Der Harz. Geographisches u. Geschichtliches.

Harz, Harzer, Trachten, Volk
Alte Harzer Trachten. Phot. F. Maesser, Wernigerode.

Der Harz. Geographisches u. Geschichtliches.

Es sind vier Gebiete im Harz zu unterscheiden: das Brockengebirge, der Oberharz, der Unterharz und der Südharz. Die vier Gebiete haben einen verschiedenen landschaftlichen Charakter, verschiedene Bevölkerung, verschiedene Lebensbedingungen und verschiedene Geschichte.

Orientiert man sich vom Brockengebiet aus, so bilden die Bruchberge und der Acker mit dem nach Westen sich anschliessenden Hochplateau den Oberharz; jenseits der Bruchberge liegt der Südharz, der begrenzt wird durch eine Linie, die man vom Rehberg bis zum Auerberg zieht; jenseits dieser Linie, östlich vom Brocken, schliesst sich der Unterharz an. Das Brockengebiet hat in seinem untern Teil Fichtenwälder, auf die weiter höher, besonders auf dem Brockenfeld, Torfmoore folgen; der Kopf des Brockens ist kahl. Die Waldwirtschaft gibt den ursprünglichen Erwerb der Bevölkerung ab, die bis zu dem Umsichgreifen der Fremdenindustrie aus Holzhauern und Köhlern bestand. Der Oberharz hat ausgedehnte Fichtenwaldungen und in der Nähe der Städte und Dörfer Wiesen, wenige Felder.

Den Erwerb der Bevölkerung liefert der Bergbau; in weit geringerem Masse die Viehzucht und die Waldwirtschaft. Im Unterharz und Südharz überwiegt der Laubwald, besonders die Buchenwälder; auf dem meist noch dürftigen Boden wird Ackerbau getrieben; seit dem fast völligen Erlöschen des Bergbaues gewährt dieser. auch den Hauptunterhalt der Bevölkerung. In den letzten Jahrzehnten hat der Zuzug der Sommerfremden die Verhältnisse wesentlich geändert. Dörfer, wie Schirke, Bockswiese und Hahnenklee, wo vor zwanzig Jahren ausser dem Forsthaus nur ein paar kleine Holzhauerhütten standen, haben jetzt grosse Hotels und Pensionen erhalten, und damit hat natürlich auch die Bevölkerung einen ganz andern Charakter bekommen.

Die Bewohner von Schirke standen damals im ganzen Harz im Ruf von Schöppenstädtern; der Kropf war noch sehr verbreitet, und es wurde etwa erzählt, wie eine Frau mit ihrem Kinde nach Wernigerode kommt und das Kind sich über die schlanken Hälse der Leute dort wundert, dass die Mutter antwortet: „Kind, Kind, du schalt dik nich öwer annere Lüe ere Gebreken upholen; danke Gott, dat du dine gesunden Glieder hest.“

Schon durch die Verschiedenheit der Lebensverhältnisse würde die Bevölkerung des Harzes sehr verschiedenartig geworden sein; es kommt dazu, dass sie auch verschiedenen Ursprungs ist. Drei grosse Gruppen kann man unterscheiden: Thüringer, Niedersachsen und Obersachsen. Der Harz lag auf der Grenze zwischen Thüringen und Sachsen; ungefähr kann man sagen, dass die Sachsen an der Grenze des Oberharzes und der westlichen Hälfte des Siidharzes, die Thüringer an der östlichen Hälfte des Südharzes und am Unterharz wohnten. Der Harz selbst war in den ältesten Zeiten unbesiedelt.

Die Obersachsen, die heute die sieben Bergstädte des Oberharzes bewohnen, wurden im 16. Jahrhundert aus dem Erzgebirge geholt. Kleinere Kolonisationen, Sprengteile und Überreste von Stämmen – wie etwa Elbingerode von flüchtigen ‚Holsteinern gegründet ist – mögen hier übergangen werden; wie man noch heute an den Dialekten sehen kann, stellt die Harzbevölkerung ein Mosaik der verschiedensten hoch- und niederdeutschen Bevölkerungen dar. Selbst in den Schwesterstädten Clausthal und Zellerfeld, die nur durch einen Bach von einander geschieden sind, und dem Fremden als eine Stadt erscheinen, wird nicht ganz derselbe Dialekt gesprochen.

