Ostern in Überlieferung und Brauchtum.

Ostern in Überlieferung und Brauchtum.

von Karl Knorz

Einleitung

Als Faust heraus gefunden hatte, dass die gesamte Wissenschaft auf die höchsten Fragen des Lebens keine befriedigende Auskunft zu geben und den Schleier der Natur nicht zu lüften vermochte, griff er in seiner Verzweiflung zur Phiole, um den darin enthaltenen Saft dem nahenden Morgen als letzten Gruß zuzutrinken; plötzlich aber verkündete der ihm von Jugend auf gewohnte Glockenklang und Chorgesang die erste Feierstunde des Ostermorgens und trotzdem ihm der kindliche Glaube an diese Freudenbotschaft längst abhanden gekommen war, so stimmte sie ihn doch so weich, dass er vom letzten Schritt absah und neuen Mut zu neuem Leben faßte. Darauf feierte er dann sein geistiges Auferstehungsfest in Gegenwart des an keinem spekulativen Grübeln krankenden Volkes in der freien Natur und fühlte, dass er nur dort Mensch sein konnte.

Nun aber fällt er von einem Extrem in das andere; er gerät unter ausgelassene Studenten und Hokuspokus treibende Hexen; er kostet den berauschenden Freudenkrug der Welt bis auf die Neige, um dann nach allerlei Irrfahrten und Irrtümern schließlich zu der heilsamen Überzeugung zu gelangen, dass die wahre Aufgabe eines wirklich edlen Menschen nur in friedlicher, das Gemeinwohl befördernder Arbeit besteht.

Osterbräuche

Wie weiland Faust, so feiern auch heute noch die Dorfbewohner Deutschlands und anderer Länder auf Ostern nicht nur die Auferstehung der Erde aus ihrem langen Winterschlaf, sondern zugleich auch ihre eigene Erweckung zu neuem, hoffnungsvollem Leben und Schaffen draussen in der freien Natur. Und da an diesem wichtigen Zeitabschnitt die Sonne bekanntlich drei Freudensprünge macht 1), so kann man es wahrhaftig den Menschen nicht verübeln, wenn sie alsdann ihrer Lebenslust ebenfalls in allerlei Tollheiten Ausdruck verleihen; und diese Volksbräuche, nebst dem, was drum und dran hängt, näher zu betrachten, soll nun hier unsere Aufgabe sein.

1) Wer in der Altmark am Ostermorgen früh aufsteht und so lange in einen mit Wasser gefüllten Eimer blickt, bis die Sonne aufgeht, kann das Osterlamm deutlich hüpfen sehen. – Im Brandenburgischen erblickt man nach Menzels „Symbolik“ am Ostermorgen beim Aufgang du Sonne ein weisses Lamm in einem Wassergefäss.

Die Bezeichnung „Ostern“ weist uns nach dem Osten, also nach der Richtung, aus welcher sich uns die Sonne nähert. Dieses Wort lässt sich auf die Sanskritwurzel usch zurückführen, welche „brennen“ oder „leuchten“ bedeutet. Als Göttin der erstarkenden Frühlingssonne galt den alten Deutschen, die den nordischen Menschen unbekannte und daher auch nicht in der Edda erwähnte Ostara, die in der indischen, nie alternden und stets in glänzendem Goldgewande auftretenden Uscha eine würdige Doppelgängerin hat. Ihr zu Ehren wurden Feuer auf hohen Bergen angebrannt; auch wurden ihr Blumen, Kuchen und Eier 2) geopfert, wobei letztere bekanntlich heute noch einen wesentlichen Bestandteil des Osterfestes bilden. Blutige Opfer wurden alsdann nicht gebracht, galt Ostern doch nicht nur als Freudenfest für die Menschen, sondern auch für die Tiere.

2) In einem altpolnischen Lied wird der Sonne ein Ei als Ostergeschenk angeboten. – In Florenz wird Ostern Pasqua d’uovo genannt.

Die Griechen liessen dem Osterfest den hebräischen Namen Paschah; die Niederdeutschen hießen es Pasken. Ulfilas 1) gebraucht dafür in seiner gotischen Bibelübersetzung das Wort Paska; nur die Oberdeutschen und Angelsachsen bedienten sich der heidnischen, also der ächt deutschen Bezeichnung. Das hebräische Paschah oder Pesach bedeutet „Verschonung“ (engl. Passover) und erinnert mithin an die Verschonung der Erstgeburt durch den Todesengel und damit zugleich an die Auswanderung der Juden aus Ägypten, sodaß diese also in genanntem Fest das Geburtsfest ihrer Nation feiern. Auf die dabei von den orthodoxen Juden heute noch beobachteten Gebräuche werden wir später ausführlich zurückkommen.

Die alten Deutschen feierten in der Osterzeit den Sieg des Sommers über den Winter. Dieser Sieg oder Streit wurde nun auch oft dramatisch dargestellt, indem sich die Repräsentanten beider Mächte durch Spottverse zu überwinden suchten. Der Winter trat meistens in einem Strohkleid auf; er mußte sich von seinem mit Grün geschmückten Gegner alle erdenklichen Grobheiten sagen und sich mitunter auch noch durchprügeln lassen.

In diesen Streitgedichten, von denen sich mehrere erhalten haben 2), wird der Winter stets als Beförderer der Faulheit und Gefrässigkeit gebrandmarkt, und wenn er sich gegen derartige Anklagen auch noch so wacker verteidigt, so stehen dem Sommer doch so viele Argumente zur Verfügung, um ihn von seiner Nutzlosigkeit zu überzeugen und ihn zu zwingen, daß er sich schließlich für besiegt erklärt. Darauf stimmen dann die diese beiden Schauspieler begleitenden Dorfburschen ein Loblied auf den Sommer an und erwarten von dem Mann, vor dessen Haus sie diesen Schwank aufführten, ein Geschenk. Die dabei eingeheimsten Gaben werden später im Wirtshause gemeinschaftlich verzehrt.

1) Ulfilas (ca. 311-383), auch bekannt als Ulphilas und Orphila, allesamt latinisierte Formen des gotischen Wulfila, wörtlich „Kleiner Wolf“, war ein kappadokischer Grieche, der als Bischof und Missionar wirkte, der die Bibel in die gotische Bibel übersetzte und an der arianischen Kontroverse teilnahm. Obwohl die Übersetzung der Bibel in die gotische Sprache traditionell Ulfilas zugeschrieben wird, zeigt die Analyse des gotischen Textes die Beteiligung eines Übersetzerteams, möglicherweise unter der Aufsicht von Ulfilas. Die sogenannte Wulfilabibel ist die früheste Bibelübersetzung in eine germanische Sprache. Der Wulfila Gletscher auf Greenwich Island (Süd-Shetland-Inseln) in der Antarktis ist nach Bischof Ulfilas benannt.

Nach Albert Richter (Deutsche Sagen, Leipzig 1871) gingen zu Anfang des 19. Jahrhunderts in der Uckermark im Frühling zwei als Sommer und Winter verkleidete Frauen herum, wovon die erste eine Sense und Hacke und die andere einen Dreschflegel trug. Dabei sprachen sie folgende Verse:
Winter: Ich bin der Winter stolz, Ich baue Brücken ohne Holz.
Sommer: Ich bin der Sommer fein, Ich mähe mein Korn,
Ich harke es wohl auf, Und fahr’s in die Scheun‘.
Winter: Ich dresche das Korn und fahre es zur Stadt, Dass jedes seine Nahrung darin hat.

Statt des Winters tritt nun auch oft, so z. B. in den Liedern der Deutschböhmen und Slaven, der Tod auf; dieser wird ebenfalls durch eine Strohpuppe dargestellt, die nach bestimmten Zeremonien, welche man das Todaustragen nennt, entweder begraben, verbrannt oder ins Wasser geworfen wird. Nachdem letzteres geschehen ist, laufen die dabei beteiligten Burschen so schnell, wie sie ihre Beine tragen können, fort, da nach altem Aberglauben den letzten der Tod packen werde, d. h. er müsse von allen zuerst sterben. Diese Strohpuppe wird in Oberbaiern „Hansl und Gredl“ genannt. Hatten früher im Voigtland die Burschen den Tod ausgetragen und die obligate Strohpuppe ersäuft, dann zogen sie von Haus zu Haus, sammelten Geschenke und sangen dabei:
„Wir haben den Tod wohl ausgetrieben, Die faulen Mädel sind zu Hause geblieben, Sie sitzen in der Höllen 1)
Und lauern auf die Junggesellen,
Wir bringen euch an warmen Sommer mit, Teilt uns auch a paar Eier mit.2)“

1) Hinter dem Ofen.
2) Dr. H. Dunger, Rundas und Reimsprüche aus dem Voigtland. Planen 1876.

In der Lausitz treiben die Frauen den Tod aus; sie machen eine Strohpuppe, ziehen derselben ein weisses Hemd an und tragen sie dann an die Grenze des nächsten Dorfes. Dort zerreißen sie dieselbe und hängen das Hemd an den schönsten Baum in der Nähe. In einigen Gegenden Deutschlands wird das Todaustragen auch „Judasbrennen“ genannt; doch ist es fast überall infolge des damit verknüpften Unfugs von der Polizei verboten worden.

Heine sagt irgendwo, dass im wunderschönen Mai seinem Herzen die Liebe aufgegangen sei; dies ist nun sicherlich auch schon anderen hoffnungsvollen Jünglingen um die genannte Zeit passiert, und da die heiratslustigen Mädchen aus zuverlässiger Beobachtung wissen, daß sich die Augen der jungen Burschen meistenteils nach der schönsten drehen, so befassen sie sich gewöhnlich schon vor Beginn jenes, die zarten Herzensregungen begünstigenden Monates mit der sorgfältigsten Pflege ihrer Schönheit, um ja nicht übersehen zu werden. Und diese Pflege beginnen sie häufig bei nachtschlafender Zeit am frühen Ostermorgen, indem sie vor Sonnenaufgang, also ehe das Tageslicht die Wirkungen der Zauberei vereitelt, an eine versteckte Quelle oder einen abgelegenen Feldbach eilen und darauf, das Gesicht dem Osten zugewandt, stromabwärts ein Gefäß mit Wasser füllen. Dies tragen sie, ohne mit irgend jemand, der ihnen zufällig oder absichtlich begegnet, ein Wort zu reden, nach Hause und waschen sich zur Erhöhung ihrer Schönheit fleißig damit.

Dieses zauberkräftige Wasser kann man, ohne daß es faul wird, ein ganzes Jahr lang aufbewahren. Es verleiht einer Jungfrau – Männer bedürfen ja angeblich eines solchen Schönheitselexieres nicht, da, wie die Erfahrung lehrt, selbst der häßlichste zum Heiraten immer noch reizend genug ist – nicht nur ein blühendes, gesundes Aussehen, sondern es befreit sie auch von allerlei Gebrechen, wie z. B. schlimmen Augen, offenen Wunden, Halsweh u. s. w. Ausserdem macht es krankes Vieh gesund und verschafft im Notfall auch leidenden Männern Linderung. Die siebenbürgischen Sachsen waschen am Ostermorgen die kranken Augen mit Wasser, das aus zwei sich kreuzenden Bächen geschöpft ist und murmeln dabei folgenden‘ Zauberspruch: Der heilige Tobias ist blind geworden und bat Gott, -daß er ihn sehend mache. Und Gott machte ihn sehend. Da bat der Heilige Gott: Gib mir die Kraft, böse Augen zu heilen, Blindheit zu brechen. Und Gott sprach: Wer böse Augen hat, der blicke auf eine Schwalbe 1) und spreche deinen Namen aus 2).

Das heilkräftige Osterwasser wird in der Rhöngegend Ostertau genannt und gewöhnlich in der Nacht vor dem ersten Ostertag von den Mädchen gesammelt. Die jungen Männer, denen dieser Gebrauch natürlich nicht unbekannt ist, beobachten gewöhnlich die die jungen Frauen auf ihrem geheimen Gang von einem sicheren Versteck aus, brechen dann zur geeignetsten Zeit hervor und suchen sie durch allerlei Possen und Neckereien zum Sprechen zu nötigen, um dadurch das Wasser seiner Heilkraft zu berauben. Jedes Mädchen sucht am betreffenden Morgen zuerst an der Heilquelle zu sein und zum Zeichen, daß sie den andern den Rang abgelaufen hat, den Brunnenstock mit einem Fichtenkranz zu schmücken. In derselben Nacht legen auch die Burschen den Mädchen häufig Strohnester vor die Haustür, aber nicht etwa für den Osterhasen, der Eier hineinlegen soll, sondern nur, um ihnen einen Schabernack zu spielen. Je größer dieses Nest, desto grösser der Ärger des Mädchens, das es gewöhnlich schnell wegnimmt, ehe es die Leute bemerken. Sicherlich sieht ihr dabei der Übeltäter aus einem Versteck zu.

1) Die Schwalbe war der Ostara geheiligt. Derjenige, der sie tötete oder ihr Nest zerstörte, mußte befürchten, daß sein Haus vom Blitz getroffen würde.

2) 3. Bd. I. Heft: Ethnologische Mitteilungen aus Ungarn, – Nach einem in Schmalkalden bekannten Aberglauben muß man am Ostermorgen die Füsse in kaltes Wasser stecken und dabei in einem Atemzuge sagen:
„Wurm, Wurm, geh‘ in dein Nest,
Ich bin im Osterbad gewest.“
Alsdann wird man das Jahr hindurch von keinem giftigen Tiere gebissen.

