Die religiösen Körperstrafen. Geißelungen der vorchristlichen Zeit.

Die religiösen Körperstrafen.

Die Geißelungen der vorchristlichen Zeit.

Bei den Griechen und Römern, auch bei den Ägyptern und Scythen waren Geißelungen religiöser Art üblich.

Bekannt sind jene jährlichen Geißelungen spartanischer Jünglinge vor dem Altar der Artemis (vermutl. Pubertätsfeier); wenn auch ein erzieherisches Moment hierbei mitgespielt haben mag, so ist die Erscheinung doch wohl mehr auf religiöse Vorstellungen zurückzuführen.
Es waren recht grausame Geißelungen, das Blut floß in Strömen, und so mancher sank unter den Schlägen lautlos tot nieder. Die Eltern waren bei der Zeremonie zugegen und ermutigten ihre Söhne dazu würdige Spartaner zu sein. Der Tod durch die Geißelung galt als ehrenvoll, und feierlich wurde die Leiche bestattet. Ein Priester, der am Altar stand, hielt eine kleine Statue der Gottheit in der Hand, die ein unzufriedenes und trauriges Gesicht gemacht haben soll, wenn die Geißelhiebe zu langsam oder nicht kräftig genug waren. 1)

1) Plutarch in institutis Laconis e. a. I. Lucian, dialogus de gymnasiis Cicero, Tuscul. libr. II. lib. V. Seneca, de providente cap. IV. Tertullianus, observationes ad Martyres. Nicolaus Damascenus. Mosonius apud Stobaeum serm. XIX. u. a. m.

Der Ursprung dieser Geißelungen ist in Dunkel gehüllt; Lykurg *) wird als Urheber angeführt, der mit der Einrichtung einen volkserzieherischen-politischen Zweck verfolgt haben soll; andere nehmen an, daß es eine Milderung eines alten Gebotes, dass an dem Altar der Artemis menschliches Blut fließen solle, sei, und von Orest, nachdem er das Bild der taurischen Artemis nach Griechenland gebracht habe, eingeführt sei; oder sollte die Geißelung ein Gegengewicht gegen die Wirkungen der nackten gemeinsamen Tänze der Jünglinge und Jungfrauen bilden? Auch zum Andenken an die Rettung des Pausanias, der beim Opfern von Lydiern überfallen, nur durch Stockschläge und Steinwürfe sich mit den Seinigen verteidigen konnte und die Feinde in die Flucht schlug, sollen die Geißelungen eingeführt sein.

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Das Lupercalian Festival in Rom: Amor und Persönlichkeiten der Fruchtbarkeit begegnen den Luperci, die als Hunde und Ziegen gekleidet sind von Adam Elsheimer (1578–1610).

In Rom war es hauptsächlich das Lupercalienfest, bei dem religiöse Geißelungen vorkamen. Die Lupercalien wurden dem Pan zu Ehren veranstaltet; es war ein uraltes Fest, schon zu Evanders Zeiten soll es gefeiert worden sein. 1) Nackt, mit einer Geißel in der Hand stürmten die Lupercen durch die Strassen und schlugen die ihnen begegnenden Frauen in die Handfläche oder auf den Bauch; das sollte gegen Unfruchtbarkeit wirken und die Geburt erleichtern.

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Andrea Camassei (1602–1649), Luperkalische Feste. (Fiestas Lupercales circa 1635). Madrid, Museo del Prado

Die Lupercen teilten sich in zwei Gruppen, nach den vornehmsten römischen Familien Quintilianer **) und Fabianer ***) benannt, später kamen nach Julius Caesar benannt noch die Julianer hinzu; sogar Marc Anton beteiligte sich an dem vergnügten Gottesdienste, lief nackt umher und 2) suchte die Unfruchtbarkeit zu beheben.

Die Frauen waren schließlich mit den förmlichen und sanften Schlägen in die Hand nicht mehr zufrieden, sondern zogen gleichfalls nackt umher, um die Schläge direkter geniessen zu können. Dadurch kam natürlich die Sache in Verruf, wenn gleich sie nun erst recht Anklang fand. Bis ins fünfte christliche Jahrhundert standen die Luperkalien in voller Blüte. Papst Gelasius ****) versuchte mit allen Mitteln diese nunmehr rein orgiastischen Zeremonien als einen Überrest heidnischen Aberglaubens auszurotten.*****)

1) Eine andere Erklärung wird aus Ovids Fasten Lib. II. 44I gefolgert; darnach soll ein Orakelspruch Frauen, die gern gebären wollten, kniend zu geißeln befohlen haben.

