Griechenland. Frau aus Athen in traditioneller Tracht, um 1870.

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Frau aus Athen in traditioneller griechischer Kleidung.

Frau aus Athen in traditioneller Tracht.

BLÄTTER FÜR KOSTOMKUNDE.

GRIECHISCHE FRAU AUS ATHEN.
Von ERNST RIETSCHEL.

Die griechischen Frauen sind bei uns, wie die orientalischen Frauen überhaupt, durch leichtfertige Touristen und handwerksmässige Zeitungsschreiber in den Ruf gekommen, dass sie der Mehrzahl nach träge seien, die Reinlichkeit nicht übermassig liebten und im Punkte der Moralität nicht gar strengen Grundsätzen huldigten. Wer Land und Leute des Orients wirklich kennt, weiss, dass dieses Urteil in solcher Allgemeinheit ein irrtümliches und in Bezug auf die Griechinnen geradezu ein verleumderisches ist. Die griechischen Frauen, namentlich des mittleren Bürgerstandes und der Landbevölkerung, sind meistens sehr tätige und tüchtige Hausfrauen. Die Bäuerinnen insbesondere unterziehen sich durchgängig der schweren Feldarbeit und meist mit grösserem Eifer als ihre Männer. In ihren Häusern wird man kaum jemals einen solchen Grad von Unsauberkeit und Unordnung finden, wie wir ihm in manchen Häusern deutscher Dörfer leider oft begegnet sind, und was die Moralität betrifft, so wäre nur zu wünschen, dass bei allen europäischen Völkern sich ein so reines Familienleben und ein so ausgeprägter Familiensinn finden möchte, als er sich besonders in den mittleren und unteren Schichten des griechischen Volkes, sowohl in Griechenland wie in Kleinasien, bis heute erhalten hat.

Das Bild bringt uns eine griechische Bäuerin in ihrer höchst kleidsamen und anmutigen Tracht. Das Kostüm ist nicht das eigentlich griechische, sondern das albanesische, das man in Griechenland überhaupt viel häufiger sieht, als das griechische. Es ist ohne Frage die geschmackvollste von allen Frauentrachten Griechenlands, vielleicht des ganzen Orients. Die Königin Olga hat eine besondere Vorliebe für dieselbe. Bei der Neujahrs-Cour, wo sie den üblichen Handkuss empfängt, war die Königin samt ihren Hofdamen in den ersten Jahren ihrer Regierung stets in dieses Kostüm gekleidet.

Der Kopf der Bäuerin ist eingehüllt in den bunten Tsernperi, der aus Baumwolle oder Seide gewebt und bei den Wohlhabenderen von Gaze ist. Unter diesem Tuch trägt sie den Fess, an dessen unterem Rande als Stirnschmuck häufig eine Reihe von goldenen Münzen befestigt ist. Der Fess ist ganz unsichtbar; auch in Kleinasien, wo die älteren griechischen Frauen der niederen Bevölkerung noch alle den Fess tragen, wissen sie ihn gänzlich zu verstecken, indem sie oben die Fäden der kurzen schwarzen Quaste sorgfältig darüber ausbreiten und an den Seiten ihn mit einem Tuche umwinden.

Ein Hauptbestandteil des Kostüms ist die Krnis, ein den Oberkörper eng umschliessendes, bis auf die Füsse herabwallendes Gewand aus dickem, weissem Baumwollstoff, dessen unterer Rand mit einer ziemlich breiten, farbenreichen Stickerei aus Garn, Wolle oder Seide verziert ist. Die Ärmel sind an der Handöffnung sehr weit und in gleicher Weise bestickt. Über diesem Gewand wird ein die Brust ebenfalls eng umschliessendes Leibchen (Sokärdi) aus demselben Stoff getragen, dessen kurze Ärmel wiederum buntfarbig bestickt sind. Nun kommt darüber eine lange, nicht fest anschliessende Jacke (Sengüna) ohne Ärmel, die aus dem in Salonichi fabrizierten dicken, weissen Wollstoff (Sagaki) gefertigt und ebenfalls mit bunter, oft sehr reicher goldener Stickerei verziert ist.

Um den Leib ist eine Schürze aus buntem Wollstoff geschlagen. Der Halsschmuck besteht aus Perlschnüren, an denen Goldmünzen (Phluria) befestigt sind. Die letzteren bilden gewöhnlich den Brautschatz der Frau und dürfen vom Ehemann nicht ausgegeben werden. Zuweilen findet man darunter wertvolle antike, häufig alte türkische, auch wohl österreichische Goldmünzen. Strümpfe tragen die Bäuerinnen nur an Festtagen. Die Schuhe (Kuntüres) oder Pantoffeln sind aus rotem oder gelbem Leder.

Dieses Kostüm ist ein ziemlich teueres, und kann die Anschaffung desselben bis auf 3000 Drachmen (oder Franken) zu stehen kommen. Die Kleider werden daher auch sehr in Ehren gehalten und vererben von der Mutter auf die Tochter, nicht selten sogar auf die Enkelin.

Die Bäuerin ist, wie es scheint, im Begriff, zum Brunnen, Fluss- oder Meeresufer zu gehen, um die Arbeit des Waschens zu verrichten. Die Wäsche wird dabei auf glatte Steine geschlagen‘ und mit hölzernen Keulen bearbeitet. Gewöhnlich finden sich zu diesem Geschäft ihrer mehrere zusammen, und man hat dabei oft Gelegenheit, jene idyllischen Szenen zu beobachten, welche Homer in der Odyssee (z. B. VI, 85 ff.) so anmutig zu schildern weiss.

Häufig begegnet man unter diesen Griechinnen Frauen, die an Gestalt und Gesichtsbildung von idealer Schönheit sind. Am berühmtesten in dieser Beziehung sind die Frauen von Megara und Eleusis.

Dr. W. Zschimmer.

Quelle: Blätter für Kostümkunde: Historische und Volkstrachten von Franz Lipperheide, 1876-1887.

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