Es stimmt das zu den Vorstellungen, die man sich heute von Gebirgsbevölkerungen überhaupt macht. Früher hielt man sie für homogen, weil man annahm, dass bei Völkerwanderungen die entlegenen Bergbewohner einerseits sitzen geblieben, anderseits von den Überflutungen mit Fremden verschont seien; heute findet man in den Gebirgen die gemischtesten Bevölkerungen, weil bei Katastrophen die Unterlegenen immer in die Gebirge gezogen seien. Es würden diese Theorien Bedeutung haben für die Aufklärung der alten Kämpfe zwischen Sachsen und Thüringern.

Die Geschichte des Harzes lässt sich auf einige wenige Momente zurückführen. In den ältesten Zeiten war er, wie gesagt, ein unbesiedelter Urwald; die ältesten heidnischen Ansiedelungen finden sich am Rande. Diese haben bereits Beziehungen zu der alten Religion; in Sagen und Gebräuchen erhält sich noch heute die Erinnerung, dass hier Kultusstätten waren. Als das Christentum kam, nahmen es die Thüringer schon frühzeitig an ohne einen äussern Zwang; die Sachsen wurden durch Karl den Grossen gezwungen, den alten Glauben zu lassen. Davon finden wir noch heute die Spuren.

Im niedersächsischen Sprachgebiet treffen wir eine Menge Geschichten von Teufelsmauern, Teufelskirchen, Hexenplätzen und ähnlichem; man kann annehmen, dass das zähe Volk noch jahrhundertelang an den altgewohnten Kultstätten heimlich opferte und seine alten Feste feierte, die nun als Hexensabbate und Teufelsanbetungen verpönt waren. Und wie mit zunehmender Besiedelung und vergrösserter Macht der Kirche die heimlichen alten Dienste immer weiter zurückgedrängt wurden, mögen die heidnischen Frommen dann auf heimlichen Pfaden in den stillen Urwald gezogen sein, bis in die Nähe der unwirtlichen Sümpfe und Felsen des Brockens, hier erst sicher vor Überraschung und Bestrafung; der Brocken selbst erhielt seine heutige Bedeutung als Versammlungsort der Hexen endgültig erst Mitte des 17. Jahrhunderts, wo es sich freilich nicht mehr um wirkliche Geschehnisse handeln kann. So sind denn die Sagen hier düster und grimmig, entsprechend der Wandlung, welche die heidnischen Mythen durch das Christentum genommen hatten, in direkter Umdeutung auf Teufelsdienst und indirektem Verändern durch den erbitterten und hassenden Widerstand der Alten, so weit, dass der Brocken selbst als Werk von Gegnern Gottes dargestellt wird, welche die Steine und Felsen auf einander bauten, um den Himmel zu stürmen. Ganz anderer, friedlicherer Art sind die Sagen im thüringischen Sprachgebiet; hier erscheinen die weissen Frauen, Frau Holle, die verwunschenen Fräuleins, und von Wildem und Grausigem etwa der wilde Jäger.

Wie alles unbebaute Gebiet gehörte der Harz den Königen. Mit den sächsischen Kaisern kommt er dadurch in Beziehung zur allgemeinen deutschen Geschichte. Diese suchten ihren hauptsächlichen Stützpunkt in ihrem alten Stammherzogtum, und der Harz erschien ihnen wegen der näheren Verbindung nach dem Süden und Westen als ein erwünschter häufigerer Aufenthaltsort. So begründete Heinrich I. die Pfalzen Derenburg, Gittelde, Goslar, Nordhausen, Pöhlde, Wallhausen und Quedlinburg. Im Zusammenhang damit begann die Besiedelung des Unterharzes; wie noch heute in jungen Ländern wurde der Wald gerodet und gebrannt: man kann das an den Dorfnamen auf -schwende und -rode noch verfolgen; die Ansiedler kamen aus den umliegenden Ortschaften, es wurde aber auch regelrecht kolonisiert durch angesiedelte Bauern; aus dieser Zeit stammen die verschiedenen wendischen Ansiedelungen. Und der an Wild jeder Art reiche Wald, in welchem Bären, Luchse und Wölfe neben Eber und Schelch (Hengst einer Wildpferdeherde) noch häufig waren, erschien als ein willkommenes Jagdgebiet.

