Schwangerschaft. Entbindung auf der Erde. Geburt, Hochzeit und Tod.

Die schüchterne Bettlerin. Graviert von W. H. Motte. Aus der Gruppe von M. Gandolphi aus Mailand.
Die schüchterne Bettlerin. Graviert von W. H. Motte. Aus der Gruppe von M. Gandolphi aus Mailand.

Geburt, Hochzeit und Tod. Kapitel I.

Das Niederlegen des Kindes. Entbindung auf der Erde. Knien bei der Entbindung. Anfassen der Erde bei der Entbindung.

Nach römischem Brauch wurde das neugeborene Kind auf die Erde gelegt, von wo es der Vater aufhob 1), um es dadurch anzuerkennen. Betrachtet man den römischen Branch für sich, so könnte man zunächst glauben, daß diese Anerkennung sei teils des Vaters der eigentliche und einzige Zweck der Zeremonie sei. Die Vergleichung mit verwandten Bräuchen bei anderen Völkern, bei denen das Niederlegen am Herd, dem Mittelpunkt des häuslichen Kultes, stattfindet, führt darauf, daß es noch eine andere Bewandtnis mit dieser Sitte hatte, und in meinen „Familienfesten der Griechen und Römer“ glaube ich gezeigt zu haben, daß das Kind dadurch unter den Schutz der Hausgötter gestellt wird. 2) Albrecht Dieterich, der in seinem Buch „Mutter Erde“ (S. G ff.) diesen Brauch aufs neue behandelt hat, hält diese Erklärung für richtig, er fügt aber hinzu, sie erschöpfe noch nicht das Verständnis der einzelnen Elemente eines Brauches, der wie die meisten Riten derart nicht aus einem einzigen Momen entstanden zu sein und darum auch nicht aus einem Punkte erklärt zu werden brauche. 3) Dieser Satz Dieterichs verdient zunächst prinzipiell Zustimmung, eine Kreuzung von Motiven bei der Entstehung religiöser Riten ist außerordentlich häufig 4), und auch in diesem Einzelfalle muß ich Dieterich zustimmen; es ist sehr wahrscheinlich, daß die von ihm angenommene Vorstellung hier hineinspielt.

1) Preller, Röm. Mythologie II, 210. Der technische Ausdruck für das Aufheben durch den Vater war tollere oder suscipere. Samter, Familienfeste der Griechen und Römer S. 62.
2) Samter, Antiker u. moderner Volksbrauch, Beilage der Münchener Allg. Zeitg. 1903, Nr. 116; Familienfeste S. 62 ff. Besonders wichtig sind für die Vergleichung die griechischen Amphidromien (a. a. O. Seite 60).
3) a. a. O. S. 9, 1.
4) Vgl. Samter, Hochzeitsbräuche, Neue Jahrb. XIX (1907), 135.

Das antike Rom vom Kapitolshügel aus. Blick über das Forum.
Das antike Rom vom Kapitolshügel aus. Blick über das Forum.

Dieterich weist darauf hin, daß Augustinus von der Göttin Levana, der Schutzgöttin dieses Aufhebens der Kinder, den Ausdruck braucht, sie hebe die Kinder von der Erde 1), er schließt daraus, daß gerade das Legen auf die Erde, nicht bloß auf den Boden, von wesentlicher Bedeutung in dem Brauche sei. Als Beleg für die Richtigkeit dieser Annahme lassen sich vielleicht noch zwei andere Stellen verwerten, die Dieterich nicht erwähnt hat. Sueton erzählt im Leben Neros, dieser sei bei Sonnenaufgang geboren, so daß er fast eher von den Sonnenstrahlen als von der Erde berührt wurde 2), und Ovid sagt, wenn er in der Heimat gestorben wäre, so würde die Erde seinen Körper empfangen haben, die von ihm bei der Geburt berührt sei. 3) Dieterich führt für die Sitte, gerade auf die Erde zu legen, noch von verschiedenen Völkern Analogien an 4), aus denen ebenso wie aus den erwähnten römischen Zeugnissen hervorzugehen scheint, daß in der Tat das Legen auf die Erde bei der Zeremonie wesentlich ist. Zwei deutsche Bräuche seien als besonders bedeutsam und beweiskräftig hier wiedergegeben. In Brieg in Schlesien legt man das neugeborene Kind zuerst auf die bloße Erde 5), „damit es stark werde“. 6)

