Haar,- und Bartmoden im 17. Jh.

Modegeschichte, Haarmode, Bartmoden, Barock, Kostümgeschichte
Haar,- und Bartmoden im 17. Jh.

HAAR,- UND BARTTRACHTEN. XVII. JAHRHUNDERT.

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Die Zahlenhinweise sind in der Tafel wiederholt. Durch die Datierung der benutzten Porträts ergibt sich eine Übersicht über die Entwicklung der Haar-, und Barttracht. Nur ist zweierlei hinzu zu bemerken: daß die im 17. Jahrhundert schon von Frankreich beherrschte Mode immerhin einer gewissen Frist bedarf, bis sie in den übrigen Ländern durchdringt, und zweitens, daß jüngere Leute unbefangener in der Annahme neuer Moden sind, als die älteren, die vielfach von einer gewissen Jahresgrenze an bei dem stehen bleiben, was sie bisher getragen haben, und nichts mehr ändern. Aus neuerer Zeit denkt man hier an Bismarcks große halstuchartige Krawatte. Die Erscheinung trifft nicht anders für die früheren Zeiten zu, und gerade Haar und Bart sind ihr, früher und jetzt, in erster Linie unterworfen.

Fig. I. Kaiser Maximilian II., geb. 1578, gest. 1637. Bildnis aus den zwanziger Jahren des Jahrhunderts. Zur Tellerkrause oder Radkrause, auch Mühlsteinkragen genannt, paßt nur ziemlich kurz geschnittenes Haar, sowie ein verkleinerter Bart. Von dem halblang gestutzten Vollbart, den König Heinrich IV. von Frankreich (gest. 1610) getragen hatte, bleibt infolgedessen außer dem Schnurrbart nur ein kurzer spitzer Kinnbart, den man später mit französischer und nicht bloß französischer Unbekümmertheit um die zutreffende Richtigkeit der Modebezeichnungen „Henri quarre“ benannte.

Bartmoden, Haarmode, Maximilian I, Herzog, Bayern, Kurfürst, Dreissigjähriger Krieg, Barock
Maximilian I., Herzog von Bayern seit 1597 und Kurfürst 1623-1651.

Fig. 2. Kurfürst Maximilian I. von Bayern, geb. 1573, gest. 1651, nach einem Stich aus den ersten Jahren des dreißigjährigen Krieges. Der Mühlsteinkragen ist gefallen, an die Stelle der einfache Leinenkragen getreten, der sich zwar noch nicht auf die Schultern niederlegt, aber vorne zurückweicht und Raum läßt, daß der Bart wieder etwas länger und breiter werden mag, obwohl er Kinnbart bleibt.

Bartmoden, Haarmode, Christian IV, Dänemark, König, Barock, Kostüm
Dänemark. Christian IV von Dänemark um 1625.

Fig. 3. König Christian IV. von Dänemark, geb. 1577, gest. 1648. Mit seitlichem Zopf. Eine kurzlebige Stutzermode, die eigentlich aus der Zeit der großen Radkrausen stammte und bei der dann der Zopf gewöhnlich nicht herabhing, sondern am Ohr hinaufgebogen wurde. Gemälde im Schloß Rosenborg, Kopenhagen.

Bartmoden, Haarmode, Ernst von Mansfeld, Feldherr, dreissigjähriger Krieg, Barock, Harnisch, Rüstung
Ernst von Mansfeld, Feldherr im dreissigjährigen Krieg. Geb. circa 1580, gest. 30. Nov. 1626.

Fig. 4. Ernst von Mansfeld, geb. 1580, gest. 1626. Nach einem Gemälde, das aus seiner Spätzeit stammt, wenn es nicht erst nach seinem Tode hergestellt ist. Das Haar wird wieder länger seit dem Wegfall der Radkrause.

Bartmoden, Haarmode, Arnim-Boitzenburg, Dreißigjähriger Krieg, Feldmarschall, Feldherr, Uniform, Barock, Generalfeldmarschall
Hans (Johann) Georg von Arnim-Boitzenburg 1583-1641. Deutscher Feldherr zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges.

