Der goldene Steig. Mittelalterliche Handelswege durch den Böhmerwald.

Der Goldene Steig ist der Sammelname für das System der mittelalterlichen Nord-Süd-Handelswege, die den Böhmerwald durchquerten und Böhmen mit dem Donauraum verbanden. Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Weg “ Passauer“, „Prachatická“, “ Böhmischer“ oder „Salz“ genannt. Der Name Goldener Steig taucht erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts auf, als Ausdruck der außerordentlichen Rentabilität des Handels, der entlang des Steigs stattfand.

G. Edwin Keller, Landscape, photography, Photography, Artistic
Foto: Der Weg zum Ufer von G. Edwin Keller. 1921

Der Goldene Steig

von J. A. Freiherr von Helfert (1820-1910).

Modekunde, Arbeitsbuch, Bildbuch ,

Modekunde: Kleines Arbeits- und Bildbuch,

von Charlotte Lowack, Ruth Prof. Dr. Bleckwenn
Über 200 Zeichnungen. Ein Klassiker.

Die Landespforten und Pfade, die in Kriegszeiten durch Verhaue abgesperrt wurden, waren im Frieden die ausschließlich gestatteten Ein- und Ausfuhrlinien: so ausschließlich gestattet, dass um ihretwillen im Umfange des Grenzgebietes alle andern Wege, die einen leichteren und bequemeren Verkehr vermitteln konnten, verpönt waren und systematisch vernachlässigt wurden, so dass Fuhren von den abseits liegenden Orten beschwerliche Umwege von mehreren Stunden und Meilen machen mussten, um zu dem privilegierten Stapelplatz zu gelangen. Wurde ein Güterwagen oder ein Viehtrieb auf einem jener Seitenweg angehalten, so war die ganze Ladung oder Herde verfallen.

Wie in militärischer Hinsicht der Pass von Taus allen aus Böhmen und nach Böhmen leitenden Heeresstraßen an Wichtigkeit und geschichtlicher Berühmtheit weitaus voranging, so hatte sich in kommerziell-fiskalischer keiner eines solchen Rufes und Ansehens zu erfreuen als der von Passau nach Prachatitz (tschechisch: Prachatice) führende sogenannte goldene Steig.

Das große Buch der Volkstrachten von Albert Kretschmer ist eine Fundgrube nicht nur für Trachtengruppen und Volkskundler.
Der Band enthält Trachten aus allen deutschen Regionen, Österreich und Tirol.


Sein Ursprung zieht sich in das Dunkel der Geschichte zurück und vielleicht geht man nicht irre, wenn man ihn aus den Bojerzeiten herleitet. Bojer bewohnten in frühen Jahrhunderten Böhmen, Bojer *) in späteren Zeiten Bayern; „Böhmen“ und „Bayern“ leiten beide ihre Namen von ihnen her.

*) Die Boier (lateinischer Plural, Singular Boius) waren ein eisenzeitlicher Stamm, der zu verschiedenen Zeiten in Gallien, Gallia Narbonensis, Norditalien, Pannonien (Ungarn), Teilen Bayerns, in und um Böhmen; in den Regionen, die noch heute seinen Namen tragen: Bayern und Böhmen. Die spätrömischen und kaiserzeitlichen griechischen und römischen Historiker betrachteten sie als einen gallischen oder keltischen Stamm, d. h. als Mitglied einer größeren europäischen ethnischen Gruppe. Inschriften an verschiedenen Orten weisen darauf hin, dass sie Sprachen aus der keltischen Familie sprachen. Die spezifische Sprache der Boyos ist jedoch unbekannt.

Sollen die Bewohner des letzteren Landes und die im ersteren zurückgelassenen Reste des gleichen Volksstammes außer allem Verkehr miteinander geblieben sein? In Richtung vom heutigen Passau zum heutigen Prachatitz führte die nächste Linie aus dem bayerischen Bojerlande in den südwestlichen Teil des alten Bojohamum, des fruchtbaren Landes, das nur an einem für die menschliche Ernährung lebenswichtigen entschiedenen Mangel litt, an Salz.

