des 16. Jahrhunderts. Hosenträger gab es auch jetzt noch nicht und man hielt die Hosen wie sonst mit Nesteln oder einem Gurt fest. Zunächst veränderte man den Latz; man setzte ihn jetzt aus einem dreieckigen Stoffteil, das in der Mitte rund ausgeschnitten war, und einer halbkugeligen Kapsel zusammen, die in den Ausschnitt passte. Die Kapsel stellte man jedoch noch immer nach Art des älteren Latzes aus zwei Stücken her, deren zusammenstossende Kanten nur etwas stärker gewölbt waren. Auch wattierte man die Kapsel, so dass sie ihre feste Halbkugelform keinen Augenblick verlor. Den Latz selbst nähte man mit der nach unten gewendeten Spitze zwischen den Hosenbeinen fest.

Die Hosenbeine bedeckten noch immer wie Strümpfe die Füsse; doch fing man um diese Zeit an, den Fussteil abzutrennen und falls man es nicht vorzog barfuss zu gehen, den unbehosten Teil der Beine mit kurzen Strümpfen oder mit Schuhen und Gamaschen zu schützen. Es sollen die Landsknechte gewesen sein, die zuerst die Unterschenkel mit Strümpfen verwahrten. Die Strümpfe waren nicht gestrickt, sondern aus Leder oder sonst einem derben Stoff zugeschnitten und zusammengenäht; sie reichten wie die Socken nur bis zum Ansatz der Waden hinauf oder reichten bis über die Knie und wurden dann unter dem Knie gebunden und meist mit dem Kniestück heruntergeklappt oder mit dem unteren Ende der Hosen gefasst und zusammen gebunden. In jedem Falle stiegen die Hosen über das Knie hinab, entweder nur bis an oder auf die Waden oder bis gegen die Knöchel.

So trugen Bauern und Fuhrleute allgemein ihre Hosen bis zum Ende des 16. Jahrhunderts, ja in manchen Gegenden bis in das 17. Jahrhundert hinein; sie liessen sie damals hoch am Körper hinaufsteigen, fast bis unter die Arme, und nestelten sie oben an das „wollene Hemd“, von dem wir sogleich sprechen werden. Den Schlitz, der vorn vom oberen Rande bis zum Latz über den Bauch hinunterlief, schlossen sie gleichfalls mit Nesteln zusammen.

Schon um die Mitte des 16. Jahrhunderts fand eine Änderung statt, die gleichfalls von den Landsknechten ausging. Damals kamen die Pluderhosen auf, ungeheure, mit Schlitzen und farbigen Puffen bedeckte Säcke. Das waren keine Hosen für die Bauern; aber die Handwerker nahmen sie an, wenn auch nur in weit bescheidenerem Umfang. Die Pluderhosen bestanden eigentlich aus zwei Paar ineinander geschobenen Hosen, aus Oberhosen und Futterhosen. Die Oberhosen, aus derbem Stoffe, reichten etwa bis an die Waden und waren nicht weiter, als das Bein es verlangte, aber, das Gesäss ausgenommen, in handbreite Längsstreifen zerteilt. Die Futterhosen bestanden aus zwei grossen Säcken von leichtem andersfarbigem Stoff, die so lang waren wie das Bein.

Diese Säcke wurden zuerst einzeln angelegt, dann die Oberhosen darüber gezogen und samt den Futterhosen unterm Knie verschnürt; so waren die letzteren genötigt, sich in Bauschen aus den Schlitzen der Oberhosen hervor zu drängen. Das Gesäss dagegen wurde nach der Form der Hinterbacken ausgepolstert und die Schamkapsel bis zur Frivolität wattiert, dabei rechts wie links mit Flügeln aus farbigen Bandschleifen ausgeschmückt. Mit der Zeit schrumpften die Pluderhosen zusammen und wurden zu ziemlich kurzen Beinkleidern, die nur die Oberschenkel und selbst diese bald nur noch halb bedeckten; aber die Strümpfe nahmen entsprechend an Länge zu. Die starken, bis zur Kugelform getriebene Wattierung dieser Hosen, der spanische Mode entnommen, fand im handwerkenden Stand keine Nachahmung; doch ersetzte man hier wie dort den Hosenlatz mit seiner Kapsel immer häufiger durch einen einfachen Schlitz.

Die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zur Geltung kommende spanische Mode brachte neben den Oberhosen, die kugelig ausgepolstert waren, noch Kniehosen, die oben weit und ebenfalls gepolstert, nach unten hin aber allmählich auf den Umfang des Beines verjüngt waren. Die Ballonhosen blieben auf die vornehmen Leute beschränkt, die mit der Mode gingen; die Kniehosen aber fanden unter den niederen Ständen willigere Aufnahme; doch liess man hier die Wattierung ganz weg oder wendete sie nur mässig an, wie man auch hier die Bequemlichkeit niemals ganz aus den Augen liess. Die Hosen, unter den Knien gebunden, senkten sich etwas nach unten und zeigten einen mehr oder weniger freien Faltenfluss. Auch aus den modischen Hosen verlor sich anfangs des 17. Jahrhunderts die Wattierung; von jetzt ab zeigten die Hosen der Städter und der Bauern wieder einen gemeinsamen Zuschnitt, nachdem er über hundert Jahre verschieden gewesen war.

Kostüme, Handwerkertrachten, 16. Jahrhundert, Renaissance, Jost Amman,

Fig. 2. Handwerkertrachten aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts nach Jost Amman .

Fig. 2. Handwerkertrachten aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. 1 Schuster, 2 Schneider, 3 Schmied, 4 Jäger, 5 Siebmacher, 6 Hausierer, 7 Seiler, 8 Metzger, 9 Fischer, 10 Fuhrmann, 11 Steinmetz. (Jost Amman : Eygenntliche Beschreibung aller Stände auf Erden 1568.)

Schon zu Anfang des 17. Jahrhunderts wiesen die Bauerntrachten örtlich bedingte Unterschiede auf; am Oberrhein verblieb man bei zwei einfachen Säcken, die über die engen Strumpfhosen mit der Schamkapsel gezogen und mit dem oberen Rande unter dem Gesäss, mit dem unteren über den Knien befestigt wurden. Die Hosen, wie sie sonst in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts getragen wurden, unterschieden sich in „Pumphosen“ und „Schlumperhosen“; die Schlumperhosen waren gleich weit, die Pumphosen unten enger als oben; beide bestanden aus dicken Stoffen, unter den Bauern häufig aus Leder, und machten schwere Falten.

Die Pumphosen gewannen den Vorrang und wurden zu den eigentlichen Bauernhosen des 17. Jahrhunderts; wie sie alle Hosen von anderer Form verdrängten, so liessen sie in manchen Gegenden auch keine neuen neben sich aufkommen; an den Mündungen des Rheins und der Elbe kann man sie heute noch sehen, namentlich unter den Schiffsleuten. Im südlichen Deutschland hielten sie weniger Stand; für die gebirgigen Gegenden waren sie nicht so geeignet, wie für die flachen; im bayerischen Hochland fanden sie sogar niemals Eingang; hier behaupteten sich die kurzen, passenden, unten offenen Kniehosen und die Wadenstrümpfe, die nicht einmal zusammengebunden wurden, sondern die Knie völlig nackt zwischen sich hervortreten liessen.

Die Pumphosen bestanden aus zwei Säcken, die hinten durch einen eingesetzten Zwickel vereinigt waren und oben durch eine Zugschnur zusammen und um den Leib festgehalten wurden; darüber kam noch ein derber Ledergürtel zu liegen. Der Schlitz vorn wurde mit Knöpfen geschlossen, die unter den Falten verbargen waren. Die Naht befand sich auf der Aussenseite und wurde häufig durch einen dicht mit Knöpfen garnierten Zeugstreifen verdeckt.

Nach einigen Schwankungen in den Hosenformen erschienen zu Anfang des 18. Jahrhunderts die engen Kniehosen; diese liessen im allgemeinen die Form des Beines erkennen, verjüngten sich etwas nach unten und endeten indem sie den Strumpf überlappten, knapp unter dem Knie; hier fasste man sie mit einem Strumpfbande, das nur so lang als nötig war und mit einem Knopf oder einer Schnalle geschlossen werden konnte, oder umschnürte sie mit einem längeren Band das man an der Aussenseite des Knies zu einer Schleife knotete.