Fig. 5. Hans Georg von Arnim, der bekannte Heerführer aus dem dreißigjährigen Kriege. Geb. 1581, gest. 1641. Der Kragen, der an die Stelle der Krause getreten ist, hat sich auf die Schultern herunter gelegt und ist mit Spitzen verbunden.

Fig. 8 (unten). Kardinal Richelieu. Geb. 1585, gest. 1642. Gemalt von Ph. Champaigne um 1630.

Fig. 6. Bernhard von Weimar, geb. 1604, gest. 1639. Bildnis aus den Jahren um oder nach 1635. Das Haar wird länger, gewichtiger, der Bart schrumpft ein. Richtig gesehen, ist das letztere die Folge von ersterem; wenn das Haar dominieren will, darf ihm der Bart nicht Konkurrenz machen, muß er sich bescheiden unterordnen. Die Tendenz der Mode ist in der Tat die größere Pompösität des Haars, woraus denn bald die Perücke hervorgeht. Nun wird aber die Mode durchweg von den bald Nachlebenden in ihrer Absichtlichkeit, in ihrem inneren Sinn, wenn man wohlwollend einen solchen anerkennen will, nicht verstanden: sie suchen die Erklärung in Anekdoten. Da heißt es, weil Ludwig XIII. von Frankreich (geb. 1601, gest. 1643) bei seiner Mündigkeitserklärung noch ein bartloser König war, hätten die loyalen Hofleute gleichfalls ihre Bärte reduziert; oder es hieß auch, der unterhaltungsbedürftige junge König habe seinen Hausoffizieren höchsteigenhändig die Bärte aus Scherz klein geschnitten, und seither trage man sie aus Devotion auf diese Art, à la royale. Alle solche Legenden über die Entstehung von Moden, bis in die Gegenwart, setzen an die Stelle des Gesamtvorgangs, worin eine gewisse kostümgeschichtliche Entwicklungslogik ist, einen Einzelvorfall oder einen Zufall. Ihr Wert ist höchstens ein mnemotechnischer; sie sind in der Kostümgeschichte das, was in der Sprache die sog. Volksetymologien sind.

Bartmoden, Haarmode, Karl I., König, England, Stuart, Barock, Rüstung, Porträt
Karl I., König von England, 1625-1649. Geb. 19. November 1600; gest. 30. Januar 1649.

Fig. 7. Karl I. von England, geb. 1600, hingerichtet 1649. Gemälde van Dycks aus dem Jahre 1632. Das Haar ungekürzt, freihängend, noch nicht in die rundliche Vorform der Perücke gebracht, wie bei dem etwas jüngeren Bildnis Bernhards von Weimar. Auch der Bart natürlich und unverstutzt, wenn er auch nicht sehr kräftig ist.

Fig.9. Ludwig XIV., geb. 1638, gest. 1715. Das Haupt in der Perücke, die der König 1670 einführte, nachdem sie sein persönlicher Barbier Binette konstruiert hatte. Der Bart schrumpft nun ein auf ein paar schmale Streifchen von der ungefähren Stärke der Augenbrauen.

Fig. 10. Georg Friedrich von Waldeck in älteren Tagen. Geb. 1620, gest. 1692. In den fünfziger Jahren der hochverdiente Minister und Heerführer des Großen Kurfürsten, später Reichsfeldmarschall und 1682 vom Reichsgrafen zum Reichsfürsten erhoben. Mit der Perücke, wie sie sich um 1680 gestaltet hatte, indem der Franzose Ervais ihre Kräuselung ersann, wodurch die Allongenperücke großartiger aussah, ohne an Gewicht gewinnen zu müssen.

Quelle: Geschichte des Kostüms von Adolf Rosenberg. Text von Prof. Dr. Eduard Heyck. Erschienen bei Ernst Wasmuth, Berlin 1905.

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