Alt Wien auf der Weltausstellung von Chicago, 1893.

Gasthof, Alt-Wien, Stadt, Wien, Vienna, Columbian Exposition Chicago, Adolph Wittemann,
Der Gasthof zur Stadt Wien. The Vienna Inn.

 

Old Vienna – Alt-Wien auf der Weltausstellung Midway Plaisance, 1893.

Alt-Wien „Old Vienna,“ wie es sich auf der Midway Plaisance präsentiert, hat im 17. und 18. Jahrhundert in dieser Weise wirklich bestanden. Es zeigt eine Platzanlage aus dieser Zeit, mit ihren grotesken, giebeligen Häusern, ihren mannigfaltigen Türmen, Erkern und Gewölbegängen, aus denen der patriachalische, kleinbürgerliche Geist seiner Bewohner, aber auch deren behäbige Zufriedenheit hervorlugt.

Man tritt durch eine Stadttor ein. Alt-Wien war wohl behütet, Wälle und Bastionen umgürteten die Stadt. Wehe dem unpünktlichen Bürger, der verspätet Einlass begehrte. Erst nach langem Verhör wurde ihm geöffnet.

Das Rathaus, im Volksmund die „Schranne“ geheißen, fällt uns zuerst in die Augen. Vor dem Rathaus standen der Pranger und der Narrenkotter ((1, Hoher Markt 1547-1710), beide dazu bestimmt, die Verurteilten dem Spott des Publikums auszusetzen. Das Haus „Zum Goldenen Becher“ hat am „hohen Markt“ genau so gestanden. Es war das Eigentum des Goldschmiedes Johannes Markr, dessen Arbeiten weit über Wien hinaus bekannt und hoch geschätzt waren. Daneben im Garten zum „Höchsten Heurigen“ wirtschaftet der Lumpenballvater Seidl. Zur Rechten des Rathauses finden wir das Marienhaus, dann Johann Rötzers elegante Restauration zur „Stadt Wien“ und zwei Weinstuben, wo treffliche österreichische Weine von echten Wienerinnen kredenzt werden.

Nun wechseln Konditoreien, Cafés und Selchereien mit Kunstläden und Schanklokalen aller Art. Auch eine Kirche liegt dazwischen. Was konnte unser armer Photograf dafür, daß ihm gerade vor der Kirche zwei fesche Kellnerinnen mit dem Freudenbecher in der Hand den Weg vertraten. Ein vorzügliches Bier trinkt man zum Salvator Keller und der anstoßenden Garten Restauration.

Während des Vormittags konzertiert im Pavillom eine ganz vorzügliche ungarische Kapelle. Auch wird mancher sich gerne in das Spiel der beiden jugendlichen Zymbal Virituosen vertiefen und sich zur Erinnerung an die genußreiche Stunde deren Photographien mit beider Namenszügen mit nehmen.

Aber die Hauptanziehungskraft Alt-Wiens übt Ziehrers aus sechzig Künstlern bestehende Militärkapelle in der blau weißen Uniform des Hoch-und Deutschmeister Regiments. Wer einen Abend hindurch dieser trefflichen Streichmusik zugehört und mit in den fröhlichen Applaus eingestimmt hat, wird öfter kommen und bedauern, daß ihn seine Frau so bald zurück erwartet. Es lebt sich hier so recht wienerisch, gutmütig und fidel. Man erheitert und erfrischt sich, wie die „alten Wiener“ es auf dem „Graben“ getan haben zur Zeit Leopolds und der Maria Theresia.

Quelle: Old Vienna – Alt-Wien by Adolph Wittemann. New York, 1893. World’s Columbian Exposition Chicago, 1893.

Weiterführend:

Illustration, Delphin, Putte