Aber gerade Salz hatte die spätere Bojerheimat im Überfluss; die Werke von Hall, Hallein, Hallstatt (Hal im Keltischen = Salz) waren schon in ältester Zeit in Betrieb, und dieses Salz war in der geschichtlichen Zeit der wichtigste Artikel, der auf jenem Wege nach Böhmen gebracht wurde, so dass der „goldene“ Steig eben so gut der „Salz“- Stoig heißen konnte. Wo der „via juxta Prachatitz“ urkundlich zum ersten mal Erwähnung erfährt, 1086, war das Zollerträgnis derselben bereits so bedeutend, dass König Vratislav II. das Vyšchrader Capitel *) damit bestiften konnte.

*) Gesetzliche Bestimmungen zu Verwaltung und Rechtsprechung sowie in militärischen, kirchlichen und kulturellen Angelegenheiten. Kapitular für die Krongüter und Reichshöfe.

Edward L. Lawrenson, harvest moon, Aquatint,
Edward L. Lawrenson. Der Erntemond um 1910.

Das Verhältnis bildete sich später so heraus, dass die eine Hälfte der Zolleinkünfte dem Propste, die andere den übrigen Vyšehrader Capitularen zufiel; im Jahr 1285 schlossen aber beide Teile einen Vertrag, dass auch diese andere Hälfte dem Propst, dem reichsten Pfründner des Landes, zufallen sollte, der dafür dem Capitel alle Einkünfte seiner Güter Žitenic, Jinec, Ůjezd u. a. mit allen Höfen, Weinbergen, Obstgärten, dem Zehent von Leitmeriz (Litomeřice), dem Podvysehrad u. a. abließ.

Die Passauer Kirchenfürsten taten das ihrige, den Handel auf dem Prachatitzer Steig in lebhaftem Schwung zu erhalten. So bestimmte Bischof Otto 1256 auf dem Landtag zu Niederhausen, dass den Leuten aus Waldkirchen, Schafweg und Zwiesel in der Verfrachtung von Salz und anderem Gut über die Berge nach Böhmen kein Hindernis in den Weg gelegt werde; ja zu ihrer mehreren Aufmunterung wurde eine Vergütung von 7 Schilling weniger 10 Pfennige für jedes Pferd festgesetzt, das ein Säumer bei Tag, aber nicht bei Nacht, auf diesem Wege verlöre.

Ebenso war man von böhmischer Seite darauf bedacht, den in volkswirtschaftlicher Hinsicht so überaus wichtigen Verkehr auf dem Prachatitzer Steige in jeder Weise und unter allen Umständen zu schützen. Selbst in Kriegszeiten, wenn alle andern Grenzwege der Gegend von wo ein Angriff zu fürchten war durch Verhaue vermacht wurden, blieb der von Prachatice (deutsch Prachatitz) nach Passau frei und dem Verkehr geöffnet; ja dies sollte, wie Wenzel IV. und der polnische Vladislav ausdrücklich bestätigten, sogar dann der Fall sein, „wenn der König von Böhmen mit dem Bischof oder Capitel von Passau selbst in Zwist geriete und Krieg führte.“ In gleichem Sinne wurde zur Zeit Ferdinand I., als wegen einer großen Hungersnot alle Getreideausfuhr aus dem Lande gesperrt wurde, für den Prachatitzer Weg eine Ausnahme gemacht.

Helen Allingham
Buchen von Helen Allingham.

Buchen von Helen Allingham um 1880. Helen Allingham RWS (geb. Paterson; 26. September 1848 – 28. September 1926) war eine britische Aquarellistin und Illustratorin der viktorianischen Ära.

