Adalbert Stifter. Wien vor der sogenannten Neugestaltung.

ADALBERT STIFTER: AUS DEM ALTEN WIEN

WAS ich hier von Wien sage, stammt aus Wien vor der sogenannten Neugestaltung, also, wie sie jetzt sagen, aus dem alten Wien. Nicht jedermann wird das alte Wien verachten, und wir, die wir älter werden, verachten es am wenigsten. Ich hatte einmal eine Freundin, sie war sehr schön, ich hätte mich beinahe in sie verliebt — oder vielmehr, ich war in sie verliebt; verbiß aber die Sache und ließ mir nichts merken. Sie war ein wildes, hochfahrendes, aber auch wieder ein herrliches Ding. Die Farbe ihres Angesichts war fast brauner, als es sich für ein Mädchen ziemt. Oft meinte ich, ich müßte ihre kräftigen, roten Lippen so sehr küssen, daß sie bluteten. Sie neckte mich mit Übermut; liebte mich aber doch nach ihrer Art. Nach einer Trennung von vielen Jahren, in denen wir jedes an einem andern Orte lebten, sah ich sie als eine sanfte, edle Mutter, als eine liebreiche Gattin und als eine vortreffliche Hausfrau wieder, und als müßte sich alles an ihr geklärt und gemildert haben, so war auch ihre Hautfarbe viel weißer geworden, so daß sie jetzt als alternde Frau fast schöner war, als einstens als blühendes Mädchen. Ich saß mit Verehrung gegen sie an ihrem Tische, hatte aber doch eine gewisse Wehmut in dem Herzen, und konnte dieser Wehmut nicht Meister werden. Erst in meinem Gasthofe erkannte ich, daß ich ihre Fehler vermißte. Ich war ein Narr; aber die Sache war nicht anders. Ich hatte auch einmal einen Vetter, er war ein leidlich guter Mensch, und ich war ihm herzlich zugetan. Als ich ihn nach langer Abwesenheit mit einigen Widerwärtigkeiten ausgerüstet wiederfand, konnte ich ihn nicht mehr leiden. Es wird mir bei Wien mit seinen guten und bösen Veränderungen ein wenig so gehen, wie bei meiner Freundin und bei meinem Vetter. Die im alten Wien fröhlich waren, werden die harmlosen Dinge, die in diesen Blättern folgen, ansehen, wie die ausgebleichte Schleife einer Geliebten, die jetzt alt geworden ist und von der sie nicht einmal wissen, wo sie sich befindet.

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Panorama von Wien, vom Turm der Peterskirche aus gesehn.

Wenn man Süd und Südwest ausnimmt, so mag der Wanderer kommen von welcher Weltgegend immer, und er wird, bevor er noch ein Atom von der großen Stadt erblicken kann, schon jene schlanke, zarte, luftige Pappel erblicken, die still und ruhig in einem leichten blauen Dufte steht und die Stelle anzeigt, an der sich die noch nicht gesehene riesige Stadt hindehnt, dann, wenn er weiter geht, reitet oder fährt, münden sich allerwärts Straßen wie Adern zusammen, der Gefährten werden immer mehr, die schneller oder langsamer teilnahmslos an ihm vorüber jagen, wie Treibholz, demselben Strudel zu, bis sich endlich rechts und links, nah und ferne die Massen der Stadt heben, hier sanft rauchend und hinaus dämmernd, dort nahe schreitend mit Dächern, Giebeln, Türmen, funkelnden Punkten — bis er endlich bei einer unscheinbaren Barriere hineintritt, und nun schlagen die Wogen über ihm zusammen. Eine endlose Gasse nimmt ihn auf; ein Strom, der schmutzige und glänzende Dinge treibt, wird immer dichter und immer lärmender, je näher er jener Pappel kommt, die er aber jetzt nirgends sieht — ja, dort tritt sie vor, ein dunkler, schlanker, riesiger Stift in der glänzenden Luft — nein, sie ist es nicht; denn weiter rechts steht mit einem Male eine noch größere, ruhigere, graublau dämmernd, den Adler auf der Spitze tragend — diese ists — man sieht fast das zarte Laubwerk an ihrem Stamm emporstreben. — Jetzt tritt wieder eine Häuserpartie dazwischen — die Gasse will kein Ende nehmen; allerorts Drängen und Brausen und Vergnügen und Freude, nur dem Fremdling will es einsam werden in dieser tosenden Wüstenei. Fast betäubt geht er weiter; mit einem Mal ist die Gasse zu Ende und auch die Stadt. Ein weiter grüner Platz voll Laubgrün und geputzter Menschen steht vor ihm, aber jenseits wieder eine Stadt, die ewig unerreichbare Pappel wieder in ihrer Mitte tragend. —

