SPANIEN. DIE CUADRILLA DES MODERNEN STIERKAMPFES.

SPANIEN. DIE CUADRILLA DES MODERNEN STIERKAMPFES.

VOLKSTYPEN.

Die Stiergefechte sind seit langer Zeit das zugkräftigste aller spanischen Volksfeste. Schon die Mauren liebten diese blutigen Spiele, und in Granada existiert noch der Platz, auf welchem sie dieselben aufführten. Während des Mittelalters und des 16. und 17. Jahrhunderts gab es keine öffentlichen Feste, wie Einholungen der Könige, fürstliche Hochzeiten u. dergl., die nicht mit Stiergefechten verbunden waren. Aber nur der Adel beteiligte sich aktiv an diesen Festen. Diejenigen, welche den Stier angriffen, wie der Cid Campeador, der Kaiser Karl V. und König Philipp IV., den J. Pellicer de Tovar 1) im 17. Jahrhundert den rey torero nennt, kämpften zu Pferde mit der Lanze bewaffnet.

Erst gegen Ende des vorigen Jahrhunderts traten die Picadores, Banderilleros, Chutos und Espada in regelmässiger Cuadrilla auf. Sie bekämpften den Stier nur mit einem biegsamen Degen und bedienten sich eines kleinen Stücks roten Stoffes, Muteta oder Engano (Täuschung) genannt, um die Kräfte des Stiers zu erschöpfen. Die Muleta, welche an einem armlangen Stock befestigt wird, ist etwas grösser als eine Serviette. Das Spiel mit derselben ist eine Kunst geworden, die sich von Familie zu Familie vererbt. Eine solche ist die des Andalusiers Francisco Romero 2), welcher diese Art zu kämpfen erfunden hat. Nach seinem Sohne Juan, den er selbst unterrichtet hatte, trat sein Enkel Pedro Romero die Erbschaft an, und ihm wurde im vorgerückten Alter die Ehre zu Teil, den Hauptlehrstuhl der Akademie einzunehmen, welcher 1830 in Sevilla von Ferdinand VII. unter dem Namen „Stierfechter – Universität“ gegründet wurde, die aber nur ein ephemeres Dasein fristete.

Die Kampftracht der ersten Stierkämpfer, von welcher wir zum Vergleich mit der Cuadrilla unserer Zeit einige Beispiele geben, zeigt, dass man in Folge der Erfahrung; welche man sich bei ·diesen gefährlichen Spielen aneignete, bei denen die geringste Hemmung zur Todesursache werden konnte, mehr und mehr nach einem möglichst anschliessenden Kostüm strebte, indem man jedes flatternde oder lose Stück abschnitt. Die weit ausgeschnittene Jacke mit Achselstücken hat nichts fliegendes mehr. Das Beinkleid ist so anliegend wie möglich, der Gürtel weniger lose und weniger dick, das lange Haarnetz ist durch einen festen Chignon ersetzt.

Kostüme, Spanien, Stierkampf, Joaquin Rodriguez, Costillares, Pedro Romero, Alguacils, Peones, Espadas, Banderilleros Chulos,

Pedro Romero, Pepe Illo, Joaquin Rodriguez (Costillares), Alguacils

Abbildungen oben:
1 2 3 4

Abbildungen unten:
5 6 7

Die Figuren Nr. 4 und 1 gehören den Jahren 1778 an. Die eine ist der berühmte Joaquin Rodriguez 3), in Spanien unter dem Namen Costillares bekannt, auf welchen die Erfindung der meisten, seitdem gebräuchlichen suertes oder Degenstösse zurückgeht. Der andere, zu dessen Füssen der Stier liegt, hat seinen Degen in die Linke genommen, um das Publikum mit der Rechten nach dem Gebrauch zu grüssen: es ist Pedro Romero. Nr. 2, dessen Kostüm dem Jahre 1804 angehört, zeigt, dass die Vereinfachung der Tracht schnelle Fortschritte gemacht hat. Dieser Torero, der eine Uhr in der Hand hält, vermutlich um die Zeitdauer des Todeskampfes des Stiers zu ermitteln, ist Pepe Illo, dessen schreckliches Ende Goya dargestellt hat. Er starb auf der plaza in Madrid in Folge mehrerer Stösse mit den Hörnern des wütenden Stiers. Er wusste mit der Feder umzugehen und schrieb einmal: „Das Schauspiel der Stiergefechte bildet die Freude der Kinder und den Jubel der Greise“. Nr. 3 ist ein Torero in gewöhnlicher Tracht aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts nach Bayer.