Die Zeit des fünfzehnten und sechszehnten Jahrhunderts war vielleicht die des lebhaftesten Verkehrs auf dem goldenen Steig und der Blüte der Stadt Prachatice. Zwar hatte es auch bis dahin an Rivalen nicht gefehlt. Schon unter Karl IV. wird einer Straße von Passau über Kvilda (Außergefild) nach Böhmen und eines 1866 ausgefertigten Schutzbriefes gedacht, „dass jede wie immer Namen habende Ware auf der genannten Straße über Kašperské Hory (dt. Bergreichenstein früher auch Reichenstein) zu gehen und, welche des Tages dahin käme, mit der Fuhre, auf der sie gebracht worden, über Nacht daselbst zu bleiben habe.“

Ebenso richtete Wimberg (Winterberg), wohin Prachatitz aus alten Zeiten wöchentlich zwölf Reffträger mit Salz abschickte, sein unablässiges Bemühen dahin, eine Abzweigung des goldenen Steiges unmittelbar auf seinen Stapelplatz zu führen.

Allein der hierüber zwischen Winterberg und dem Propst zu Vyšehrad (deutsch: Wyschehrad, auch Prager Hochburg) ausgebrochene Streit wurde unter König Wenzel 1404 8. Jänner dahin entschieden, „dass sich Wimberg mit seinen zwölf Kraxenmännern zu begnügen und der Pfad, der von Passau über den Wald führt, wie bisher nach Prachatitz und von da weiter zu gehen habe, zum Frommen des Landes Böhmen, damit es darin keinen Nachteil erleide.“

Dessen ungeachtet gelangte Winterberg noch im Laufe des 15. Jahrhunderts zu seinem Ziel und galt unter dem Herrn Zdenek Malovec von Cheynov, 1502, schon unangefochten als Stapelplatz für Salz. Allein namhaften Eintrag machte die Stadt doch den Prachatitzern keineswegs, und noch weniger gedieh Bergreichenstein (Kašperské Hory) in seiner Eigenschaft als Legestätte zu größerer Bedeutung, so zwar, dass die Einwohner im 16. Jahrhundert nicht einmal ihren eigenen Bedarf an Salz durch unmittelbaren Bezug decken konnten.

Obgleich der goldene Steig an Wichtigkeit und Ansehen vielleicht den meist frequentierten unserer heutigen Straßen den Rang ablief doch nichts anderes als was sein Name besagte, ein beengter Pfad, auf welchem die Säumer im besten Falle zwei beladene Gäule — „equi honusti qui dicuntur saumer“ — nebeneinander treiben, aber kein Wagen fahren konnte.

Der goldene Steig war seiner ganzen mehrere Meilen betragenden Länge nach mit gefällten Stämmen ausgelegt, und über die Moldau ging, wie schon früher bemerkt, zwischen Böhmisch-Röhren und „Wallern eine Brücke, die in gutem Stand zu erhalten — „ad renovandum pontem in silva“ — die Pröpste von Vysehrad die Verpflichtung hatten, so lange die Erträge des Zolles in ihren Säckel flossen; später, als dieselben der königlichen Kammer zugute kamen, wurde diese Verbindlichkeit der Stadtgemeinde Prachatitz aufgebürdet.

Längs des goldenen Steiges gab es verschiedene Haltpunkte, namentlich Wasser-Stationen für die beladenen Rosse, worauf viele noch heute bestehende Ortsnamen hindeuten: so „Röhrenbach“ in Bayern und „Böhmisch-Röhren“ (auf der Müller’schen Karte Böhmens: „Häusler bey der böhmischen Röhrn“) an der Hauptader des goldenen Steiges von Passau nach Prachatitz; dann „Röhrenberg“ (Müller: „Röhrenhäuser“) an der Winterberger Abzweigung; endlich an jener nach Bergreichenstein auf bayerischem Boden die „Schönbrunner Häuser“, die Orte „Hohenröhren“, „Heinrichsbrunnen“.