Unverdrossen durchschreitet er den seltsamen Garten; ein finsteres Tor schlingt ihn ein; eine Versammlung glänzender Paläste tritt um ihn herum und nimmt ihn in die Mitte, ihn hier und dort hindurch geleitend, immer zu neuen, fast noch glänzenderen weisend. — Dem armen Landbewohner ists, als seien hier ja gar keine Häuser, lauter Paläste und Kirchen — seine Pappel ist verschwunden — hier oder dort taucht wohl ihre Spitze ein wenig vor, dann wieder lange nicht, dann wieder auf einmal an einem ganz anderen Orte. — Er geht darauf zu, weicht ein Wenig an dieser Ecke ab, dann an jener, es kommt Gasse an Gasse, aber er erreicht sie nicht — ja, dort sieht die Spitze wieder hervor, gerade hinter ihm. Sind ihrer denn unzählige? — — „Nein, mein Guter, aber du gehst in der Irre — siehe hier, wo die endlos große Tafel auf dem Hause ist, ist eine Herberge: da ruhe aus, erquicke dich, siehe von deinem Fenster aus dem Schwalle zu, der ewig unerschöpflich um jene Ecke flutet, und gewöhne dich an ihn — dann morgen früh mit Tagesanbruch geh mit mir, ich führe dich bis zur Spitze deiner geliebten Pappel empor und zeige dir von dort herab die Zauberei dieser Welt.“

So. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Es werden wenige sein von allen denen, die jetzt noch unter uns schlummern, welche schon den Anblick genossen haben, der unser harret; denn sie können das Bett nicht verlassen oder haben niemand, der ihnen dazu verhelfen könnte, schon so früh heroben auf dieser Spitze sein zu können. Dort gegen Norden hinaus, wo die leichten weißen Nebel ruhen und ziehen, ist die Donau, und die dunklen Streifen, die sich im Nebel zu wälzen und mit ihm zu ziehen scheinen, sind schöne Auen, durch die der edle Strom wallet. — Weiter hinaus , das luftige , im Morgengrau schimmernde Fahlrot ist das Marchfeld, und jener blaue Hauch durch den Himmel, der sich eben mit der ersten Milch des Morgens lichtet, sind die Karpaten und die Berge gegen Ungarn. Sie schweifen wie ein aus Luft gewobenes Band um den ganzen Osten, der bereits überraschend schnell in ein immer feineres Licht aufblühet, und schwimmen dort wie in unermeßlicher Ferne in die Luft hinaus.