In ostpreussischen Dörfern lauern am Ostermorgen die Burschen den Mädchen auf, wenn diese mit gefüllten Melkeimern aus dem Stalle kommen und begießen sie gründlich mit Wasser, was ihnen durchaus nicht übel genommen wird; im Gegenteil, ein Mädchen, das bei dieser Gelegenheit ignoriert wird, fühlt sich beleidigt und zurückgesetzt. In Ungarn und Siebenbürgen erhalten die Burschen für diesen Beweis ihrer Aufmerksamkeit sogar zur Belohnung Eier von den Mädchen. Im Königsberger Kreis tragen die Mädchen um die Osterzeit eine Gerte, die sie „Sommer“ nennen, unter der Schürze versteckt; sobald sie dann einen Burschen sehen, schlagen sie ihn damit und erwarten dafür ein Geschenk. Letzteres besteht gewöhnlich aus einem Apfel. So schlägt man auch in einigen Gegenden Deutschlands auf Ostern diejenigen mit grünen Zweigen, denen man Gesundheit und langes Leben wünscht. Die Kinder, welche diesen Liebesdienst ihren Eltern in aller Frühe leisten, erhalten dafür Leckereien, die unter dem Namen „Schmeckostern“ bekannt sind.

Das verschönernde, die Gesundheit befördernde und somit das Leben verlängernde Osterwasser ist nur eine andere Gestalt des in zahlreichen Märchen und Sagen aller Völker und Zeiten erscheinenden Verjüngungsquells. So hatte das Wasser des eddischen Urdbrunnens verjüngende Kraft. Die Götter in Walhall stärkten ihre alternden Glieder mit Odhrärir, dem Trank der Weisheit und Dichtkunst; heißt es doch auch in Bezug auf die echte Volkspoesie, diesen wundertätigen Quickborn, in einem alten Liede:
„Wer aus diesem Brünnlein trinket, Der jünget und wird nicht alt.“

Die Chinesen glauben, daß ein im Mondlicht am Fuße eines Kassiabaumes (Caesalpinioideae) sitzender Hase die Ingredienzen zusammenmischt, aus denen das Unsterblichkeitswasser besteht. Die Ägypter glaubten, dass die Milch aus der Brust der göttlichen Mutter Isis Unsterblichkeit verleihe; Herkules trank sich aus der Brust der Hera nicht nur Unsterblichkeit, sondern auch Göttergleichheit. So hatte auch Medea den Anson, während dem sich dessen Sohn Jason das goldene Vlies aus Kolchis holte, durch Zauberkünste jung erhalten. Die Götter und Göttinnen Griechenlands verdankten ihre Unsterblichkeit und nie verwelkende Schönheit der ausgiebigen Verwendung der Ambrosia-Salbe. 1)

Als der abgelebte Held und Abenteurer Ponce de Leon (Juan Ponce de León, spanischer Konquistador um 1460 – 1521) an einem Ostertag in Florida gelandet war, hatte er nichts eiligeres zu tun, als den der Sage nach dort existierenden Verjüngungsquell aufzusuchen, denn er glaubte an die Wirkung desselben ebenso steif und fest, wie viele Gebildete seiner Zeit. Daß er aber durch diese Expedition auf eine andere Weise, nämlich durch Heines köstliches Gedicht „Bimini“  unsterblich wurde, hatte er sicherlich nicht geahnt.

Die indische Mythologie kennt ebenfalls einen Jungbrunnen, nämlich den alterslosen Fluss Vijara nadi. Dann erzählt der Engländer John Mandeville , den die Abenteuersucht nach Indien und China getrieben hatte, in seinem Reisebericht (1555) von einem gewürzreichen, bei der Stadt Polombe gelegenen Verjüngungsquell: „Wer dreimal nüchtern von diesem Wasser trinkt, wird geheilt von jeglicher Krankheit; die dort wohnen und immer daraus trinken, sind nie krank und scheinen immer jung. Man sagt, dieser Brunnen entstamme dem Paradies und deshalb sei er so heilkräftig.“
Von Paracelsus wird erzählt, daß er einst von einem spinnenartigen Geist, den er aus einer Baumhöhle befreit, zur Belohnung die Goldtinktur und das Lebenswasser, also die Mittel erhalten habe, reich zu werden und lange zu leben; doch er ward niemals ein wohlhabender Mann und starb zuletzt, wie jeder andere.

1) „Als der älteste Storch noch sehr jung war“ entdeckte in Japan ein Jüngling eine Reisweinquelle, durch deren köstliches Naß er seinen alternden Vater noch lange Jahre am Leben erhielt. W. E. Griffis, Japanese Fairy World. Schenectady, N. Y. 1880.

Auch der Schmied von Jüterbock des bekannten deutschen Volksmärchens (Ludwig Bechstein, Deutsches Märchenbuch 1845) besaß außer einer Stahltinktur, womit er jeden Harnisch, den er damit bestrich, undurchdringlich machen konnte, einen lebensverlängernden Trank, den er von einem grauen Männlein, dem Wunschgott Wotan nämlich, dessen Pferd er mehrmals beschlagen hatte, ohne Belohnung anzunehmen, zum Geschenk erhalten hatte. Wotan hatte ihm erlaubt, drei Wünsche zu tun; doch solle er dabei nicht das Beste vergessen, damit es ihm nicht etwa erginge, wie dem Hebelschen Ehepaar, dem einst auch eine gütige Fee dieselbe Offerte machte und das zuletzt froh sein mußte, daß es dadurch nicht ärmer und unglücklicher als vorher und dass die Frau noch rechtzeitig von der ihr um die Nase baumelnden Schnurrbartwurst befreit wurde. Unser Schmied wünschte also, dass jeder, der auf seinen Birnbaum steige, erst dann herunter kommen dürfe, wenn er ihm dazu die Erlaubnis gebe; dann sollte Niemand ohne seine spezielle Bewilligung seine Stube betreten, es sei denn, er käme durchs Schlüsselloch hinein, und drittens bat er sich als echt norddeutscher Handwerksmann eine Flasche Schnaps aus, die nie leer, also für ihn zum Lebenswasser werden sollte. Damit hielt er auch wirklich den Tod von sich fern; doch als er zuletzt sah, daß alle seine Verwandten und Freunde starben, kam er sich allmählich so vereinsamt vor, daß er sein Ende herbeisehnte. Nachdem er dann vergeblich an dem Tor des Himmels und der Hölle um Einlaß gebeten hatte, fand er schließlich beim alten Barbarossa im Kyffhäuser Aufnahme und Beschäftigung 1).

In einem ähnlichen, aus der Bretagne stammenden Märchen siegt der Schmied von Sanssouci ebenfalls über Tod und Teufel und gelangt schließlich durch eine List in den Himmel. In dem sinnreichen französischen Märchen „Bonhomme Misere“ ist es das Elend, das über Tod und Teufel triumphiert und das so lange leben wird, wie die Welt besteht.

1) Kaiser Friedrich Barbarossa, der am 10. Juni 1190 im Göksu-Fluss bei Silifke während des dritten Kreuzzuges ertrank, ist laut einer Königssage nicht tot, sondern schläft in einer versteckten Kammer unter den Kyffhäuser-Bergen. Er sitzt bewegungslos an einem Steintisch und sein Bart ist angeblich über die Jahrhunderte so lang gewachsen, dass er durch den Tisch wuchs. Wie in der ähnlichen Legende von König Artus erwartet Barbarossa angeblich die Stunde der größten Not seines Landes, wenn er wieder unter dem Hügel auftaucht. Die Anwesenheit von Raben, die den Kyffhäuser-Gipfel umkreisen, soll ein Zeichen für die anhaltende Präsenz von Barbarossa sein. Ähnliche Legenden beziehen sich auf Kaiser Friedrich II. oder auf Karl den Großen, der auf dem Untersberg bei Salzburg schläft.

In einigen Gegenden Deutschlands wird das Heilwasser auch auf Weihnachten geschöpft; auch macht dort die Sonne um jene Zeit ihre drei Freudensprünge und außerdem verwandelt sich das Wasser in einer bestimmten Stunde in Wein. Dann fällt das Vieh im Stalle auf die Knie und betet, währenddem unterirdische Glocken ertönen. Im Albtal spricht der Hausvater folgenden Segen über das in der Christnacht geschöpfte Wasser:
„Heilig Wag (Quelle), heilig Wag, Glück ins Haus, Unglück heraus!“

Dem Lebenswasser begegnen wir auch in dem Grimm’schen Märchen vom Königssohn, der sich vor nichts fürchtet. Derselbe, dem durch einen Riesen die Augen ausgestochen worden sind, erhält sein Gesicht wieder, nachdem er es in einer klaren Quelle gewaschen; darauf wird er von einer Prinzessin mittels Lebenswassers vollends gesund gemacht.
Hans Sachs erzählt:
Als ich in meinem Alter war,
Gleich im zweiundsechzigsten Jahr,
Da mich in manichfachen Stücken,
Das schwere Alter hart thät drücken,
Da dacht‘ mit Seufzen ich und Klage,
An meiner Jugend gute Tage,
Die ich so unnütz hätt‘ verzehrt;
Das meine Schmerzen gleich mir mehrt‘.

Ich warf im Bett mich hin und her
Und dacht‘, daß Arzenei doch wär‘
Für’s Alter oder eine Salben,
Wie wert wär‘ diese allenthalben.
In dem Nachdenken ich gar tief
Verwickelt war und halb entschlief.
Mir träumt‘, wie ich wohl käm‘ besonnen,
Zu einem grossen runden Bronnen,
Von Marmelstein, polieret klar,
Darin das Wasser rinnend war,
So warm wie kalt wohl aus zwölf Röhren,
Gleich einem Wildbad; thut Wunder hören:
Das Wasser hatt‘ so große Kraft,
Welch‘ Mensch mit Alter war behaft’t,
Ob er schon achtzigjährig was,
Wann eine Stund er im Brunnen saß,
So thäten sich verjüngen wieder
Sein Herz, Gemüt und alle Glieder.
Um den Brunnen war ein groß‘ Gedränge,
Denn darzu kam eine große Menge,
Von allerlei Nation und Geschlecht,
Mönche, Piaffen, Ritter und Knecht‘,
Handwerker, Bürger, Bauern zumal,
Die kamen zum Brunnen ohne Zahl,
Und wollten sich verjüngen lassen.
Voll zog es zu auf Steig und Strassen,
Aus allen Landen auf Karr’n und Wagen,
Von nah und fern, auf Schlitten und Tragen,
Auf Schubkarr’n kam ein ganzer Zug,
Auf Misttragen einige man trug,
Viel andre trug man auf dem Rücken,
Etliche gingen herzu auf Krücken.
Zusammen kam ein Hauf der Alten,
Wunderlich, sunderlich, ungestalten,
Zahnlückig, runzelig und kahl,
Zitternd und krätzig überall,
Mit trüben Augen, schwachen Ohren,
Vergeßlich, tappig, halbe Toren,
Gebognen Rückens, matt und krumm.
Da war in Summa Summarum,
Ein Husten, Räuspern und ein Krächzen,
Ein Seufzen, Stöhnen und ein Ächzen,
Als ob man im Spitale wär‘.
Zwölf Mann hätt‘ man gestellet her,
Die allen Alten, die da wollten,
In den Jungbrunnen helfen sollten
Die thäten alle sich verjüngen.
Nach einer Stund mit freien Springen,
Sprangen sie aus dem Brunnen rund,
Schön, wohlgefarb, frisch, jung, gesund,
Mit leichtem Sinn, grad‘ von Gestalt,
Als wären sie erst zwanzig alt.
Wenn eine Rott‘ verjüngt sich fein,
Stieg darnach eine andre ein. –
Da dacht‘ ich mir im Schlaf fürwahr:
Alt bist du zweiundsechzig Jahr,
Dein Ohr wird schwach, schwach dein Gesicht;
Was säumst du dich, daß du auch nicht
Wohl bald in dem Jungbrunnen sitzest,
Die alte Haut aus von dir schwitzest?
Ab zog ich alles mein Gewand,
(So schien’s im Schlafe mir zuhand)
Stieg in den Jungbrunnen mich zu baden,
Zu kommen von des Alters Schaden.
Bei dem Einsteigen ich erwachte,
Meines Vergnügens ich selber lachte
Und dacht‘: Nun muß ich bei meinen Tagen,
Die alte Haut mein Lebtag tragen,
Weil auf der Erd‘ kein Kraut gewachsen,
Heut‘ zu verjüngen mich, Hans Sachsen.
(Erneuert von Karl Pannier).

Wie zahlreiche irische Märchen berichten, so lebte einst auf der Insel Lough Lene ein seiner Liberalität und Tapferkeit allgemein verehrter Fürst, der den Namen O‘ Donoghuc trug. Derselbe war im Besitze eines ewige Jugend verleihenden Trankes und als er endlich Lust hatte, abzuscheiden, verschwand er im genannten See, dem er seine Lebensfrische ursprünglich verdankte. Wie Dr. P. W. Joyce in seinem Werk „Origin and History of Irish Names of Places“ (Dublin 1870) erzählt, so verdankt das reizende Tal Glannagalt (Narrental) bei Kilogoblane seinen Namen dem Umstand, daß diejenigen Idioten, die sich aus den dortigen zwei Brunnen waschen und von der am Rande derselben wachsenden Kresse essen, von ihrer Geistesumnachtung befreit werden und somit zu neuem Leben erwachen. Hoffentlich sind diese Wunderquellen noch nicht versiegt!

Die Deutschen Krains feiern nach Dr. G. Hauffens Mitteilung in einem Lied ein „Prinle Kiel“;
„Bear aus dan Prinlain bil Fride hinken (trinken),
Bot (wird) junk unt niner aut (alt).“

Daß die Kinder nach deutscher Volksansicht aus dem Brunnen oder Wasser, also aus dem belebenden und verjüngenden Elemente, geholt werden, dürfte nun leicht zu erklären sein.

