Herzogtum Burgund. Kostümgeschichte des 15. Jahrhunderts.

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Burgunder Mode des Mittelalters.

BURGUND XV. JAHRHUNDERT

Das Herzogtum Burgund, dessen Dynastie eine Abzweigung aus dem französischen Königshause war und von 1363-1477 regiert hat, hat in dieser Zeit eine außerordentliche Rolle in Europa gespielt. Es stellt sich damit den großen Monarchien an die Seite, obwohl das Herzogtum der staatsrechtlichen Lage nach nicht einmal souverän, sondern eine bloße Ansammlung von teils zu Frankreich, teils zu Deutschland gehörigen Lehnsherrschaften war.

Was das Herzogshaus so sehr in den Vordergrund gerückt hat, ist der einträgliche, Besitz der gewerbs- und handelsreichen, künstlerisch hochentwickelten, blühenden und geldmächtigen flandrisch-brabantischen Niederlande, im Verein mit einem bewußten, rücksichtslosen und stolzen Machtwillen der Dynastie. In beidem wurzelt die selbst von Italien zu jener Zeit an Pracht und Aufwand nicht erreichte, dabei in der Hauptsache doch immer geschmackvolle äußere Kultur dieses Landes, des Hofes und der adligen Stände, wie des reichen Bürgertums. Burgund, das in seinen belgisch-niederländischen Städten die feinsten Tuche und Stoffe der Welt erzeugte und in Stickereien, Spitzen, Teppichwebereien, Goldschmiedearbeiten usw. immer mehr die älteren Stätten dieser Kunstgewerbe am Mittelmeer überflügelte, war auch in der Entfaltung dieser Erzeugnisse zu kostbarster Tracht das führende Land und steigerte nun wiederum, als maßgeblich in der Mode, seine Ausfuhr und den dadurch von außen herein flutenden Gewinn.

So haben wir zu verstehen, daß auch Herzöge, wie der persönlich keineswegs geckenhafte Karl der Kühne, gest. 1477, einen Luxus getrieben haben, bei dem nur das Wort „unglaublich“ zutrifft. Diese Fürsten zogen sogar ins Feld mit Schätzen und mit einem Komfort, die aller Beschreibung spotten; Gold und Edelsteine waren nicht nur über die Kleider, sondern über Waffen und persönliche Geräte verstreut, die vornehmen Lagerzelte waren aus Seide und Samt; 400 Kisten des Herzogs persönlich mit Kleidern und Stoffen haben die Schweizer am Schlachttage von Granson erbeutet. Mit welchem Aufwand Hof und Bürger sich kleideten, zeigen uns nicht nur die von Brokat, feinem Pelz und Seiden, Gold und Gestein strotzenden Gestalten auf den Gemälden der altniederländischen Schulen, sondern auch die unmittelbar zum Zweck der Modedarstellung gemachten, daher aus Sachlichkeit sogar einfacheren Zeitblätter und die entsprechenden Beschreibungen.

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Burgunder Mode 1460 – 1500

Dieser Luxus und Aufwand war durchaus bewußt und er machte sich innerhalb einer naiven, vom Äußerlichen abhängigen Zeit wirtschaftlich wie politisch bezahlt. Man muß in letzterer Beziehung die Berichte der fremden Gesandten lesen, die am Hof von Brügge und mit Karl im Feldlager waren, mit welcher andächtigen Wichtigkeit sie von Kleidern und Kostümen oder z. B. aus der Schlacht von Murten, wo Karl ebenfalls von den Schweizern geschlagen wurde, sofort über das Schicksal seines mit den kostbarsten Edelsteinen besetzten Hutes nach Hause an ihre fürstlichen Herren berichten. Die Pracht- und Modeführung Burgunds wie die Blüte der Städte haben sich auch nach dem Erlöschen des Herzogtums mit Karl dem Kühnen unter der wenig durchgreifenden habsburgischen Dynastie noch erhalten. Wiederaufnahme und fortsetzende Verwendung alter herzoglich- burgundischer Künste sind es, wenn nachmals der zu Gent geborene Karl V., der Erbe Burgunds und Spaniens, und endlich, wieder von Frankreich aus, Ludwig XIV. es so vortrefflich verstanden haben, das monarchische, aber auch das politisch-europäische Ansehen durch augenfällige höfische Äußerlichkeiten, Zeremoniell, Etikette und gebietenden Modeeinfluß noch weit über die unmittelbare staatliche Kraftaufwendung hinaus zu steigern.