Mehr und mehr aber liess man die Hosen unten offen stehen, an der äusseren Knieseite geschlitzt und den Schlitz mittels einer Nestelschnur oder einigen Knöpfen zu verschliessen; durch diese Einrichtung machten die Hosen einen festen Anschluss, ohne dass sie spannten. Auch wurde es immer mehr Brauch, die Hosen oben mit einem Bunde einzufassen, der vorn zusammen geknöpft, hinten aber mit einer Zugschnur, die durch einige Löcher lief, beliebig fest zusammen zu ziehen. Zugleich ersetzte man den Schlitz durch einen breiten Latz, dessen Kanten man eine abgesteppte Naht oder einen Streifen, glatt oder bestickt, folgen liess. Zu beiden Seiten des Hosenlatzes pflegte man Taschen anzubringen, die zuerst waagrecht eingeschnitten und mit einer Klappe besetzt, mit der Zeit aber winkelig eingeschnitten und wie der Latz an den Kanten verziert wurden. Die Hosentaschen waren nichts Neues; man hatte sie zuerst in den weiten Pluder- und Pumphosen angebracht; doch war ihr senkrechter Einschnitt in den vielen Falten nicht zu bemerken.

Hosen aus gelbem Hirschleder waren bei der ländlichen Bevölkerung sehr beliebt; sonst fertigte man sie noch aus Tuch, Plüsch oder Samt, dann aber gewöhnlich in Schwarz. Die ledernen Hosen stellte man mit nur einer Naht her, die auf die Aussenseite zu liegen kam, die aus gewebten Stoff aber mit zwei Nähten. Die engen Kniehosen blieben durch alle Stände in Gebrauch, bis die französische Revolution die langen „Pantalons“ in Mode brachte, die das ganze Bein bis zu den Knöcheln bedeckten. Man sah sie in Deutschland zuerst bei den französischen Soldaten, die das linke Rheinufer besetzten; das war ein ungewohnter Anblick und man bezeichnete die Soldaten, eben weil sie keine Kniehosen oder Cülotten anhatten, sondern lange Hosen, mit „Sansculotten„. Dieser Name ging bald auf alle Revolutionäre über, auch auf die deutschen, selbst wenn sie mit Cülotten bekleidet waren. Die Bauern zeigten einen dauernden Widerwillen gegen die langen Hosen; nur in verkehrsreichen Gegenden bequemten sie sich allmählich dazu; sonst aber gehören die Kniehosen noch heute zur bäuerlichen Garderobe (19.Jahrhundert).

Um die Zeit, da die engen Kniehosen aufkamen, erschienen die Hosenträger im Kostüm der handwerkenden Leute. Die Arbeitshosen sollten locker sitzen und doch nicht herab gleiten; so verfiel man darauf, sie durch zwei Bänder festzuhalten, die man über die Achseln legte, Da nun die Bänder sich weder vorn noch hinten kreuzten, musste man um ein abgleiten von den Achseln zu verhindern, auf Brust und Rücken mit einem Querstege verbinden. Man legte die Hosenträger über das Hemd an, so dass sie ins Auge fielen, und erkannte bald, dass sich ein Zierstück daraus machen liess. Man verbreiterte sie und fertigte sie aus farbigem Leder oder Wollstoffen, namentlich in Grün und Rot, fütterte sie auch mit weissem Leder, das man an den Kanten hervorstehen liess.

Besonders der Bruststeg, der auch bei angezogenem Rock noch sichtbar blieb, erwies sich als ein günstiges Feld für ornamentale Ausstattung. Unterhalb dieses Steges fügte man mancherorts noch einen Sondersteg in Gestalt eines römischen Fünfers (V) ein und schloss ihn mit der Spitze gleichfalls an den Hosenbund.

Die Strümpfe

Strümpfe waren bei den kurzen Hosen unerlässlich; im allgemeinen verblieb der Bauer dabei, seine Strümpfe oben mit den Hosen zu überfassen, während es unter handwerkenden Leuten von 1700 an etwa zwanzig Jahre lang üblich blieb, die Strümpfe nach der Mode über die Hosen hinaufgehen zu lassen, sie aber unter dem Knie zu unterbinden, so dass das Knie wie in einer Stulpe sass. Aus diesen Strümpfen, meist von Leder, entwickelten sich dann die bekannten schweren „Kanonenstiefel„.

Bevor die Kunst des Strickens verbreitet war, schnitt man die Strümpfe, wie schon oben bemerkt worden ist, zu, und zwar aus Tuch oder Leder. Den Schaft schloss man hinten herauf mit einer Naht und setzte den Fuss besonders ein, oder man schnitt Fuss und Schaft im ganzen zu. Um in diesem Falle die für die Knöchel nötige Weite zu erzielen, setzte man besondere Zwickel ein, die man nach Belieben verzierte. Die farbigen Zwickel behielt man bei, auch als man die Strümpfe strickte; sie sind noch in den heutigen Volkstrachten zu sehen. Der gemeine Mann trug nur von Wolle gestrickte Strümpfe. Leute, die bei Wind und Wetter schadhafte Wege, unwegsames Gelände und dichtes Gestrüpp passieren mussten, wie Jäger und Fuhrleute, besassen an den Strümpfen keinen genügenden Schutz.

Schon im Mittelalter, da man die langen Strümpfe als Beinbekleidung trug, suchte man seine Beine auf mancherlei Weise zu sichern. Die Limburger Chronik, die uns über viele Eigenheiten der mittelalterlichen Kostüme Aufschluss gibt, macht zum Jahre 1362 eine auffallende Bemerkung: „Item in diesem Jahr vergingen die grossen weiten kurzen Lersen und Stiefel, die hatten oben rotes Leder und waren verhauen, und die engen langen Lersen gingen an mit langen Schnäbeln. Diese Lersen hatten Krappen, einen Krappen beim andern, von der grossen Zehe an bis oben hinaus, und waren hinten auf genestelt bis halb in den Rücken. „Lersen“ ist ohne Zweifel eine Abkürzung von Lederhosen, denn man findet statt Lersen auch den Namen „Ledersen“.

Die Lersen waren also lederne Langstrümpfe mit Füssen; jeder Strumpf wurde von der grossen Zehe an bis obenhin mit einer dichten Reihe von Krappen zusammen geheftet, beide Strümpfe aber vom Gesäss an bis ins Kreuz mit Nesteln aneinander geschlossen; so wenigstens scheint dieser Bericht sich erklären zu lassen. Es sind hier offenbar Überstrümpfe gemeint, denn die Chronik selbst nennt sie einen Ersatz für die früher üblichen kurzen Lersen und Stiefel. Die langen Fussschnäbel waren Modesache; unter „verhauen“ verstand man Löcher, die als Zierat nach gewissen Mustern mit dem Locheisen eingeschlagen und dann mit farbigem Futterstoffe unterlegt waren.

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Bauern- und Bürgertrachten im 16. Jahrhundert.

Fig 3. Bauern- und Bürgertrachten im 16. Jahrhundert. (1. 4. 5 nach Hans Burgkmair, 2 nach Hans Schäuffelin 1520, 3 nach Hans Weigel 1577.)

Bis in das 17. Jahrhundert hinein blieben die langen ledernen Überstrümpfe namentlich unter den Fuhrleuten eine notwendige Schutzhülle. Jeder Strumpf hatte oben an seiner Innenseite eine lange Lederschlinge oder Strupfe, mit welcher er am Gürtel festgehalten wurde, wenn schlechtes Wetter es nötig machte; sonst liess man ihn umgeschlagen frei über das Bein herabhängen. Ausser diesen beinlangen Lederstrümpfen gab es auch kürzere, die unter dem Knie gebunden und oben umgekrempelt wurden, so dass das Knie unbedeckt blieb. Ähnliche Strümpfe waren vom Knöchel bis über die Waden hinauf geschlitzt und wurden hier nach Art von Gamaschen mit Knöpfen geschlossen oder mit umgewickelten Riemen am Bein festgehalten. Die Sohle war mit einer Holz- oder Lederplatte verstärkt.

Die Gamaschen

Fusslose Gamaschen waren schon im 15. Jahrhundert bekannt; sie glichen den Wadenstrümpfen der Gebirgsbewohner, denn sie deckten den Unterschenkel nur vom oberen Wadenende an bis gegen die Knöchel; es waren Röhren aus starkem Leder, die aussen am Beine herunter zugehakt oder mit Schnallen und Riemen geschlossen werden konnten.

