Burgundischer Fürst in Hoike. Anfang des 15. Jahrh..

Burgund, Hoike, Fürst, Renaissance, Kostümgeschichte, Modegeschichte

Burgundischer Fürst. Anfang des XV. Jahrhunderts.

Burgundischer Fürst. Anfang des 15. Jahrhunderts.

Von A. von Heyden.

Das vorliegende Kostüm ist einem wenig bekannten Pergament in der Handzeichnungsammlung des Louvre entnommen, welches der Mitte des 15. Jahrhunderts entstammen dürfte. Dasselbe zeigt einen Garten mit verschiedenen vornehmen Herren und Damen in Kostümen Anfang des 15. Jahrhunderts und trägt die Unterschrift: Veterum Burgundiae Ducum Conjugumque, Filiorum, Filiarumque Habitus ac Vestitus 1).

Der Hof von Burgund zeichnete sich im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert durch eine ganz besondere Pracht ans. Philipp der Gute (1419 bis 1467) besonders übertraf alle Fürsten diesseits der Alpen durch den Glanz und die wahrhafte Fürstlichkeit und Ritterlichkeit seiner Hofhaltung, welche die Pflege der Wissenschaften und Künste sich ebenso angelegen sein liess, wie das Tummeln der Gäule auf dem Turnierplatz und die Politik. In noch viel ausgedehnterem Masse fand das unter seinem Sohn Karl dem Kühnen, statt. Man erzählt, dass eines seiner Prachtkleider 200,000 Ducaten gekostet habe, und dass jede Hofdame der Maria von Burgund für ihre Garderobe jährlich 40.000 Brabant Taler erhalten habe.

Philipp de Comines 2) behauptet sogar, dass die Sporen der burgundischen Reiter im Krieg gegen die Schweizer (Burgunderkriege 1474 und 1477) und das Geschirr ihrer Pferde mehr Gold aufzuweisen gehabt hätten, als die ganze Schweiz damals besessen habe: aber der Tag von Granson (3. März 1476), der Karl zwar nur wenig Menschen, doch vor Allem den Ruf der Unüberwindlichkeit kostete, raubte ihm und seinem Heer Schätze von unglaublichem Wert. Das Zelt Karls muss nach der Beschreibung von Comines, der es „un des plus beaux et plus riches pavillons du monde“ nennt, an Pracht weit jenes übertroffen haben, welches er bei Nancy verlor, und von welchem uns die herrlichen Teppiche, welche heute noch im Musée Lorain 3) aufbewahrt werden, einen Begriff geben.

Die Schweizer nahmen sein Prachtschwert, an dessen Griff sieben grosse Diamanten, sieben Rubine, Hyacintben und Saphire und fünfzehn grosse Perlen glänzten, seinen Hut, an dem ein grosser Diamant funkelte, den mit Edelsteinen besetzten Schild, selbst seinen Rosenkranz, dessen Kugeln von grossen Rubinen und Smaragden gebildet wurden. Vor allen aber unersetzlich schien der Verlust der drei grössten damals bekannten Diamanten, deren Schliff ihnen den Ruf besonderer Schönheit verlieh, denn Karl der Kühne soll der Erste gewesen sein, welcher den Diamanten durch die Facetierung ihr wunderbares Feuer entlockte. Der grösste jener Edelsteine, der mit einer eben so grossen Perle in einem Kästchen lag, wurde zuerst von einem Schweizer fortgeworfen, weil er den Wert nicht erkannte, und kam endlich, wie Johannes von Müller berichtet, für den Preis von 20,000 Dukaten in die Hand Papst Julius II., der ihn seiner dreifachen Krone einfügen liess.

Was an Gefässen aus Edelmetall erbeutet wurde, ist geradezu unglaublich. Man verkaufte silberne Prachtschüsseln, als ob sie von Zinn waren, und die erbeuteten golddurchwirkten Seiden- und Samtstoffe, welche Karl in vierhundert Kisten bei sich geführt hatte, wurden von den Schweizern wie Landtuch ausgemessen und zerschnitten.

Leider entsprach der Geschmack der Kostüme nicht ganz der Pracht, und namentlich zeigte die Zeit des beginnenden XV. Jahrhunderts, der das hier wieder gegebene Kostüm angehören dürfte, Ausschreitungen fast in jeder Richtung.

Charakteristisch für dieses, wie für das nachfolgende Frauenkostüm ist die Zerschlitzung der Säume des Rockes und der Ärmel in zahlreiche Zatteln, sowie die nicht völlige Gleichheit beider Hälften der Kleidung. Die Zerschlitzung der Säume beginnt in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, wonach sie sich über ganz Europa als Mode zu verbreiten beginnt, und artet durch Hinzufügen der Schellen an den Gürteln und Besätzen, sowie der Schnabelschuhe, bis zur sinnlosesten Übertreibung aus.

Unser Ritter trägt eine sogenannte Hoike, nach dem Ausdrucke der Limburger Chronik von 1350 „eine Glocke all um rund und ganz“. Es ist dasselbe Kleidungsstück, welches die Franzosen dieser Zeit „houpelande“ nennen. Glockenförmig und an den Schultern ziemlich eng, ist es mit einem Loch für den Hals versehen, welches zur Bequemlichkeit beim Ankleiden sich bis zur Ärmelnaht der linken Schulter erweitert, hier aber durch drei goldene Knöpfe geschlossen wird.