Aber was ist jener Berg gleich rechts daran mit der zum Erschrecken nahen, weißglänzenden Zeichnung? Er steht eine Tagereise weit von hier gegen Südwesten und ist der Schneeberg, das letzte jener Häupter, die, mit manchem silberweißen Helm und Panzer bedeckt, in jenem Zuge stehen, der vom Lande Schweiz an durch das Tirol herausreicht und dann, zwischen unserm Lande und der Steiermark laufend, hier mit einem Male ein Ende nimmt. Rechts von ihm siehst du die blaue Mauer weiter westwärts springen, bis sie dir jene dunklen Rücken decken, die uns breit und schwer den auch noch dunklen Westhimmel umlagern. Wie sie auch jetzt mit dem wilden Schwarz um den sich hellenden Himmel liegen, so wirst du doch sehen, wenn über ihnen die Sonne steht, wie sie anmutige Höhen sind, üppige Laubschösse, in denen die weißen Landhäuser herumgestreut sind, und die Dörfer und die Schlösser, in deren Schatten die tausend verschlungenen Wege laufen, so daß diese Höhen wie ein riesenhafter heitergrüner Park um die große staubende Stadt herumlaufen, ihren West wie ein sanfter Bogen gürtend. Mitten nun auf dieser dunklen Länderscheibe, die du eben mit deinem Auge aus dem Himmel herausgeschnitten, gerade unten zu deinen Füßen liegt die schwarze Stadt, unberührt von der Morgenröte, die bereits über ihr heraufflammt, dieses Bild des gestrigen Treibens, nun unbeweglich ruhig, wie in Todesschlummer gestürzt, gespenstig starr herauf glotzend, als wäre sie tot, von keinem einzigen Laute erschüttert als hier und da von dem grellen Schlag einer geblendeten Nachtigall, die, den stillen Nacht- und Morgenhauch in ihren Gliedern fühlend, mitten im Steinmeere von grünen Zweigen träumt und einen Lieb- und Angstruf tut doch horch, das erste Lebenszeichen des schlafenden Ungeheuers gibt sich eben kund. Hörst du das ferne Rasseln durch eine Gasse, als ob Kriegsgeschütze im Galopp führen? Es sind die ersten Fähren, die beginnen, dem ungeheuren Magen seine heutige Nahrung zuzuführen, Fleischerwagen sind es, die durch die Schläfer rasseln und donnern und in ihre Träume reichen, ohne sie wecken zu können; denn sie haben es schon tausendmal gehört. Jetzt ist es wieder stille — feurige Landzungen ragen durch den Himmel und legen ein sanftes Purpurrot auf die grauen Steine um uns, die Rippen dieses Turmes, auf dem wir stehen. —

Siehst du, ein graues Schimmern läuft schon hie und da durch Teile der Stadt, die dir immer größer wird und ihre Glieder, gleichsam wie im Morgenschlummer dehnend, über Hügel und Täler hinausstreckt — und in dem Schimmer blitzen rote Funken auf wie vortauchende Karfunkel, es sind Fenster, an denen sich die Morgenröte fängt. — Jetzt rasselt es wieder und an mehreren Stellen; — jetzt fängt sichs auch hier und dort in andern verworrenen Tönen zu regen an, und dort und da erbraust es sanft wie Atemzüge eines Erwachenden — die Nebel sind von der Donau verschwunden, und sie wird sichtbar wie ein stiller, goldner Bach. Einzelne Rauchsäulen heben sich bereits aus der Stadt — das Brausen schwillt — — hui! ein Blitz fliegt an unsern Turm: die Sonne ist herauf!

Die unten aber haben sie noch nicht — jetzt — ganz draußen brennt plötzlich ein Teil der Stadt an; wie es blitzt und von Zeile zu Zeile lodert! Jetzt brennts auch dort, jetzt dort, jetzt in der ganzen Stadt, ihr Rauch vermehret sich und wallt wie ein goldner trüber Brodem in die Morgenglut hinein. Ganze Gassen schimmern im Morgenglanze, ganze Fensterreihen belegen sich mit Gold — Turmkreuze und Kuppeln funkeln — von einzelnen Türmen fallen die sanften Klänge der Glocken zum Morgen-Ave. In den Gassen regt sichs; schwarze Punkte werden sichtbar und bewegen sich und schießen durcheinander, sie werden immer mehr, einzelne frische Schalle schlagen herauf, das Rollen, Rasseln und Prasseln wird immer dichter, das verworrene Tönen ergreift alle Stadtteile, als ob sich Gassen und Häuser durcheinander rührten, bis ein einziges dichtes, dumpfes, fortgehendes Brausen unausgesetzt durch die ganze Stadt geht. Sie ist erwacht. Indes schwingt sich die Sonne siegend und lächelnd wie ein silbern reines Schild immer höher über das wirre Babel empor.