2) Juvenal Satyr. 142. Aulerius Prudentius in Romano Martyre. Festus Pompeius libro III. Petronius Arbiter. Báyle. Dictionaire historique et critique T. III.

Ich will abschließend nur noch erwähnen, dass der Karneval oder Fasching, auf den später einzugehen ist, jedenfalls die Fortsetzung dieser Lupercalien ist.
Außer anderen schweren Strafen wurden gegen die Vestalinnen Geißelungen angewendet. Jede Nachlässigkeit bei der Wacht über das heilige Feuer wurde mit Rutenstreichen bestraft, und zwar wurden diese von dem Oberpriester selbst an einem dunkeln Orte vorgenommen; die Vestalin durfte dabei ihren Körper nur mit einem dünnen Flor bedecken. 1)

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Nach altägyptischen Skulpturen. (Brit, Museum in London.)

Von den Ägyptern berichtet uns Herodot, dass beim Isisfest die Versammelten, viele Tausend Männer und Frauen, sich gegeißelt hätten. 2)
Bei den Scythen oder Thrakern sollen die Geißelungen zu Ehren der Artemis ausgeübt worden sein; vornehme Jünglinge waren hauptsächlich dabei beteiligt. 3)

Auch beim Kult der syrischen Göttin wurden Geißelungen geübt, zum Schluß der Zeremonie machten sich die Teilnehmer sogar Einschnitte in das eigene Fleisch. 4) .
Überleitend zu den Geißelungen der christlichen Zeit müssen wir die Verhältnisse bei den Juden betrachten.

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Nach altägyptischen Skulpturen. (Brit, Museum in London.)

„Und so der Gottlose Schläge verdienet hat, soll ihn der Richter lassen niederfallen und sollen ihn vor ihm schlagen nach der Maß und Zahl seiner Missetat.
„Und wenn man ihn vierzig Schläge gegeben hat, soll man ihn nicht mehr schlagen, auf daß nicht, so man mehr Schläge gibt, er zu viel geschlagen werde und dein Bruder scheußlich vor deinen Augen sei.“ 5)

Auf diese Stelle zumeist stützt sich die Rechtfertigung der Geißelstrafe; sie ist hier ein Strafmittel der theokratischen Gerichtsbarkeit und religiösen und strafrechtlichen Charakters zugleich. Es muß auch zugegeben werden, dass hier mit klaren und deutlichen Worten von einer körperlichen Strafe die Rede ist. An anderen Stellen, wo es heisst: „Wen der Herr lieb hat, züchtiget er“ 6) oder: „Ruthe und Strafe giebt Weisheit“ 7) oder „Züchtige deinen Sohn, so wird er dich ergötzen und deiner Seele sanft thun“ 8) ferner: „Und bin geplagt täglich und meine Strafe ist alle Morgen da“ 9) kann man sehr wohl die Züchtigung im übertragenen Sinne auffassen, aber die Verteidiger der Selbstgeisselung haben natürlich auch diese Stellen mit einbezogen: und nicht so sehr im Widerspruch zum Geist des Judentums: Gott Adonai ist ein eifriger Gott, der Gott der Strafe und Rache. Diese Züge haften auch dem Gotte des neuen Testaments an, und selbst in den Erklärungen Luthers zu den zehn Geboten treten sie scharf hervor.

1) Vergl. Livius, Dionysius von Halicarnas. Valerius Maximus u. a.
2) Herodot, liber II. cap. 41, 62.
3) Philostratus de vita Appolonii Tyanaei libr. VI, cap. 10.
4) Apuleius, Goldener Esel, VIII. Buch.
5) Buch Mosis Cap. XXV, Vers 2-3.
6) Sprüche Cap. III, Vers 22.
7) Sprüche Cap. XXV, Vers 15.
8) Sprüche Cap. XXIX. Vers 17.
9) Psalm 73, Vers 14.