1) August, de civitate Dei IV, 11. levat de terra.
2) Sueton. Nero 6. Nero natus est exoriente sole paene ut radiis prius quam terra contingerctur.
3) Ovid. Trist. IV 3, 46.
Et cinis in tumulo positus iacuisset avita
Tactaque nascenti corpus haheret humus.
4) a. a. O. S. 7 ff. Vgl. auch die amerikanische Sitte, die Friederici im Globus LXXXIX (1906) S. 60 u. 61 mitteilt: bei den Tupi in Südamerika wird das Neugeborene von der Erde aufgehoben, bei den Azteken wird das neugeborene Kind dreimal auf die Erde gelegt und von da aufgenommen.
5) Drechsler, Sitte, Brauch und Volksglauben in Schlesien I, S. 183, vgl. 197 und II, S. 204.
6) Erklärungen wie die obige begegnen uns häufig bei derartigen Bräuchen, sie haben natürlich keinerlei Gewähr, sondern sind erst zu einer Zeit aufgekommen, als man den wirklichen Sinn des Brauches nicht mehr verstand.

Besonders interessant sind die Mitteilungen, die eine Marburger Dame Dieterich machte. Sie war als Kind kränklich gewesen, und dies hatte man dem Umstand zugeschrieben, daß man sie nach der Geburt nicht auf die Erde niedergelegt habe. Deshalb mußte sie nachträglich unter allerlei magischen Formalitäten auf herbeigeschaffte frische Erde gelegt werden. Über einen in Amerika empor gekommenen und sehr intelligenten Verwandten äußerte eine Marburger Frau: „Ja, der ist auch gleich auf gute Erde gelegt worden.“ Auf die Frage, was das für Erde gewesen sei, erwiderte sie: „Schwarze Walderde vom Ortenberg.“ 1) Ebenso nun wie durch das Niederlegen am Herd eine Weihung an die dort verehrten Hausgötter stattfindet 2), sieht Dieterich wohl mit Recht in dem Niederlegen auf die Erde eine Weihung an die Mutter Erde, aus der nach vielfach verbreiteten, von Dieterich zusammengestellten Vorstellungen die Seele des Menschen stammt. 3)

1) Dieterich a. a. O. S. 10. Vgl, auch den von H. v. Wlislocki, Aus dem Volksleben der Magyaren S. 4 angeführten Brauch: im Kalotaszeger Bezirk pflegen die Eltern, denen die Kinder rasch weggestorben sind, das neugeborene Kind auf die Erde zu legen und dann die Fläche, wo das Kind gelegen, fingerdick auszugraben und diese Erdschicht in fließendes Wasser zu werfen, damit das Kind am Leben bleibe. In Armenien werden die Kinder häufig aus der Wiege herausgenommen und auf die bloße Erde schlafen gelegt, damit sie Kraft bekommen (Dan, Glaube und Gebräuche der Armenier bei Geburt, Hochzeit und Beerdigung, Zeitschr. f. österr. Volkskunde X (1904) S. 99).
2) Da mit den griechischen Amphidromien, bei denen das Kind am Herd niedergelegt wurde, sich häufig die Namensgebung verband, in Rom aber diese am „dies lustricus“, (Tag der Namensgebung) dem 9., bei Mädchen am 8. Tag nach der Geburt stattfand (Marquardt, Privatleben der Römer S. 83), so hatte ich in meinen „Familienfesten der Griechen und Römer“ S. 62 es für möglich gehalten, daß in Rom das Niederlegen des Kindes am „dies lustricus“ statt fand. Ich muß diese Vermutung hier berichtigen. Daß das Niederlegen in Rom gleich nach der Geburt geschah, zeigt Sueton, Aug. 5: esse se possessorem ac velut aedituum soli, quod primum D. Augustus nascens attigisset. Das gleiche würde aus der Darstellung des Sarkophages Ann. d. ist. 1868, Tf. Q R hervorgehen, wenn dieser wirklich sicher die Zeremonie des Niederlegens darstellte, wie Konrad Wernicke (Arch. Zeitg. XLIII [1885] S. 221) annahm. Nach der Kopfhaltung des Knaben indes, worauf Eugen Petersen mich hinweist, scheint dieser nicht hingelegt, sondern hingefallen zu sein.
3) Daß die in Ungarn übliche Sitte, das getaufte Kind auf die Erde niederzulegen, „damit es kein Schreihals werde“, eine Weihung an die Mutter Erde darstelle, betont schon Kohlbeck, Der Mythos und Kult der alten Ungarn, Archiv für Religionswissenschaft II, S. 355.