Wie bereits angedeutet, so ist es nicht absolut nötig, daß das Verschönerungswasser gerade in der Osternacht geschöpft werden muß; ja es kann dies auch an irgend einem Tage im Mai oder Juni geschehen. Mother Goose 1) scheint dem erstgenannten Monat den Vorzug zu geben, denn einer ihrer Verse lautet:
„The fair maid who, the first of May
Goes to the fields at break of day
And washes in dew from the hawthorne tree
Will ever after handsome be.“

In einigen Städtchen von Massachusetts hat man mehr Vertrauen auf das Juniwasser June water) und heilt damit nicht nur zahlreiche Krankheiten, sondern gebraucht es auch, da es nie fault, zum Einmachen des Obstes. Dieses soll dadurch hundert Jahre frisch und genießbar bleiben. Das Juniwasser besteht aus dem ersten im betreffenden Monat gefallenen Regen, der besonders von den im genannten Staate wohnenden Irländerinnen in Pfannen aufgefangen und dann auf Flaschen gezogen wird.

1) Die Figur der Mutter Gans ist die imaginäre Verfasserin einer Sammlung von Märchen und Kinderreimen, die oft als Old Mother Goose’s Rhymes veröffentlicht wurden, wie von Arthur Rackham 1913 illustriert. Als Figur erscheint sie in einem Kinderlied. Eine Weihnachtspantomime namens Mother Goose wird oft in England aufgeführt. Die sogenannten „Mother Goose“-Reime und -Geschichten bilden die Grundlage für viele klassische britische Pantomimen. Die erste Erwähnung in englischer Sprache stammt aus dem frühen 18. Jahrhundert, als Charles Perraults Märchensammlung zuerst von Robert Samber übersetzt wurde. John Newberys Stiefsohn, Thomas Carnan, war der erste, der den Begriff Mother Goose für Kinderreime verwendete, als er eine Zusammenstellung englischer Reime, Mother Goose’s Melody, oder Sonnets for the Cradle (London, 1780) veröffentlichte.

Daß an das Lebenswasser die Hoffnung auf ein besseres Dasein oder auf Erlösung geknüpft wird, geht auch aus folgender Sage hervor. Bei Osterode liegen die Trümmer einer Burg, deren letzter Besitzer eine wunderschöne Tochter hatte, die von einem Zauberer, dem sie kein Gehör geschenkt, verflucht worden war, als Hund in der Burg herum zu irren. Nur am Ostermorgen darf sie sich in ihrer eigentlichen Gestalt den Menschen zeigen. Sie erscheint alsdann in schneeweißem Gewande, wandelt langsam vor Sonnenaufgang einem nahen Bache zu, wäscht sich daraus und wartet, bis sie jemand erlöst.

Da sich nun im Frühling die Erde verjüngt, die Sonne am Ostermorgen hüpft und sich das Wasser in Wein verwandelt, so liegt darin unstreitig eine deutliche Aufforderung an alle Menschen, sich ebenfalls einer ungetrübten Festfreude hinzugeben. Der Deutsche ist bekanntlich niemals Freund des Wassertrinkens gewesen und da, wie auch Goethe in einem seiner geselligen Lieder bewiesen hat, der Schlußsatz „ergo bibamus“ (lateinisch: „Also lasst uns trinken!“) zu jeder Prämisse paßt, so eilt er denn besonders in Bayern um die Osterzeit, ja öfters auch schon früher, mit Kind und Kegel ins Wirtshaus, um die Schöne und Stärke zu trinken, also sich durch Wein zu verjüngen. In der Rhöngegend geschieht dies am 2. Pfingsttag. Dort führen die Burschen die Mädchen ins Wirtshaus; erstere liefern das Bier und letztere die Eier, um das Getränk stärkend zu machen (In Florenz befindet sich ein Steinsitz, welche Sasso di Dante heißt, weil der berühmte italienische Dichter zuweilen darauf zu ruhen pflegte. Als ihn einst ein Fremder fragte, was der beste Mundvoll sei, erwiderte er: „Ein Ei.“).

In mehreren ausschließlich von Katholiken bewohnten Gegenden Österreichs und der Rheinprovinz bringen die Frauen am Ostermorgen Nahrungsmittel in die Kirche, um sie vom Priester weihen zu lassen. Es geschieht dies auch aus dem Grund, weil sich sonst ein schlaues Teufelchen leicht in einer Brotrinde oder einem Wurstzipfel verstecken und dann unbemerkt einem Christen in den Mund schlüpfen könnte. Prof. Lippert erzählt in seinem Buche über deutsche Festgebräuche mehrere sich auf solche Vorkommnisse beziehende Geschichten.

In Krain geschieht das die Gesundheit befördernde und Unglück abwehrende Weihen der Speisen in der Karwoche; die Frauen schleppen alsdann Körbe voll Schinken, Wurst und Eier in die Kirche, wodurch diese den Eindruck eines Jahrmarktes macht. In genanntem Ländchen feiern auch Burschen und Mädchen am Ostermontag ein allgemeines Verbrüderungsfest.

In der Edda gelten die goldenen, von Iduna bewachten Äpfel als Sinnbild der Jugendfrische. Iduna, die Göttin des Frühlings, wurde einst zur Zeit, da die Äpfel reif waren und der Sommer sein Ende erreicht hatte, von Thiassi, dem tosenden Wintergott, geraubt und die Götter begannen infolgedessen zu altern. Erst als Iduna in Gestalt einer Nuss von Loki, der Freyas Falkenkleid, die Frühlingsluft nämlich, angezogen, zurückgebracht und der sie verfolgende Adler durch Feuer getötet worden war, erlangten die Götter ihre frühere Kraft wieder. So wie also vor Zeiten die Götter den als Adler erscheinenden Winter durch Feuer zerstörten, so feiern auch noch heute die Deutschen den Sieg des Sommers über den Winter durch Errichtung grosser Freudenfeuer.

Im Norden Deutschlands herrschte die Sitte des Osterfeuers, welche ein Augenzeuge aus dem 16. Jahrhundert in folgender Weise beschreibt: „In allen Städten, Flecken und Dörfern des Landes wird gegen Abend des ersten Ostertages auf Bergen und Hügeln ein großes Feuer aus Stroh, Wasen und Holz, unter Frohlocken des Volkes, nicht allein der Jugend, sondern auch vieler Erwachsenen, jährlich angezündet. Knechte, Mägde und was dazu kommt, tanzen jubelnd und singend um die Flammen. Alle Gebirge im Umkreise leuchten, und es ist ein erhebender, kaum mit etwas anderem zu vergleichender Anblick, von einem der höheren Punkte viele Meilen ringsum das Land zu überschauen und nach allen Seiten hin auf einmal eine große Menge solcher Feuerbrände stärker oder schwächer gen Himmel lodern zu sehen.1)“

1) Gartenlaube 1880. S. 204-206. – H. Böttger, Sonnenkult der Indogermanen. Breslau 1891. S. 93 u. s. w.

Diese Feuer, welche zuweilen auch Judasfeuer genannt werden, werden manchmal schon am Sonntag vor Ostern auf Kirchhöfen angezündet und zwar nach der Vorschrift mit Stahl und Stein. Man merkt sich alsdann die Richtung genau, nach welcher die Flamme schlägt, weil dies Einfluß auf das Gedeihen der Saat hat. Wer in Hessen Leinsamen säen will und sich die Lage des Grundstückes durch die Flamme des Osterfeuers anzeigen läßt, kann mit Sicherheit auf eine ergiebige Ernte hoffen.

In der Hinterpfalz wird das Judasfeuer mit dem Rest des heiligen Öles der Kirchenlampe durch den Pfarrer angezündet; dabei werden alte, auf dem Kirchhof umherliegende Kreuze verbrannt. Da man den Kohlen derselben geheime Kräfte andichtet, so werden sie im Hause aufbewahrt und während eines Gewitters in das Herdfeuer geworfen, um gegen Blitzschlag zu schützen. Auch das von der Osterkerze tropfende Wachs soll zauberkräftig sein. 1)

1) In einigen Dörfern der Rheinpfalz schleppt die Jugend am Karsamstag alte, an Weiden befestigte „Weinbergstiefel“ in die Nähe der Kirche und legt sie dort auf einen Haufen, der dann angezündet und vom Priester geweiht wird. Was danach von den Stiefeln übrig bleibt, wird nach Hause getragen und sorgfältig aufbewahrt, weil es die Wohnung gegen Feuersgefahr schützen soll. Brach in alten Zeiten ein Gewitter los, so warf das Mütterlein den „Osterbrand“ schnell in das Herdfeuer und sprach:
„Lodert’s Osterflämmelein,
Kann der Blitz nicht schlagen ein.“
(Nach mündlicher Mitteilung.)

In der Altmark wird das Osterfeuer, das man dort Paschfeuer nennt, am Abend des ersten oder zweiten Ostertages auf hohen Bergen angezündet, und wenn es recht brennt, tanzen die Burschen um dasselbe herum. Später sammeln sie die Asche und tragen sie in die Ställe, um das Vieh gegen Krankheiten zu schützen. Soweit der Schein dieses Feuers reicht, bleiben alle Häuser von Feuersgefahr verschont.
Überall glaubt man, daß das Feuer infolge seines himmlischen Ursprungs böse Geister und Krankheiten verscheuchen und somit, wie auch das Osterwasser, das Leben frisch erhalte. Daß das Springen durch das Feuer Mut und Kraft verleiht, glaubten auch unsere germanischen Vorfahren. Als König Hrolf 1) nach Schweden zog, warfen, wie eine altnordische Sage berichtet, seine Krieger die Feinde, welche um ihn zu verderben einen Scheiterhaufen errichtet halten, in das Feuer; dann sprangen alle durch dasselbe und stürzten sich mit unwiderstehlicher Macht auf ihre Gegner.

1) Hrólfr Kraki, Hroðulf, Rolfo, Roluo, Rolf Krage (Anfang des 6. Jahrhunderts) war ein legendärer dänischer König, der sowohl in angelsächsischer als auch in skandinavischer Tradition auftritt. Beide Traditionen beschreiben ihn als einen dänischen Scylding, den Neffen von Hroðgar und den Enkel von Healfdene. Einvernehmen besteht darin, dass angelsächsische und skandinavische Traditionen dieselben Menschen beschreiben. Während der angelsächsische Beowulf und Widsith nicht weiter gehen, als seine Beziehung zu Hroðgar und ihre Feindschaft zu Froda und Ingeld zu behandeln, erweitern die skandinavischen Quellen sein Leben als König in Lejre und seine Beziehung zu Halga, Hroðgars Bruder. In Beowulf und Widsith wird nie erklärt, wie Hroðgar und Hroðulf Onkel und Neffe sind. Das Gedicht Beowulf stellt Hroðulf als Verwandten vor. Später erklärt der Text, dass Hroðulf Hroðgars Neffe ist und dass „jeder dem anderen treu war“. Hroðgar hat drei Geschwister, die Brüder Heorogar und Halga und eine ungenannte Schwester, alles Kinder von Healfdene, die zum königlichen Clan der Scyldings gehört. Das Gedicht gibt nicht an, welches von Hroðgars Geschwistern Hroðulfs Elternteil ist, aber die spätere skandinavische Tradition gibt dies als Halga an.

In Hessen wird das Osterfeuer vielfach am Sonntag Invokavit (Der erste Sonntag in der Passionszeit, „Invocavit me, et ergo exaudiam eum“), welcher daher auch „Funkensonntag“ genannt wird, angezündet und man erwartet davon einen segensreichen Einfluß auf die Fruchtbarkeit des Feldes und des Viehs. Letzteres wird zuweilen auch durch die Flammen getrieben. Dieser Brauch, dem auch schon die Inder, Griechen und Römer huldigten, wird besonders in Mecklenburg beobachtet.

Der verjüngenden und belebenden Kraft des Feuers wird übrigens auch in mehreren deutschen Märchen, so z. B. in dem vom junggeglühten Männlein gedacht.
Da am Karfreitag die Kirchenglocken nach Rom wandern 1) und infolgedessen die bösen Geister von heiligen Klängen unbelästigt umherstreifen können, so werden an diesem Tage in einigen Gegenden Deutschlands nach Lipperts und Halms Mitteilungen die Stuben gründlich gekehrt und die dabei benützten Besen, welche nach weit verbreitetem Aberglauben den Unholdinnen zum Aufenthalt dienen und daher auch Hexen genannt werden, gesammelt und öffentlich verbrannt.

1) J. Grentz berichtet in seinem Büchlein „Ensheim vor 60 Jahren“, daß in der Hinterpfalz die Dorfjungen am Karfreitag die Stelle der abwesenden Glocken übernehmen und die Stunden ausrufen mußten. Beim Brand der Kirche zu Groß-Tuchen (Pommern) flogen zwei Glocken in den Pirchensee, kommen aber regelmäßig am ersten Ostertag aus demselben hervor. K.Knortz, Amerikanische Volkskunde.

Die in New York wohnenden Russen nehmen aus demselben Grund gewöhnlich am ersten Ostertage eine genaue Säuberung ihrer Wohnungen vor; Mann, Frau und Kinder müssen sich an derselben beteiligen und alle dürfen während der Arbeit der Schnapsflasche fleißig zusprechen.

Das Osterei

Überall wo man Ostern feiert werden gefärbte Eier als Geschenk für Klein und Groß verwandt. Das Ei ist das Sinnbild des gefesselten, seiner Erweckung harrenden Lebenskeimes oder der schaffenden Naturkraft. Es ist also eine Welt im Kleinen, weshalb auch die Ägypter Sonne und Mond aus demselben hervorgehen ließen und ihrem Lichtgotte Ptah gefärbte Eier opferten. 1)

1) Ptah heißt „Eröffner“. Er entstand aus dem Weltei des Cnaph, dessen Symbole das Ei, der Urgrund aller Dinge und die geringelte Schlange; also die Ewigkeit, bilden.

