Die Houppelande. Trachten des französischen Adels 1364-1461.

Houpelande, Tappert, Heuke, Mittelalter, Mode, Adel, Kostümgeschichte, Auguste Racinet,

TRACHTEN DES FRANZÖSISCHEN ADELS 1364-1461.

EUROPA MITTELALTER. TRACHTEN DES FRANZÖSISCHEN ADELS 1364-1461.

Die Houppelande.

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Nr. 1. Johann, Bastard von Bourbon. Er ist mit der housse, einem weiten Umhang, bekleidet, welcher an der Achsel von drei Agraffen gehalten, mit Pelz gefüttert und mit einem Viertelschild des Wappens der Bourbons dekoriert ist. Die mit der Housse nicht zusammenhängende Kapuze ist ebenfalls mit Pelz gefüttert.

Nr. 2. Agnes von Chaleu, Frau des Vorigen. Sie trägt ebenfalls den Viertelschild und auf der anderen Seite die Kreuzbalken ihres eigenen Wappens.

Nr. 3. Bonne von Bourbon, Frau von Amé VI., Grafen von Savoyen, genant le Verd.

Nr. 4. Margarethe von Bourbon, Frau des Arnold Amanieu, Herren von Albret, Grosskämmerers von Frankreich. Nr. 3 u. 4 tragen ebenfalls auf ihren Gewändern die Insignien der beiderseitigen Familienwappen. Alle drei Damen, deren Tracht der Epoche Karl V. angehört, tragen die ungegürtete cotte hardie. In dieses aus Seide gefertigte Kleidungsstück wurden mittels metallener und farbiger Fäden die Wappen des Mannes, von demjenigen der Frau geteilt, hinein gestickt. Die Haartracht war dieselbe wie unter Johann dem Guten. Chignons kannte man nicht. Als Schmuck des Haares diente bei Festen ein goldener, mit Email dekorierter, vollständig geschlossener Kronenreif.

Nr. 5. Karl V., König von Frankreich. Er trägt die von vier Lilien überhöhte und mit kleinen farbigen Edelsteinen besetzte Krone und den Königsmantel mit den Lilien des Wappens von Frankreich. Der Mantel, die Kapuze und die Pelerine sind mit Pelz besetzt und gefüttert. Dieser Mantel gilt noch heute als Zeichen der souveränen Gewalt und wird von den ersten Präsidenten der französischen Gerichtshöfe getragen.

Nr. 9. Johann von Montagu, Herr von Montagu en Laye und Marcoussi, Rat und Kammerherr des Königs, 1408 auf Befehl des Herzogs von Burgund enthauptet. Er trägt das Wams (surcot) mit den Mahoîtres, den künstlich aufgebauschten und gepolsterten Schultern, und den in der Mitte offenen, unten wieder geschlossenen Ärmeln. Dieses Wams wurde über einem zweiten getragen, dessen Farbe an den Ärmeln ersichtlich ist, und zu diesem gehört auch der schwarze Kragen, der über dem Pelz Besatz des Oberrocks zum Vorschein kommt. Derselbe Pelzbesatz befindet sich auch an den Ärmelschlitzen und Öffnungen und am unteren Saum des Wamses, welches durch einen Gürtel, von dem ein kurzer Dolch herabhängt, eng um die Taille zusammengeschnürt ist.

Die Kopfbedeckung bildet ein wulstförmiges Barrett, dessen Rand mit Steinen besetzt ist. Weiss war die bevorzugte Farbe dieser Barrette. „Im Jahre 1413“, so heisst es in einem zeitgenössischen Memoire, „wollte man sie weiss haben, und es gab ihrer so viele, dass man nirgends andere Kopfbedeckungen sah.“ Johann v. Montagu trägt ein Halsband von Haselnussblättern aus Gold. Solche Halsbänder und Ketten wurden um diese Zeit oft in zwei und drei Reihen übereinander auch von Männern getragen, wie man an anderen Figuren unserer Tafel sieht. Man nannte das Kleinod, welches mitten an der Kette herabhing, Pentacol.

Nr. 11. Karl von Montagu, Sohn des Vorigen, Kammerherrn des Herzogs von Guyenne, gefallen bei Azincourt (25. Oktober 1415). Seine Tracht gleicht vollkommen derjenigen des Vaters, nur dass die Ränder der Ärmel ausgezackt, gezattelt, sind. Die Zatteltracht war schon seit der Mitte des 15. Jahrhunderts in Aufnahme gekommen.