Das verhältnismäßig älteste Trachtenbeispiel unserer Tafel ist Figur 6, die auf ein buntes Kartenspiel-Blatt aus der ersten Hälfte des I5. Jahrhunderts zurückgeht. Der junge Herr trägt eine in Falten gesteppte, vom Gürtel an in vier Schichten „gezaddelte“ mit Gold benähte grüne Schäcke, aus deren Ärmeln vor der Hand lange weiße Leinenzaddeln hervorkommen. Über die Schultern ist ein rotsamtener Überwurf mit weißen Falten geschlungen. Der große Stoffhut ist der Schäcke entsprechend grün gefüttert und trägt zwei Federn. Die engen, genähten roten Beinlinge umschließen, wie immer, den Fuß mit und werden durch Trippen geschützt. Das Haar trägt der Dargestellte so, wie wir es auch auf den Bildnissen Herzog Philipps des Guten (1419-1467) erblicken: rund um den Kopf herum gleichmäßig abgeschnitten, also gewissermaßen wie zu einer Kappe geschoren.

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Burgundische Frau. Um 1450.

Figur 8 ist einem Gemälde Rogers van der Weyden (1399-1464) im Berliner Museum entnommen. Das dunkelblaue Kleid sieht am Hals und an den Ärmeln hervor, darunter befindet sich ein pelzbesetztes oberes, mehr oliv- als resedagrünes Oberkleid, an das bei den Schultern mit prächtigen roten Edelstein-Schmuckstücken noch ein gleichfarbiger Umhang mit gestickter Goldborte befestigt ist. Die untere, enge Haube wird nur ganz winzig an der Stirn sichtbar; über ihr ist kunstvoll das weiße Kopftuch mit Nackentuch und Riese befestigt. Die Figur stellt eine Sibylle und damit ein absichtlich einfacheres, wenn schon vornehmes Kostüm dar.

Die Figuren 3-5 sind einem gemalten burgundischen Pergamentblatt im Pariser Louvre entnommen, das zeitlich wohl etwas nach der Mitte des 15. Jahrhunderts anzusetzen ist und beim bibliothekarischen Aufbewahren die (jüngere) lateinische Bezeichnung empfangen hat: „Aufzug und Tracht der alten Herzöge von Burgund, ihrer Gemahlinnen, Söhne und Töchter.“ Also ein zeitgeschichtliches Kostümbild. Bei dem großen und beträchtlichen nutzbaren Wert, den man auf den Modeeindruck der Erscheinung und der auf sie verwendeten Summen legte ist es nur natürlich daß man diese Moden und Kostüme auch für die Erinnerung festzulegen bedacht war. So haben ferner die Augsburger Patrizier und andere in großen Wandbildern ihrer Gesellschaftshäuser ihre Trachten in bestimmten Jahren oder auch systematisch von Jahrzehnt zu Jahrzehnt von Malern verewigen lassen. Auch die Bücher mit Turnierdarstellungen um und nach 1500 haben ja den Zweck, vor allem den Aufzug der einzelnen zur Erinnerung festzulegen.

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Burgundischer Fürst. Um 1450.