Bauerntrachten, Mittelalter, Friedrich Hottenroth, Hans Burgkmair, Hans Schäuffelin, Hans Weigel

Bauerntrachten um die Mitte des 16. Jahrhunderts.

Fig 4. Bauerntrachten um die Mitte des 16. Jahrhunderts. (1—4 nach Hans Sebald Beham. um 1540; 5 nach Rudolf Meyer 1530.)

Die Gamaschen hatten ihren Ursprung im militärischen; der Preussenkönig Friedrich Wilhelm I. führte sie bei seinen Soldaten ein, um die damals üblichen schweren Stiefel durch einen leichteren Beinschutz zu ersetzen. Ähnlich den alten Lederstrümpfen stiegen die Gamaschen damals mit einer Stulpe über das Knie hinauf, während sie unten den Fussrücken zur Hälfte bedeckten. Mit einem Steg, der unter Der Sohle herlief, wurden sie auf dem Schuhe festgehalten und aussen am Bein herauf bis zum Ansatz der Stulpe mit vielen kleinen Knöpfen geschlossen. So trägt das Bauerntum noch heute seine Gamaschen, entweder hoch bis zu den Kniehosen oder kurz bis zu den Waden von Leder, schwarz oder naturfarbig, wie auch von grauer Leinwand oder dunkelblauem Tuch.

Aus dem ledernen Strumpf entwickelte sich der Stiefel, der in der Folge mit steifem Schaft versehen, zur Reitertracht wurde und erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts aufhörte, es ausschliesslich zu sein; er fand nun auch bei den Fussgängern Aufnahme und kam so wieder zu den Bauern, die ihn heute noch tragen. Sie steigen entweder bis zu den Kniehosen hinauf oder lassen zwischen sich und den Hosen einen Teil des Strumpfes blicken, über den herauf sie häufig mit gekreuzten Lederriemen an den Hosen festgebunden werden.

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Fig 5. 1 Holzschuhe (Schleswig); 2. 3 Knöchelschuhe mit Schnalle, Spann- und Seitenlaschen (Hessen); 4. 5 Gamasche und niedriger Schuh mit Spann- und Seitenlaschen (Braunschweig).

Fig 5. 1 Holzschuhe (Schleswig); 2. 3 Knöchelschuhe mit Schnalle, Spann- und Seitenlaschen (Hessen); 4. 5 Gamasche und niedriger Schuh mit Spann- und Seitenlaschen (Braunschweig).

Der Schuh

Der Schuh ist die eigentliche Fussbekleidung des Bauern von alters her. Der älteste Schuh war ein „Bundschuh“; dieser bestand anfangs nur aus einer Sohle mit Schlitzen am Rande und hindurchgezogenen Binderiemen, dann aus einem wirklichen Schuh mit langen Riemen, die um die Unterschenkel gewickelt wurden. Der Bundschuh verblieb in der Bauerngarderobe bis in das 16. Jahrhundert hinein; während des Bauernkrieges führte ein Teil des aufständischen Landvolkes den Bundschuh in der Fahne und benannte sich nach ihm. Später liess man die langen Riemen hinweg und schloss den Schuh über dem Rist mit Schnallen und Riemen oder mit schmalen Lederschnüren, wie es heute noch mit den bäuerlichen Werktagsschuhen geschieht. Für die Festtage jedoch liess man die Schuhe nach der Mode niemals unbeachtet.

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Schnabelschuh 15. Jahrhundert

Beschreibung: Schnabelschuhe des 15. Jahrhunderts

Im 15. Jahrhundert trug der Bauer seine „Schnabelschuhe“ so gut, wie der vornehme Mann, und zu Beginn des 16. Jahrhunderts seine „Kuhmäuler“, die vor den Zehen breit abgeschnitten waren. Den Kuhmäulern folgte der spanische Schuh, ein einfacher Schuh mit Spitze und niederem Absatz.

Um 1600 erhielt der Schuh die Form, die teilweise noch heute in der Volkstracht gültig ist; man setzte den Schuh aus einer Vorder- und einer Fersenplatte zusammen, die man unter den Knöcheln mit einander vernähte. Das Fersenblatt liess man rechts und links in eine Lasche übergehen und fasste beide Laschen über dem Spannblatt mittels einer Schnur die am Ende als Schleife geknotet wurde, zusammen; auch fügte man einen größeren Absatz hinzu, der bisher gefehlt hatte. Das Spannstück liess man allmählich über die Fussbeuge hinaufwachsen und behandelte den überschüssigen Teil als Zierstück, fütterte ihn mit rotem Leder und klappte ihn auf den Spann herunter; die Bindebänder ersetzte man durch eine Schnalle von Weiss- oder Gelbmetall, die in manchen Gegenden zu einem Schmuckstück von ungewöhnlicher Grösse auftrat. Auch färbte man, als die Mode es verlangte, die Sohlenränder rot. Und als die Mode das Spannstück wieder niedrig schnitt, die Seitenlaschen verkleinerte oder ganz weg liess und die Schnalle mit federnden Häkchen auf der Unterseite in das Oberleder eindrückte, machten die Bauern in manchen Gegenden diese Mode mit.

Neben Schuhen dieser Art behauptete sich unentwegt der alte plumpe Holzschuh, ein hohler Knöchelschuh ohne irgend welches Bindemittel, doch häufig mit eisernen Bändern beschlagen. Man kennt den Holzschuh noch heute im Süden wie im Norden; seine Langlebigkeit verdankt er zumeist dem Umstande, dass das Wasser, zumal das Seewasser, welches das Leder verdirbt, ihm nichts anhaben kann.

Das Hemd

Den Oberkörper bedeckte der Bauer seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bis zum Anfang des 18. mit einem Hemd aus Wolle. Es war dies kein Hemd im heutigen Sinne, sondern ein völliger Rock, der im Zuschnitt dem alten „Waffenrock“ ähnlich sah, denn er griff wie dieser mit seinen Brustblättern übereinander und wurde seitwärts geschlossen. Beide Brustblätter waren gleich gestaltet, entweder viereckig oder dreieckig mit einer schrägen Vorderkante, die vom Hals ab bis zur Hüfte hinablief; hier endeten die Blätter mit einer Spitze, die weit über den angesetzten Schoss hinausragte, denn dieser stiess mit seinen Vorderkanten von der Mitte des Leibes nur gerade zusammen; an diesen Spitzen wurden sie festgehakt oder an genestelt. Im Rücken waren sie mit einer Naht verbunden, so dass also jedes Blatt aus einem halben Vorder- und Hinterstücke bestand. Durch Einnähte auf jeder Seite sowie durch Achselnähte erhielten sie einen passenden Sitz auf den Körper. Der Schoss, auch hinten geteilt, wurde gewöhnlich in die Hosen untergesteckt; die Ärmel, ziemlich eng, konnten unten zurückgeschlagen werden, weshalb die äussere Naht hier ungeschlossen blieb. Man trug das Hemd stets in lichten Farben, vorwiegend in Rot; der rote „Brustfleck“, der noch heute in der Bauerntracht üblich ist, entwickelte sich aus diesem Hemd, das man ohne Schoss beliess.

Indes war auch das eigentliche Hemd von Leinwand in der Bauerngarderobe nicht unbekannt; man nestelte schon im Mittelalter die engen Hosenstrümpfe daran fest. Doch war das Leinenhemd vorn nicht übereinander schlagbar, sondern mitten vor der Brust mit einem langen Schlitz geteilt und am Halse mit einer schmalen Leiste gefasst, an der es zusammengebunden wurde, oder mit einem heruntergeklappten Kragen versehen. Von der Leiste und dem Kragen gingen die Eigenheiten aus, welche die künftige Mode brachte. Einmal setzte sich auf der Leiste eine schmale Krause fest, die mit der Zeit in die Höhe und Breite wuchs, derart, dass man sie schliesslich vom Hemd lostrennte und als eigenes Kostümstück behandelte; so entstand die Radkrause oder Kröse, die einem kleinen Mühlsteine an Grösse gleichkam und wie ein Teller den Kopf auf sich ruhen liess, zuerst waagrecht über die Schultern starrend, dann wie unfähig, ihr eigenes Gewicht zu tragen, sich ringsum auf den Oberkörper niedersenkend. Doch legte der Bauer diese Mühlsteinkrause nur an Festtagen an und dann nur von minder unförmiger Gestalt.