Pepe Illo, Francisco Goya, Stierkampf, Tauromaquia

Der unglückliche Tod von Pepe Illo auf der Plaza de Madrid von Francisco Goya y Lucientes. Aus der Serie „Tauromaquia“ (Stierkampf). Gezeichnet und geätzt um 1815; erschienen 1816. Original: La desgraciada muerte de Pepe Illo en la plaza de Madrid.

Wenn die Cuadrilla der Stierfechter heute in die Arena tritt, reiten ihr ein oder zwei Alguacils auf schwarzen, mit karmesinroten Samtdecken behangenen Pferden voraus. Ihre schwarze Tracht ist seit dem 16. Jahrhundert mit geringen Veränderungen dieselbe geblieben (Nr. 6): ein an der Seite aufgekrempter Hut mit Kokarde und hohem, farbigem Federbusch, ein weisser Halskragen, ein Samtjacke mit Ledergürtel, ein kleiner flatternder Mantel von Tuch, eine kurze Hose von Seidentrikot, seidene Strümpfe und Schnallenschuhe und bisweilen, wie auf unserer Abbildung, lange Gamaschen von schwarzem Leder. Er trägt grosse Sporen von Stahl. Er spielt die Rolle eines Polizeibeamten, der über die Aufrechterhaltung der Ordnung zu wachen hat, und führt deshalb einen Stab, das Symbol der öffentlichen Gewalt. Er reitet an der Spitze aller öffentlichen Aufzüge, unter anderm an der Spitze des Zuges, welcher die zum Tode Verurteilten eskortiert.

In der Arena besteht seine Funktion darin, dass er den Schlüssel zum Stiergewahrsam, welchen ihm der Präsident der Arena übergiebt, dem Muchacho aushändigt. Da er kein Stierkämpfer ist, sucht er das Weite, nachdem jener den Stall geöffnet hat. Seine Flucht wird gewöhnlich vom Pfeifen der Menge begleitet. Auf unserer Abbildung lehnt er an die Mauer der Arena, welche durch vier doppelflüglige Tore geöffnet werden kann. Der Tritt dient dazu, dass sich die gefährdeten Stierkämpfer über die Mauer schwingen können.

Nach dem Alguacil kommen die Peones, die Kämpfer zu Fuss: Espadas, Banderilleros, Chulos, auch Capeadores genannt. Die Trachten dieser verschiedenen Toreros unterscheiden sich von einander nur durch den Reichtum der Stickereien. Der kokette Anzug, die Besätze, die in einem Chignon endende Frisur, das gestickte, mit einem Jabot versehene Hemd und die kleine, zusammengeknotete Krawatte geben den Toreros ein feminines Äusseres.

Die kurze Jacke mit Taschen auf beiden Seiten, aus welchen das feine Batisttaschentuch hervorblickt, und die Weste sind mit dicken Stickereien besetzt. Die kurze, eng anschliessende Hose ist von Atlas, gewöhnlich blau, rosa, grün oder lila. Die Strümpfe sind oft fleischfarben, die Schuhe mit Rosetten dekoriert. Der seidene Gürtel ist immer von lebhafter Farbe ebenso wie der lange Mantel, mit welchem sich die Toreros stolz zu drapieren wissen. Die Capa, ein Stück Stoff, welches dazu dient, die Stösse der Stiere abzulenken, muss immer von schreiender Farbe sein.

Torero, Picadores, Cuadrilla, Picador, Banderilleros, Palillos, Zarcillos, Rehiletes, Chulo, Gitano, Capeador

Picadores, Cuadrilla, Picador, Banderilleros, Torero, Chulo,

Abbildungen oben:
8 9 10 11

Abbildungen unten:
12 13 14 15 16

Die Cuadrilla wird durch die berittenen Picadores (Nr. 13 und 15) vervollständigt. Ihre Tracht besteht aus einem breitrandigen, niedrigen Filzhut mit grosser Bandrosette, aus einer reich gestickten Jacke, Weste und Hemd, deren Schnitt mit den gleichen Kleidungsstücken der Fusskämpfer übereinstimmt, aus einem seidenen Gürtel und einer Hose aus gelbem Leder, unter welcher sich Beinschienen von Eisenblech befinden, um die Hörnerstösse abzuhalten. Der Sattel ist nach arabischer Art vorn und hinten mit einem hohen Steg versehen, und ebenso tragen die Steigbügel und die langen Sporen arabischen Charakter. Die Augen des Pferdes werden beim Angriff mit einem roten Tuch verbunden. Die Lanze des Picadors hat oben einen runden Wulst, so dass sie keine Wunden verursacht.