Dieterich hat den Ritus des Niederlegens (oder genauer die eine Wurzel dieses Brauches) richtig gedeutet, er stellt ihn aber in Parallele mit der Sitte, den Sterbenden auf die Erde zu legen, in Bezug auf die er die von mir früher gegebene Erklärung annimmt: ich hatte gezeigt, daß der Sterbende auf die Erde gelegt wird, damit seine Seele ohne Verzug in das Totenreich unter der Erde eingehen kann. 1) Dazu aber ist doch das Niederlegen des Kindes nach der Geburt keine wirkliche Parallele. Die Seele des Sterbenden geht unter die Erde, eine wirkliche Übereinstimmung bestände, wenn nicht das schon geborene Kind der Erde geweiht würde, sondern aus der Erde die Seele bei der Geburt in das Kind einginge, wenn also wie der Tod, so auch die Geburt auf der Erde vor sich ginge. Nach der ersten Veröffentlichung des Anfangs seiner „Mutter Erde“ 2) wurde Dieterich von einem Kopenhagener Leser darauf hingewiesen, daß altnordisch „im Kindbett sein“ liggja â golfi, d. h. auf dem Boden liegen, heiße, weil im Norden die Geburt auf der Erde vor sich gegangen sei, was übrigens

1) Zu römischen Bestattungsbräuchen, Festschrift für O. Hirschfeld s. 249 ff.; Antike und moderne Totengebräuche, Neue Jahrbücher XV (1905) S. 36 ff. Ich füge hier noch einige Beispiele der Sitte hinzu, die mir früher entgangen waren. Auch die Wenden und Serben nehmen jeden Sterbenden aus dem Bette und legen ihn auf Stroh (Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch S. 169). Bei den Letten und Esten wird der Sterbende auf den Boden gelegt, damit man ihm so „zum Tode verhelfe“ (ebda). Ebenso pflegten die Magyaren Sterbende auf die Erde zu legen, um ihnen das Sterben zu erleichtern (v. Wlislocki, Aus dem Volksleben der Magyaren S. 4). Vgl. auch Zachariae, Archiv für Religionswissenschaft IX (1906) S. 538 ff. In Scaer (Finistère) nimmt man den Sterbenden vom Bett herab und läßt ihn die nackten Füße auf den Boden stellen. Sobald er ihn berührt hat, sind die Einflüsse, die sein Leben noch festhielten, gebrochen (Sébillot, Le paganisme contemporain chez les peuples celtolatins p. 169). Als Analogie zu der a. n. O. von mir erörterten thüringischen Sitte, dem Sterbenden Erde auf die Brust zu legen, ist der magyarische und rumänische Brauch anzuführen, den Toten, die unverhofft und ohne Beichte gestorben sind, etwas Erde in den Mund zu legen, damit sie die Erde nicht drücke und sie Ruhe im Jenseits finden (v. Wlislocki a. a. O. S. 5).
2) Archiv für Religionswissenschaft VIII (1905) S. 1 ff.

auch schon Weinhold in seinem „Altnordischen Leben“ S. 26O mitgeteilt hatte. 1) Dieterich fügte den Hinweis auf diese nordische Sitte in einer Anmerkung hinzu, ohne einen weiteren Schluß daraus zu ziehen. 2) Seine Darlegungen bedürfen daher der Ergänzung. Die als altnordischer Brauch erwähnte Sitte steht nicht vereinzelt da, sondern ist weit verbreitet. Auch in Deutschland fand in der ältesten Zeit die Niederkunft meist auf dem Fußboden des Hauses statt. 3) In Island war es noch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein gebräuchlich, daß die Frauen auf der Erde liegend niederkamen. 4) Ebenso ging auch in Ungarn die Geburt mitten im Zimmer auf der Erde vor sich (über etwas mit einem Leintuch zugedecktem Stroh, „weil auch Christus auf Stroh geboren ward“. 5) In Japan ist das Geburtslager unmittelbar auf der Erde. 6) In einem ägyptischen Papyrus ist der Ausdruck „auf die Erde legen“ für „gebären“ gebraucht. 7) Auch in Sumatra wird die Kreißende auf den Fußboden gelegt 8), und die gleiche Sitte besteht in ganz Nordindien, weil man an die Heiligkeit der Erde glaubt. 9) Schon letztere Vorstellung weist auf die Bedeutung des Brauches hin. Vielleicht könnte trotzdem jemand noch glauben – ebenso wie dies bei dem Niederlegen des Sterbenden geschehen ist 10) -, die Sitte habe einen praktischen Zweck, man verspreche sich von der niedrigen Lage eine Erleichterung der Entbindung. Daß dies aber nicht der wirkliche Grund ist, läßt sich sicher aus folgendem entnehmen. Die Gurier im Kaukasus und ebenso die Chinesen legen die Gebärende auf den mit Heu bestreuten Fußboden eines Zimmers ohne Diele 11), d. h. also, sie wählen ein Zimmer, dessen Fußboden mit dem Erdboden identisch ist, und bei manchen Jndianerstämmen wird auf den Fußboden eine 3-4 Zoll dicke Schicht Erde aufgeschüttet.