Eine lockere unregelmässige Fältelung wurde während des dreissigjährigen Krieges vielfach beliebt. Auch der heruntergeklappte Hemdkragen machte seinen Weg und wurde sogar von den Bauern mehr bevorzugt, wie die Kröse; man hörte auf, ihn völlig herunter zu schlagen, sondern richtete ihn schräg in die Höhe, so dass er wie eine auf der Vorderseite halbierte Tüte aussah, in deren Spalt der Kopf sass. Der Spalt wurde an keiner Stelle zusammengebunden und der Kragen niemals vom Hemd getrennt, anfangs glatt belassen oder mit einem schmalen gefältelten Streifen gerändert, zuletzt aber von unten nach obenhin durchaus gefältelt. Namentlich an Feiertagen war es Brauch, das Linnens zugleich mit dem wollenen Hemd, und zwar unter dasselbe, anzulegen. Da nun auch das Wollhemd mit solchem tütenförmigen Kragen ausgestattet war und nicht selten auch noch der Rock, so kam es vor, dass der Kragen zwei und dreifach ineinander gesteckt den Kopf starr umfasste; doch waren die äusseren Kragen durchaus glatt und niemals gefältelt, dabei immer farbig.

Der Tütenkragen wich jedoch während des dreissigjährigen Krieges vor einem Kragen zurück, der mit den Schweden in das Land kam. Der Schwedenkragen war gross, im Zuschnitt ein mehr oder weniger breites Rechteck, und legte sich ringsum schräg auf den Oberkörper nieder, anfangs locker und faltig, später mit glatter gesteifter Fläche. Vorn wurde er mit Schnüren zusammengebunden, deren Enden mit Quasten geschmückt waren. Der Kragen wechselte mannigfach im Schnitt allein der obere Rand, der an den Hals zu liegen kam, bildete stets eine gerade Linie. Die Halsrundung wurde dadurch erzeugt, dass man den Kragen nach dem Hals hin in Falten legte, diese festnähte und dann zusammenklebte. Aber der Kragen war bald hinten und vorn breiter, als auf den Schultern, bald vorn Dach der Brust hinab etwas schmäler, hinten im Rücken aber etwas breiter oder umgekehrt nicht selten auch an den Ecken abgerundet oder durchwegs gerundet und dabei nur halb so breit, wie gewöhnlich.

In solchen Formen sah er noch lange Jahre die Kröse neben sich; er erhielt sich in der Bauerntracht bis tief in das 18. Jahrhundert hinein, während er in der Modetracht einesteils zu schmalen Beffchen zusammengeschnitten wurde, wie sie heute noch unsere Geistlichen vor dem Hals tragen, andernteils durch die Halsbinde gänzlich verdrängt wurde; letzteres geschah bald nach der Mitte des 17. Jahrhunderts; doch erst um 1700 erschien die Halsbinde in der Bauerntracht; bis dahin hatte der Bauer, wenn auch nicht durchgängig, den Hals nackt getragen.

Die Halsbinde kam von den Soldaten her, die bei rauer Witterung ein schmales Tuch um den Hals legten, um ihn wärmer zu halten; als sie Modesache geworden, behielt man sie auch im Sommer bei. Um 1660 fing man an, das Halstuch künstlich zu verknoten; man unterschlug zuerst die langen Zipfel, die man nicht abschneiden wollte, und band sie mit eingelegten farbigen Bändern am Knoten fest, dann machte man zwei grosse Schleifen daraus, um sie endlich wieder auf ursprüngliche Weise anzulegen und mit den Enden frei herabhängen zu lassen. Erst, als dies geschah, nahm auch der Bauer die Halsbinde allgemein an; doch verzichtete er auf jede künstliche Verschlingung, welche die grosse Mode nicht müde wurde zu erfinden; ausserdem verschmähte er das weisse Halstuch das bis dahin fast ausschliesslich gebräuchlich war; sein Halstuch war schwarz oder rot, doch auch bunt farbig oder wenigstens an den Zipfeln bunt bestickt; er verknotete es vor dem Halse und liess die Zipfel frei herabfallen oder seitlich hinaus starren; an einigen Orten befestigte er den Knoten mit einer silbernen Nadel; an andern fasste er das Tuch mit einem Metallring vor der Halsgrube zusammen und steckte die Zipfel seitwärts unter den Brustfleck.

Bauerntrachten, Handwerkertrachten, 15. Jahrhundert, Friedrich Hottenroth

Bauern- und Handwerkertrachten aus dem 15. Jahrhundert

Fig. 6. Bauern- und Handwerkertrachten aus dem 15. Jahrhundert. 1 Lederer und Schuhmacher; 2 Zimmermann und Maurer; 3. 4 Bauern; 5 Handelsmann (1—4 nach kolorierten Federzeichnungen eines sogenannten Schachzabelbuches auf der Universitätsbibliothek zu Würzburg; 5 nach Jakobus de Cessolis).

Um die Wende des 15. zum 16. Jahrhundert legten die Bauern zunächst über das Hemd den Kittel, der rundum geschlossen, oder den Rock an, der vorn durchaus geöffnet war. Der Kittel reichte bis zu den Knien und war mit seinem Schosse im ganzen zugeschnitten; schon von den Schultern an erweiterte er sich mässig und wurde mit einem Gürtel um die Taille zusammengefasst. Brust- und Rückenstück hatten den gleichen Zuschnitt; die Ärmel waren weder eng noch übermässig weit und sassen in den Verbindungsnähten beider Stücke, die zu ihrer Aufnahme nur flach, aber ziemlich lang ausgeschnitten waren. Der Kittel hatte einen Brustschlitz oder ein grosses, besonders nach vorne stark erweitertes Halsloch. Der Brustschlitz stieg gewöhnlich bis zum Gürtel hinab und konnte zugehakt oder zugeknöpft werden; nicht selten legte er sich mit schmalen Brustklappen auseinander, die nach dem Gürtel hinab spitz zuliefen. Den engen Halsausschnitt umsäumte ein niedriger, stehender Kragen, der mit Nestelschnüren vor dem Halse zusammengebunden werden konnte.

Die Schaube

Um die nämliche Zeit befanden sich in der Bauerngarderobe noch mehrere rock- oder jackenförmige Gewandstücke. Eines davon war aus der alten Schecke hervorgegangen; es lag locker oder scharf am Oberkörper an, hatte aber durchweg weite Ärmel und einen faltig angesetzten Schoss. Dieser lag entweder rundum in gleichmässigen Falten und war mit umgewendeter Naht angeheftet, oder er wies nur im Kreuz einige Falten auf, die gewöhnlich besonders eingesetzt waren. Man erzielte sie dadurch, dass man ein Stück aus dem Rückenteil des Kleides herausschnitt und ein anderes von gleichem Stoffe dafür einfügte, das breiter war, aber auf die Lücke passend in Längsfalten zusammengeschoben und oben mit umgewendeter, an den Seiten herab mit gewöhnlicher Naht befestigt wurde. Das Halsloch war sehr gross, nach unten gespitzt, und wurde durch ein Unterwams oder durch das Hemd ausgefüllt. Ein anderes Überkleid bestand in einem Rock mit Kapuze; dieser stieg etwas über die Hüften herab, stand an beiden Seiten offen und wurde um die Taille mit einem Gurt zusammengefasst; die Bedeckung der Arme blieb einem Unterwams überlassen.

Mittelalter, Handwerker, Bürger, Kleidung, Trachten, Kostüm, Jude, Friedrich Hottenroth

Trachten aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

 

Fig. 7. Trachten aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. 1 Jude; 2 Mann in Trauer; 3. 4 wandernde Handwerksleute; 5. 6 Bürger (1.2. 5.6 nach Burgkmair; 3.4 nach Dürer).

Beide rockförmigen Gewandstücke verschwanden, als man den Kittel vorn von oben bis unten aufschnitt und so einen richtigen Rock daraus machte, den man nicht mehr über den Kopf herab, sondern vom Rücken her anzog. Er besass keine Taille und glich einem Sack, der im Boden ein Loch für den Kopf hatte, vorne aufgeschnitten und zu beiden Seiten des Halsloches mit Ärmeln besetzt war. Die Ärmel waren weit, wie das ganze Gewand. Der einzige Schmuck bestand, jedoch nicht durchweg, in schmalen Brustklappen, wie sie auch der Kittel mitunter sehen liess.