 

*) Lycurgus (griechisch: Λυκοῦργος, Lykoûrgos, Altgriechisch: [lykôrɡos]; um 820 v. Chr.) war der quasi legendäre Gesetzgeber von Sparta, der die militärisch orientierte Reformierung der spartanischen Gesellschaft gemäß dem Orakel von Apollo in Delphi etablierte. Alle seine Reformen förderten die drei spartanischen Tugenden: Gleichheit (unter den Bürgern), militärische Fitness und Sparsamkeit.

**) Quintus Fabius Maximus Maximus Verrucosus, genannt Cunctator (ca. 280 v. Chr. – 203 v. Chr.), war ein römischer Staatsmann und General des dritten Jahrhunderts v. Chr.. Er war fünfmal Konsul (233, 228, 215, 214 und 209 v. Chr.) und wurde 221 und 217 v. Chr. zum Diktator ernannt. Er war 230 v. Chr. Zensor. Sein Agnomen, Cunctator, meist übersetzt als „der Verzögerer“, bezieht sich auf die Strategie, die er während des Zweiten Punischen Krieges gegen die Streitkräfte Hannibals anwandte. Angesichts eines hervorragenden Feldherren mit überragenden Truppen, verfolgte er eine damals neuartige Strategie, die darauf abzielte, die Versorgungslinien des Feindes anzugreifen und nur kleinere Einsätze auf günstigem Boden zu akzeptieren, anstatt seine gesamte Armee in direkter Konfrontation mit Hannibal selbst zu riskieren. Infolgedessen gilt er als Begründer vieler Taktiken, die in der Guerillakriegsführung eingesetzt werden.

***) Marcus Fabius Quintilianus (ca. 35 – ca. 100 n. Chr.) war ein römischer Rhetoriker aus Spanien, der in mittelalterlichen Rhetorikschulen und in der Renaissance-Schrift weit verbreitet war. Das einzige erhaltene Werk von Quintilian ist ein zwölfbändiges Lehrbuch über Rhetorik mit dem Titel Institutio Oratoria.

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Quintilian lehrt seinen Schülern die Redekunst. Kupferstich von F. Bleyswyk, 1720.

Es ist ein Lehrbuch über die Theorie und Praxis der Rhetorik. Es wurde um das Jahr 95 n. Chr. veröffentlicht. Die Arbeit beschäftigt sich auch mit der grundlegenden Ausbildung und Entwicklung des Redners selbst. In dieser Arbeit stellt Quintilian fest, dass der perfekte Redner zuerst ein guter Mensch ist, und danach ist er ein guter Redner.

****) Papst Gelasius I. (gestorben am 19. November 496) war vom 1. März 492 bis zu seinem Tod im Jahr 496 Papst. Er war wahrscheinlich der dritte und letzte Bischof Roms mit berberischer (afrikanischer) Abstammung in der katholischen Kirche.

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Papst Gelasius I.

Gelasius war ein produktiver Schriftsteller, dessen Stil ihn an die Spitze zwischen Spätantike und Frühmittelalter brachte. Er war bei seinem Vorgänger Felix III. beschäftigt, insbesondere bei der Erstellung päpstlicher Dokumente. Sein Dienst war geprägt von einem Ruf nach Strenge. Die Wahl von Gelasius am 1. März 492 war eine Geste der Kontinuität. Gelasius erbte Felix‘ Kämpfe mit dem oströmischen Kaiser Anastasius und dem Patriarchen von Konstantinopel und verschärfte sie, indem er darauf bestand, dass der Name des verstorbenen Akazius, des Patriarchen von Konstantinopel, trotz jeder ökumenischen Geste durch den gegenwärtigen, ansonsten recht orthodoxen Patriarchen Euphemus (akazianisches Schisma) aus den Diptychen entfernt wurde.