1) Vgl. auch Grimm, Deutsche Rechtsaltertürmer I S. 627.
2) Mutter Erde S. 8, 1.
3) Weinhold, Die deutschen Frauen im Mittelalter I S. 83.
4) Bartels, Isländischer Brauch und Volksglaube in Bezug auf die Nachkommenschaft, Zeitschr. für Ethnologie, Bd. 32 (1900) S. 67.
5) Ploß, Das Weib II S. 42. 6) Ploß a. a. O. II S. 13.
7) Spiegelberg, Archiv für Religionswissenschaft IX (1906) S. 144.
8) Ploß a. a. O. II S. 42.
9) Crooke, The popular religion and folk-lore of Northern India I p.27.
10) Weinhold, Zeitschr. des Vereins für Volkskunde IX (1901) S. 221.
11) Ploß a. a. O. II S. 42.

Es ist hiernach vollkommen klar, daß es nicht auf die niedrige Lage ankommt, sondern die Gebärende mit der Erde in Verbindung gebracht werden soll. Was aber dies zu bedeuten hat, kann, namentlich nach der Analogie des Sterbebrauchs, nicht zweifelhaft sein: unter die Erde geht im Tode die Seele, aus der Erde kommt sie bei der Geburt in das Kind. 1)
In Griechenland und Rom finden wir die Sitte nicht, die Gebärende auf die Erde zu legen. Nachdem wir aber durch die Vergleichung der Bräuche anderer Völker unseren Blick für das was möglich ist, geschärft haben (einen anderen Zweck kann und soll die Vergleichung nicht haben), müssen wir uns doch umsehen, ob sich vielleicht verwandte Vorstellungen bei den Griechen und Römern nachweisen lassen.
Welcker hat in seinem Aufsatz über die Entbindung bei den Griechen 2) zuerst darauf hingewiesen, daß die Griechinnen des Altertums bei der Entbindung niederknieten, und das Beweismaterial dafür schon zum großen Teil zusammengestellt. Im Homerischen Hymnus auf Apollo wird von Leto erzählt, sie habe, als ihr in Delos die Stunde der Entbindung nahte, mit ihren Armen eine Palme umschlungen und sei auf die Erde niedergekniet.

1) Anstatt daß der Sterbende auf die Erde gelegt wird, besteht, wie oben erwähnt, in Thüringen die Sitte, ihm etwas Erde auf die Brust zu legen (Samter , Antike und moderne Totengebräuche , Neue Jb. XV, 1905, 37). Vielleicht ist es ein Gegenstück hierzu, wenn in der Türkei bei schwachen Wehen Mohammedaner ein Säckchen mit Erde aus Mekka, Juden und Christen ein Säckchen mit Erde aus Jerusalem der Gebärenden auf den Rücken binden. Zuweilen wird gar solche Erde als innerliches Medikament in einem Glas Wasser genommen (B. Stern, Medizin, Aberglaube und Geschlechtsleben in der Türkei S. 297). Ich erwähne dies aber nur nebenbei, da sich nicht feststellen läßt, ob die Vorschrift, daß heilige Erde genommen wird, sekundär ist.
2) Kleine Schriften III, S. 185 ff.

Ein weiterer Beweis liegt in der Tatsache, daß in mehreren Orten Griechenlands Statuen von Geburtsgöttinnen in kniender Haltung bezeugt sind. In Tegea gab es eine kniende Eileithiyia und ebenso existierten in Aegina kniende Figuren der Damia und Auxesia. Daß auch dies Geburtsgöttinnen waren, hat schon Welcker richtig betont.

Eine Hindeutung auf die Sitte des Kniens bei der Geburt sieht Welcker mit Recht wohl auch in den beiden folgenden Dichterstellen. Bei Hesiod heißt es von den Kindern des Kronos, dieser habe jedes verschlungen, das aus dem Leibe zu den Knien der Mutter gelangt sei, und ein ganz ähnlicher Ausdruck wird von der Geburt in der Illias gebraucht. Daß die Sitte lange Dauer gehabt hat, zeigt die Tatsache, daß sie auch im modernen Griechenland noch besteht oder wenigstens noch in neuerer Zeit bestanden hat. Aus Rom ist die kniende Stellung der Gebärenden zwar nicht direkt überliefert, sie ist aber sicher zu erschließen aus der Nachricht über die Nixi Dii. Als Nixi Dii wurden drei aus Griechenland nach Rom gebrachte kniende Figuren bezeichnet, die vor der Cella der Minerva auf dem Kapitol aufgestellt waren. Wissowa 1) bestreitet die Existenz dieser Gottheiten, er hält die Erklärung der Figuren als Geburtsgötter für Ciceronen-Weisheit. Ich glaube, diese Auffassung ‚Wissowas wird sich als irrig erweisen lassen, aber auch wenn sie richtig wäre, d. h, auch wenn die Auffassung der kapitolischen Bildwerke als Geburtsgötter eine willkürliche Erfindung wäre, so würde eben diese Erfindung doch wenigstens als ein Zeugnis für die Sitte des Kniens bei der Geburt gelten können. Denn es konnte natürlich kein römischer Cicerone auf den Gedanken kommen, kniende Figuren gerade für Geburtsgötter zu erklären, wenn ihm nicht das Gebären in kniender Stellung bekannt und vertraut gewesen wäre.