Bei der bevorzugten Stellung, die der goldene Steig als Handelsstraße einnahm, scheint er grundsätzlich von kriegerischen Unternehmungen gemieden worden zu sein. Der berüchtigte Einfall des Passauer Kriegsvolkes im Jahr 1611 geschah nicht von dieser Seite, sondern von Oberösterreich über Hohenfurt und Krumau. Wir wissen von einem einzigen Kriegszug, der seinen Weg über den goldenen Steig nahm, nämlich im Winter 1618/9 als der kaiserliche General Bouquoy, im Süden Böhmens vom Feinde bedrängt und von Ober- und Nieder-Österreich abgesperrt, sich der Stadt Krumau bemächtigte und 2000 Kriegsknechte, die der Kaiser in Vorder-Österreich geworben, von Passau über Freyung und Böhmisch-Röhren (Ceské Žleby) in’s Land rücken ließ.

Es war das ein kühner Streich, der wohl nur darum gelang, weil die Gegner auf eine solche Benützung des berühmten Handelsweges nicht gefasst waren. Die Säumer mit ihren sack- und bündelbeschwerten Gäulen, die sich gerade unterwegs befanden, mochten dabei unsanft bei Seite gedrückt worden und die Lieferungen von Salz, von Getreide, von allerhand Trinkwaren, von Linnenzeug, auf die man einerseits in Prachatitz andererseits in Passau wartete, durch mehrere Tage arg in’s Stocken geraten sein; denn dies waren die Hauptartikel, deren regelmäßiger Austausch auf dem goldenen Steig vermittelt wurde.

Daneben liefen aber manche den Erträgen nach geringere, ihrer Bedeutung nach aber hochwichtige Artikel, nach denen auf dem uralten Wege von Passau nach Böhmen gesucht wurde. Noch heute lebt im Böhmerwald die Überlieferung von unbekannten Wälschen *), die sich vor Jahrhunderten von Zeit zu Zeit durch Nachfragen nach alten Bäumen bemerkbar gemacht hätten. Es brauchten nicht eben aufrechte Stämme zu sein, es genügte sogenanntes Lagerholz, uralte riesige Bäume, die durch ein Elementar-Ereignis gefällt oder gar mit ihrer riesigen Wurzel ausgehoben waren und seither einhundert Jahre und darüber auf dem Boden lagen.

*) Welsche oder Walsche ist ein rekonstruiertes proto-germanisches Wort mit der Bedeutung „Römer“, „romanisiert“ oder „(romanisierter) Kelte“. Der Begriff wurde von den alten Germanen zur Bezeichnung von Bewohnern des ehemaligen Römischen Reiches verwendet, die weitgehend romanisiert waren und lateinische Sprachen sprachen (vgl. Valland in Altnordisch). Die adjektivische Form ist bezeugt in Altnordisch valskr, was „französisch“ bedeutet; Althochdeutsch walhisk, was „romanisch“ bedeutet; Neuhochdeutsch welsch, das in der Schweiz und in Südtirol für romanischsprachige Menschen verwendet wird; Niederländisch Waals „wallonisch“; Altenglisch welisc, wælisc, wilisc, was „romanisch-britisch“ bedeutet.

Foto von G. Edwin Keller 1921

Die Rinde und die äußern Schichten waren schon dem Prozess des Vermoderns verfallen, aber der Kern, aus unendlich feinen dichten und gleichmäßigen Jahresringen bestehend, war noch vollkommen gesund und gab das beste Holz für Resonanz-Böden musikalischer Instrumente. Und so mögen denn manche der berühmten und heute mit schwerem Gold aufgewogenen Stradivari und Amati, Guarneri und Ruggieri, die unter den Strichen eines Vieuxtemps *) und Joachim, eines Laub und Hellmesberger ein ausgewähltes Konzertpublikum in Entzücken versetzen, die hinreißende Macht ihres Tones einer gefallenen oder gefällten Größe der Sumava (Naturschutzgebiet im Südwesten Tschechiens) verdanken, die ein vor langer Zeit auf dem goldenen Steig herübergekommener italienischer Händler entdeckt, erfeilscht und über den Böhmerwald und über die Alpen nach Italien eingeführt hatte.