Nach Ansicht der Griechen entstand die Erde aus dem Ei der Aphrodite, das vom Himmel fiel und von Tauben ausgebrütet wurde. Bei den Völkern des Orients galt allgemein das geflügelte Weltei als Sinnbild der Schöpfung.

Schon 777 vor Christo beschenkten sich die Chinesen an ihrem Frühlingsfeste Tsing Ming mit gemalten Eiern und dieser Gebrauch hat sich bis auf den heutigen Tag im Reiche der Mitte erhalten. Demselben liegt folgende Sage zu Grunde: Als einst ein Fürstensohn, um den Nachstellungen seiner bösen Stiefmutter zu entgehen, sein Vaterhaus verließ, begleitete ihn ein treuer Freund und teilte alle Leiden des Exils freiwillig mit ihm. Als aber der junge Fürst später den Thron seines Vaters bestieg und den Freund belohnen wollte, zog sich dieser, der keine öffentliche Anerkennung verdient zu haben glaubte, in die Baumwollberge zurück und lebte dort in größter Einsamkeit. Bald jedoch entdeckte der Fürst sein Versteck und sandte Leute aus, um ihn zu holen. Da er diesen nun unter keiner Bedingung folgen wollte, so steckten sie, um ihn in ihre Gewalt zu bringen, den Wald an, in dem er sich befand. Doch der selbstlose Mann ließ sich lieber verbrennen, als daß er eine Belohnung annahm, die nach seiner Ansicht unverdient war. Da dieses im Frühling stattfand, so mußte von nun an ein jeder Chinese während des Frühlingsfestes das Feuer auslöschen und durfte nur rohe Eier essen. Später wurde das Feuerverbot auf drei Tage beschränkt; die in dieser Zeit genossenen Eier mußten jedoch vorher gesotten und gefärbt werden.

Auch die alten Perser beschenkten sich an ihrem Frühlingsfeste Nurus mit gemalten Eiern.
Wie vorhin angedeutet, so sahen die alten Ägypter im Ei das Sinnbild der im Frühlinge erwachenden Naturkraft. Dies lehrt auch die Sage vom Phönix. Dieser, die Sonne vorstellende Vogel fällt, sobald seine Kraft entwichen, sterbend zur Erde nieder. Sein Körper wird darauf in ein Ei gehüllt, auf den Altar zu Heliopolis gelegt und im Frühling von den Priestern begraben. Bald schwingt sich dann der junge Phönix aus demselben empor. Der Phönix ist also einfach die sterbende Wintersonne, aus dessen Leiche sich später der junge Vogel, der Lenz, entwickelt. Als Sinnbild des ewigen Lebens finden wir ihn vielfach auf römischen Urnen abgebildet. Das griechische Wort für diesen Wundervogel und für Dattelpalme ist dasselbe; von letzterer glaubt man, daß sie, nachdem sie abgestorben sei, doch wieder neue Schösslinge treibt.

Das Ei ist zugleich Sinnbild der Welt und die Ägypter vergleichen daher die weiße Schale desselben mit der Ausdehnung des Himmels, die weiße Flüssigkeit mit der Luft und den Dotter mit dem Innern der Erde. Auch die Hindus und Phönizier haben ein solches, alle Naturkeime enthaltendes Weltei, das hell wie Gold ist und mit tausend Strahlen scheint. Die Perser erzählen sich, daß durch das gleichzeitige Zerbrechen eines guten und schlechten Eies das Gute und Böse in der Welt entstanden sei.
Im Gesetzbuch Menus (Indien, Hinduismus) steht zu lesen, daß Brahma aus dem wie tausend Sonnen glänzenden Weltei hervorgegangen sei, daß er es in zwei Teile zerlegt und daraus Himmel und Erde gebildet hat. Das indische Buch Oupnekat berichtet, daß das Weltei halb mit Gold und halb mit Silber (Himmel und Erde) gefüllt war; aus dem Hauptteil wurde die Sonne, aus dem Häutchen entstanden die Wolken und aus der weißen Flüßigkeit ging der Ozean hervor.

Auch die orphische Theologie kannte das geteilte Weltei.1) Nach Ansicht der Finnen legte einst ein geheimnisvoller Vogel ein Ei in den Schoß des Vaimainon, der es ausbrütete und ins Wasser warf, worauf es zerbrach. Danach bildete sich aus dem unteren Teile der Schale die Erde und aus dem oberen der Himmel; das Eiweiß wurde zur Sonne und der Dotter zum Mond, Aus den kleinen Stücken, welche sich abgelöst hatten, wurden Sterne.

1) S. 597. Johann Georg von Hahn, Sagwissenschaftliche Studien.

Der Mönch Caesarius von Heisterbach (1180-1240) bringt die Eier mehrfach mit der Sonne in Verbindung und läßt sie derselben sogar zufliegen. Seine darauf bezüglichen Erzählungen haben jedoch offenbar den Zweck, heidnische Gebräuche zu verdächtigen.

Ei und Schlange stehen in der indischen und keltischen, ja in der Mythologie fast aller Völker in naher Verwandtschaft zueinander; ersteres repräsentiert die Sonne und letztere, die zuweilen auch als Drachen erscheint, den Blitz oder den befruchtenden Gewitterregen. Auch Schiller besingt bekanntlich den Blitz unter dem Bild der Schlange.
„Unter allen Schlangen ist eine
Auf Erden nicht gezeugt,
Mit der an Schnelle keine,
An Wut sich keine vergleicht.“

Und diese Schlange oder dieser Basilisk entstammt dem Ei eines schwarzen Hahnes,1) der es im Verlauf von sieben Jahren ausbrütet. Fassen wir nun diesen Hahn als die schwarze Gewitterwolke auf, welcher der Blitz entfährt, und setzen wir statt sieben Jahre sieben Monate, die Zeit des Winters nämlich, so dürfte sich dieses Bild leicht erklären. In der Edda erscheint neben dem schwarzen Hahn auch ein roter; beide, die bei ihren Kämpfen laut krähen, bedeuten dasselbe.

1) Der schwarze Hahn legt ein Ei, wenn er 9 Jahre alt ist und läßt es dann von einem Drachen ausbrüten. R. Auning, Litthauischer Drachenmythus. Mitau 1892.

Die Redensart „Einem den roten Hahn aufs Dach setzen“ ist darauf zurückzuführen.
Der rote Hahn, dessen Geschrei den Tag verkündet und die Gespenster vertreibt, war dem Gewittergott Thor geheiligt und wurde ihm auch geopfert.

Legt ein Hahn ein schwarzes Ei, so kann der im Innkreis (Österreich) lebende Finder desselben leicht reich werden, wenn er seine Seligkeit abschwört und es neun Tage in der Achselhöhle mit sich herumträgt. Nach dieser Zeit springt der Teufel aus dem Ei hervor und dient ihm.

Nach einer Erzählung der Druiden ringeln sich im Hochsommer eine große Anzahl Schlangen zusammen, bilden aus ihrem Geifer ein Ei und werfen es in die Höhe. Wer es haben will, muß es, ehe es die Erde berührt, beim Mondenlicht in seinem Mantel auffangen; dann muß er auf schnellem Pferde entfliehen und zusehen, daß er, ohne daß ihn die verfolgenden Schlangen erreichen, ein fließendes Wasser überschritten hat. Dieses sagenhafte Schlangenei der Druiden ist in Gold gefaßt und kann im Strom aufwärts schwimmen. Derjenige, der es bei sich trägt, gewinnt die Gunst der Könige und Richter. Man hat auf einem Grabmal der Druiden zwei Schlangen abgebildet gefunden; die eine derselben trug ein Ei im Schlund und die andere war damit beschäftigt, es mit ihrem Geifer vollends auszubilden. Der Geifer, dem auch Saxo Grammaticus 1) wunderbare Kraft zuschrieb, bedeutet hier natürlich das Wasser als Grundbedingung des Wachstums.

1) Saxo Grammaticus (um 1160 – um 1220), auch bekannt als Saxo cognomine Longus, war ein dänischer Historiker, Theologe und Autor. Man nimmt an, dass er Sekretär von Absalon, Erzbischof von Lund, dem Hauptberater von Valdemar I. von Dänemark, war. Er ist der Autor der Gesta Danorum, der ersten vollständigen Geschichte Dänemarks.

Nach einer indianischen Sage kroch eines Tages auf der unter dem Namen „Roter Pfeifenstein“ bekannten Landstrecke in Dacota eine Schlange in das Nest eines Vogels, des großen Geistes nämlich, und fand darin ein Ei, das, nachdem sie es ausgebrütet, zum Donner ward. Wütend hierüber warf der große Geist einen Stein nach der Schlange; diese entpuppte sich darauf als Mann, welcher später Stammvater des Menschengeschlechts wurde.

Weil nun das Ei geheime Kräfte besitzt, so läßt es sich auch leicht zur Zauberei gebrauchen. Will man z. B. herausfinden, ob ein leidendes Kind behext sei, so stellt man ein mit Wasser gefülltes Gefäß unter sein Bett und legt ein Ei hinein; sinkt dasselbe zu Boden, so sind die Hexen nicht Schuld an der Krankheit; schwimmt es hingegen auf dem Wasser, so ist das Kind unzweifelhaft behext. Wer ein geweihtes Ei rückwärts in ein Feuer wirft, löscht dasselbe aus. Ein am Donnerstag gelegtes Ei unter der Türschwelle vergraben oder in einer neu aufgeführten Mauer verschlossen, schützt das Gebäude gegen Feuersgefahr. Es ist in diesem Falle einfach ein dem Donnergotte dargebrachtes Opfer. Das zu diesem Zwecke gebrauchte Ei, gewöhnlich Antlafsei genannt, wird zuweilen auch rot gefärbt und mit Johanniswein begossen. Es ist noch nach Jahren zu gebrauchen; wenn man die Schale desselben aufs Feld wirft, so bleibt dieses vor Gewitterschaden bewahrt, wenigstens glauben so die Hessen und Südslaven.

Ein rotes Osterei nüchtern gegessen, schützt gegen Bruchschaden, weshalb auch in einigen Gegenden Deutschlands schwer arbeitende Knechte mit einem solchen beschenkt werden.
Befindet sich eine transylvanische Zigeunerin in Geburtswehen, so eilen die Stammesgenossinnen herbei und jede läßt ihr dann ein Ei zwischen den Beinen hindurch gleiten. Dabei sprechen sie:
„Eichen, Eichen, ist so rund,
Auch der Bauch ist voll und rund,
Kindchen, komm hervor geschwind,
Gott, der, Herr ruft dich hervor!“
Stirbt nun die Frau im Kindbett, so legen sie ihr ein Ei unter jeden Arm und sprechen:
„Wenn verfault ist dieses Ei, Auch die Milch vertrocknet sei.“

Wer ein an einem Karfreitag von einer schwarzen Henne gelegtes Ei besitzt, kann alle Hexen sehen, denn dieselben müssen an diesem Tage in die Kirche gehen und dort dem Pfarrer den Rücken zudrehen.

Unter dem Ausdruck „Unglückseier“ versteht man kleine, längliche und leichte Eier, wie sie die Hühner zuweilen legen; dieselben werden, nachdem man drei Kreuze darüber gemacht, über das Haus oder die Scheune geworfen.
Damit sich nun die Hexen und sonstige böse Geister nicht in die Eier verstecken, oder dieselben als Boote gebrauchen, um damit die Schiffe auf dem Ozean zu zerstören, so werden in England, Holland und Russland die Eierschalen stets gewissenhaft zerbrochen. Wer besonders in Holland ganze Eierschalen ins Wasser wirft, kann sicher sein, daß sich die Elfen derselben als Boote bedienen.
Schottische Schiffer und Fischer glauben, es bringe ihnen Unglück, wenn sie ein Ei an Bord haben. Wenn die Kinder in England, Frankreich und Irland ein gesottenes Ei gegessen haben, stechen sie gewöhnlich mit dem Löffel durch die ganze Schale.

Das gefärbte Osterei ist das Sinnbild der erwachenden und erstarkenden Frühlingssonne, welche die Eisdecke bricht und das junge Leben hervorruft. Während des Mittelalters existierte in Deutschland der Brauch, am Karfreitag ein aus Eiern gebildetes Kreuz in ein offenes, sich in der Kirche befindliches Grab zu legen, um der Hoffnung auf Unsterblichkeit und Auferstehung Ausdruck zu verleihen. Aus diesem Grund legen auch die Slaven buntgefärbte Eier auf die Gräber ihrer Verwandten. Dies geschieht in Russland am sogenannten weißen Sonntag, oder wie er dort heißt „Elternsonntag“. In der Ukraine legt die Witwe zur Osterzeit gefärbte Eier auf das Grab ihres Gatten.

Da in den christlichen Ländern Europas während des Mittelalters und teilweise noch später zur Fastenzeit keine Eier gegessen werden durften, so machte es auf Ostern keine Schwierigkeit, die Kinder mit den inzwischen gesammelten Eiern beschenken zu können.

Daß die Kinder, denen der Osterhase plötzlich zahlreiche Eier gebracht hatte, leicht zum Spielen mit denselben verleitet werden, ist erklärlich. Sie stoßen die Eier an einander, was man in Baiern „spitzeln“ und in anderen Ländern „kippen“ nennt, und dasjenige, dessen Ei dabei zerbricht, muß sein Ei dem Sieger überlassen. Damit nun der Osterhase, den wir uns später etwas näher ansehen wollen, wegen des Platzes, auf den er seine Eier legen soil, nicht in Zweifel gerät, so machen die Kinder, die an ihn glauben, Nester für ihn auf die Höfe, in Gärten oder Scheunen, oder lassen auch das sogenannte Hühnerloch am Hause offen, damit er bequem hineinschlüpfen kann. In Großstädten, in welchen man den Kindern gerne eine Osterfreude bereiten möchte, und wo man selten über einen Hofraum verfügt, klettert jenes geheimnisvolle Tier sogar in die oberen Stockwerke der Häuser und legt seine Eier in ein Bett oder einen Wandschrank.