Die Tracht der Banderilleros (Nr. 14) ist gewöhnlich gelb oder grau und nur mit schwarzem Besatz verziert. Die Banderillas, Palillos, Zarcillos oder Rehiletes, welche er führt, sind Stöcke, die mit ausgezacktem, farbigem Papier umrollt sind und unten in einen Widerhaken endigen, der, einmal in die Haut getrieben, nicht mehr herausgeht. Man stösst die Banderillas zu zweien ein.

Nr. 5 ist ein erster Degenstosser im Augenblick seines Eintritts in die Arena. Sein seidener Mantel ist mit Gold gestickt.

Nr. 7 stellt einen Torero in dem Augenblick dar, wo die Trompete das Zeichen zum Tode des Stiers gibt und er, den Degen und das Tuch in die Linke nehmend, mit dem Hute den Präsidenten grüsst, zum Zeichen, dass er seine Sache gut machen werde.

Nr. 12 ist ein Chulo oder Capeador, Nr. 11 ein Picador wie Nr. 13 und 15.

Nr. 8, 9, 10 und 16 sind Volkstrachten. Nr.8 ein Gitano oder Zigeuner aus der Provinz Granada.
Nr. 9 und 10 Bäuerinnen aus der Provinz Toledo. Ihre Brusttücher sind von Baumwolle; ebenso die gemusterten Röcke.
Nr. 16 trägt das andalusische Kostüm. Auf dem Arm trägt er eine Jacke, die selten angezogen wird.

(Nach Photographien aus der Sammlung von Laurent. Aquarelle von Garcia.)

Quelle: Geschichte des Kostüms in chronologischer Entwicklung von Auguste Racinet. Bearbeitet von Adolf Rosenberg. Berlin 1888.

1) José Pellicer de Ossau y Tovar (1602-1679)

war ein spanischer Publizist für Gaspar de Guzmán, Graf Herzog von Olivares, Dichter, Genealoge und Historiker von Kastilien und Aragonien. José Pellicer wurde in Zaragoza geboren. Er veröffentlichte 1630 einen Kommentar zu Luis de Góngora, seine eigene Poesie wurde von der von Góngora beeinflusst. Er war ein Chronist der Krone von Kastilien und der Krone von Aragon. Er starb in Madrid.

2) Francisco Romero (1700-1763)

ist der erste der berühmten Matadoren. Er soll um 1726 den berühmten roten Umhang (Muleta) in den Stierkampf eingeführt haben. Er war der Gründervater einer Stierkampfdynastie, die für die Geschichte des Stierkampfes von grundlegender Bedeutung war. Er war offenbar der Erfinder mehrerer Eigenschaften, die in einer Schlüsselperiode des Stierkampfes verwendet wurden, als das moderne Fußsystem definiert wurde, als die Verwendung von Muleta (Umhang) und Estoque (Schwert), um den Stier von Angesicht zu Angesicht zu töten. Er war der Vater von Juan Romero, ebenfalls Stierkämpfer, und Großvater von Pedro Romero.

Romero, dessen Karriere in der Stierkampfarena sich über 30 Jahre erstreckte, soll soll der erste Torero sein, der einen Stier von Angesicht zu Angesicht tötet. Er gründete eine Familie von berühmten Matadoren; sein Enkel Pedro (1754-1839), der in seiner 28-jährigen Karriere rund 5.600 Stiere tötete, gründete 1830 eine Stierkampfschule in Sevilla (Sevilla).

In den ersten Jahren des 18. Jahrhunderts bat Francisco Romero in Ronda am Ende eines Stierkampfes um die Erlaubnis, den Stier selbst zu töten. Bis zu diesem Zeitpunkt kämpften nur Adlige auf Pferden gegen Stiere. An diesem Nachmittag, nachdem er den Stier ein paar Mal mit einem Leinentuch provoziert hatte, tötete Francisco Romero den Stier mit seinem Schwert.