*) Henri Vieuxtemps (1820 -1881) war ein belgischer Komponist und Geiger. Als bedeutender Vertreter der französisch-belgischen Violinschule in der Mitte des 19. Jahrhunderts nimmt er einen wichtigen Platz in der Geschichte der Violine ein. Er ist auch dafür bekannt, dass er die heute als Vieuxtemps Guarneri del Gesù bekannte Geige spielte, eine Geige von höchster Qualität.

Bald nach Anfang des 18. Jahrhunderts ging der goldene Steig ein, und das kam so. Wie das Salz, dieses nach dem Brote, oder vielmehr mit dem Brot ausgebreitetste, ja unentbehrlichste aller Lebensbedürfnisse, den Wachstum des Prachatitzer Handels und Verkehrs gefördert, seine Blüte geschaffen hatte, so war es wieder das Salz, das sein allmähliches Sinken und zuletzt die vollständige Verödung des goldenen Steiges herbeiführte.

Böhmen, Landschaft, Karel Prokop, Kunst, Photographie,
Böhmische Landschaft von Karel Prokop

Nämlich das Salz fand andere Wege in’s Land zu kommen und der über Prachatitz verlor seinen Wert; der Mohr d. i. der goldene Steig hatte seine Schuldigkeit getan und er konnte gehen d. h. verfallen. Als die Beherrscher von Österreich, die zugleich Könige von Böhmen waren, selbst in den Besitz reicher Salzwerke, in Oberösterreich, kamen, brachte es ihr natürliches Interesse mit sich, die Einfuhr aus ihren eigenen Salinen nach Böhmen zu begünstigen und dagegen jene aus dem Salzburgischen über Passau möglichst zu erschweren. Zwar wehrten sich die Prachatitzer lange Zeit tapfer und nicht ohne günstigen Erfolg.

Schon von Karl IV. her genoss Budweis die Begünstigung, Salz aus Oberösterreich einführen und den Süden Böhmens, namentlich Wittingau und Schweiniz, damit beliefern zu dürfen, und hatte sich von da bis zu Anfang des siebenzehnten Jahrhunderts der Salzhandel von Gmunden über Linz ungemein gehoben. Dennoch war Budweis lange Zeit nicht im Stande, denen von Prachatitz empfindliche Konkurrenz zu machen, die noch 1626 über 100.000 Schock Meißnisch (Münze, Währung in Böhmen) jährlich im Salzhandel hatten. Ja die Prachatitzer wussten sich, um allen Möglichkeiten vorzusehen, das Recht zu erwerben, selbst Salz aus Gmunden zu beziehen, aus welchem Anlass 1659 ein gewisser Weißenberger als eine Art Salzgraf aufgestellt wurde die Kufe Salz war um 4 fl. 30 kr. zu verkaufen, wovon 15 kr.; der Stadtgemeinde zu Nutzen kamen.

Als aber unter Leopold I. mit kaiserlichem Patent im Jahr 1692 die Einfuhr des bayerischen Salzes, es sei denn zuvor gewogen und verzollt, untersagt; als auf den Zentner Gmundner Salzes 39 kr., dagegen auf Halleiner 1 fl. 49 — auf sächsisches gar 3 fl. 9 kr. — gesetzt wurde, da konnte selbst die Gmundner Salzniederlage in Prachatitz nur ein kümmerliches Dasein fristen, so dass kaum vierzehn Jahre später, 1706, für gut befunden wurde, dieselbe geradezu nach Krumau zu übertragen.

Die Einfuhr von Salz über Passau wurde nun nachdrücklich verboten und der Handelsverkehr auf dem goldenen Steig, der sich geschichtlich über sieben Jahrhunderte zurückverfolgen lässt und vorgeschichtlich mehr als dreimal so lang gedauert haben mochte, nahm ein Ende. „Von dieser Zeit“, sagt Sláma ebenso wahr als schön, „erlosch das Leben des goldenen Steiges; der Böhmerwald schüttelte seine Nadeln auf ihn herab und überspannte sein Grab mit Moos bis es verwuchs, und die Zeitläufe haben seinen Namen und sein Andenken derart weggewischt, dass kaum irgend ein Prachatitzer, geschweige denn ein entfernterer Bewohner des Böhmerwaldes noch zu ermessen vermögen, welcher Segen von ihm über die ganze Umgegend der Stadt einstmals gekommen war.“