Und nun, da der Tag alles ins klare gebracht hat, lasse unsere Blicke durch dies schöne Schauspiel wandern, ehe der Wind sich hebt und der Staub seinen schmutzigen Schleier über ganze Teile der Stadt und jenen schönen Schmelz der Fernsicht legt.

Dort herein, gerade auf uns zu führt eine mächtige Straße, sie kommt von unserm Hafen Triest und knüpft uns an den ganzen Süden. — Nimm nun das Fernrohr hier und suche die Straße; dort, wo jene ferne, schwache Staubwolke aufgeht, muß sie sein — — nun, was siehst du? Einen langen Zug, Wagen an Wagen, langsam fahrend, alle gegen die Stadt — an ihnen vorüber jagend hinein und hinaus die vielerlei leichten Wagen und Reiter und zwischen ihnen wandelnd die Fußgänger und Wanderer und Herden von kleinem Vieh, und Wagen, die weder zu jenen ganz schweren noch zu diesen leichten gehören. Jene schweren Wagen, die du siehest, bringen vielnamige Waren in die Stadt, aber ein großer Teil derselben, die du mit einem dunkelroten Stoffe beladen siehst, kommt von jener Gegend, aus der du hinter dem Berge einzelne Rauchsäulen aufsteigen sieht, und bringt unablässig und unermüdlich jenes Material, woraus sich dieses riesige Häusergewimmel nach und nach erbaut hat: die Ziegel — und im Wienerberge liegen noch und harren nicht messbare Schichten von Ton, daß man noch ein Wien und noch eins und weiß Gott wie viele aneinander fort bauen könnte, bis der Berg erschöpft und eben, aber auch von der Stadt verschlungen wäre! Und sieht man so zu, wie sie sich sputen und treiben und wirken, so sollte man meinen, sie hätten auch nichts anderes im Sinne. . .

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Die Stadt Wien, nach einer farbigen Lithographie von T. Raulino.

Und da du das Rohr einmal in Händen hast, so gehe nun damit etwas links — siehst du am Rande der Stadt jenes palastähnliche Gebäude? Es ist ein Wagenraum, aber für große, mächtige Wagen, deren gleich immer eine ganze Reihe aneinander gehängt daraus hervor fährt, von furchtbaren, unbändigen Rossen gezogen; ihr Schnauben ist erschütternd und der Dampf ihrer Nüstern geht als hohe, dunkle Säule durch den Himmel; sie zermalmen jeden Widerstand, und ihrem Lauf vergleicht sich nur der Flug des Vogels, und dennoch nur ein Mensch, ein kleiner Mensch, du würdest ihn mit deinem Rohre kaum sehen, mit einem sanften Druck seiner Hand bändigt er die Rosse, daß sie dastehen, still und fromm wie zitternde Lämmer. Ei — dort fährt er ja — siehe, die dunkle Linie schiebt sich durch die Saaten hin — sieh zu, eh sie dir enteilt. Schon steht die erste Rauchwolke weit hinter ihr am Himmel, aber auch ihre zweite und ihre dritte — jetzt deckt sie jener Abhang, jetzt ist sie wieder sichtbar, deutlich hinaus schwebend jetzt ist sie verschwunden, und nur der Rauch zerstreut sich langsam am Himmel.