Seigerturm, Stolberg, Harz
Der Seigerturm in Stolberg, Harz 1909.

Tiefer hinein wurden damals die kaiserlichen Jagdschlösser gebaut, um die herum sich dann allmählich gleichfalls Ansiedelungen bildeten; am meisten werden genannt Liptenfeld, Bodfeld und Walbeck. In Goslar findet der Reisende heute noch die reichsten Erinnerungen an diese grosse Zeit des Harzes; leider ist viel zerstört und mutwillig verdorben, viel in aufdringlicher und geschmackloser Weise restauriert; immerhin mag das Kaiserhaus uns eine ernste und grosse Zeit und einen edlen und gewaltigen Kaiser nahebringen.

Merkwürdig wenig hat sich in der Erinnerung des Volkes an jene Zeit erhalten, etwa solche Erzählungen wie die von dem Ross Kaiser Ottos, das durch sein Scharren auf dem Rammelsberg bei Goslar gediegene Silberstufen zutage gefördert, und so die erste Veranlassung zum Harzer Bergbau gegeben habe.

Stolberg, Alte Münze, Harz,
Blick durch die Niedergasse in Stolberg, rechts die Alte Münze 1909

Mit der Entwicklung des Feudalismus und dem Rückgang der kaiserlichen Macht bildeten sich im Harz, wie überall in Deutschland, eine Anzahl kleiner Herrschaften von Klöstern und weltlichen Herren, von denen die wichtigsten genannt sein mögen: die Grafschaften Scharzfeld, Herzberg, Katlenburg, Wernigerode, Blankenburg, Anhalt, Falkenstein, Mansfeld, Morungen, Stolberg, Ebersburg, Hohnstein; die freie Stadt Goslar mit ihrem Gebiet; und die Klöster Gandersheim, Quedlinburg, Gernrode, Ballenstedt, Sangerhausen, Ilfeld, Walkenried, Zellerfeld. Gleichzeitig machte die Besiedelung weitere Fortschritte, sodass zu Anfang des 15. Jahrhunderts bereits der grösste Teil der Ortschaften des Unter- und Südharzes existieren, und auch ein Teil der Ansiedelungen des Oberharzes.

Die Erschliessung des letzteren geschah auf Grund der Bergwerke und ging von Goslar aus. Der Bergbau in Goslar geht bis ins 1O. Jahrhundert zurück und ruhte in den Händen der Mönche. Um 1200 begründete das mächtige Reichsstift Simonis-judä in Goslar ein kleines Kloster in dem heutigen Zellerfeld, dessen Mönche Bergleute, Köhler und Holzhauer mitbrachten und bei sich ansiedelten, um den ersten Bergbau im Oberharz zu betreiben.

Die grosse Pest, die in der Mitte des 14. Jahrhunderts in Deutschland wütete, vernichtete aber die Ansiedelung; die Bevölkerung scheint fast ausgestorben zu sein, und auch das Kloster in Zellerfeld wurde hundert Jahre später, als in dem verödeten Gebirge das Räuberwesen überhand nahm, wieder aufgehoben, sodass der Oberharz wieder so wild und unbewohnt wurde wie früher. Erst mit Beginn des 16. Jahrhunderts fand eine zweite Besiedelung statt, und vornehmlich die jetzigen Bergstädte sind erst um die Mitte des 16. Jahrhunderts gebaut.

