Der Condottiere. Bürgerliche & militärische Trachten der ital. Renaissance.

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Bürgerliche & militärische Trachten der ital. Renaissance.

XIV., XV. UND XVI. JAHRHUNDERT ITALIEN.

BÜRGERLICHE UND MILITÄRISCHE TRACHT DES ADELS. EIN CONDOTTIERE. – HAUSOFFIZIERE.

Im XII. Jahrhundert wurde die Fabrikation kostbarer Stoffe aus dem Orient nach Lucca Piacenza, Pisa und Florenz herübergebracht. Im XV. Jahrhundert erreichte der Luxus besonders unter dem venezianischen Adel den höchsten Grad.

Die hier abgebildeten Kostüme schliessen sich an die der Doppeltafel mit dem Zeichen des Ballons und finden ihre Fortsetzung in den italienischen Kostümen des XVI. Jahrhunderts auf den Tafeln mit dem Operngucker und mit dem Widder.

BÜRGERLICHE TRACHT.

Nr. 9. Edelmann; Ende des XIV. Jahrhunderts. Fresko des oberitalienischen Malers Guariento di Arpo (um 1310 – 1370), Chor der Eremitani; Padua.
Blaue Kappe mit lang herabhängendem, mehrfach geknotetem Zipfel über einer weissen Haube. Weisses Wams mit Goldknöpfen und oben gepufften, unten engen Ärmeln. Gürtel mit goldgestickter Tasche und Dolch. Hosen, geteilt, aus grüner und weisser Seide. Samtschuhe mit Goldstickerei.

Nr. 10. Edler Flamländer; XV. Jahrhundert. Aus einem Bild von Hans Memling (geb. zwischen 1433 und 1440 -1494); Pinakothek in Turin.
Blaue Samtkappe mit Pelzbesatz. Seidenes Wams mit Gürtel, an dem vorn ein Dolch herabhängt. Gefütterter Mantel, vom Hals bis zu den Füssen offen. Hosen aus blauer Seide.

Nr. 12. Venezianischer Edelmann; XV. Jahrhundert. Gemälde des Giovanni Bellini; Akademie in Venedig. Strassenkostüm.
Auf dem lockigen Haar ein Federbarrett nach Florentiner und Malländer Mode. Überrock aus rosa Seide mit gelbseidenem Bruststück und langen Schlitzärmeln, welche die gavardtina, eine Art Weste aus grünem Stoff, sehen lassen. Nach venezianischer Art guteilte Hose.

Nr. 8. Venezianischer Edler im Winterkostüm; Ende des XV. Jahrhunderts. Gemälde des Giorgione; Uffizien in Florenz.
Filzhut mit aufgeschlagenen Krempen. Westen artiges Wams. Hosen mit Schamkapsel und durch Schnüre geschlossenen Schlitzen. Weisser Tuchmantel ohne Ärmel mit Öffnungen zum Durchstecken der Arme. Schuhe aus gefärbtem Leder.

Nr. 13. Mignon; Anfang des XVI. Jahrhunderts. Aus einem Fresko des Sodoma; Kloster Monte Oliveto Maggiore bei Siena.
Über dem grünseidenen Haarnetz ein florentinisches Barrett mit aufgenähten Zierraten. Samtwams, halb Gold-, halb Silberbrokat, geschlitzt. Ledergürtel mit Dolch. Langer Degen mit rotseidenem Riemen, der in einer Quaste endet. Geteilte Hose.

MILITÄRISCHE TRACHT.

Nr. 2. Edelmann; Ende des XV. Jahrhunderts. Fresko des Pinturicchio (um 1452 – 1513); Libreria in Siena.
Kinnband, einen Hut umschliessend. Halsfreies Wams mit Puffärmeln, dessen herzförmiger Ausschnitt eine Art Weste aus gelber Seide sehen lässt. Das Schwert am Wehrgehänge. Hose mit Schamkapsel.

Nr. 11. Offizier in Parade; Anfang des XVI. Jahrhunderts. Fresko des Luca Signorelli (ca. 1450 – 1523); Kloster Monte Oliveto (Cattedrale di Santa Maria Assunta).
Schräg aufgesetztes Berrettino; geteiltes Wams mit Schlitzen auf dem Rücken, an den Schultern und Ämeln. Um den linken Oberarm eine Art dreifachen Armbands aus grossen Perlen, durch drei rotseidene Nesteln gehalten. Ledergürtel und geknotetes Wehrgehänge. Geteilte Hosen.

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Lombardischer Soldat. 1503. Venezianischer Soldat. 1515.

Nr. 14. Venezianischer Condottiere; XVI. Jahrhundert. Fresko des Domenico Campagnola (um 1500 – 1564).
Berretino mit Feder. Langhaariger Hut an einem Riemen. Geschlitzter Wams mit Puffärmeln. Kapuze. Ledergürtel, hinten mit kleiner Tasche. Geteilte Hosen. Gelbe Lederstiefel.

Im mittelalterlichen Italien bedeutete Condottiere ursprünglich „Bauunternehmer“, da die Condottieri sich mit dem Vertrag in den Dienst einer Stadt oder eines Herrn stellten, aber in der Renaissance- und Reformationszeit zum Synonym für „militärischer Führer“ wurde. Condottieri waren italienische Hauptmänner, die im Mittelalter Söldnerkompanien und in der frühen Neuzeit multinationale Armeen befehligten. Sie dienten insbesondere den europäischen Monarchen und Päpsten während der italienischen Kriege der Renaissance und der europäischen Religionskriege. Einige Autoren haben Guido da Landriano (die eigentliche Figur hinter dem legendären Alberto da Giussano) als den „ersten Condottiero“ und Napoleon Bonaparte (aufgrund seiner italienischen Herkunft) als den „letzten Condottiero“ bezeichnet.