Wenn die bayerische Bäuerin wünscht, daß ihre Hühner während eines Jahres das Eierlegen nicht verlernen sollen, so steckt sie am Ostermorgen ihrem Oberknecht ein weißes Ei in den Mund und läßt ihn damit auf dem Hofe vor Sonnenaufgang herumlaufen.

Die Eier sind übrigens nicht nur als nahrhafte Speise, sondern auch als wichtige Omina (Omen) zu gebrauchen. Hat z. B. in Sachsen ein Bursche sein Auge auf ein bestimmtes Mädchen geworfen, und geht er mit der löblichen Absicht um, sie zu seiner Gattin zu machen, so braucht er sie nur an einem Sonntagnachmittage zur Kaffeezeit zu besuchen; setzt sie ihm alsdann Eierkuchen mit grünem Lauch vor, so kann er seine Werbung vorbringen, ohne dabei zu befürchten, abschlägig beschieden zu werden; wird er aber nur mit Kaffee oder sogar mit Rüben bewirtet, so braucht er sich keine Hoffnung zu machen.

In Tirol schenken die Mädchen den Burschen, um diese zur Liebe zu ermuntern, Eier, die am Samstag vor Ostern bei geweihtem Feuer gesotten worden sind. Auch schreiben sie zuweilen mit Scheidewasser Verse auf dieselben.

Zu Ebsdorf in Hessen versammeln sich die jungen Burschen am dritten Osterfeiertag im Wirtshaus und halten eine Versteigerung aller heiratsfähigen Mädchen des Dorfes ab. Nachdem dies geschehen, ziehen sie vor die Häuser jener Mädchen und lassen sich Eier schenken, die dann später gemeinschaftlich verzehrt werden.

In zahlreichen Orten Deutschlands gehen die Knaben, mitunter auch die Mädchen, am zweiten Osterfeiertage auf eine große Wiese und werfen gefärbte Eier hoch in die Luft. Derjenige, dessen Ei dabei nicht zerbricht, bildet sich nicht wenig auf sein Glück ein. Dieses Eierwerfen ist an Stelle des Ballschlagens getreten, womit man früher die aufgehende Ostersonne begrüßte.

Im Distrikt Brisse (Frankreich) herrscht der Gebrauch, am Ostermorgen hundert Eier auf eine Sandfläche zu legen und dann Jungfrauen und Jünglinge zwischen denselben einen Nationaltanz auffuhren zu lassen; das Paar, das dabei kein Ei zerbricht, muß sich heiraten, und die Eltern dürfen nichts dagegen einwenden.
In einigen Gegenden Frankreichs, Deutschlands und Österreichs geht der Priester an Ostern im Dorf herum, segnet die Häuser und läßt sich dafür mit Eiern belohnen. Daß dieser Brauch den Leuten nicht immer angenehm war, geht aus der Tatsache hervor, daß sich auf alten Kirchenstühlen einiger katholischen Gotteshäuser in der Rheinprovinz. z. B. in Cleve, Kempen u. s. w., Bilder eingraviert finden, welche habgierige Geistliche darstellen, wie sie Eier mit einem Flegel dreschen oder an das Licht halten, um zu sehen, ob sie frisch sind, oder die sogar Hennen befühlen, damit die Bauern nicht etwa sagen können, dieselben seien zum Eierlegen zu alt.

Daß das Ei Keim des Lebens und somit des Reichtums ist, glaubte auch die bekannte Bäuerin, die mit einem Korb voll Eier auf den Markt ging und unterwegs ausrechnete, was sie alles mit dem Erlös dafür kaufen könnte, bis sie plötzlich hinfiel und die Eier zerbrach. 1)

Da das Ei als Behälter ewigen Lebens gewissermaßen ein Rätsel ist, so ist es auch kein Wunder, daß es in der Rätsel Literatur eingehende Berücksichtigung gefunden hat. Häufig wird es mit einem weißen Hause, einem wundersamen Kloster, einer gelben Blume oder auch mit einer ohne Naht und Draht zusammengefügten, mit zweierlei Bier 2) gefüllten Tonne verglichen. Im Fall letztere zerbricht, vermögen die besten Schmiede der Welt nicht, sie wieder zu flicken.

1) Ähnliche Erzählungen finden sich in mehreren Überlieferungen. So heßt z. B. ein englisches Volkslied:
„My father he died, but I can ‚t tell you how,
He left me six horses to drive in my plough:
With my wing wang waddle oh,
Jack sing saddle oh,
Blowsey boys buble oh,
Under the brown.
I sold my six horses, and I bought me a cow,
I’d fain have made a fortune, but did not know how:
With my wing wang etc.
I sold my cow, and I bought me a calf,
I’d fain have made a fortune, but lost the best boef,
With my wing wang etc.
sold my calf, and I bought me a cat;
A pretty thing the was, in my chimney corner sat :
With my wing wang etc.
I sold my cat, and bought me a mouse;
He carried five in his tail, and burut down my house.
With my wing wang etc.
Siehe auch S. 61 Musäus, Rübezahlmärchen. (Reclam) S. 115. Hitopadesa. Übersetzt von L. Fritze. Leipzig 1888. S. 188. Johann Pauli, Schimpf und Ernst. Marburg 1856.

2) Das zweierlei Bier finden wir schon in der Herararasage. (S. 15 J. Gillhoff, das mecklenburgische Volksrätsel, Parchim 1892). Das dort angeführte Rätsel bezieht sich auf das Schwanenei, das auch in der pommerschen Folklore vielfach die Stelle des Hühnereis tritt. In Pommern ist es auch der Schwan und nicht der Storch, welcher die Kinder bringt.
Das verbreitetste englische Kinderrätsel lautet:
Humpty Dumpty sat on a wall,
Humpty Dumpty did a great fall;
Threescore mcn and threescore more
Cannot place Humpty Dumpty as he was before.“

Der Osterhase.

Doch kommen wir nun zu der wichtigen Frage, wer denn eigentlich die gefärbten Ostereier legt. Den Kindern erzählt man gewöhnlich, dies besorge der Osterhase in aller Frühe, und sie glauben es auch eine zeitlang, da sie nicht gewöhnt sind von den Eltern in wichtigen Angelegenheiten belogen zu werden. Lange hält dieser schöne Glaube allerdings nicht bei ihnen an, denn gar bald werden sie von bösen Buben belehrt, daß der Hase nur „krumme Eier“ legt. Trotzdem bleibt er das Lieblingstier der Kinder, die ihm daher auch in ihren Spielen eine bevorzugte Rolle einräumen. Zu Galway in Irland haben die jungen Leute ein Spiel, das sie „Hasentanz“ nennen. Sie hüpfen dabei in gebückter Stellung auf dem Felde, dem Hofe oder auch in der Stube herum und singen:
„Der Hasentanz
Im Gerstengarten;
Der jüngste Hase
Brach das Bein.“
Derjenige, der alsdann zuerst hinfallt, erhält den Spottnamen „der unglücklichste, jüngste Hase.“ 1)

Der Hase ist der Frühlingsgöttin Freya geweiht und paßt infolge seiner sprichwörtlichen Fruchtbarkeit so recht zur sprossenden Frühlingsnatur und zum lebenskräftigen Osterei. Seine Beziehungen zur Götterwelt haben ihn im Laufe der Zeit auch in den Ruf der Zauberei gebracht. Sein Fett soll Frostbeulen heilen. 2)

1) S. 41 J. Mooney, The Funeral customs of Ireland. Philadelphia 1888.
2) In Oberbaiern besitzt der Lauf eines am ersten Freitag im März geschossenen Hasen besondere Zauberkraft. – Dort soll auch der Balg eines zwischen den beiden Frauentagen „Lichtmess“ und „Maria Verkündigung“ die Gesichtsrose vertreiben, wenn er vor der Anwendung in Blut getaucht worden ist. Dr. M. Höfler, Volksmedizin und Aberglaube in Oberbaiern. München 1893.

Am Karfreitag soll er sich sogar, wie ihm böse Menschen in England nachreden, in eine Hexe verwandeln und den Kühen die Milch aussaugen weil der Hase geheime Kräfte besitzt, so soll der Teufel stets bereit sein, einen zu kaufen und dafür einen wertvollen Heckethaler zu geben. Wer sich nun in den Besitz eines solchen Geldstückes bringen will, muß in der Silvesternacht einen schwarzen Kater in einen Sack stecken, denselben mit 99 Knoten zubinden, dann damit dreimal um die Kirche gehen und dabei jedesmal an die Kirchtür klopfen. Wenn alsdann der Teufel kommt und fragt, was man wolle, so muß man sagen, daß man einen Hasen zu verkaufen habe. Sobald er nun den berühmten Taler, der die Tasche nie leer werden läßt und stets in dieselbe zurückkehrt, ausgeliefert und den Sack in Empfang genommen hat, muß man sich schnell in Sicherheit bringen; denn findet er zeitig heraus, daß er eine Katze im Sack gekauft hat, so dreht er dem Betrüger den Hals um.

Die Hasenpfote

In den Märchen der Hottentotten (Koloniale Bezeichnung für die in Südafrika und Namibia lebende Völkerfamilie der Khoikhoi) spielt der Hase die Rolle des alle anderen Tiere überlistenden Fuchses. Nach der Hitopadesa der Inder besiegt er durch seine Schlauheit sogar den Elefanten. „Br’r (Brother) Rabbit“ der nordamerikanischen Afrikaner ist das zauberkräftigste und verschmitzeste Tier der Welt. Fast jeder von ihnen trägt daher eine Hasenpfote bei sich, um sich dadurch gegen Ungemach zu schützen. Dies ist sogar neuerdings bei amerikanischen Damen, die Überfluß an Zeit und Geld, aber großen Mangel an gesundem Menschenverstand besitzen, Mode geworden; sie lassen ein solches Zauberfüßchen in Gold fassen und tragen es als Brosche, Brustnadel oder Uhrgehänge zur Schau.

Eine der merkwürdigsten Begleiterscheinungen der MacKinley-Bryan’schen Wahlkampagne (Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten 1896) bildete der Verkauf grosser Mengen von Hasenpfoten. Der Handel hatte seinen Grund in dem Aberglauben, daß der linke Hinterlauf von einem Hasen, welcher um Mitternacht vermittelst einer silbernen Kugel auf einem Friedhof geschossen wurde, seinem Besitzer Glück bringt. Dieser Aberglaube florierte schon früher in Onkel Sams Land. Ein alter Mann in New York hinterließ seiner Zeit bei seinem Tode ein Vermögen von 20,000 $ das er mit dem Einsammeln und dem Verkaufe von Hasenpfoten erworben hatte. Der betreffende Aberglaube kam, wie gesagt, bei dem letzten Präsidentschaftswahlkampf wieder zu hohem Ansehen. Man faßte die Hasenpfoten, je nach der politischen Parteistellung des Käufers, mit Zinn oder Messing ein; die Juweliere bekleideten sie mit Gold und Silber; jede Hasenpfote, gleichviel ob sie 25 Cents oder das Zehnfache dieses Betrages kostete, wurde aber unter der Garantie abgegeben, daß sie jene Friedhofs-Erfahrung hinter sich habe.

Den Anstoß für das Wiederaufleben besagten Aberglaubens hat, scheint es, ein westlicher Popokrat (Wer für den Demokraten Bryan und Sewall stimmte, wurde als Popokrat bezeichnet) gegeben, der dem Präsidentschaftskandidaten Bryan eine Hasenpfote mit einem Schriftstück übersandte, welches die Anleitung für die Befestigung der Pfote enthielt. Bryan soll dann auf seinen Reisen diese Hasenpfote auch immer bei sich getragen haben.

Welchen Umfang die Hasenpfotenverrücktheit während des Wahlkampfes übrigens annahm, kann man aus dem Folgenden ersehen: Ein Franzose, der in New York ein kleines Geschäft mit Kurzwaren betreibt, erhielt an einem Tag eine Kiste mit 500 Hasenpfoten zugesandt, die er mit Zinn und Messing einfaßte und an Strassenhändler abgab. Binnen zwei Tagen waren die Pfoten für je 25 Cents verkauft, und die Händler verlangten noch mehr Vorrat. Mit Flinten und Fallen durchstreiften hierauf die kanadischen Verwandten des Franzosen die dortigen Wälder, um „linke Hinterläufe“ von Hasen, von denen jeder selbstverständlich deren vier hatte, zu sammeln.