Unter dem Namen Bauernschaube gewann dieser Rock eine grosse Verbreitung, denn er war ein sehr bequemes, zu jedem Geschäfte taugliches Kleid und wurde deshalb auch von Handwerkern der jeweiligen Mode angepasst, allerorts getragen, entweder durchaus offen und ungegürtet oder nur am Halse zusammengehakt. In anderer Form hatte die Bauernschaube sehr weite Brustblätter, so dass sie vorn übereinander geschlagen werden konnte, wobei sie mit der Schwertkoppel zusammengefasst wurde. Sie legte sich oben meist kragenartig auseinander oder war auch hier übereinander schlagbar, um in der Achselgegend vernestelt zu werden.

Neben den taillenlosen Schauben kamen bald auch solche mit leicht eingezogener Taille auf, die grosse Verbreitung gewannen. Die Taille wurde auf die einfachste Weise dadurch hergestellt, dass man den Rock hinten in einige Längsfalten zusammenfasste und diese im Kreuze festheftete.

Schaube, Bauerntrachten, Renaissance, Friedrich Hottenroth

Fig 8. Bauerntrachten aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Fig. 8. Bauerntrachten aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. (1. 2. 6 nach Burgkmair; 3. 5 nach Hans Seabald Beham; 4 nach Dürer).

Alle diese Röcke waren mit ihrem Schoss, im ganzen zugeschnitten; seit 1530 etwa erschienen aber auch Röcke mit angesetztem Schoss; diese wurden vorzugsweise unter den Fuhrleuten beliebt und blieben bis weit in das 17. Jahrhundert hinein für diese charakteristisch. Der Fuhrmannsrock hatte einen kurzen glatten Leib und einen etwas längeren, ringsum in gleichmässige schmale Längsfalten gelegten Schoss, der mit überschlagener Naht festgeheftet war. Am Hals erhob sich ein stehender Kragen, der an seinen vorderen Kanten senkrecht abgeschnitten war oder auch in Brustklappen überging. Die Armlöcher sassen ziemlich tief auf den Achseln, und die Ärmel, eng oder halbweit, waren immer bequem. Der Schoss liess stets die Knie unbedeckt. Häufig kam an Brustklappen und Kragen der anders gefärbte Futterstoff zum Vorschein und dem unteren Saum faßte eine schmale Borte ein. Auch dieser Rock wurde nur offen getragen, weshalb ihm auch alle Knöpfe oder sonstige Verschlussmittel fehlten; aber er erhielt mit der Zeit zwei Seitentaschen, die in den Faltenschoss eingeschnitten und mit glatten Deckeln versehen wurden.

Die im ganzen geschnittene Bauernschaube blieb von der Mode nicht unberührt; wenigstens für die Festtage erhielt sie ein etwas vornehmeres, aber auch etwas steiferes Aussehen; sie lag an den Schultern fest an und erweiterte sich von elen Armlöchern an nach unten hin; dabei war sie ringsum durchaus in gleiche Längsfalten geriefelt an den Achseln mit geschlitzten „Wülsten, am Halsloch mit einem Stehkragen, der in Brustklappen überging, und vorn an den Ärmeln mit Umschlägen ausgestattet. Ihre fröhliche Farbe war einem absoluten Schwarz gewichen und kam nur noch an Kragen, Aufschlägen und einer Saumborte zum Vorschein.

Indessen war es gerade die schlichtgebliebene Bauernschaube, welcher eine glänzende Zukunft vorbehalten blieb. Von den Bauern ging sie zu den Soldaten über, denen sie bei Wind und Wetter treffliche Dienste leistete; und so gelangte sie auf den Schultern der Offiziere in die höchsten Kreise. Dies geschah zur Zeit des dreissigjährigen Krieges; damals lernten sie auch die französischen Offiziere schätzen, und so wurde sie dem Könige Ludwig XIV. bekannt; dieser, der einen guten Blick für Kleidung hatte, verschmähte es nicht, mit dem deutschen Bauerngewande die luftige Herrlichkeit seines Kostüms zu bedecken, wenn die Unbilden des Wetters sie bedrohten.

So wurde die Bauernschaube hoffähig und fesselte nun die Aufmerksamkeit der Mode im höchsten Grade. Bald nahm sie denn auch ein vornehmes Aussehen an; sie erhielt jetzt eine lange geschmeidige Taille, lange Schösse mit breiten Taschen vorn, an den Ärmeln gewaltige Aufschläge und eine Knopfreihe vorn herab, so dass sie von oben bis unten geschlossen werden konnte. Auch in der Farbe wurde sie vornehm, und so konnte es denn nicht wundernehmen, dass auch ihr Name jetzt vornehmer klang, wie früher. Sie hiess nun „Justaucorps“, und als Justeaucorps kehrte sie wieder nach Deutschland zurück. So war es die Bauernschaube allein die die grossen Veränderungen bewirkte, welche das moderne Kostüm einleiteten.

Der Justaucorps

Der Justaucorps fand unter den Handwerkern und Bauern ebenso willkommene Aufnahme, wie in der vornehmen Welt, und machte hier alle Veränderungen durch, welche die grosse Mode brachte. Das Rückenblatt, sonst im ganzen geschnitten, erhielt einen angesetzten Schoss und wurde aus zwei Stücken zusammengefügt, deren verbindende Naht mitten auf den Rücken fiel.

Schaube, Justaucorps, Wams, Mode, 16. Jahrhundert, Friedrich Hottenroth

Fig. 9 Der Justaucorps der Bauern.

Fig. 9. 1 Fränkischer Bauer: Rock blau mit weissen Knöpfen, rotgefassten Ärmelpatten und rotem Futter, Hut und Stiefel schwarz. 2 Böhmischer Bauer aus Eger: Wams olivenbraun und schwarz gefasst, Weste schwarz mit bronzenen Knöpfen, Hosenträger schwarz mit Bronzeknöpfen, Hosen, Stiefel und Halstuch schwarz, Strümpfe weiss. 3 Schäfer aus dem Braunschweiger Umland: Rock weiss mit rotem Futter und roter Schnurfassung. Weste, Hut und Schuhe schwarz, Hosen weiss, Strümpfe blau. 4 Schlesischer Bauer: Rock schwarz (oder dunkelblau) mit ebensolchen Knöpfen, Hut und Stiefel schwarz. 5 Bauer von der Schwalm in Kurhessen: Rock schwarz mit hellblauem Futter, Gamaschen samt Knöpfen dunkelblau: Schuhe und Hut schwarz. (Nach Albert Kretschmar: Deutsche Volkstrachten. Original-Zeichnungen mit erklärendem Text, Leipzig 1870.)

Die Schösse wurden weiter; sie bildeten an jeder Hüfte einige Falten, die spitz von einem Knopf ausgingen, und standen steif vom Körper ab. Die Schnittränder der Schösse fielen in diese Falten, wurden aber nicht mit einander vernäht, sondern unten mit einigen Stichen oder einem Knopf aneinander geschlossen. Die Taschen, bald senkrecht, bald waagrecht in die Schösse eingeschnitten, erhielten Deckel oder Patten, sowie am Schnittrande einen Besatz von drei oder vier Knöpfen. Um 1730 kam der steife Schoss mehr und mehr ausser Mode; die Seitenfalten verminderten sich und wanderten samt den Knöpfen nach hinten; um 1770 setzten sie sich unten an den Rückennähten des Oberteiles fest. Seitdem wurde der Rock immer schlotteriger, weiter und länger, oft übermässig lang, so dass er häufig im Rücken kaum mehr, als die Füsse sehen liess.

Schnittmuster, Wams, Bauernrock, Friedrich Hottenroth, Mittelalter

Fig 10. Schnittmuster Bauernrock, Wams

Fig. 10. 1-5 Bauernrock (1 Rückenblatt, 2 Brustblatt, 3 Ärmel, 4 ein Sechstel des Schosses, 5 Kragen). 6-9 Bauernwams (1 Brustblätter, 2 Rückenblatt, 3 Ärmel, 4 halber Schoss). 16. Jahrhundert. (Nach Karl Köhler: Trachten der Völker in Bild und Schnitt.)

Um 1790 erhielt er einen kleinen Stehkragen, der in Brustklappen überging; die Armlöcher waren weit, die Ärmel aber eng und machten an den Achseln einen kleinen Vorsprung; der Aufschlag unten umfasste dicht anschliessend den Ärmel. Unsere heutige Volkstracht bietet noch Beispiele für den Wechsel, den die Röcke durchgemacht haben. Es gibt selbst noch Röcke, die der alten Bauernschaube gleichen und weder Taille noch Kragen noch Brustklappen, ja nicht einmal Knöpfe haben und mit Haken und Ösen geschlossen werden.