Der Mann von Figur 3 trägt dunkles, nur am Halse sichtbares Wams mit angesetzten, weiten Seidenärmeln in kräftigem, gewässertem Rot. Darüber eine seitlich bis zur Schulter offene und ringsum gezaddelte schwere Hoike aus violett-rotem Samt mit heller Pelzfütterung. Auf der Hand, die zum Schutz den hirschledernen Handschuh hat, trägt er den Jagdfalken, da der Künstler des Kostümblattes als, beliebtes Motiv für die Anordnung den Aufbruch des Hofes zur Jagd gewählt hat. Um den Hals trägt er eine Goldkette mit Kreuz. Die Trippen hat der Maler weggelassen, dagegen sind die aus starkem Stoff hergestellten, gamaschenartigen Überzüge über die roten Beinlinge nicht vergessen, die bei der Jagd als Schutz sehr angenehm gewesen sein werden, abgesehen davon, daß sie künstlerisch, malerisch dem unteren Teil der Figur zu einem gewissen Gleichgewicht mit dem schweren Hauptteil der Figur verhelfen. Sie werden im übrigen äußerst selten bei solchen Bildern wiedergegeben wie unsere Galoschen ja auch. Was die weiche Mütze anlangt, so bleibt ja seit deren Uranfängen her, bei den ursprünglichsten aller Mützen, denen, die man phrygische Mütze, neapolitanische Fischermütze usw. nennt, und die im Grunde von Ägypten her immer dieselben sind, wenn man sie auf den Kopf zieht, als Überschuss ein leerer Beutel übrig. Dieser Beutel wird nun hier im späteren 15. Jahrhundert zu einem Motiv der modischen Mütze (auch der Frauen), indem er sich mit einem festeren, steiferen Bestandteil verbindet und dann an sich noch die ausschweifendsten Weitergestaltungen erlebt.

Bei der Figur 3 ist er reich gezaddelt, auf den Kopf gelegt und mit Goldbesatz sowie mit goldenen Knöpfen benäht. Ferner fällt von der Mütze eine lange „Sendelbinde“ aus leichterem, hellerem Stoff, vielfach eingeknotet wie ein rundgeschlossener Schal, über die rechte Schulter und die Hoike herab.

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Burgundischer Fürst. Anfang des XV. Jahrhunderts.

Figur 5 trägt eine purpurfarbige mit weißem Pelz gefütterte Hoike aus Samt mit weiten Ärmeln; auf der linken Schulter sieht man, mit Knöpfen und Nesteln verschlossen, den Schlitz, der das hindurchstecken des Kopfes erleichtert. Über den roten, wahrscheinlich seidenen Beinlingen werden dieselben Überzüge getragen, wie bei Figur 3, aber in einer bezeichnend kapriziösen Weise, falls diese nicht etwa auf das Konto des auf Variation bedachten Malers entfallen sollte. Die Befestigung der linken Gamasche unter dem Knie mit einem Band läßt nicht gut an ihre Herstellung aus Leder denken. Die grüne, mit Pelz verbrämte Mütze ist in der Form sehr mäßig gehalten. Der vornehme Herr trägt schon die durch Kaiser Maximilian I. am bekanntesten vertretene, eckig geschnittene Haartracht.

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Burgundische Fürstin. Anfang des XV. Jahrhunderts.

Figur 4. Auch die Dame trägt die gezaddelte Hoike aus purpurfarbigen Samt, die hier bis zur Erde reicht. Der linke Ärmel fällt lang, der rechte, kurze läßt ähnliche feine Leinenzaddeln, wie bei Figur 6, sichtbar werden, die unter einem inneren Ärmel hervortreten. Um den Hals liegt eine Kette von großen Goldkugeln; auf dem Kopf trägt die Dame eine Gugel aus schwarzem Samt mit goldumsäumten Zaddeln.