Obgleich der Hasenpfotenhandel während des verflossenen Wahlkampfes von den Silberleuten ins Leben gerufen wurde, scheinen es im Verlaufe desselben doch die Goldleute gewesen zu sein, welche die meisten Kunden in dieser Narrheit stellten. „Von den 500 Hasenpfoten,“ so ließ sich der erwähnte Franzose einem Zeitungsreporter gegenüber vernehmen, „montierte ich 300 mit Messing und die übrigen 200 mit Zinn. Bevor jedoch der ganze Vorrat veräussert war, mußte ich bei 150 von den 200 mit Zinn bekleideten Hasenpfoten das Zinn mit einem Goldbelag überziehen, so daß von dem Vorrat im Ganzen nur 50 ,Bryan-Hasenpfoten‘ verkauft wurden. Die an mich ergangenen Nachfragen für Hasenpfoten habe ich nicht zur Hälfte decken können, trotz meiner Bemühungen um herbeischaffung neuer Vorräte und trotz der guten Preise, die ich dafür bot. Ich selbst verdiente an jeder ungefähr 100 Prozent.“

Die Hasenpfoten-Tollheit in der letzten Wahlkampagne erstreckte sich nicht allein auf die ärmere Klasse. Ein Diamantensetzer und Juwelier New Yorks äusserte sich: „Die bemerkenswerteste Art von Aufträgen, die ich je in meinem Beruf empfing, hatte ich während des zurückliegenden Wahlkampfes auszuführen. Die meisten dieser Aufträge stammten von Damen, von denen die Hälfte Schauspielerinnen waren:
So mußte ich eine Hasenpfote mit einer Goldspitze. drei Goldbändern und drei Diamanten ausstatten. Diese Arbeit brachte mir 100 Dollars ein. Dutzende von Hasenpfoten versah ich mit Goldspitzen und kleinen Diamanten. Die Preise für diese derart ausstaffierten ,Parteiabzeichen‘ variierten von 10 bis 75 Dollar. Mit jeder mir behufs Ornamentierung eingeschickten Hasenpfote erhielt ich zugleich den ausdrücklichen Befehl, dieselbe ja nicht mit einer anderen Hasenpfote, mit der ich allenfalls gerade beschäftigt sei, zu verwechseln, da jene Pfote in der Tat einem Hasen entstamme, „der um Mitternacht vermittelst einer silbernen Kugel auf einem Friedhof geschossen wurde,“ im Gegensatz zu den anderen Hasenpfoten, bei denen ja doch nur eine Fälschung vorliege. Selbstverständlich richtete ich mich nicht nach dieser Anweisung. Erhielt ich eine Anzahl Hasenpfoten, so warf ich sie in eine Kiste, der ich sie dann entnahm, je nachdem die Aufträge einliefen. Dieses Verfahren war für mich leichter, und die verehrten Auftraggeber wußten ja doch nicht, ob sie ihre eigene Hasenpfote wieder erhielten oder eine andere.“
Trotzdem Bryan ausser Hasenfüßen auch noch vierblättriger Klee und eine Menge Hufeisen zugeschickt wurden, wurde er doch gründlich im Wahlkampfe geschlagen.

Der Kuckuck

In Pommern verehrt man statt des Osterhasen den Osterwolf und läßt diesen auch die obligaten Ostereier legen.
Trotzdem der Kuckuck nur als Frühlingsbote mit dem Osterfest in Verbindung steht, so wollen wir ihm doch einige Worte widmen. In der indischen Mythologie war er Indra, in der deutschen Thor oder nach Simrock Freya geweiht. Zywin, der Gott der alten Polen, verwandelte sich jedes Jahr in einen Kuckuck; auch Zeus machte sich mehrmals dies Vergnügen. Wer um die Osterzeit in Westfalen zuerst die Stimme des Kuckucks vernahm, erhielt ein Ei zur Belohnung. Wie gerne man früher den Kuckucksruf hörte, geht auch daraus hervor, daß seine Stimme in den Kirchen während des risus paschalis (Osterlachen) durch eine besondere Orgelpfeife nachgeahmt wurde. Allerdings ist er in der Vogelwelt nicht der einzige Verkünder des Frühlings, aber er macht sich, wenn er, wie es in einem Liede heißt, den Winter auslacht, viel bemerkbarer als die andern. Auch Shakespeare läßt ihn in seinem Lustspiel „Der Liebe Müh verloren“ als Boten des Lenzes erscheinen und die den Winter repräsentierende Eule zum Schweigen bringen.
Da er nach altem, schon von Hesiod erwähnten Aberglauben, großen Einfluß auf das Wetter und somit auf die Ernte hat, so rechnet man in Schwaben aus seinem Rufe sogar den zukünftigen Weizenpreis heraus. Ein englisches Kinderlied lautet:
„The cuckoo’s a fine bird,
He sings as he flies;
He brings us good tidings,
He teils us no lies.“
Der Kuckuck aber prophezeit nicht nur das Wetter, sondern auch die Dauer der Lebensjahre; denn er gibt auf die Frage:
„Kuckuck im grünen Wald,
Wie viel Jahre werd‘ ich alt?
stets durch die Zahl seiner Rufe Auskunft. Da er selber sehr alt werden soll, so sagt man auch von einer alten Jungfer, die sich ungern an ihren Geburtstag erinnern läßt, sie habe den Kuckuck schon oft schreien hören.
Demjenigen, der den Kuckuck schreien hört und der dabei zufällig Geld in der Tasche hat, wird es neun Jahre lang nicht an diesem Edelmetall fehlen. In Westfalen sagt man, daß dem, der sich beim Rufen des Kuckucks im Grase herumwälze, das ganze Jahr der Rücken nicht weh tue. Plinius erzählt, daß man den Rasen, über welchem der Kuckuck im Frühling geschrieen, ausgrabe und Glück davon erwarte.

In Irland scheint unser Vogel früher sehr beliebt gewesen zu sein, wenigstens tragen dort die Endsilben der Bezeichnungen zahlreicher Dörfer und Städtchen seinen Namen (cuach oder coagh).

Da der Kuckuck stets seinen eigenen Namen ruft, so haben ihm auch die meisten Sprachen denselben gelassen. Altindisch heißt er kukula, spanisch und italienisch cuculo, chinesisch ku-ku-tsio (das letzte Wort bedeutet Vogel) und altnordisch gaukr, aus welchem das englische gowk oder gawk und das deutsche Gauch oder Narr geworden ist, da einer, der nur zwei Töne von sich geben kann und dieselben beständig wiederholt, ein Dummkopf sein muss. Auch rufen die deutschen Kegeljungen, wenn ein Spieler den Ball in die Gasse geworfen hat, höhnisch „Kuckuck“.

Betreffs der ehelichen Treue ist der Kuckuck ebenso unzuverlässig wie das Wetter des Ostermonats April, in dem er sich gewöhnlich zuerst hören läßt. Daß er gerne auf galante Abenteuer ausgeht, liegt einmal in seiner Natur, denn er scheint in dieser Hinsicht erblich belastet zu sein, was auch schon durch die ihm von den Indern beigelegte Bezeichnung Kamagana, „der aus Liebe Erzeugte“ angedeutet wird. Infolge seines stets zur Liebe geneigten Herzens beschäftigen sich auch zahlreiche Volkslieder mit ihm. Nach einem anhalt-dessauerschen Liede hält er sich einen Harem mit vierzehn Frauen; vielleicht hat er auch noch mehr, denn er singt:
„Im Winter bin ich im Wald,
Im Sommer auf grünen Auen,
Da hab‘ ich meinen Aufenthalt
Bei schönen Schäferfrauen.“
Nach einem deutsch-böhmischen Lied begnügt er sich mit zehn Frauen und wird dafür auch „braver Mann“ genannt. In einem hessischen Liede heißt es:
„Der Kuckuck ist ein närrischer Mann,
Er wollte gern zwölf Weiber han.“
Nach einem aus dem Kurlande stammenden Lied hat er eine alte Frau, „doch eine junge Dirn dabei.“

Da er stets verliebt ist, so macht er sich auch gerne bei Hochzeiten nützlich; als fideler Musiker spielt er den Gästen zum Tanze auf und führt später als dienstbarer Kämmerling die Braut ins Schlafgemach.
Auf einem Basrelief, welches den Hochzeitszug Jupiters und Heros darstellt, sitzt ein Kuckuck auf dem Szepter des Bräutigams, um anzudeuten, daß sich dieser der Braut zuerst in Kuckucksgestalt genaht hat. Auch Indra tritt, wie im Ramayana erzählt wird, als Kuckuck, dem dort das Epitheton „herzerobernd“ beigelegt ist, zu dem Zweck auf, um die Nymphe Rambha bei ihrem Versuch, den alten Asketen Visvamitra an sich zu ketten, zu unterstützen.

Der hintergangene Ehemann wird im Französischen cocu genannt. Shakespeare legt mehrmals einem ungetreuen Ehemann die Bezeichnung „Kuckuck“ bei. Die Schweizer nennen einen unerwünschten Nebenbuhler Gugsch. Nach schwedischen und dänischen Märchen bringt der Kuckuck einem jungvermählten Paar eine Nuss als Symbol der Fruchtbarkeit. Der Mann, der in der Steiermark einen Baum umfaßt, auf dem ein Kuckuck sitzt, kann eine gebärende Frau aus Kindesnöten befreien. Ein von der deutschen Sprachinsel Gottschee (Gottscheer Land, Slowenien) stammendes Liedchen läßt den Kuckuck aus Furcht, daß sein Liebchen einen anderen heiraten wolle, sterben.

In Tyrol hört man zuweilen das Schnadahüpfl:
„Und der g’scheiteste Vogel
Muss der Gugezer sei,
Die andern bau’n d‘ Nester
Und er setzt sich ’nei.“
Es dürfte übrigens zweifelhaft sein, ob diese Anklage auf Wahrheit beruht. Mit größerer Sicherheit aber nimmt man an, daß Frau Kuckuck, die sich ebenfalls keines moralischen Rufes erfreut, ihre Eier in fremde Nester legt und den Eigentümern derselben die fernere Sorge dafür überläßt, Ehebrecherinnen haben ja niemals Sinn für Häuslichkeit und die damit verbundenen Arbeiten gehabt.

Wer übrigens eines Kuckuckseis habhaft wird und es bei sich trägt, kann auf Erfolg in der Liebe rechnen; im Notfall bewirkt dies auch eine Kuckucksfeder.
Die Slaven fassen hingegen den Kuckuck als ernstes, melancholisches und trauerndes Geschöpf auf. „Klagen wie der graue Mann“ ist eine Redensart, die in ihren Liedern häufig vorkommt.

Wie Thor im Volksglauben allmählich zum Teufel geworden ist, so ist es auch seinem gefiederten Repräsentanten, dem Kuckuck, ergangen. Deshalb sagt man heute zu dem, dem man zum Gottseibeiuns wünscht, er solle zum Kuckuck gehen oder der Kuckuck solle ihn holen. .Matthias Claudius hat ihn daher auch auf den B’ocksberg versetzt. Ihn zu bewillkommnen ist also nicht immer angebracht. Wenn im Vogtland eine barfüßige Frau seinen Ruf vernimmt, so bekommt sie schlimme Füsse, und in Böhmen stirbt die Frau, auf deren Haus er sich niederläßt. In Gestalt eines Bäckerknechtes soll er einst armen Leuten den Teig gestohlen haben.

Osterbräuche

Doch nun zurück zu unserem eigentlichen Thema, den Ostergebräuchen. Dass sich die Kirche der allgemeinen Festfreude gegenüber nicht ablehnend verhielt, sondern vielmehr gerne selber ihr Scherflein zur Erheiterung des durch die lange Fastenzeit abgespannten Volkes beitrug, geht aus zahlreichen Überlieferungen hervor. 1) Da wurden dramatische Vorstellungen in den Kirchen veranstaltet und Schnurren erzählt, die mitunter an Derbheit nichts zu wünschen übrig ließen. Der populäre, unter dem Namen risus paschalis bekannte dramatische Scherz stellte Christus vor, wie er nach der Auferstehung mit seinem Kreuze an das Höllentor pocht und zwei Teufeln die Nasen, welche sie als Riegel vorgeschoben, zerquetscht. Einst schloss ein Geistlicher zu Eichstädt in Bayern seine Osterpredigt mit der Aufforderung, jeder christliche Mann, der Herr in seinem Hause sei, sollte „Juch“ schreien und beide Hände hoch heben. Da sich nach geraumer Zeit niemand regte, so rief er selber „Juch“ und gleich stimmten alle mit ein. Nach einer anderen Lesart soll dies ein Gemeindemitglied gethan haben, das dann auf Kosten aller anwesenden Männer reichlich bewirtet wurde.

1) In der Stadt Mexiko wird am Karsamstag ein aus Pappendeckel verfertigtes Ross, auf dem ein aus demselben Stoffe bestehender Reiter sitzt, mit Silbermünzen gefüllt und dann auf einem öffentlichen Platze mit Pulver gesprengt. Darnach dürfen die armen Leute die Geldstücke aufsammeln.

In Spanien traten früher zu Ostern zwei Spassmacher, Gil und Pasqual, in der Kirche auf und gaukelten den Leuten allerlei vor, um sie zum Lachen zu reizen. Dadurch, daß man derartige Scherze aus der Kirche verbannte, hat dieselbe viel von ihrer Volkstümlichkeit verloren und ausserdem ist, nebenbei gesagt, die Heuchelei dadurch befördert worden.

Im 14. Jahrhundert soll es in einigen gallikanischen Gemeinden (französische Form des Episkopalismus) Gebrauch gewesen sein, einem Juden am Ostertag in der Kirche eine Ohrfeige zu applizieren. Bei dieser Gelegenheit soll einst ein französischer Würdenträger zu Toulouse einem Hebräer eine so kräftige Backpfeife verabfolgt haben, daß diesem das Gehirn aus dem Kopfe spritzte.