Berühmt wurde die Figur im Mittelalter, zwischen dem fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert, vor allem in Norditalien, obwohl bereits 1159 in England Gruppen von Söldnersoldaten unter Führung von Söldnerhauptmännern anfingen, Heinrich II. Plantagenet zu dienen und sich bald nach Frankreich und Deutschland als unverzichtbares Werkzeug der Monarchien im Kampf gegen rebellische Vasallen ausbreiteten.

Das Phänomen der Söldnerkompanien entwickelte sich vor allem nach den Kreuzzügen, als die überzähligen Kinder der Adelsfamilien in den kirchlichen oder Waffendienst geschickt wurden. Diejenigen, die in das militärische Leben eintraten organisierten sich, indem sie ihre militärischen Fähigkeiten den verschiedenen Herren zur Verfügung stellten, die sich verteidigen oder Kriegszüge unternehmen mussten. Die meisten Historiker würden es auf die Jahre von ca. 1350 bis ca. 1650 eingrenzen, mit besonderem Augenmerk auf den Aufstieg der Kommandanten der freien Kompanien (capitani di ventura) und ihre Umwandlung in Generalkapitäne, die während des Kampfes um die politische und religiöse Vorherrschaft in Europa für die Großmächte kämpften.

In den italienischen Gemeinden, wo die bemerkenswerte Entwicklung der handwerklichen, künstlerischen, literarischen und industriellen Aktivitäten die Bourgeoisie in gewisser Weise vom kriegerischen Geist entfernt hatte, konnte im Falle eines Konflikts durch die Einstellung der Kommandanten, die inzwischen zu echten Kriegsimpresarios geworden waren, Abhilfe geschaffen werden. Diese Kapitäne befehligten zuerst Züge von Leibeigenen, dann von Veteranen aus den Kreuzzügen oder Entwurzelten der großen Wirtschaftskrisen. Die Rekrutierung erfolgte in der Regel im Ausland. Erst mit der Einführung von Schusswaffen und starken nationalen Milizen ging das goldene Zeitalter der Condottiero allmählich zu Ende.

Zu den berühmtesten Condottieri gehören Bonifacio Lupi, Marquis von Soragna, im Dienste von Florenz im Krieg gegen Pisa (1363) und Padua gegen Venedig, Alberico da Barbiano, Gründer der Compagnia di San Giorgio (1378); Muzio Attendolo Sforza (1369-1424), aus der Romagna, im Dienste von Neapel und Gründer, zusammen mit seinem Sohn Francesco Sforza, der berühmten Familie, die über Mailand herrschte; Angelo Tartaglia, Graf von Toscanella und Herr von Lavello, Vikar des Antipapstes Johannes XXIII. und Rektor des Patrimoniums von San Pietro in der Toskana; Bartolomeo d’Alviano; Erasmo da Narni, genannt Gattamelata und Francesco Bussone, genannt Carmagnola sowie Francesco II. Gonzaga von Mantua, Bruder von Elisabetta Gonzaga und Ehemann der berühmten Isabella d’Este.

Hinweise auf diese Figur finden sich mehrfach in italienischen literarischen Werken, wie in der „Kunst des Krieges“ von Niccolò Machiavelli, in „Il libro del cortegiano“ von Baldassarre Castiglione, in „I cinque canti“ von Ludovico Ariosto, in „Decameron“ von Giovanni Boccaccio und in „Il conte di Carmagnola“ von Alessandro Manzoni.

HAUSOFFIZIERE. PAGEN.

Nr. 3. Hausoffizier; Ende des XIV. Jahrhunderts. Aus einem Manuskript im Kloster San Marco zu Florenz.
Kapuze mit aufgeschlagenem Bande; grüner Hoqueton über einem Kettenhemd; rote Hosen: als Abzeichen ein Stab.

Nr. 1. Offizier im Gefolge des Papstes; XV. Jahrhundert. Fresko des Pinturicchio; Libreria in Siena.
Roter Hut mit aufgeschlagenem und geschlitztem Rand. Blauer, regelmässig gefältelter Mantellino, durch eine Kette gehalten. Wams mit Brustausschnitt, der das gefältelte Hemd sehen lässt. Überärmel aus perlgrauer Seide. Gürtel mit Tasche und Dolch. Hosen mit Schamkapsel. Schuhe.

Nr. 4. Page; XV. Jahrhundert. Gemälde des Beato Angelico (auch Fra Angelico zwischen 1386 und 1400 – 1455).
Serviette um den Hals; dunkle Dalmatika mit Ponceau-Aufschlag; grüne Hose.

Nr. 5, 6, 7. Pagen derselben Zeit. Gemälde des Domenico Ghirlandajo (1448 – 1494) in der Collegiata in Empoli.
Weisse Serviette: Wams mit kleinen Schössen aus blauer Passementerie. Geteilte Hose.

Aquarelle von Stephan Baron.
Vgl. Vecellio, Costumes anciens et modernes, Paris 1859.

Quelle: Geschichte des Kostüms in chronologischer Entwicklung von Albert Charles Auguste Racinet. Bearbeitet von Adolf Rosenberg. Berlin 1888.

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