Die Spaltung mit dem Kaiser und dem Patriarchen von Konstantinopel war aus westlicher Sicht unvermeidlich, weil sie die Sicht auf eine einzige, göttliche („monophysäre“) Natur Christi, die nach Ansicht der Kirche eine christliche Ketzerei war, angenommen hatten. Gelasius‘ Buch De duabus in Christo naturis („Über die doppelte Natur Christi“) beschrieb die katholische Sichtweise. So stand Gelasius bei aller konservativen Latinität seines Schreibstils an der Schwelle zur Spätantike und zum frühen Mittelalter. Während des akazianischen Schismas setzte sich Gelasius für den Vorrang Roms über die gesamte Kirche, Ost und West ein, und er präsentierte diese Lehre in Begriffen, die das Modell für nachfolgende Päpste bildeten, die die Ansprüche der päpstlichen Vorherrschaft geltend machten, da die römischen Päpste vom Apostel Peter abstammten.

In der unmittelbaren Nachbarschaft unterdrückte Gelasius nach einem langen Konkurrenzkampf schließlich das alte römische Fest der Lupercalia, das seit mehreren Generationen unter einer nominell christlichen Bevölkerung bestand. Gelasius‘ Brief an Andromachus, den Senator, deckt die Hauptlinien der Kontroverse ab und bietet übrigens einige Details dieses Festivals, das Fruchtbarkeit und Reinigung kombiniert, die sonst verloren gegangen wären. Bezeichnenderweise wurde dieses Fest der Läuterung, das seinem Namen – dies februatus – von Februar, „reinigen“ bis Februar – gegeben hatte, durch ein christliches Fest ersetzt, das stattdessen die Läuterung der Jungfrau Maria feierte: Die Lichtmess, die vierzig Tage nach Weihnachten, am 2. Februar, stattfand.

*****) Lupercalia, das antike römische Fest, das jährlich im Februar unter der Leitung einer Priestervereinigung namens Luperci durchgeführt wurde, mit seinem Höhepunkt am 15. Februar. Dieser Monat war der Höhepunkt der Winterperiode, in der sich die hungrigen Wölfe den Schafstallungen näherten, die die Herden bedrohten. Es befand sich daher fast am Ende des Jahres, wenn man bedenkt, dass die Römer das Neujahrsfest am 1. März feierten. Laut Plutarch waren dies Reinigungsrituale.

Nach einer weiteren Hypothese, die von Dionysius von Halikarnassos aufgestellt wurde, erinnern die Lupercalia an das wundersame Stillen der Zwillinge Romulus und Remus durch einen Wolf, der gerade geboren hatte; Plutarch gibt eine detaillierte Beschreibung der Lupercalia.

Die Lupercalia wurden in der Höhle Lupercale auf dem Palatinhügel gefeiert, wo der Legende nach die Gründer von Rom, Romulus und Remus, von einer Wölfin gesäugt, aufgewachsen sind. Propertius erwähnte den Luperco-Kult in der ersten Elegie des vierten Elegiebuchs, beschrieb in einem Vers seinen Ursprung und ging auf seine eigenen Worte vom Beginn der Stadt zurück.

Die Ursprünge des Festivals sind unklar, obwohl die wahrscheinliche Ableitung seines Namens vom Lupus (lateinisch: „Wolf“) auf verschiedene Weise eine Verbindung zu einer alten Gottheit nahelegt, die die Herden vor Wölfen schützte, und zu der legendären Wölfin, die Romulus und Remus pflegte. Als Fruchtbarkeitsritus wird das Fest auch mit dem Gott Faunus in Verbindung gebracht.

Jede Lupercalia begann mit dem Opfer der Luperci von Ziegen und einem Hund, woraufhin zwei der Luperci zum Altar geführt wurden, ihre Stirn mit einem blutigen Messer berührt wurde und das Blut mit in Milch getauchter Wolle abgewischt wurde; das Ritual verlangte, dass die beiden jungen Männer lachen.

Das Opferfest folgte, woraufhin die Luperci Riemen aus den Häuten der Opfertiere schnitten und in zwei Bändern um den Palatinhügel liefen und mit den Riemen auf jede Frau schlugen, die ihnen nahe kam. Ein Schlag des Riemen sollte eine Frau fruchtbar machen. Im Jahre 494 n. Chr. übernahm die christliche Kirche unter Papst Gelasius I. die Form des Ritus als Fest der Reinigung.

Quelle: Die Körperstrafen bei allen Völkern von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Kulturgeschichtliche Studien von Dr. Richard Wrede. Verlag: H. R. Dohrn. Dresden 1898.

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