In Amerika, besonders in Virginia, Nord- und Südkarolina wurde früher der Ostersonntag „the first holiday“ genannt, an dessen Feier alle, Fromme sowohl wie Gottlose, lebhaften Anteil nahmen. Die Kinder wurden fortgeschickt, um buntbemalte Eier zu suchen und dasjenige, das die meisten fand, bildete sich nicht wenig darauf ein. In allen Häusern hielt man freie Tafel und jeder Besucher wurde mit Kuchen, Pasteten, Schinken und Schnaps traktiert.
Wer in Neuengland auf Ostern kein Ungemach auf sich herab beschwören will, muss neue Kleider anziehen, wie in dem Verse angedeutet ist:
„At Easter let your cloth es be new,
Or else be sure you will it rue.“
In Washington versammeln sich die Kinder am Ostermontag im Garten des weißen Hauses, um dem Spiele des „egg-rolling“ zu huldigen. An demselben nehmen oft 4 – 5000 Kinder teil; es befinden sich darunter die Sprößlinge der Armen und Reichen, ja sogar die der fremden Gesandten, die es sonst nicht wagen würden, sich unter plebejische Republikaner zu mischen. Die Eier werden einen Abhang hinunter gerollt und derjenige Knabe, dessen Ei dabei zerbricht, muß es seinem Rivalen überlassen, der es gewöhnlich auf der Stelle verzehrt. In England sprechen die Kinder bei demselben Spiel:
„Carland, parland, paste-egg day.“
In dem altenglischen Verse
„Tid, Mid and Miseray,
Carling, Palm and Good-pass day
wird jedem Sonntag der Fastenzeit ein besonderer Name gegeben und die Engländer wollten das, was sie in genannter Zeit an den Wochentagen versäumten, wenigstens an den Sonntagen nachholen. Ihre Hauptfröhlichkeit begann übrigens erst am vierten Sonntage, den sie Midlent Sunday, Mothering Sunday and Care oder Carling Sunday nannten. Mothering Sunday hießen sie ihn anfangs deshalb, weil sie alsdann in der Mutterkirche früh ihre Andacht verrichteten; später aber, weil sie wirklich zu ihrer eigentlichen Mutter eilten und ihr Kuchen und Schmucksachen schenkten. An diesem Tage machten sich besonders die unteren Volksklassen gegenseitig Besuche und verbrachten die Zeit mit Essen und Trinken. Unter „going a-mothering“ verstand man auch den Genuß einer aus geschroteten, in Milch gekochten aus Weizen bestehender Speise, welche furmity oder frumenty (lat. frumentum) hieß. Eine an diesem Tage vielfach genossene Speise hieß Care oder Carlings und bestand aus Erbsen, die zu einem mit Salz und Pfeffer gewürzten Kuchen gebacken waren. Eine altenglische Legende erzählt, daß einst zur Zeit einer Hungersnot ein mit Erbsen beladenes Schiff an der englischen Küste strandete und daß dadurch sich die Leute am Leben erhalten konnten.

In Northumberland wurden diese carlings als lose Erbsen verzehrt. Jede Person schöpfte sich mit einem Löffel so viele heraus, bis schließlich nur so viele übrig blieben, um den Boden der Schüssel zu bedecken. Dann mußten die Erbsen der Reihe nach einzeln heraus geholt werden und diejenige Person, welche die letzte Erbse erhielt, war sicher, sich innerhalb eines Jahres verheiraten zu können.

Fische ass man im 14. Jahrhundert in England zur Fastenzeit massenhaft und für gute Sorten wurden oft fabelhafte Preise bezahlt. Nur Seehunde ass man nicht und tötete sie auch nicht gerne, besonders nicht in Irland, weil man glaubte, dieselben seien von den Seelen der bei der Sintflut Ertrunkenen bewohnt. Auch sagte man, die Seehunde könnten ihre Felle ablegen und in Menschengestalt den Strand betreten; wer einer Seehündin bei dieser Gelegenheit das Fell stahl, konnte sie als seine Frau beanspruchen. Die deutsche Mythologie berichtet bekanntlich ähnliches von den Seejungfern.

Ein altes Manuskript im britischen Museum enthält ein Rezept für die Herstellung eines Meerschweinchen-Puddings („puddynge of porpoise“), der zur Zeit Heinrichs III., wie auch Lampreten (Neunaugen) und Heringspasteten, für eine unvergleichliche Delikatesse gehalten wurde. Die Stadt Yarmouth mußte, wie in ihrem Freibrief bestimmt war, dem König jährlich 24 aus hundert Heringen zusammengesetzte Pasteten senden.

Am Karfreitag wurde früher in England und jetzt noch in Amerika ein mit einem Kreuz verziertes Backwerk (cross bun) gegessen und dadurch das Haus mindestens auf ein Jahr gegen Feuersgefahr geschützt. Die an genanntem Tage gelegten Eier sollten, wenn in ein Feuer geworfen, dasselbe auslöschen. Am Karfreitage buk man auch in England einen kleinen Laib Brot, von dem man bei Unglücksfällen ein Stückehen abschnitt und ins Wasser legte. Nach vielverbreitetem Glauben konnte man sich in Irland dadurch aller Sünden entledigen, daß man sich am Todestage Christi das Haar abschneiden ließ, außerdem befreite man sich dadurch auf die Dauer eines Jahres von Kopfweh.

Die im Jahre 1633 in England der Hexerei angeklagte Margaret Johnson berichtete, daß sich am Karfreitag „good Friday“, die Hexen versammelten, um Vorbereitungen für ihre am Ostersonntag stattfindenden Schmausereien zu treffen. Letzteres taten übrigens auch die gewöhnlichen Engländer; sie schlachteten zahlreiche Hühner und brieten sie, doch durfte niemand ein Stück Fleisch vor dem ersten Hahnenschrei des Ostermorgens anrühren. Zuweilen hingen sie auch eine mit Sprühteufeln gefüllte Figur des Verräters Judas an einem Strick auf und zündeten dieselbe um Mitternacht an. „Out with the Lent“ wurde dann gerufen und mit den Händen geklatscht. Um morgens 4 Uhr standen besonders die Landleute Englands auf, um das Tanzen der Sonne zu sehen. Darauf beziehen sich folgende Verse:
„Old wives, Phoebus, say
That on Easter day
To the music of the spheres you do caper;
If the fact, sir, be true,
Pray let’s the cause know
When you have any room in your paper.“

„The old wives get merry
With spiced ale or sherry
On Easter, which makes them romance;
And whilst in a rout
Their brains twirl about,
They fancy we caper and dance.“

Ein in England zur Osterzeit viel gegessenes Gebäck, eine Art Rosinenkuchen, führte den Namen Simnel. Einige Städte, besonders Lancaster und Bury waren durch die Herstellung jener Kuchensorte berühmt und als sich der Prinz von Wales verheiratete, schickten ihm die Frauen des letztgenannten Ortes ein solches Gebäck zum Hochzeitsgeschenk. Der Name desselben ist auf folgende Weise entstanden:
Simon und Nelly, zwei alte Eheleute, hatten die Gewohnheit, ihre Kinder und Enkel auf Ostern bei sich zu versammeln. Bei dieser Gelegenheit fand einstmals die Hausfrau heraus, daß sie noch viel ungesäuerten Teig aus der Fastenzeit übrig hatte und nahm sich vor, denselben zu verwerten. Ihr Mann machte den Vorschlag, einen Pflaumenpudding damit zu vermischen, worauf dann die Frage aufgeworfen wurde, ob dieses Mixtum Compositum gekocht oder gebacken werden sollte. Als sich beide darüber nicht einigen konnten, ergriff Nelly einen Fußschemel und warf ihn ihrem Manne an den Kopf; dieser schlug ihr darauf mit einem Besen die Schultern blau. Endlich einigten sie sich dahin, daß jener Pudding zuerst gekocht und dann gebacken werden sollte. Zu diesem Zweck wurde dann der Schemel und der Besen unter dem eisernen Kochtopf verbrannt. Die bei jener Prügelei zerbrochenen Eier wurden in den Rand des Puddings gebacken. Jenes Backwerk wurde anfangs Simon und Nelly, später kurzweg Simnell (Kuchen) genannt.

In einigen Gegenden Englands herrschte früher der Brauch, daß am Ostersonntag die Männer das Recht hatten, auf einem Stuhle sitzende oder im Bette liegende Frauen in die Luft zu heben; am folgenden Tage durften die Frauen den Männern denselben Liebesdienst erweisen. Dies sollte die Auferstehung vorstellen. Derjenige, der einen anderen auf der Straße in die Höhe hob, erwartete von demselben ein Geschenk.

An dem in England früher auf Ostern leidenschaftlich kultivierten Ballspiel, gewöhnlich stool ball genannt, nahmen Jung und Alt und sogar Geistliche und Staatsbeamte in ihrer Amtstracht teil.
Wenn zu Cole’s Hill in Warwickshire die jungen Leute einen von ihnen gefangenen Hasen vor zehn morgens dem Ortsgeistlichen an Ostern bringen, so muß er ihnen einen Kalbskopf, hundert Eier und außerdem noch ein Geldgeschenk verabfolgen.
Im Altenglischen wird Ostern häufig „God’s Sunday“ genannt. Der Ursprung dieser Bezeichnung wird durch folgenden Vers erklärt:
„Wen Cryste soe nekid and forlorne;
Had on ye crosse hys goode hymbes torne;
Wen, three dayes after, all men sayde,
‚Thys Chryste ys rysen from ye dede,‘
Gode sayde, ‚Mye chyldren, tys mye waye
Ye calls thys alwayes Gode’s Sondaye.'“

Die Bewohner von Wales glauben, daß die Elfen, welche sie „Y tylyth teg“ (das schöne Volk) nennen, den Menschen an Ostern günstig gesinnt seien und ihnen jeden Wunsch gewährten. Leider lassen sie sich jedoch selten sehen.

Zu Biddenden in Kent (Borough of Ashford) müssen laut eines alten Vermächtnisses auf Ostern 600 Kuchen unter die Armen verteilt werden. Diese Kuchen haben die Form von zwei Frauen, die mit Schultern und Hüften zusammen gewachsen sind.

Das jüdische Osterfest. Pesach oder Mazzotfest

Kein Volk hat wohl triftigere Gründe, das Osterfest freudig zu begehen, als das jüdische. Das jüdische Osterfest dauert sieben Tage, wovon aber die Reformjuden nur den ersten und letzten feiern. Ausser Pesach heißt es auch Mazzotfest, zur Erinnerung an den Umstand, daß die Juden bei ihrer plötzlichen Flucht aus Ägypten den Teig mitnahmen, ohne ihn vorher gesäuert zu haben.

Die jüdischen Frauen bemühen sich lange vor Anfang des Festes das Haus von allem Gesäuerten zu reinigen und alles Geschirr, das während des Festes benutzt wurde, zu säubern und in einer abgesonderten Kammer aufzubewahren, damit es ja nicht mit den am Pesachfest gebrauchten Koch und Trinkgefäßen in Berührung komme. Der Tisch wird mit dem feinsten Geschirr besetzt. In der Mitte desselben befindet sich ein Teller mit Mazzot (ungesäuertes Brot), bitteren Kräutern, Petersilie und ein aus Äpfeln und Nüssen bereiteter Brei, Charosett genannt. Die bitteren Kräuter (moror) sollen an die Leiden unter Pharao und das Charosett, welches wie Lehm oder Mörtel aussieht, an die Zeit erinnern, da die Juden Frondienste verrichten und Ziegelsteine machen mußten.
Nachdem sich die Familie an den Tisch gesetzt hat, liest der Hausvater folgende Stelle aus der Hagada vor: „Dies ist das armselige Brot, das unsere Vorfahren im Lande Ägypten gegessen. „Wer hungrig ist, komme und esse; wer bedürftig ist, komme und feiere das Fest mit uns, dieses Jahr hier, im kommenden Jahr im Lande Israel; dieses Jahr sind wir dienstbar, in der Zukunft sind wir freie Leute.“
Darauf fragt ein Mitglied: „Warum unterscheidet sich diese Nacht von den übrigen Nächten? Sonst essen wir Gesäuertes und Ungesäuertes, jetzt aber nur Ungesäuertes; sonst können wir uns anlehnen oder nicht, heute aber müssen wir alle angelehnt sein.“ 1)
Der Hausvater erzählt darauf die Geschichte der Juden und teilt dabei die bitteren Kräuter zum Essen aus. Viermal werden die Becher mit Wein gefüllt und ausgetrunken; dazu werden Gäste aus allen vier Himmelsgegenden eingeladen. Die Kabbala verlangt, daß vor dem Schlafengehen ein mit Wein gefüllter Becher auf dem Tisch für den Propheten Elias zurückgelassen wird. Nachdem dann ein religiöses, kettensatz ähnliches Lied, in dem die Zahlen 1 bis 13 mit dem Glauben in der Geschichte der Juden in Verbindung gebracht sind, gesungen worden ist, erhebt sich der Hausvater und spricht: „Das Denkmal des Pesach ist nun nach Vorschrift, nach allen Formen und Gebräuchen vollbracht. Möchten wir das Glück haben, es in der Tat auszuführen, wie wir das Vergnügen hatten, es in Worten vorzutragen. Allerheiligster, richte wieder ein gebeugtes Volk auf, ehemals von dir gesegnet. Erhalte die Sprößlinge eines Baumes, den du selbst eingesetzt und führe unter Freudengesängen uns nach Zion zurück!“ Diese Ansprache ist in der Hagada unter dem Titel „Chasal Sidur Pesach“ bekannt.

1) Das Anlehnen bedeutet die ungenierte, behagliche Ruhe, deren sich nun die Israeliten nach dem Auszug aus Ägypten erfreuen.

Schachtel, Ketten- oder Treppensätze.