In der Tat kennt man zwar die Hauptrichtung des ehemaligen goldenen Steiges, die durch dessen beide Endpunkte, Prachatitz in Böhmen und Passau in Bayern, im allgemeinen bezeichnet ist. Auch einige der bekannten Ruhe- und Haltpunkte, wie Röhrenbach und Freyung in Bayern, Böhmisch-Röhren und Wallern in Böhmen, dürften wohl kaum in Zweifel kommen.

Allein schon gleich über seinen Aus- und Eintrittspunkt über die Grenze scheint sich Streit erheben zu wollen. Dr. Jirecek in seinem gediegenen Werk über das alte böhmische Recht bezeichnet die sogenannten Marchhäuser als jene Stelle, von wo der Passauer Steig auf böhmischen Boden trat und über das heutige Landstraß unmittelbar auf Böhmisch-Röhren lief; etwas vor Böhmisch-Röhren habe sich dann im XIV. Jahrhundert jener Steig abgezweigt, der über Kuschwarta am Kubany vorbei nach Winterberg führte.

In Kuschwarta selbst aber hieß es, dass der goldene Steig von der Grenze bei Landstraß die gerade Richtung auf Kuschwarta nahm und erst hinter diesem Orte einerseits gegen Böhmisch-Röhren, andererseits gegen Winterberg sich gespalten hätte. Wie dem immer sei, so viel dürfte außer Zweifel stehen, dass Kuschwarta vom goldenen Steig, sei es in der ursprünglichen Prachatitzer Richtung, sei es von der spätern Winterberger Abzweigung, berührt wurde.

Ein Bekannter eines meiner Reisegefährten, Herr Rak, der sich vor mehreren Jahren am Ausgang von Kuschwarta angesiedelt und dort ein Stück Wald urbar gemacht, lieferte uns den Beweis dafür. Als Herr Rak den Grund übernahm, zeigte sich im Waldboden in der Richtung von Bayern her eine etwa drei Schuh breite, mit Gräsern Moos und Flechtwerk überwachsene Rinne, die stellenweise noch so tief war, dass man auf dem Grund stehend nur mit dem Oberleib hinausragte.

Man konnte dies für das ehemalige Rinnsal eines Baches beim Auf- und Umackern eine immer größere Zahl sehr alter Hufeisen von eigener Form zu Tage gekommen wäre, was augenscheinlich darauf hinwies, dass vor Zeiten ein stark benützter Weg bestanden habe. Unser Gewährsmann versicherte, auf der kleinen Strecke von einigen Klaftern in der Länge mehr als zwanzig solcher Hufeisen in die Hände bekommen zu haben, die er nach verschiedenen Seiten hin verschenkte; eines fand er noch unter seinem alten Eisen und gab es Herrn Dr. Jirecek, für den es von besonderem Interesse war.

Winterlandschaft, Landscape, Art, Photography, G. E. H. Rawlins
Winterlandschaft („Und mehr in Kürze“) von G. E. H. Rawlins

Mit diesem Teil des ehemaligen goldenen Steiges, und zwar mit der Winterberger Abzweigung desselben, muss auch die schon früher erwähnte, auf einem Bergvorsprung eine kleine halbe Stunde von Kuschwarta gelegene Festung in Beziehung gestanden haben.

Ohne Zweifel war sie vom Anfang her nichts anderes, als was heute noch ihre halbverfallene Ruine ist; ein einzeln stehender viereckiger Turm, ein Luginsland, bestimmt den Verkehr auf dem Passauer Steige, sowohl gegen Kuschwarta als gegen den Kubany hin zu überwachen. Was diese Vermutung bestärkt, ist der Umstand, dass der Turm in seinen noch heute erkennbaren drei Geschossen nur nach zwei Seiten, nach jenen nämlich die in das tiefere Land hinunterschauen, Fenster hatte, während die beiden andern Seiten des Geviertes, gegen den im Rücken liegenden Wald hin, ununterbrochene Mauern bildeten.