1) Gesammelte Abhandlungen S. 130.

Eine ganze Reihe griechischer kniender Frauenfiguren sind als Gebärende oder Geburtsgöttinnen in der Stellung der Gebärenden erklärt worden. Ich zähle sie hier nicht auf, weil bei vielen die Deutung ganz unsicher ist. Nur auf eine bildliche Darstellung gehe ich näher ein, da bei ihr die Deutung einigermaßen gesichert ist und sich auch sonst mancherlei Interessantes daran knüpft. Es ist dies die leider arg verstümmelte archaische Marmorgruppe im Museum zu Sparta, die Marx in den Athen. Mitteilungen X (1885), T. VI veröffentlicht hat. An eine völlig nackte Frau schmiegt sich zu bei den Seiten je eine in kleineren Proportionen gearbeitete männliche Figur an.

Entbindung. Gebärende Mutter und Kind. Archaische Marmorgruppe im Museum zu Sparta. Katalog der antiken Kunstwerke in Sparta
Marmorgruppe aus Sparta.

Daß es nicht Kinder sind, wie bei der ersten Erwähnung der Gruppe in Milchhöfer-Dressels Katalog der antiken Kunstwerke in Sparta und Umgebung angegeben war, sondern Jünglinge, zeigt, wie Marx richtig hervorgehoben, die Behandlung des Haars bei der Figur 1. vom Beschauer, da in Sparta die Knaben bis zum Eintritt ins Jünglingsalter ganz kurz geschoren gingen. Der Jüngling rechts vom Beschauer legt die geöffnete linke Hand auf den Unterleib der knienden Frau, und zwar dicht über dem gegen sonstige Gewohnheit deutlich angegebenen pudendum muliebre. Die Figur links hat noch etwas kleinere Proportionen als die rechts. Es ist mehr von ihr erhalten als von der andern Seitenfigur: vom linken Bein des Jünglings, das mit leicht gekrümmtem Knie vorgestreckt war, ist der obere Teil und die ganze Kontur bis zum Knöchel am Schenkel der Frau deutlich erkennbar; das rechte Bein ist oberhalb des Knies abgebrochen. Nicht mehr deutlich zu erkennen ist, wie es scheint, die Haltung der Hände des Jünglings: nach Marx‘ Angabe legt er zwei Finger an die Lippen oder steckt sie in den Mund, und zwar hält Marx es für wahrscheinlich, daß er je einen Finger je einer Hand an oder in den Mund führt; Wolters dagegen und ebenso von Prott nehmen an, daß er die Flöte bläst, was auch Marx wenigstens für möglich gehalten hat. Da diese Figur zweifellos steht, so zog Marx hieraus den Schluß, daß am unteren Ende der Mittelfigur nur gerade so viel fehlt, daß man die Unterschenkel und die Füße richtig proportional ergänzen kann, also nur wenig. Deshalb und weil jeder Versuch einer anderen Ergänzung auf unlösbare Schwierigkeiten stößt, hat Marx die Figur sicher mit Hecht als kniend ergänzt.

Gebärende Mutter und Kind. Marmorgruppe aus Sparta. Katalog der antiken Kunstwerke in Sparta
Marmorgruppe aus Sparta.

Marmorgruppe aus Sparta.