Das Wams

Neben dem Rocke spielte das Wams keine untergeordnete Rolle. Mit dem Namen „Wams“ bezeichnete man jeden Rock, der den Oberleib knapp umschloss und mit Ärmeln und kurzen Schössen versehen war. Im 16. Jahrhundert erschienen Wämser von zweierlei Form, von deutscher und spanischer Art. Das deutsche Wams war das ältere; es hatte eine kurze Taille, einen weiten Halsausschnitt, übereinander schlagbare Brustblätter mit gerade geschnittenen Vorderkanten, ein im ganzen geschnittenes Rückenblatt und einen mässig langen Schoss.

Wams, Handwerker, Pilger, Zimmermann, Trachten, Friedrich Hottenroth,

Fig. 11. Trachten aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Fig. 11. Trachten aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. 1 Jäger, 2 Bergknappe, 3 Zimmermann 4 Koch 5. 6 Pilger. (1. 5. 6 nach Burgkmair, 2 nach Hefner-Alteneck. 3 nach einem fliegenden Blatte, 4 nach einem Kartenblatte.)

Die Zeit brachte ihm mancherlei Veränderungen: Schlitze, gepuffte Ärmel mit Achselnestern, engen Halsausschnitt mit Kragen und kurzen Schoss, der jedoch niemals geschlitzt wurde. Das spanische Wams hatte eine längere und engere Taille, mitten auf der Brust zusammen stossende Brustblätter mit gewölbten Kanten, die es möglich machten, das Wams hier zu wattieren, ein ans zwei Teilen zusammengesetztes Rückenstück und enge Ärmel, die im Oberarme gepufft und ausgestopft, vielfach auch mit Achselnestern besetzt waren; eine Reihe von eng gesetzten Knöpfen diente zu seinem Verschluss. Die Handwerker verschmähten es nicht, das Wams im unteren Teile der Brust zu einem sogenannten „Gansbauche“ auszupolstern, wenngleich sie die Polsterung nicht übertrieben.

Das Wams, wie wir es heute kennen, hat nichts mit dem alten deutschen oder spanischen Wamse gemeim; es ist nichts weiter als der obere Teil eines Rockes. Anfang des 17. Jahrhunderts kam es als eine taillenlose bis an die Hüften verkürzte Bauernschaube vor und war vorn herab mit Knöpfen und Knopflöchern besetzt. Allen Wandlungen des Rockes folgend trat es mit und ohne Steh- und Klappkragen auf, sowie mit und ohne Brustklappen. So ist es heute noch; im allgemeinen hat es keine Taille und ist gleich weit; selten nur zeigt es einen kurzen Schoss, und dieser ist dann hinten mehrteilig aufgeschnitten oder in Fältchen geschoben, die nach altem Rockmuster unter den beiden Rückenknöpfen spitz zusammenlaufen. Zum Wams zählen dann noch die Lodenjoppen unserer südlichen Gebirgsbewohner; sie sind alle Ableger der alten Bauernschaube, so verschieden sie jetzt auch zugeschnitten und ausgestattet sein mögen.

Die Weste

Die Weste kam erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts in die Garderobe; sie war damals Haus- oder Arbeitskleid und ganz wie der Rock zugeschnitten (12.8.12), nur etwas enger und kürzer, als dieser, weil man sie beim Ausgehen stets unter dem Rocke zu tragen pflegte; demgemäss hatten auch die Ärmel keine Aufschläge oder doch nur sehr bescheidene. Ihr Zweck verlangte einen festen Stoff; Leder war bevorzugt. So blieb die Weste bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts; der Vornehme trug sie auf der Jagd und Reitbahn, der Soldat im Lager, der Handwerker in der Werkstätte, der Bauer auf dem Felde.

Doch schon um 1700 begann die Weste ihre Länge zu vermindern; die Schossfalten an den Hüften, die sie damals mit dem Rocke gemeinsam hatte, kamen ganz hinweg, und die Schösse blieben an dieser Stelle geöffnet; auch erhielten sie Taschen mit Patten. Stoff und Ausstattung wurden reicher; die Stickereien, anfangs bescheiden, entwickelten sich zu einer blendenden Überfülle, und als Stoffe dienten nicht selten Gold und Silberbrokate. Die Kostbarkeit verbot dem Bauer, von der Weste mehr nachzuahmen, als die Form und einige gestickte Blumenmuster.

Bis 1770 war die Weste so kurz geworden, dass sie nur noch den Oberkörper bedeckte und ihr Schoss einen kurzen Vorstoss bildete. Um 1780 wandelte sie sich nach dem aus Frankreich gekommenen „Gilet“ um, das keine Ärmel hatte und im Rücken aus geringerem Futterstoffe bestand. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts waren die Ärmelwesten verschwunden; indessen wurden die Westen in der Volkstracht noch vielfach nach altem Brauche im Rücken vom gleichen Stoff hergestellt, wie auf der Brust, und an manchen Orten auch noch vorn mit gestickten Blumenmustern versehen.

Trachten, Barock, Mode, Handwerker, Friedrich Hottenroth,

Fig. 12. Geschäftliche Trachten vom Anfang des 18. Jahrhunderts.

Fig 12. Geschäftliche Trachten vom Anfänge des 18. Jahrhunderts. 1 Dienstmagd: Kopfputz grün mit gelben Borten und Bändern, Halstuch weiss, Ärmelleibchen braun. Rock grün, Schürze weiss. 2 Dienstmagd: Kopfpuz rot mit schwarzer Borte, Mieder rot, Ärmel weiss, Rock schwarz, Schürze blau, Schuhe lederfarbig. 3 Metzger: Hosen blau, Strümpfe trüb karminrot, Schürze und Hemd weiss, Hosenträger rot, Mütze und Schuhe schwarz. 4 Wagner: Hosen blau, Strümpfe trüb rosenfarbig, Hemd weiss, Mütze rot mit dunkelgrauem Bräme, Schuhe schwarz. 5 Fuhrmann: Kittel und Halsbinde weiss, Wollhemd (nur oben sichtbar) rot, Strümpfe blau, Hut schwarz mit rotem Bande, Schuhe schwarz. 6 Kaufmann im Hausrock: Rock dunkelgrün, Leibbinde rot, Mütze ziegelrot mit rosenfarbigem Bräme, Pantoffeln rosenrot, Strümpfe weiss. 7 Baumeister: Rock dunkelblau, Strümpfe hellblau, Schürze und Beffchen (Halsbinde) weiss, Hut und Schuhe schwarz. 8 Kürschner: Weste braun, Schürze grün, Strümpfe rot, Schuhe und Muffen schwarz, Mütze grün mit schwarzem Bräme, Halsbinde weiss. 9 Marketenderin: Haube gelb, Ärmeljacke Mennigrot (rotes Bleioxid), Schürze grün, Rock rosenfarbig. 10 Kind: Mütze grün, Rock hellrot, Gängelbänder gelb, Schuhe schwarz. 11 Böttcher: Weste rot, Schürze lederbraun, Strümpfe rosa, Pantoffeln schwarz, Mütze grün mit gelber Borte. 12 Schneider: Weste dunkelblau, Halsbinde weiss, Hosen grün, Strümpfe rot, Pantoffeln und in Arbeit befindlicher Rock rosa, Mütze rosa mit blauem Bräme. (Aus dem Bilderbuch: Curiöser Spiegel, worinnen der ganze Lebenslauf des Menschen von der Kindheit bis zum Alter zu sehen. Ohne Jahreszahl; letzte Ausgabe 1824.)

So sind sie noch heute anzutreffen, bald mit einem stehenden oder liegenden Kragen, bald mit Brustklappen, bald ohne solche, die einen mit den Kanten vorn zusammenstossend die andern übereinander schlagbar und mit zwei Knopfreihen ausgestattet. Die Knöpfe sind meist von Metall, namentlich von Silber, platt oder kugelig, und häufig dicht aneinander gereIht. An manchen Orten ist ein besonderer Riemen mit Knöpfen ausgestattet, der nach Belieben in die eine oder andere „Teste eingeknöpft werden kann; an anderen wird der Dienst der Weste von dem „Brusttuche“ oder „Brustflecke“ besorgt, der übereinander geschlagen und seitwärts mit Haken, Knöpfen oder Schnüren geschlossen wird.