Die neuen Bergleute nahmen zum Teil die Gruben des „alten Manns“ wieder auf. Da zeigte es sich, wie furchtbar der schwarze Tod vor zweihundert Jahren gewütet haben musste; denn oft hatte er die Bergleute bei der Arbeit überrascht und sie hingerafft, ehe sie ausfahren konnten. In den Gruben bei der Festenburg fand man die Knochen von Bergleuten, ihr Gezäh und das Grubenlicht; vor zwei Jahrhunderten waren die Bergleute da tief unter der Erde vor Ort gestorben, und die neuen Häuer konnten ihr Eisen an derselben Stelle ansetzen, wo es der alte Mann hatte aus der Hand sinken lassen, nachdem sie die Gebeine zutage gefördert und christlich bestattet hatten.

Die Sagen des Oberharzes entsprechen dieser Entwicklung. Aus den älteren Zeiten haben die Ansiedler keine Überlieferungen mitgebracht; mit der verlassenen Heimat vergassen sie auch die Erinnerungen, welche sich an die heimatlichen Gegenden knüpften. Aber wie die doch zufällig und bunt zusammengewürfelten Menschen in den vierhundert Jahren ihres Lebens in der neuen Heimat sich zu einer einheitlichen Bevölkerung von ganz bestimmtem Charakter verschmolzen: so, dass ein Oberharzer überall wieder zu erkennen ist an seinem Wesen, so schufen sie sich auch eine neue Tradition. Diese kam fast nur aus den Bedingungen ihres Lebens. Es bildeten sich Sagen um den „Bergmönch“, in dunkler Erinnerung an die Bedeutsamkeit der Klöster für den Bergbau, um die „Venediger“, weil zum Teil italienische Kapitalisten den Bergbau ausbeuteten, und aus später missverstandenen Ausdrücken wie „Wildemann“ wurden Geschichten gebildet von einem wilden Manne, den die ersten Bergleute haben erschlagen müssen – in Wirklichkeit entstand der Name, weil man „zum wilden Mann“ solche Zechen nannte, die von Bergleuten auf eigene Faust, ohne obrigkeitliche Belehnung und ohne kapitalistische Leitung durch Gewerke aufgemacht waren.

Allerhand phantastisches Rankwerk knüpfte die Sage dann an das missverstandene Wort; so Geschichten von den „Waldweiblein“, die vom „wilden Mann“ verfolgt werden, und ähnliches. Heute, bei der allgemeinen Verbreitung von Lesen und Schreiben und der nur auf Ausbildung des Gedanklichen gehenden Schule, verstummt die Phantasie des Volkes; ich erinnere mich aber aus meiner Kindheit noch wohl alter Männer und Frauen und ihrer Erzählungen, bei denen die Empfindung direkt die poetischen Bilder gab, statt Gedanken zu bilden. Es hatten sich in dem begabten Volksschlag Ansätze zu legendären Personen gebildet – denn eigentliche Sagenschöpfung war damals bereits nicht mehr möglich – von denen mir ein Bergmeister Stelzner, ein Barbier, dessen Namen ich vergessen habe, und ein 1850 hingerichteter Wildschütze, „der gelbe Wagner“, in der Erinnerung geblieben sind.

Nach Abschluss der Besiedelung hat der Harz keine besonderen Schicksale weiter erlebt. In den Gesprächen leben noch die Schrecken des dreissigjährigen Krieges und der Franzosenzeit, und ich erinnere mich als Kind noch der Erzählungen von einigen Männern, die all die Jahre der napoleonischen Herrschaft in den Wäldern lebten und auf eigene Faust Krieg führten. Uralte Wildheit machte sich auch sonst noch in den Formen der neueren Zeiten bemerkbar. So galten noch vor dreissig Jahren die Benneckensteiner als gefährliche Wildschützen, und ein Förster, der nach Benneckenstein versetzt wurde, konnte das leicht als ein Todesurteil auffassen. Aber von solchen Dingen wird der heutige Reisende kaum noch etwas merken.

Quelle: Der Harz von Paul Ernst (Carl Friedrich Paul Ernst, 1866-1933). Stuttgart: C. Krabbe, 1900.

Vampir, Lovis Corinth, Illustration,
Illustration von Lovis Corinth

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