Bei Milchhöfer-Dressel war das Werk als „Gruppe einer Kinder nährenden Frau“ bezeichnet 1); daß dies irrig, ergibt sich aus dem Umstand, daß die beiden Seitenfiguren eben keine Kinder, sondern Jünglinge sind. Die von Marx gegebene Deutung auf eine Gebärende, für die nach den vorher gegebenen Darlegungen das Knien durchaus paßt, wird gesichert durch den Gestus des rechten Jünglings. Wie schon Marx dargelegt hat, dessen Ausführungen ich das im folgenden aufgeführte Material entnehme, ist seine oben beschriebene Handhaltung, d. h. die Berührung des Leibes, typisch für den Geburtshelfer. Vgl. die rohe kyprische Terrakotta Darstellung einer Gebärenden im Louvre und die Darstellung der Geburt der Athena auf einem etruskischen Spiegel, auf der Thalna (Eileithyia) ihre geöffnete rechte Hand auf den Leib des Zeus legt. Den bildlichen Darstellungen stehen Schriften zur Seite. Der Arzt Soranus rät, daß die bei der Entbindung Beistand leistenden Frauen die Hände auf den Unterleib der Gebärenden legen sollen. Daß die Berührung des Leibes durch eine Gottheit die Entbindung bewirkt, zeigt die Erzählung von der Geburt des Priapos. Die eifersüchtige Hera berührt mit ihrer Hand den Unterleib der Aphrodite, da gebiert diese den Prinpos.

1) Als „Mutter mit den Zwillingen“ hat auch Hiller von Gärtringen (Thera III, 1G3) die spartanische Gruppe bezeichnet.

Zu der in einen Baum verwandelten kreißenden Myrrha, tritt nach Ovids Erzählung Lucina heran und legt ihre Hand auf den Baum, da öffnet sich dieser, und Adonis wird geboren. Daß aber auf der spartanischen Gruppe das Hand anlegen des Jünglings ebenso aufzufassen ist wie in den eben angeführten Fällen, wird noch dadurch bestätigt, daß am Unterleib der Frau, wie bei der Beschreibung oben erwähnt, das pudendum gegen die sonst übliche Sitte deutlich angegeben ist und der Jüngling dicht an diese Stelle seine Hand legt.
Die Haltung des anderen Jünglings kann zwar nicht zum Beweise von Marx‘ Deutung verwertet werden, paßt aber sehr gut zu einer Entbindungsszene, gleichviel ob er die Finger an den Mund legt oder Flöte bläst: beides kommt als apotropäischer Ritus, zur Abwehr unheilvollen Zaubers vor. Auf eine Bemerkung von Marx in bezug auf die Bedeutung des Gestus muß ich später noch eingehen.
Die beiden Jünglinge sind natürlich als hilfreiche Gottheiten aufzufassen. Marx sieht in ihnen die Dioskuren, von Wilamowitz-Möllendorff nennt sie Nikomachos und Gorgasos. Darüber läßt sich jedoch nichts Sicheres ermitteln, wir müssen uns begnügen, sie als geburtshelfende Dämonen zu erklären. Zur Feststellung der Namen fehlt uns ein genügender Anhalt. Ebenso läßt sich nicht feststellen, ob das Werk, wie Marx meinte, eine gebärende Frau oder, wie von Prott und Dümmler annehmen, eine Geburtsgöttin in der Haltung der Gebärenden darstellt. Im ersten Falle wäre es natürlich als ein Weihgeschenk zum Dank für glückliche Entbindung zu betrachten.

Gegen die Deutung von Marx wendet sich Hoernes. Er meint, die Nacktheit und die Größe der Frauengestalt im Verhältnis zu den männlichen Dämonen stehe im Widerspruch zu dieser Erklärung. Die Frau könne nur im mütterlichen Verhältnis zu den kleinen männlichen Gestalten stehen. Weshalb indes die Nacktheit der Frau gegen die Annahme einer Entbindungsszene sprechen soll, ist völlig unverständlich, und daß Dämonen nicht auch kleiner gebildet werden konnten als eine Sterbliche, ist eine Voraussetzung, die sich nicht beweisen läßt; außerdem fällt dies Bedenken ganz, wenn man in der Frauengestalt der Gruppe nicht eine sterbliche Gebärende, sondern, was, wie erwähnt, auch sehr möglich ist, eine Geburtsgöttin sieht. Zu dem Gestus des rechten Jünglings führt Hoernes die Darstellung einer böotischen Grabvase an, auf der im Relief zwei kleine Figuren dargestellt sind, die an eine große stehende oder schreitende Frauengestalt geschmiegt mit den ausgestreckten Händen den Leib derselben berühren. Allein eine wirkliche Analogie zwischen diesen Figuren, die eine völlig bekleidete Frau umfassen und dem Jüngling der spartanischen Gruppe, der seine Hand an die für die Entbindung bedeutungsvolle Stelle des nackten Frauenkörpers legt, besteht meines Erachtens nicht.