Wie das majestätisch ist! Und der Mensch, das körperlich ohnmächtige Ding, hat das alles zusammengebracht; die furchtbar gewaltige Naturkraft, blind und entsetzlich, hat er wie ein Spielwerk vor seinen Wagenpalast gespannt und lenkt sie mit dem Drucke seines Fingers — und so wird er auch noch andere, noch innigere, noch grauenhaftere seinem Dienste unterwerfen und allmächtig werden in seinem Hause, der Erde. Die Welt wird immer schöner und großartiger — fast ist es betrübend, sterben zu müssen!
Hast du hier den Menschen in seiner Stärke gesehen — gehe nun mit dem Rohre einen Finger breit links und du siehst ihn in seiner Schönheit. Ein alter, vornehm belasteter Palast steht am oberen Ende eines Gartens: es ist das Schloß zu Belvedere. — Ein kleiner schwacher Mann ruhte einst dort aus von seinen Taten, die die Frucht eines eisernen Willens waren, der in dem kleinen schwachen Manne wohnte, und die in ihrer Gewalt durch Europa klangen und wie einen Halm die Säulen brachen, auf denen der gefürchtete fanatische Halbmond stand. — Jetzt ist es still in den Hallen des Schlosses; denn der kleine schwache Mann ist längst begraben, und obwohl an Hunderte von Helden in dem Schloss sind, obwohl ein Kranz der schönsten Frauen dort weilet und Rinder und Rosse, Hirsche und Reiter und Wälder und Felsen, Gärten und Blumen und aller Tiere eine unzählige Menge: so ist es doch dort totenstille; denn als Bilder, als schöne, ehrwürdige Blüten der Menschenseele hängen sie dort, dicht Wand an Wand bedeckend, als Denkmal der Größe, der Tiefe, der Liebe, der Innigkeit des menschlichen Herzens. Es ist eine würdige Nachkommenschaft des Helden, der einst hier gewandelt. (Prinz Eugen)

. . . Besieh dir auch rechts ab von den Brücken jenseits des Stromes jene gelblich fahle Fläche, wogend von Getreide und schier unermeßlich hinausgehend bis zum Horizont, der in matter Farbe an dem Himmel verschwimmt — mit dem Segen Gottes ist das Feld überdeckt, Nahrung und Heil für die Hauptstadt, aber auch einstens einmal Glück, einmal Unglück bringend; es ist das Feld von Aspern und von Wagram. Man hat vor nicht langer Zeit dort einmal eiserne Körner gesät, und wer weiß, ob nicht die Millionen goldner, die eben dort der Ernte entgegen reifen, eine Frucht der eisernen sind; denn dort haben die Völker gelernt, daß einer besiegt werden konnte, der bis dahin unbesiegbar schien. Da man jene Körner säte mit vielen tausend Arbeitern, da war diese Stelle, auf der wir stehen, gedrängt von Menschenangesichtern, und jede andere Stelle unter uns, wo nur der Turm immer eine Lücke gegen jene Seite zeigte, wenn nur so groß wie ein Menschenauge: da war auch ein solches Auge, und alle die Antlitze und alle die Augen waren gerichtet nach der einen Stelle, nach dem Saatfeld — und manches Auge dort wird ahnungsvoll hierher geblickt haben nach der luftigen befreundeten Pappel seiner Stadt, und in manchem brechenden wird ‚diese Spitze noch wie ein Phantom gezittert haben. Der Tag ging vorüber, die Kämpfer gingen vorüber, und die Natur hüllte schamhaft einen Blumenteppich auf diese Stelle. . .

Siehe, die Sonne ist unterdes heraufgestiegen und gießt ihren Schimmer weithin und blendend über all den Schmelz und die Abenteuerlichkeit und Mannigfaltigkeit der ungeheuren Stadt. — Tauche denn nun getrost in dieses Treiben, und es wird an dir sein, dir Glück oder Unglück darinnen zu suchen; beides ist in Menge da zu haben. Nimm die Menschen und Bilder, wie sie kommen. Jetzt ein kleines unbedeutendes Wesen, jetzt ein tiefer Mann voll Bedeutung; jetzt Scherz, jetzt Ernst, jetzt ein Einzelbild, jetzt Gruppen und Massen — und alles dies zusammen malt dir dann zuletzt Geist und Bedeutung dieser Stadt in allem, was in ihr liegt, sei es Größe und Würde, sei es Lächerlichkeit und Torheit, sei es Güte und Fröhlichkeit. So, nun steige hinab und trete an den nächsten besten Einzelnen und beachte ihn und studiere ihn, und werde gemach auch einer aus diesen allen, welche in Wien leben, und leben und sterben wollen nur in Wien.

Illustration, Jugendstil,

Entnommen dem Werk: Aus dem alten Wien. 12 Studien von Adalbert Stifter. Herausgegeben vom O. E. Deutsch.

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Illustration, Delphin, Putte

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