Schon bald wiederholte er diesen Prozess bei anderen Stierkämpfen der den modernen Stil des Stierkampfes zu Fuß hervorbrachte. Die Verwendung von Tüchern (weiße und an einem Stock hängende) war schon vor Romeros Meisterleistung erfolgt, aber es ist sehr plausibel, dass Romero derjenige war, der seine Verwendung als essentieller Stierkampfrequisite popularisierte. Diese Tücher entwickelten sich Schritt für Schritt zum modernen Muleta oder roten Umhang und Capote oder lila und gelbem Umhang.

Es ist anzunehmen, dass der Tod eines Stieres durch das Schwert früher praktiziert wurde, vor allem von den Mitarbeitern der Fleischeren in Sevilla, aber nicht in einer Stierkampfarena. Auf jeden Fall, wenn Francisco Romero nicht der Erfinder des modernen Stierkampfes ist, ist er der erste Matador, der professionell wurde und vom Stierkampf lebt. Sein Erfolg bedeutete eine grundlegende und radikale Veränderung in der Stierkampfkunst; bis zu ihm war der Hauptteil der Korrida (Stierkampf oder Stierlauf) das Piken des Stieres vom Pferd, gefolgt vom Stierkampf auf dem Pferd und dann einigem Gebrauch des Umhangs durch Helfer zu Fuß, aber der Reiter war der Protagonist der Stierkampfpartie.

Der Tod des Stieres war nur das Ende des Stierkampfes und wurde nicht besonders gefeiert. Nach Francisco Romero und nach einigen Jahren, in denen beide Stierkampfstile (zu Fuß und auf dem Pferd) um öffentliche Unterstützung kämpften, verlor der Stierkampf auf dem Pferd seine Protagonistenrolle und der Tod des Stieres durch einen einsamen Mann zu Fuß, der nur mit einem Schwert bewaffnet war, wurde der wichtigste Teil eines Stierkampfes.

3) Joaquín Rodríguez

Joaquín Rodríguez (20. Juli 1743 – 27. Januar 1800), besser bekannt als Costillares, war ein spanischer Stierkämpfer, der als Vater des modernen Stierkampfes gilt. Costillares wurde in Sevilla als Sohn des Matadors Luis Rodríguez geboren, der ebenfalls in einem Schlachthof arbeitete und seinem Vater in beiden Berufen folgte. Er lernte die Anatomie des Stiers im Schlachthof kennen, was ihm als Stierkämpfer zugute kommen würde.

Erst nachdem Costillares in Sevilla die volle Anerkennung als Matador erlangt hatte, wo er als einer der ersten in der kürzlich errichteten Stierkampfarena Real Maestranza auftrat, entschied er sich 1767, sein Debüt in Madrid zu geben. Im Jahre 1775 begann er seine Rivalität mit Pedro Romero, dem beliebtesten Stierkämpfer der Stadt, und Costillares wurde der Liebling der Aristokratie. Zwischen 1780 und 1790 trat er regelmäßig in Madrid auf und überlebte in einem Kampf von 1782 schwere Verletzungen.

Er begann seine Karriere bei Pedro Palomo und erlangte Anerkennung in Sevilla, wo er als einer der ersten in der kürzlich errichteten Stierkampfarena Real Maestranza auftrat. Costillares debütierte 1767 in Madrid und begann eine Rivalität mit dem beliebten Pedro Romero. Zwischen 1780 und 1790 trat er regelmäßig in Madrid auf und überlebte in einem Kampf von 1782 schwere Verletzungen. Er starb im Alter von 56 Jahren in Madrid.

Er organisierte die Stierkämpfergruppen neu, die zuvor von der Gesellschaft des Platzes angeheuert wurden, indem er ihre Leistungen disziplinierte und sie dem Befehl des Matadors unterwarf, der so zum Direktor des Stierkampfes wurde. Er modifizierte das Stierkampf Kostüm, indem er die mit goldenen Streifen bestickte Jacke für die Lehrer und Silber für die Untergebenen und den farbigen Streifen einführte. Seine Bemühungen, den Stierkampf zu regulieren, machen ihn zum Schöpfer des modernen Stierkampfes. Er starb im Alter von 56 Jahren in Madrid.

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