Widerspruch gegen die Erklärung der spartanischen Gruppe als Geburtsszene hat auch der französische Arzt Morgoulieff erhoben, der in einer Dissertation der Pariser medizinischen Fakultät die antiken Geburtsdarstellungen behandelt hat. 1) Er erinnert daran, daß altphönizische Göttinnen der Fruchtbarkeit mit einer Hand auf ihren Busen, mit der anderen auf ihren Unterleib zeigen, und meint, da bei der spartanischen Gruppe die Göttin die Hände ausgestreckt hatte, so sei einer der kleinen Gottheiten ihres Gefolges die Aufgabe zugefallen, den Sitz der Fruchtbarkeit anzuzeigen, – wobei er aber doch nicht erklärt, warum denn die Hände ausgestreckt sein mußten, so daß eine solche Stellvertretung nötig wurde. Morgoulieff gibt zu, daß in andern Werken die göttlichen Geburtshelfer denselben Gestus zeigen, aber er fügt hinzu, in diesem FaUe säßen die Gebärenden. Entgegen den unzweideutigen Zeugnissen bestreitet er überhaupt, daß die griechischen Frauen kniend gebaren, – eine Behauptung, die nach dem oben angeführten Material hier keiner Widerlegung mehr bedarf.
Die somit für Griechenland durch bildliche Darstellungen wie durch literarische Nachrichten bezeugte Sitte des Knieens begegnet uns außer bei den Griechen noch bei einer ganzen Reihe von Völkern, bei den Abessiniern, in Neuseeland, bei den Tscherkessen, Georgiern, Armeniern, in einigen Gegenden Persiens, bei den Tataren und überhaupt den Mongolen, den Esten, den Indianern und vereinzelt auch in England 1), und sie wird von den modernen Ärzten als gar nicht unzweckmäßig angesehen. 2) So könnte man vielleicht glauben, daß diese Sitte ausschließlich hygienischen Rücksichten ihren Ursprung verdanke, also überhaupt nicht in den Zusammenhang unserer Untersuchung gehöre.

1) Engelmann, Die Geburt bei den Urvölkern S. 87 ff. Floß, Lage und Stellung der Frau während der Geburt S. 39 ff.
2) Schroeder, Lehrbuch der Geburtshilfe S. 203.

Allein auffallend ist zunächst folgender Umstand. Gerade die griechischen Ärzte sind anscheinend nicht für das Knieen bei der Entbindung gewesen. Soranus ordnet die Benutzung des Geburtsstuhles an, Hippokrates verlangt wenigstens bei einer Fehlgeburt die Rückenlage, ebenso der Römer Celsus; nur in ganz besonderen Füllen empfiehlt Soranus die kniende Stellung. Es ist merkwürdig, daß sich trotzdem die Sitte, wie das Vorkommen im modernen Griechenland beweist, durch das Altertum erhalten hat. Daß medizinische Volksbräuche entgegen ärztlichem Rat beibehalten werden, ist ja, keine Seltenheit; das sind aber gewöhnlich, wie wir sagen, abergläubische Bräuche, d. h. Bräuche, die einst eine religiöse Grundlage gehabt haben. Sollte das vielleicht hier auch der Fall sein? Sollte, wenn nicht vielleicht der Brauch überhaupt ursprünglich aus religiöser Wurzel entsprungen ist, so doch wenigstens zu dem praktischen Nutzen, den man sich möglicherweise von dieser Stellung versprach, noch ein religiöses Motiv hinzugekommen sein? Dann wäre das zähe Festhalten gegenüber der abweichenden Ansicht der griechischen Ärzte leicht verständlich.
Welcker weist in dem schon erwähnten Aufsatz über die Entbindung bei den Griechen darauf hin, daß nach einer Angabe des Ovid in Rom die Schwangeren kniend der Juno Lucina nahten, und er vermutet, diese Sitte stehe, da doch das Knieen beim Gebet sonst nicht üblich sei, im Zusammenhang mit dem Knieen bei der Entbindung.
Welcker hat die Ovidstelle nicht ganz richtig wiedergegeben, was aber an der Sachlage nicht viel ändert. Ovid spricht nicht von Schwangeren, sondern er erzählt zur Erklärung des Luperkalienbrauches, daß Männer und Frauen, die Kindersegen erflehen, im Haine der Lucina Niederknien, worauf die Göttin das Schlagen mit den Riemen aus Bocksfell anordnet.

Wäre es sicher, daß der von Ovid geschilderte Ritus wirklich mit dem Knieen bei der Entbindung zusammenhinge, so wäre ja damit ein Beweis für die religiöse Wurzel dieses Brauchs gegeben. Ein sicherer Nachweis eines solchen Zusammenhangs läßt sich aber natürlich zunächst nicht führen, zumal das Knieen bei den Römern nicht ganz so selten ist wie in Griechenland. Da es aber jedenfalls nicht das Gewöhnliche beim Gebet ist, so ist Welckers Beobachtung doch mindestens eine weitere Mahnung noch genauer zu untersuchen, ob etwa religiöse Vorstellungen dem knieen bei der Entbindung zugrunde liegen oder wenigstens zur Festhaltung des Brauchs beigetragen haben.
Von Apollonios von Rhodos lernen wir einen andern Entbindungsbrauch kennen, auf den Gruppe hingewiesen hat. Apollonius erzählt, die Nymphe Anchiale habe die idäischen Daktylen geboren, nachdem sie mit beiden Händen in die Erde gegriffen.