Die Hoike unseres Bildes reicht nur knapp bis über das Knie. Das Kleidungsstück gewann aber oft, vor allem in in England, eine Länge bis zum Boden; die Ärmel sind weit, glockenförmig, am Saum gezattelt und länger als der Rock. Die hier dargestellte ist von Purpursamt und mit weissem Pelz gefüttert, der überall an den Säumen hervortritt; das knappe Wams von farbiger Seide, welches unter der Hoike getragen wird, erscheint nur an den engen Ärmeln unter den weiten Glocken. Eine Zobelpelzmütze mit grünem Hut bedeckt das Haupt; das Haar ist vom Scheitel gleichmässig über den Kopf gekämmt und an der Stirn glatt abgeschnitten. Merkwürdig erscheint die Bekleidung der Beine; dieselben werden von knapper, genähter Hose von rotem Stoff, wahrscheinlich Seide, bedeckt; ein Schuh wird nicht getragen; der mit mässig langer Spitze versehene Fussling des Beinkleides hat Ledersohlen.

Dagegen zeigt das linke Bein eine Art Gamasche von schwarzem Stoff, welche vom Knie his zu den Knöcheln reicht und unter dem ersteren durch ein rotes Band gehalten ist, während am rechten Bein eine Socke von demselben Stoff, ohne Fussling, nur Hacke und Knöchel deckt. Was das Original in der Hand trägt, ist auf meiner Studie nicht genau zu sehen: ich glaube mich zu erinnern, dass es ein weisser Stab ist.

1) Verzeichniss der Gemälde der Kaiserlich Königlichen Bilder Gallerie in Wien von Christian von Mechel 1781, Seite 143. Es stellt die alten Herzoge von Burgund mit ihren Gemahlinnen und Kindern in einer Landschaft an einem fliessenden Gewässer dar, auf einer Seite die Frauen auf der andern die Männer. Am rechten Ufer stehen acht Prinzessinnen davon die Vorderste mit einer Angelrute. Am Linken neun Prinzen davon die zwei nächsten gleichfalls fischend. Der Älteste im Ordenskleid des goldenen Vlieses, hält eine Blume und einen Vogel. In der Ferne sieht man zur Rechten einen dichten Wald, zur Linken ein grosses Schloß mit vielen Türmen.

2) Philippe de Commines (oder de Commynes oder „Philippe de Comines“; lateinisch: Philippus Cominaeus; 1447 – 18. Oktober 1511) war Schriftsteller und Diplomat an den Höfen von Burgund und Frankreich. Er wurde „der erste wirklich moderne Schriftsteller“ (Charles Augustin Sainte-Beuve) und „der erste kritische und philosophische Historiker seit der Antike“ genannt. Weder ein Chronist noch ein Historiker im üblichen Sinne des Wortes, seine Analysen der zeitgenössischen politischen Szene machten ihn zu seiner Zeit nahezu einzigartig.

3) Das Lothringische Museum, auch „Lorraine Dukes‘ Palace oder Lorraine Museum“, ist das historische Museum der Region Lothringen und eines der drei großen Museen der Stadt Nancy. Eine mittelalterliche Burg, die im 14. Jahrhundert wieder aufgebaut wurde, stand bereits an der Stelle des heutigen Palastes, von dem wir wenig wissen, außer dem, was die Ausgrabungskampagne im Jahr 2001 im Hof des Lothringischen Museums enthüllte.

Diese Burg wurde während der Kriege von Burgund nicht verschont und litt besonders unter den Belagerungen, die Karl der Kühne der Herzogsstadt auferlegte. Der Herzog von Lothringen René II. (1451 – 1508) konnte sich dort nicht einmal niederlassen, sagt die Chronique de Lorraine, „weil [der Hof] in sehr desolatem Zustand war, an mehreren Stellen wurde Holz zum Heizen derer verwendet, die ihn besetzt hatten“; aber erst am Ende seiner Regierungszeit beschloss René II. den vollständigen Wiederaufbau des Schlosses, ein Unternehmen, das hauptsächlich von seinem Sohn, dem Herzog Antoine, und seinen Nachfolgern betrieben wurde.
Der südliche Teil des Palastes, der noch heute entlang der Grande Rue zu sehen ist, wurde unter der Herrschaft von Antoine in einem Stil errichtet, der die neuesten Einflüsse der internationalen Gotik und die Räumlichkeiten der Renaissance in Lothringen vereint. Im Rahmen der Renovierung des Lothringischen Museums wurden zwischen 2005 und 2012 Dächer und Fassaden restauriert.

Bildquelle: Blätter für Kostümkunde: historische und Volkstrachten von Franz Lipperheide.

Text: Blätter für Kostümkunde. Historische und Volkstrachten. Neue Folge, bd. 1-3 [v. 1-3], Bildlicher beschreibender Teil von August von Heyden, 1876.

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheit - Frage *