Figur 1, 2, 9 und 10 entstammen einem burgundischen Teppich in Münchener Privatbesitz, der eine vornehme Gesellschaft darstellt und frühestens aus dem dritten Viertel des Jahrhunderts herrührt. Die Zeitbestimmung ergibt sich hauptsächlich daraus, daß die Schnabelform der Fußbekleidung hier für Burgund schon abgetan erscheint. Die Figuren 2 und 9 lassen zusammen deutlich die Art des Oberkleides ersehen. Die Weite und Überlänge ringsum veranlassen, daß der Stoff sich überall in Falten auf den Boden legt, was, nebenbei gesagt, Dürer dem Auge so versöhnend fein darzustellen vermocht hat. Somit werden nicht nur der Stoff, sondern auch die kostbarsten Besätze, hier aus breiter Goldstickerei mit roten und blauen Steinen, mit einer von uns heute nicht mehr anerkannten, gleichgültigen Vornehmheit über den Boden gezerrt. Den Gürtel aus Gold und Steinen zeigt Figur 2, das weiße Pelzfutter Figur 9, beide Figuren tragen schwere Schmuckketten um den Hals. Bei Figur 9 ist der Beutel an der Haube aus schuppenartig angeordneten, roten Läppchen gebildet und über die Haube selbst noch ein weißes, perlenbesetztes Gebinde gelegt. Bei Figur 9 geht die Sendelbinde mit Goldrand zur Schulter herab, und der ausgiebigere Beutel an der Haube ist, fast wie das volkstümliche Kopftuch der Italienerinnen, flach über Haube und Binde aufgesteckt.

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Burgundischer Knappe. XV. Jahrhundert.

Fig. 1 zeigt einen Knappen mit Jagdspieß, in Wams und daran genestelten Beinlingen von gleicher roter Farbe. Darüber trägt er einen weit geschlitzten, fürs Reiten eingerichteten, blauen, mit Golddamast-Streifen besetzten Überwurf, wie ihn die Franzosen blialt, bliaut oder auch blonde benannten. Er wird beim Anlegen an der Schulter geschlossen und auch von dem Gürtel zusammen gehalten. Bei den ledernen Schuhen des Knappen, die bereits die „Kuhmaul“-Form haben, ist vielleicht eine sichernde Befestigung über dem Spann weggelassen. Die blaue Mütze ist zurückgeschlagen, so daß das Futter sichtbar wird, und die Bänder an der Mütze, eigentlich zum befestigenden Zubinden unter dem Kinn bestimmt, sind über dem Kopfe zusammengeknüpft.

Fig. 10. Blaue, ziemlich lange Schaube mit schwarzem Besatz, durch deren entsprechend lange Ärmel die Arme hindurchgesteckt sind (vgl. Tafel 80, Figur 6). Dadurch wird das untere Kleid mit den weiten Ärmeln aus changierender rötlich gelber Seide sichtbar. Um den Hals ein vorn und hinten aufliegender Überwurfkragen aus rotem Seidendamast; darüber eine Goldkette. Hohe gelbe Lederstiefel mit silbernen Sporen, die etwas ungewöhnlich auch über dem Spann einen Metallbügel haben. Die Mütze wie bei Fig. 1.

Die Figur 7, Herzog Philipp der Gute, geht auf eine Erzstatue des 16. Jahrhunderts zurück, die aber kostümgeschichtlich gut orientiert war. Daher das richtig dargestellte Barett mit dem langen Sendelband. Unter den Platten des Harnisch sieht am Halse, sowie am inneren Ellbogen und am Knie der untere Ringelpanzer heraus. Den Koller sowohl, wie den Waffenrock hat der Künstler benutzt, um sie durch Wiederholung der Wappenbilder im Schild des Herzogtums von Burgund ornamental zu beleben.

Bild: 1-6, 8-1O nach A. v. Heyden, Blätter für Kostümkunde, (Lipperheide); 7 nach Kretschmer-Rohrbach.

Quelle: Bild u. Text: Adolf Rosenberg (1850-1906). Geschichte des Kostüms. Text von Prof. Dr. Eduard Heyck (1862-1941). 2. Band. Herausgeber: E. Weye, New York. Ernst Wasmuth LTD., Berlin 1905.

Weiterführend:

Burgunder Mode im Europa des 15. Jahrhunderts.

Flandrische- oder burgundische Haube.

Mode des Mi-Parti oder parti-color im 15. Jahrhundert.

Mittelalter. Großer Saal eines Schlosses.

Die Houppelande. Trachten des französischen Adels 1364-1461.

Der Harnisch und seine Bestandteile.

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