Eine wertvolle Analogie, die uns zur Erklärung des Brauches weiterhilft, bietet ein russischer Brauch. Im Gouvernement Wilna klopft die Kreißende während der Wehen dreimal mit der Ferse an die Schwelle der Hütte – die Schwelle, die wir in einem späteren Kapitel als Sitz der Seele kennen lernen werden.
Beides aber, das Anfassen und das Schlagen des Bodens, gehört bei den Griechen und Römern zu dem Ritus, mit dem man sich an die Unterirdischen wendet. Auch noch im modernen Griechenland hat sich ein Rest davon erhalten. Griechische Weiber schlagen im höchsten Zorn, indem sie ihren Feinden alles Böse anwünschen, mit der flachen Hand wütend die Erde.

Den in der Anmerkung zusammengestellten Zeugnissen aus dem alten Griechenland füge ich hier noch zwei weitere bei, die ich hervorhebe, weil sie zugleich noch einen andern Ritus kennen lehren. In den Troerinnen des Euripides sagt Hekabe: „Die greisen Glieder auf den Boden setzend schlag‘ ich mit beiden Händen die Erde. Was mit dem „Niedersetzen der greisen Glieder“ gemeint ist, sagt noch deutlicher Homer im 9. Buche der Ilias: Althaia flucht ihrem Sohne Meleager, sie schlägt mit ihren Händen die Erde, indem sie Hades uud Persephone anruft, auf die Knie niedergesenkt. Niederknien also und Fassen oder Schlagen der Erde sind die beiden Riten, durch die sich der Grieche mit den Unterirdischen in Verbindung setzt. Niederknien aber und Fassen der Erde sind auch die beiden Bräuche, die uns bei der Entbindung begegnen. Wir haben vorher gesehen, daß bei einer ganzen Heihe von Völkern die Kreißende wie der Sterbende auf die Erde niedergelegt, d. h. mit dem Reiche der Unterirdischen in Verbindung gebracht wird. Wir wissen andererseits, daß auch nach griechischem Glauben die Unterirdischen, speziell die Seelen der Toten, nicht nur Fruchtbarkeit der Felder, sondern auch Kindersegen spenden.

Nach alledem ist es keine gewagte Vermutung mehr, wenn wir annehmen, daß das Knien und Anfassen der Erde bei der Entbindung der griechischen Frau ebenso aufzufassen ist wie dieselben Bräuche im chthonischen Kult und ebenso wie das Niederlegen der Kreißenden und des Sterbenden bei andern Völkern: wir dürfen annehmen, daß auch nach griechischem Glauben die Gebärende mit der Erde, mit dem Reich der Unterirdischen in Verbindung gebracht werden mußte, damit die Geburt glücklich von statten gehe, d. h. eben damit aus der Erde die Seele des Kindes emporsteige, eine Vorstellung, die natürlich ganz zu allem andern paßt, was uns Albrecht Dieterich über die griechische Vorstellung von der Mutter Erde gelehrt hat. 1)

1) Wahrscheinlich gehört in diesen Vorstellungskreis auch ein neugriechischer Brauch: in Athen reiben sich Frauen, die fruchtbar werden wollen, und Schwangere an einem Felsen in der Nähe der Kallirrhoë und rufen dabei die Moiren an, ihnen gnädig zu sein (B. Schmidt, Volksleben der Neugriechen S. 218). Vgl. die verwandten französischen Bräuche bei Sébillot, Le paganisme contemporain chez les peuples celto-latins p. 5.7. Über die Vorstellung, daß die Kinder aus Felsen kommen, vgl. Dieterich, Mutter Erde S. 20 u. 64. Den von ihm S. 20 gegebenen Zusammenstellungen füge ich noch ein weiteres Zeugnis hinzu: Sepp, Völkerbrauch bei Hochzeit, Geburt und Tod S. 7: „Am Wiesensteig von Schirmeck nach Rothau in Schwaben ragt ein Fels hervor, von welchem die Kinder kommen.“

Quelle: Geburt, Hochzeit und Tod: Beiträge zur vergleichenden Volkskunde von Ernst Samter. Leipzig: B. G. Teubner, 1911.
Dr. Ernst Samter (1868-1926) deutsch-jüdischer Philologe und Religionswissenschaftler.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheit - Frage *