Der Kittel lässt seinen Ursprung bis in die Reformationszeit zurück verfolgen. Damals war fast unter allen Ständen ein Hauskleid üblich, das ähnlich zugeschnitten war, wie der kittelförmige Rock, von dem wir eben gesprochen haben; doch bestand er aus leichterem Stoffe. Sein Kopfloch spitzte sich entweder hinten und vorn zu und ging hier in einen Brustschlitz über, oder es passte um den Hals und setzte sich mit einem Schulterschlitze fort, der zugeknöpft wurde. Die Ärmel waren bequem, doch länger als der Arm, über dem man sie zusammenschob, und schlossen am Handgelenke. Im Kreuze zeigte der Kittel einige geheftete Falten oder er wurde mit einem Gürtel um den Körper geschlossen.

Im Zuschnitt näherte sich dieses kragenlose Gewandstück mehr und mehr dem Hemd. Es erwies sich zu allen Geschäften tauglich und ist selbst heute noch, nicht bloss unter Bauern und Fuhrleuten, sondern auch unter wohlhabenden Ständen zu finden, unter Metzgern, Händlern und ähnlichen Geschäftsleuten, welche die Jahrmärkte besuchen. Auf den Achselstücken sowie auch an den Taschen, wenn solche nicht fehlen, ist es mit spiralförmigen Ornamenten in weissen oder rotem Garn benäht. Man trägt es aus dunkelblau gefärbter Leinwand, im Oberhessischen auch aus naturfarbiger.

Der Bauernmantel war im 16. Jahrhundert ein Schutzgewand aus derbem Stoffe, aus Loden oder Fell; er wurde einfach vom Rücken her umgehängt und meist vor dem Halse geschlossen oder auch durch ein Loch in der Mitte über den Kopf herab angelegt; in letzter Weise wird er noch heute von Hirten und Jägern im oberen Lechtal getragen; man bezeichnet ihn hier mit „Koze“.

Trachten, Renaissance, Jost Amman, Pilger, Winzer, Friedrich Hottenroth,

Fig 13. Trachten aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Fig 13. Trachten aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. 1 Bauer; 2 Bergknappe; 3 Weinbauer (Rebmann, Winzer); 4.5 Juden: 6 Jakobsbruder (Pilger, der bettelnd nach Santiago de Compostela, Aachen und Rom wanderte). Nach Jost Amman: Eygentliche Beschreibung Aller Stände auf Erden 1568.

Der Mantel 

Der im Halbkreise zugeschnittene „spanische Mantel“, der um die Mitte des 16. Jahrhunderts ins Land kam, war mehr Mode- als Schutzkleid, denn er ging selten über den Ansatz der Oberschenkel hinab, oder war noch kürzer und fand demgemäss in der bäuerlichen Tracht keine Verwendung; doch hatte er einen Kragen oder eine Kapuze. Um den Anfang des 17. Jahrhunderts wurde der Mantel länger und der Kragen breiter, so dass er als quadratisches Stück in den Rücken fiel. Nun erst hörte der Mantel auf, ausschliesslich ein Kleid der vornehmen Leute zu sein; er wurde wieder das, was er von Haus aus gewesen, ein Schutzkleid, und stieg wieder in die Bauerntracht hinunter.

Der Mantel wuchs an Länge und Weite und der Kragen umfasste nun den ganzen Halsausschnitt. Am Ende des 18. Jahrhunderts nahm er Ärmel an; der Kragen verdoppelte oder vervielfachte sich durch übergelegte Kragen die sich stufenweise verkleinerten; als diese verschwanden, vergrösserte er sich so, dass er fast die Länge der Ärmel erreichte. Indessen blieb der Mantel vorwiegend ein bürgerliches Kleid und wurde niemals zur allgemeinen Bauerntracht; der grosse Rock versah hier die Dienste des Mantels; desto mehr Verwendung fand er im soldatischen Kostüm.

Die Gugel

Im frühen Mittelalter gingen die Bauern gewöhnlich barhäuptig einher; wird doch von den alten Germanen berichtet, dass sie selbst in der Schlacht ihren Kopf unbedeckt liessen. Eine der ältesten Kopfhüllen muss die Kapuze gewesen sein; schon die Römer brachten die Kapuze in das Land und die mönchischen Klosterleute, die ihnen folgten, trugen sie allerwärts an ihrer Kutte. Nach dem römischen Wort „Cuculus“ bezeichnete man die Kapuze mit „Gugel“. Sie war ein viel zu zweckmässiges Gewandstück, als dass ehe Leute, die viel im Freien verkehren mussten, sich solche nicht hätten aneignen sollen; und so war schon im 13. Jahrhundert die Kapuze unter den tag werkenden und reisenden Leuten ein alltäglicher Kopfschutz. Die Kapuze war spitz und umschloss, das Gesicht freilassend, nur Kopf und Hals, oder mit einem Kragen zugleich den nächsten Teil des Oberkörpers. Nicht selten war sie über die Brust herauf und selbst über das Gesicht bis zu den Augen verknöpfbar; nach den kugeligen Knöpfen oder „Knäufen“ nannte man solche Knopfkapuzen „geknäufte Gugeln“. Sie waren geeignet, ihren Träger unkenntlich zu machen, und es ist deshalb anzunehmen, dass unter der „Tarnkappe“, von welcher das Nibelungenlied spricht, eine geknäufte Gugel zu verstehen sei. Von den Bauern ging die Gugel auf die begüterten Stände über; sie war hier im 14. und namentlich im 15. Jahrhundert die am weitesten verbreitete Kopfhülle, im 16. Jahrhundert aber nur noch bei Jägern, Bauern und Reisenden zu finden. Ohne Spitze zugeschnitten passte sie nun rund auf den Kopf und war seitwärts am Halse mit Knöpfen verschliessbar.

Die Kopfbedeckung

Die ältesten Mützen, die wir kennen, haben sich bei Vamdrup auf Jütland in einem aus vorrömischer Zeit datierten Baumsarg gefunden; es waren zwei Mützen, die eine halbkugelig, die andere höher, mehr zylindrisch, oben flach und etwas enger als unten, beide von dickem gewalktem Wollstoff. Die zylindrische Mütze glich so ziemlich den Fes ähnlichen Mützen, die uns die Antoninus-Pius-Säule auf den Köpfen der Donauvölker vorführt. Daneben lässt sie uns noch eine Mütze in phrygischer Form erblicken, die mit Ihrer Kuppe über den Wirbel vorfällt und dem Oberteil einer Kapuze gleicht.

Juden, Kleidung, Kostüm, Mittelalter, Renaissance, Friedrich Hottenroth,

Worms. Juden. Zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Worms. Juden. Zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Diese Zipfelmütze muss sehr verbreitet gewesen sein, denn in den frühesten klösterlichen Buchmalereien bildet sie neben der einfachen Rundkappe die gewöhnlichste Kopfbedeckung. Mützen in den erwähnten Formen, halbrund, zylindrisch oder zipfelförmig, gehörten das ganze Mittelalter hindurch zur Bauerntracht. Das Barett, jene flache Mütze mit breitem Boden, die das 16. Jahrhundert brachte, machte sich wohl unter den Handwerkern heimisch niemals aber unter den Bauern.

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Fig. 14. Kopfbedeckungen

Fig.14. 1. 7 Mützen der Ostgermanen im 2. Jahrhundert (von der Antoninus-Pius-Säule); 2 Mütze im 9. Jahrhundert; 3. Strohhüte im 13. Jahrhundert (nach dem Sachsenspiegel und der Manessischen Liederhandschrift); 4 Schnitt zu einem Kapuzenrock im 13. Jahrhundert; 5 Kapuzenschnitt vom 13.-15. Jahrhundert; 6 Schnitt einer Kapuze im 16. Jahrhundert; 9 Mütze im 14. Jahrhundert (nach einem Kalendarium); 11-13 Bauemmützen und Hüte aus Fell im 16. Jahrhundert; 10 Sackmütze im 16. Jahrhundert.