Nr. 6. Ludwig II., Sohn Ludwigs I., König von Neapel, gestorben 1417. Das Kleidungsstück, welches der König trägt, ist die Houppelande, in Deutschland Hoike, Heuke oder Tappert genannt. Die Houppelande kommt zuerst gegen Ende der Regierung Karl V. (1364-1380) in den Ausgaberechnungen des Königlichen Hauses vor, und erst nach seinem Tode kam sie in allgemeinen Gebrauch. Sie war anfangs ein langer, vorn offener Überrock mit steifem, eng anliegendem Kragen, durchweg mit Pelz gefüttert. Der Pelz trat über die Ränder des Kragens empor und bildete dort einen Wulst. Der Stoff war Tuch oder Seide. Man trug die Houppelande anfangs ohne Gürtel und mit langen, bis auf die Erde hinabreichenden, ebenfalls mit Pelz gefütterten Ärmeln, so dass sie ein recht unbequemes Kleidungsstück war. Man entschloss sich daher bald, die Ärmel enger zu machen und sie durch einen Gürtel dichter an den Körper anzuschmiegen. Der Kragen blieb fest zugeknöpft oder mit einer Agraffe verschlossen. Die Houppelande war vorn von oben bis unten geöffnet, sodass man sie wie einen Überrock anziehen konnte. Ausserdem war sie an jeder Seite bis zu den Hüften aufgeschlitzt, um leichteres Schreiten zu ermöglichen. Später wurden diese Schlitze nicht mehr angebracht. Die Vornehmen liessen sie mit Hermelin oder Zobelmarder, die Bürger mit Eichhorn- oder Lammfell füttern. Als die Pelztiere knapp wurden, nahm man Samt, Seide und selbst Wolle als Futterstoff.

Die Houppelande wurde bei täglichen Ausgängen, bei Festen und zu Pferde getragen, und danach richtete sich ihre Länge. Die Gala-Houppelande war die längste; sie reichte bis auf die Füsse. Auch die vornehmen Krieger trugen Houppelanden, die bis zum Steigbügel reichten, nicht nur, um sich vor der Kälte, sondern auch um die meist polierte Rüstung vor dem rosten zu schützen. Die Bürger, vornehmlich die älteren, trugen auf den Strassen lange Houppelanden aus Wolle und mit bescheidenem Pelzfutter. Im Felde und zu Pferde trugen die Bürger eine bis zur Hälfte der Schenkel reichende Houppelande. Die kurze wurde meist auf der Strasse getragen, wenn man zu Fuss ging. Die lauge Houppelande, die aus kostbaren Stoffen, auch aus Brokat, gefertigt und mit feinstem Pelz gefüttert war, galt als ein Vorrecht der vornehmen Stände‘ und des Adels. Pagen und Diener durften nur Houppelanden tragen, die bis zu den Knien reichten. Ludwig II. trägt auf dem Kopf den Chapel, einen Hut aus Filz mit einer daran befestigten, schlauchartigen Kapuze, mit der man sich bei schlechtem Wetter Hals, Nacken und Schultern schützte. Wenn man sie zu diesem Zweck nicht brauchte, wurde sie von rückwärts über den Hut geworfen. Der ausgezackte untere Rand desselben machte sie einem Hahnenkamm ähnlich, weshalb man sie coquarde nannte. Coquard war eine Zeit lang gleichbedeutend mit elegant, und woruas das Wort coquett entstand.

Nr. 7 und 8. Zwei junge Stutzer vom Hof Karl VII. (1422 -1461). Die Mode, Schulterwülste (mahoîtres) zu tragen, ist um diese Zeit schon abgekommen. Die jungen Leute tragen kegelförmige Hüte mit schmalen Krempen aus weichem Filz; den man damals aus Fischotter- oder Ziegenhaaren bereitete oder auch aus Flockwolle. Das Steifen der Filzhüte war anfangs verboten, später wurde es nur bei den weissen und grauen, nicht bei den schwarzen erlaubt. Man schmückte die Hüte mit Ketten oder mit Schliessen von Gold oder Silber oder mit einzelnen Federn, die hinten befestigt wurden und nach vorn überfielen. Man trug damals noch wenig Federn an den Hüten. Die Mode kam erst um 1345 auf. – Die beiden jungen Leute tragen eng anliegende Beinkleider mit Füsslingen, welche die Schnabelschuhe bedecken.

Nr. 10. Karl I., Herzog von Bourbon, Pair und Grosskanzler von Frankreich. – Er ist mit einem weit geöffneten, gürtellosen Überrock bekleidet, der um den Hals durch goldene Schnüre festgehalten wird. Der. Hut scheint aus gesteiftem Filz zu sein. Im Übrigen weicht das Kostüm nicht von den vorigen ab.

(Nach Miniaturen im Portefeuille von Gaignères in der Pariser Nationalbibliothek).

Quelle: Geschichte des Kostüms in chronologischer Entwicklung von Albert Charles Auguste Racinet. Bearbeitet von Adolf Rosenberg. Berlin 1888.

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