Diese zwei letztem stehen noch bis fast an den Rand hinauf aufrecht, während von den beiden andern die eine bis auf das obere Fenster, die andere bis über das zweifenstrige Erdgeschoss eingesunken ist. Ihr heutiger Name ist „Kunzwarte“, auf der Müller’schen Karte steht „Kuschwarta“; beide scheinen auf „Kynžvart — Königswart“ hinzudeuten. Übrigens geht das denkwürdige Bauwerk sichtlich raschem Verfalle entgegen; die oberen Teile zerbröckeln mehr und mehr, aus den Mauerklumsen schießen kleine Fichten und Kiefern empor, dichtes Moos wuchert in den Fensteröffnungen. Das ist ohne Frage sehr malerisch, befördert aber ebenso zweifellos den um sich greifenden Verfall. Dazu haben, wie überall so auch hier, steinebedürftige Häuserbauer fleißig mitgeholfen.

Es ist eigentümlich, dass auf den Landkarten Böhmens, von der Müller’schen angefangen bis auf die von Steinhäuser und Mück, die Bezeichnung „Goldener Steig“ in den Gegenden der späteren Abzweigungen desselben nach Bergreichenstein und Winterberg zu finden ist, aber gerade in der Hauptrichtung von Passau nach Prachatitz fehlt. Siehe auch Krejci S. 33 f. und 65, der übrigens die „goldenen Steige“ zu einem Gattungsbegriffe erhebt und auch von einem solchen, der über Mader und Philippshütten nach Innergefild geführt habe, wissen will.*)

Die Zoll-Stationen der Jahre 1550, 1586 und 1612, wovon auf den südlichen Teil des Böhmerwaldes folgende entfielen:

1550

Neugedein
Neuern (Nyrsko).
Hartmaniz.
Bergreichenstein.
Winterberg.
Prachatitz.
Wallern (Volary)
.
Ober-Plan (Planice?).
Unter-Wuldau.
Friedberg.
Hohenfurt.

1586

Taus.
Neugedein.
Neuern.
Hartmaniz.
Bergreichenstein.
Winterberg.
Prachatitz.

1612

Neugedein.
Neuern.
Hartmaniz.
Bergreichenstein.
Winterberg.
Prachatitz.
Wallern.

Plan.
Ober-Wuldau.
Friedberg.
Krumau.

Die in der vorstehenden Aneinanderreihung mit kursiver Schrift gedruckten Namen gehören den verschiedenen Abzweigungen des goldenen Steiges an. Hartmaniz war der alte Ausgangspunkt des St. Günthersteiges, Neuern, nach meiner Vermutung jener des Eisensteiner Pfades. Plan, Wuldau und Friedberg mögen Zollwegen angehört haben, die erst später eröffnet wurden; mindestens ist in den ältesten Aufzeichnungen von ihnen nirgends die Rede.

*) Dr. Anton Gindely Geschichte der böhmischen Finanzen von 1526 bis 1618, Wien 1868 (Akademie-Schritten)

Quelle:

  • Mitteilungen der Kaiserlich Königlichen Geographischen Gesellschaft in Wien von R. Lechner, 1871. Verlag der geographischen Gesellschaft.
  • Pictorial landscape photography by Photo-Pictorialists of Buffalo (Society). Boston, Mass., American photographic publishing co. 1921.
  • Fine prints of the year: an annual review of contemporary etching and engraving. London: Halton & T. Smith limited, 1924.

Weiterführend


Ein Jahr im Mittelalter: Essen und Feiern, Reisen und Kämpfen, Herrschen u.v.m. von Tillmann Bendikowski.

Leben im Mittelalter: Der Alltag von Rittern, Mönchen, Bauern und Kaufleute u.v.m. von Annette Großbongardt.

Kleidung im Mittelalter: Materialien - Konstruktion - Nähtechnik von Katrin Kania.


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