Die Bauernmütze war damals ein Mittelding zwischen Hut und Barett, entweder im Kopfe ziemlich hoch, stumpfkegelig oder zylindrisch oder auch etwas niedriger, flach im Boden und rundum völlig geschlossen; sie hatte keinen besonders angesetzten Rand, sondern wurde unten in die Höhe geklappt, bald rundum, bald nur hinten oder vorn. Der umgeschlagene Teil wurde im ganzen belassen oder auch an den Schläfenselten aufgeschlitzt, so dass Hinter- wie Vorderteil ein eigenes Stück bildeten. Hinten in die Höhe geschlagen und vorn zum Schutz gegen Sonne und Regen schirmartig über das Gesicht vorgestellt, war die Mütze besonders unter Jägern und Reisenden zu finden, die sie über ihre Kapuze aufsetzten. Und so blieb sie bis tief in das achtzehnte Jahrhundert hinein die bevorzugte Kopfhülle der Bauern in ganz Deutschland; ja selbst die Bäuerinnen bedienten sich ihrer und setzten sie über ihr Kopftuch auf (Taf 1. 2). Die Mütze bestand aus derbem Tuch, Filz oder weichem Leder und selbst aus Pelz; häufig war sie im oberen Teil aus Tuch, im Schirme aber, der in diesem Falle besonders angesetzt wurde, aus Fell oder Leder. Handwerker aber trugen diese Mütze nicht, wenigstens nicht in ihrer Werkstätte; sie behielten hier die alten Mützen bei, das einfache Rundkäppchen oder die höhere Mütze mit ringsum aufgestelltem Rand oder besonders angesetztem Bräme.

Zylinder, Zylinderhut, Mode, Friedrich Hottenroth, Hutmode, Kostümgeschichte

Fig 15. Zylinderhüte.

Fig 15. Zylinderhüte. 1 Anfang des 16. Jahrhunderts; 2 zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts; 3 Anfang des 17. Jahrhunderts; 4 Mitte des 17. Jahrhunderts; 5 um 1820; 6 seit Ausgang der zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts.

Die Mode schien die Mütze überhaupt ganz vergessen zu haben; erst am Anfange des 19. Jahrhunderts erinnerte sie sich ihrer wieder und stellte sie in vielfachen Umwandlungen her; im allgemeinen machte sie den Kopf sehr flach, unten enger als oben, fasste sie nnten mit einem Bunde und besetzte sie vorn mit einem Schirm von Leder. So geformt kam die Mütze auch in die Bauerntracht, wo sie unter dem Namen „Kappe“ sich bis heute behauptet hat.

Von dem Bauernhut werden uns in den Handschriften des 13. Jahrhunderts die ersten Muster überliefert; sie haben einen flachen oder rundlichen Kopf und eine schräg nach unten gestellte Krempe; ihre gelbe oder grüne Farbe scheint auf Stroh oder Binsen zu deuten. Die Chronik spricht von dem spitzen Bauernhut, den Rudolf von Habsburg getragen hat. Der Hut scheint seitdem ein stehender Teil der Bauerntracht geblieben zu sein. In den Handschriften des ausgehenden Mittelalters sind vielfach zylindrische Hüte vermerkt, die dem Anschein nach aus Filz, zottigem Fries oder Pelz hergestellt wurden.

Zu Augsburg waren im 16. Jahrhundert unter den Handwerkern Zylinderhüte üblich, die sich von unseren heutigen nicht viel in der Form unterschieden. Während nun in der modischen Garderobe der spanische Hut mit seinem hohen etwas gespitzten Kopfe und seiner schmalen Krempe sich verbreitete, beharrte der eigentliche Zylinderhut unentwegt auf den Köpfen der Bauern, nahm aber seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts die Formen an, welche die Mode für den neu aufkommenden bürgerlichen Zylinderhut vorschrieb.

Schlapphüte, Spitzhut, Mode, Kostümgeschichte, Schlapphut, Friedrich Hottenroth

Fig. 16. Spitz- und Schlapphüte von 1600 an bis zum 19. Jahrhundert.

Fig. 16. Spitz- und Schlapphüte von 1600 an bis zur Gegenwart. 1. 6 um 1600; 2. 7 Mitte des 17. Jahrhunderts; 3. 4. 8 um 1700; 5 noch jetzt üblich; 9 um 1800.

Die heutigen Bauernzylinder sind nur verspätete Modeformen. Neben dem Zylinderhut behauptete sich ein Hut mit mehr oder minder gespitzten hohem Kopf und breiter Krempe. Im allgemeinen kann man sagen, je niedriger der Kopf war, desto breiter war die Krempe. Hüte in dieser Form, aus weichem, aber dickem Filze hergestellt, wuchsen sich nach und nach zu eigentlichen Bauernhüten aus.

Während des dreissigjährigen Krieges wurde der Hut von den Soldaten übernommen und nahm immer verwegenere Formen an; man kennt die damaligen Soldatenhüte unter dem Namen, ’Vallensteiner“. Es wurde Brauch, den breiten Rand durch Schnüre, die um den Hutkopf liefen, in der Schwebe zu halten; einmal so weit, zog man die Schnüre immer fester an, erst auf einer Seite dann auf zwei und schliesslich auf drei Seiten. So entstand der dreieckige Hut oder „Dreimaster“, der um 1740 allgemein war. Obgleich längst aus der modischen Tracht verschwunden, ist er beute noch in der ländlichen nicht selten und ebenso ist der zweikrempige Hut noch unter dem Scherznamen „Nebelspalter“ anzutreffen. Was nun Haar und Bart anbelangt, so richtete sich der Bauer im allgemeinen nach der Mode.

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Fig. 17. Hüte von 1600 an bis zur Gegenwart.

Fig.17. Hüte von 1600 an bis zur Gegenwart (19. Jh). 1. 2 um 1600; 3. G. 9 noch jetzt üblich; 4 um 1750; 5 um 1830.

Der Bart. Die Frisur. Die Kolbe.

In der letzten Hälfte des Mittelalters, da man fast nur glatte Gesichter sah, gehörte auch unter den Bauern der Bart zu den Seltenheiten. Je mehr man den Bart verschwinden liess, desto länger liess man das Haar wachsen; die Handwerker und Bauern des 15. Jahrhunderts hielten wenigstens den Nacken damit bedeckt.

Im 16. Jahrhundert wurde gleichmässig unter allen Ständen eine Frisur üblich, die man „Kolbe“ nannte; das Haar wurde rings um den Kopf gerade und schlicht herab gekämmt und mit einem waagrechten Schnitt verkürzt, vorn in der halben Stirnhöhe von einem Ohr zum andern, hinten etwa zwei Finger breit tiefer. Zu dieser Frisur gehörte ein voller Bart, der gleichfalls ziemlich kurz und gerade verschnitten war. In der letzten Hälfte des 16. Jahrhunderts erschien die spanische Mode, welche die Frisur gleichmässig um den ganzen Kopf herum kurz, ja ganz kurz, und ebenso den Bart zu einem Knebel- oder Kinnbart verschnitt. Indes waren es weniger die Bauern, als die Handwerker, die mit den vornehmen Ständen verkehren mussten, wie Schneider und Friseure, welche dieser Mode folgten.

Während des dreissigjährigen Krieges kam das lange Haar wieder auf, das ungekämmt und verwildert auf die Schultern fiel. Je länger das Haar wurde, desto mehr verschwand der Knebelbart; und als das natürliche Haar durch die wallende Perücke ersetzt wurde, gab es noch Bauern genug, die es in urväterlicher Weise als Kolbe trugen. Der Bart aber war fast nur noch bei den Juden zu finden, denn auch die Bauern beliebten ihn nicht mehr; doch bedienten sich diese niemals der Perücke, die ihnen schon durch ihren hohen Preis verwehrt blieb. Und so gingen sie noch mit langem Haar und gänzlich rasiertem Gesichte einher, als die Perücke sich verkleinerte und als Stutzperücke mit Zopf oder Haarbeutel auch unter den Handwerkern Eingang fand.

Als die französische Nation den Zopf abschaffte und das natürliche Haar wieder zu Ehren brachte, was in Deutschland erst im folgenden Jahrhunderte wirksam wurde, blieb der Schnitt des Haares immer mehr dem persönlichen Geschmack überlassen, der es meist in soldatischer Kürze beliebte. Aber erst das bewegte Jahr 1848 führte den Bart wieder in die bürgerlichen und bäuerlichen Kreise zurück.

Quelle: Friedrich Hottenroth, 1898. Deutsche Volkstrachten, städtische und ländliche: vom XVI. Jahrhundert an bis zum Anfange des XIX. Jahrhunderts. Volkstrachten aus Süd- und Südwest-Deutschland. Frankfurt am Main: H. Keller, 1898-1902. Farblithographie und Druck von August Osterrieth, Frankfurt A.M.