Nachdem sich nun die Tischgesellschaft an dem Besten aus Küche und Keller gelabt hat, werden einige Psalmen zitiert und dann wird mit ungeheurer Heiterkeit das „Lied vom Zicklein“ vorgetragen. Da dieses nur das Urbild aller sogenannten Kettensätze (englisch „cumulative stories“, französisch „récapitulades“) genannt, bildet, so wollen wir es hier nach Dr. Cassels Übersetzung vollständig folgen lassen.
„Ein Zicklein, ein Zicklein, welches kaufte mein Vater für zwei Sus; ein Zicklein, ein Zicklein.
Da kam die Katze und fraß das Zicklein, welches kaufte mein Vater für zwei Sus; ein Zicklein, ein Zicklein.
Da kam der Hund und biß die Katze, die fraß das Zicklein, welches mein Vater kaufte für zwei Sus; das Zicklein, das Zicklein.
Da kam der Stab und schlug den Hund, der biß die Katze, die fraß das Zicklein, welches mein Vater kaufte für zwei Sus; das Zicklein, das Zicklein.
Da kam das Feuer und verbrannte den Stab, der schlug den Hund, der biß die Katze, die fraß das Zicklein, welches mein Vater kaufte für zwei Sus; das Zicklein, das Zicklein.
Da kam das Wasser und löschte das Feuer, das verbrannte den Stab, der schlug den Hund, der biß die Katze, die fraß das Zicklein, welches mein Vater kaufte für zwei Sus; das Zicklein, das Zicklein.
Es kam der Ochse und trank das Wasser, das löschte das Feuer, das verbrannte den Stab, der schlug den Hund, der biß die Katze, die fraß das Zicklein, welches mein Vater kaufte für zwei Sus; das Zicklein, das Zicklein.
Es kam der Schlächter und schlachtete den Ochsen, der trank das Wasser, das löschte das Feuer, das verbrannte den Stab, der schlug den Hund, der biß die Katze, die fraß das Zicklein, welches mein Vater kaufte für zwei Sus; das Zicklein, das Zicklein.
Es kam der Todesengel, der schlachtete den Schlächter, der schlachtete den Ochsen, der trank das Wasser, das löschte das Feuer, das verbrannte den Stab, der schlug den Hund, der biß die Katze, die fraß das Zicklein, welches mein Vater kaufte für zwei Sus; das Zicklein, das Zicklein.
Es kam der Heilige, gelobt sei Er, und schlachtete den Todesengel, der schlachtete den Schlächter, der schlachtete den Ochsen, der trank das Wasser, das löschte das Feuer, das verbrannte den Stab, der schlug den Hund, der biß die Katze, die fraß das Zicklein, welches mein Vater kaufte für zwei Sus; das Zicklein, das Zicklein.

Dieses Lied soll die zahlreichen Verfolgungen darstellen, die das jüdische Volk zu erdulden hatte, ehe es wieder zu Ehren gelangte. Das Zicklein, ein reines Tier, soll die Juden repräsentieren, der Vater, der es kaufte, Jehova und die zwei Sus Moses und Aaron, welche das Volk Gottes aus Ägypten führten. Die Katze soll die Assyrer, welche die zehn Stämme in Gefangenschaft hielten, der Hund die Babylonier, das Wasser die Römer, der Ochse die Sarazenen, welche Palästina unterjochten, der Fleischer die Kreuzfahrer, die das heilige Land den Sarazenen entrissen, und der Todesengel die Türken, welche das heilige Land eroberten, darstellen. Dann wird zum Schluss darauf hingewiesen, daß Gott Rache an allen nehmen und den Juden eine selbständige Regierung unter dem erwarteten Messias geben werde.
Der Kettensatz bildet eine volkstümliche, äußerst beliebte Form der Erzählung; er geht von kleinem Anfang aus, wächst aber bald dermaßen in die Länge, daß er die Zungenfertigkeit der Alten und Jungen stark auf die Probe stellt. Man findet Kettensätze als Märchen, Auszählreime und Volkslieder bei vielen Völkern, bei den Ungarn, Skandinaviern, Italienern, Franzosen, Engländern und sogar bei den Stämmen Südafrikas *)

Der in Deutschland bekannteste Kettensatz beginnt: „Es schickt der Herr den Jockel aus, er soll den Hafer schneiden; der Jockel schnei’t den Hafer nicht und kommt auch nicht nach Hause.“ Dann werden ausgeschickt der Pudel, der Stock, das Feuer, das Wasser, der Ochse, der Fleischer, der Henker und der Teufel; zuletzt geht dann der Herr selber aus und augenblicklich tut jeder seine Schuldigkeit. Damit wird das Sprichwort bewahrheitet, daß, wenn man etwas sicher und schnell getan haben will, man es am besten selber tut und es keinem Jockel, d. h. einem Narren, überträgt.

Nicht immer nimmt der Kettensatz einen glücklichen Ausgang, so z. B. in dem lausitzer Märchen vom fortgelaufenen Eierkuchen, welcher, nachdem er zwei Weibern, einem Häschen glücklich entronnen, von einem Schwein aufgeschnappt wird; oder in der bekannten Geschichte vom Hühnchen, das eine Erbse verschluckt hat und dann stirbt, ehe eine Jungfrau, ein Schuster, ein Schwein u. s. w. zu seiner Rettung herbeigeeilt sind.

In dem griechischen, von J. G. v. Hahn aufgezeichneten Märchen „Das Pfefferkorn“ ist die Hauptperson eine Art Däumeling, nur hat derselbe nicht das fabelhafte Glück wie sein Doppelgänger, denn als er neugierig in die Suppenschüssel blickt, fällt er hinein und ertrinkt. Sein Unglück geht darauf auf die Tauben, den Apfelbaum, den Brunnen, die Magd und die Königin über. Zuletzt wirft sogar der König aus Verzweiflung seine Krone zur Erde, daß sie in tausend Stücke zerspringt und als ihn seine Freunde fragen, weshalb er dies getan, erwidert er:
„Lieb Pfefferkorn ist tot,
Der Alte und die Alte jammern,
Die Taube hat sich die Federn ausgerissen,
Der Apfelbaum hat sich alle Apfel abgeschüttelt,
Der Brunnen hat all sein Wasser vergossen,
Die Magd hat ihren Krug zerbrochen,
Die Königin hat ihren Arm gebrochen,
Und ich, König, habe meine Krone verloren,
Lieb Pfefferkorn ist tot!“

Eine auffallende Ähnlichkeit mit diesem Kettensatz hat die rumänische Erzählung von einem Ehepaar, das eine Maus besaß, die in heißer Milch ertrank. Darauf riß sich eine Elster aus Trauer die Federn aus; eine Fürstin, die von diesem Vorfalle hörte, fiel vom Balkon herunter und ihr Gemahl zog sich in das, dem Wahrheitshause gegenüber liegende Lügenkloster zurück.

Von den Kettensätzen der Franzosen ist der vom Kätzchen Minette der populärste. Außerdem haben sie einen von einem Zicklein, das nicht aus dem Kohlfeld weichen will, weshalb der Reihe nach der Wolf, der Hund und der Stock in Tätigkeit versetzt werden, bis dann schließlich der Herr selber kommt und Alles in Ordnung bringt.

Die in England beliebtesten Kettensätze sind „This is the hause that Jack built“, „John Ball shot them all“ und „The old woman and her crooked six-pence“. Letzterer handelt von einer Frau, die ein Schweinchen kauft, das so eigensinnig ist, dafs es erst, nachdem seine Eigentümerin der Reihe nach Hund, Stock, Feuer, Wasser, Ochsen, Fleischer u. s. w. zur Hilfe gerufen, über die Zaunhaspel springt.

Campbell erzählt in seinem Werk „Popular Tales of the West Highlands“ von den Eheleuten Moorachug und Menachaig, die eines Tages ausgingen um Beeren zu sammeln. Die Frau entfaltete dabei nun einen solchen Appetit, daß sie nicht nur die von ihr, sondern auch die von ihrem Manne gepflückten Beeren gleich verzehrte, sodaß letzterer einen Stock ersuchte, sie gründlich durchzuprügeln. Aber der Stock sagte, der Marin solle zuerst eine Axt holen und ihn damit zurecht stutzen; die Axt verlangte, mit einem Steine geschliffen zu werden und der Stein, der dieses besorgen sollte, mußte erst benetzt werden. Der Mann ging also zum Wasser; dasselbe aber wollte erst von einem durch einen Hund gejagten Hirsch durchschwommen und die Füße des Hundes mußten erst mit Butter eingerieben sein, die von einer Maus, welche von einer Katze verfolgt wird, benagt worden war. Von der Katze gehts nun zum Heu, dann zur Bäckerei u. s. w. und als endlich der Stock in brauchbarem Zustande war und die Frau damit geprügelt werden sollte, war dieselbe infolge ihrer unersättlichen Gefräßigkeit inzwischen zerplatzt.

In Neuengland erzählen sich nach C. Johnsons Mitteilung die Kinder einen Kettensatz von einer kleinen Maus, die sich ihren langen Schwanz abgebissen hatte und nun Milch, Katze, Kuh, Heu, Schlüssel, Schmied und Kohlen in Bewegung setzte, bis sie wieder in den Besitz ihres Anhängsels gelangte.

Doch wir wollen nach diesem Streifzug zu unserem eigentlichen Thema zurück und zugleich zum Schluß eilen.

Ostern ist also das Fest der Freude und der Hoffnung.
Die alten Deutschen begrüßten die Frühlingssonne mit Schwerttänzen; auch flehten sie nach einem im Kloster Korwei aufbewahrtem Liede:
„Ostar, Ostar,
Erdenmutter,
Lasse diesen Acker wachsen.
Laß ihn grünen,
Laß ihn blühen,
Früchte tragen,
Gib ihm Frieden!“

Das Feuer brannte um diese Zeit viel heller als sonst; es wüteten keine Stürme, hielten doch auch die Götter alsdann ihren nächtlichen Umzug und segneten Wälder und Felder, Obstbäume, Pflanzen und Quellen. Nach der Ansicht der Slaven verließen sogar die Toten ihre Gräber. Aber nicht nur das Mädchen kann in der Osternacht betreffs ihrer Zukunft Auskunft erhalten, sondern auch der Bursche, wenigstens der aus Deutschböhmen stammende. Wenn derselbe nämlich am Ostermorgen vor Aufgang der Sonne einen Stein mit dem Munde aus dem Bache holt und ihn dann, das Gesicht gegen Osten gerichtet, rückwärts über seinen Kopf wirft, so kann er nach der Strecke, die der Stein fliegt, seine Hoffnungen einrichten. Im 12. Jahrhundert durften sich die verheirateten Männer und Frauen am 3. Ostertage damit amüsieren, daß sie sich gegenseitig gründlich durchprügelten und sich auf diese Weise zum Ausharren in der Ehe anspornten.

Sollte sich nun dem herrschenden Zeitgeiste zuwider heute ein Ehepaar dieses originelle Vergnügen erlauben, so hoffen wir, da sich einmal über den Geschmack nicht streiten läßt, daß niemand dabei als Störenfried auftritt, oder sich veranlaßt fühlt, dahin zu wirken, daß die ohnehin schon allzu zahlreichen Ehescheidungen noch um eine vermehrt wird.

Verweise:

*) Siehe darüber die folgenden Schriften:

S. 31-35, K. Knortz, Folkore. Dresden 1896.
S. 51-52, J. Gillhoff, Das mecklenburgische Volksrätsel, Parchim 1892.
S. 335-341, J. Haltrich, Volksmärchen aus dem Sachsenlande und Siebenbürgen. 2. Aufl, Wien 1877.
S. 123, C. Sterne, Aus dem Paradiese. Wien o. J.
S. 303-305, Bd. I J. G. v. Hahn, Griechische und albanische Märchen. Leipzig 1864.
S. 367-373, A. Hauffen, Die deutsche Sprachinsel Gottschee. Graz 1895.
S. 119-121, A. Treichel, Volkslieder und Volksreime aus Westpreussen. Danzig 1895.
S. 112-115, Vernaleken und Branky, Spiele und Reime der Kinder in Österreich. Wien 1876.
S. 122, K. Gander, Niederlausitzer Volkssagen. Berlin 1894.
S. 169, W. Bleek, Reinecke Fuchs in Afrika. Weimar 1870.
S. 107, Bechsteins Märchenbuch. 36. Aufl. Leipzig 1886.
S. 289-313, Vol. I W. A. Clonston, Popular Tales and Fictions. London. 1887.
S. 76-85, H. Dunger, Kinderlieder und Kinderspiele aus dem Voigtlande. 2. Aufl. Plauen i. V. 1894.
S. 251, I. Bd. Scheffler, Die französische Volksdichtung und Sage. Leipzig 1884.
S. 71-73, G. Eskuche, Hessische Kinderliedchen. Kassel 1891.
S. 1-16, P. Cassel, Aus dem Lande des Sonnenaufganges. Berlin 1885.
S. 439-457, Mother Gooses Nursery Rhymes, Tales and Jingles. London and New York: Frederick Warne & Co. v. J.
S. 207-211, C. Johnson, What they say in New England. Boston 1896.
S. 422-424, 754-764, Bd. 2 A. Birlinger und M. Crecelius, Des Knaben Wunderhorn. Wiesbaden 1876.
S. 801, Mittler, Deutsche Volkslieder, Frankfurt a. M. 1865.
S. 449, A. Hruschka und W. Toischer, Deutsche Volkslieder aus Böhmen. Prag 1891.
S. 247-353, 257-359, 373-375, 376-377, T. F. Crane, Italian Popular Tales. Boston 1885. –
S. 134, 167, 172 und 209, Newell, Games and Songs of American Children New York 1883. – Vol. III, IV und VIII Journal of American Folklore.
S. 425-428, 430-432, 436-443, 4. Bd. Fr. v. Erlach, Die Volkslieder der Deutschen. Mannheim 1835.
S. 101, E. Harrison, A Study of Childnature. Chicago 1895. –

Kettensätze befinden sich ferner in folgenden Werken:
A. Clonston, Book of Noodles. – Journal of Amerikan Folklore. Vol. XIII.
Lenz, Amerikanische Märchen.

Quelle:

Streifzüge auf dem Gebiete amerikanischer Folkskunde von Karl Knorz. Leipzig, Ed. Wartigs Verlag Ernst Hoppe 1902.