Transportwagen, Kutschen und Karossen des 16. und 17. Jhs.

Transportwagen, Kutschen, Karossen, Barock, Renaissance,
Transportwagen, Kutschen und Karossen im Europa des 16. und 17. Jahrhunderts.

EUROPA. XVI. und XVII. JAHRHUNDERT. TRANSPORTMITTEL. DIE KAROSSEN.

Frauen und Geistliche reisten während des Mittelalters vornehmlich in Sänften; die schlechten Wege oder der Mangel derselben machte diese Art der Beförderung für schwächliche oder kranke Personen unumgänglich nötig. Es gab auch Transportwagen; das waren aber meist bedeckte Karren mit vier gleich grossen Rädern. Der Wagenkasten ruhte ohne Riemen und Federn auf zwei parallelen, unbeweglichen Achsen. Die Pferde wurden zu beiden Seiten einer geraden Deichsel angespannt. Die Fortbewegung dieser Fahrzeuge war eine sehr mühsame, und wenn man wenden wollte, musste man schon lange vorher einen weiten Bogen machen. Man stieg von hinten in den Karren ein. Derselbe war von Reifen überspannt, welche durch Quergurte verbunden waren. Über dieselben legte man das Plantuch zum Schutz gegen Sonne und Regen. Das Innere suchte man sich durch dicke Decken und Stoffe so behaglich als möglich zu machen. Man baute die Karren für zwei oder vier Personen, konnte sie aber nach Bedarf auch zum Gebrauch einer grösseren Zahl von Reisenden vergrössern; sie vertraten dann den Dienst der grossen Landkutschen des XVII. und XVIII. Jahrhunderts.

Die Bedeckung dieser Kutschen bestand aus Leder mit Öffnungen an der Seite. Das Verdeck der Karossen bestand aus Stoff, den man nach Belieben auseinanderschlagen konnte. Die Bespannung wurde durch einen Postillion gelenkt, der auf dem Deichselpferd sass, sobald zwei Pferde genügten. Waren mehrere Pferde nötig, so wurden dieselben von Knechten zu Fuss an der Hand geführt.

Zu Anfang des XVI. Jahrhunderts brachte man zwischen den Rädern Seiteneingänge und einen Tritt an. Im weiteren Verlaufe des Jahrhunderts begann man auch sich der Riemen zu bedienen, in welchen der Wagenkasten hing, um die Erschütterung zu vermindern. Man nannte diese Wagen in Frankreich chars branlants (An Gurten hängende Wagen, Wackelwagen, schwankende Wagen).

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Chars Branlants. Reisewagen mit Aufhängung.

Unsere Tafel oben zeigt unten den Kasten eines solchen Wagens, der in Riemen hing. Derselbe diente zur Hochzeit des Kurfürsten Johann Friedrichs des Grossmütigen, und der Sibylle von Cleve im Jahre 1527 und befindet sich in Coburg. Er besteht ganz aus vergoldetem Holz mit Ausnahme der Wappen, die gemalt sind. Vorn und hinten ist der Wagen durch ein fein gearbeitetes Gitterwerk von Schmiedeeisen geschlossen, damit man durchsehen kann. Auch die Reifen sind sehr fein verziert. Der eigentliche Wagenkasten ist etwa zwei Meter lang. In dem Laubwerk gibt sich noch der gotische Charakter kund, während die Figuren bereits das Gepräge der Renaissance tragen.

Die Karosse darüber befindet sich in den Wagenremissen des Kgl. Palastes in Madrid. Sie stammt aus der Mitte des XVII. Jahrhunderts.
Die Enzyklopädie des XVIII. Jahrhunderts gibt folgende Definition von der Karosse; „Sie ist ein bequemer und bisweilen sogar sehr prunkvoller Wagen, welcher in starken Lederriemen hängt und auf Rädern steht, mit deren Hilfe er sich bewegt. In Frankreich und im ganzen übrigen Europa werden die Karossen von Pferden gezogen, ausgenommen in Spanien, wo man sich der Maultiere bedient. Der Kutscher sitzt gewöhnlich vorn auf einem erhöhten Sitze.“ Die Karossen, heisst es weiter in der Enzyklopädie, sind eine französische Erfindung. Seit Ludwig XIII. nahm ihre Zahl beträchtlich zu. Man erlies bisweilen Luxusgesetze, um dem übermässigen Prunk dieser Karossen, die von der reichen Bürgerschaft ebenso wie von den vornehmen Herren benutzt wurden, zu steuern; aber die Überwachung dieser Vorschriften war eine sehr lässige.

An der abgebildeten Karosse sind die Holzteile reich geschnitzt und vergoldet. Die Hängeriemen sind durchnäht, das Innere ist mit Samt ausgeschlagen und die Türen sind mit geschliffenen venezianischen Spiegelgläsern versehen. Die Vorderräder sind erheblich kleiner als die Hinterräder. Die spiralförmig gewundenen Radspeichen sind für das Ende der Regierung Ludwig XIII. oder für den Anfang der Epoche Ludwig XIV. charakteristisch. Die in der Mitte angebrachte Deichsel gestattet die Bespannung mit zwei Pferden.

(Nach Photographieen.)

Quelle: Geschichte des Kostüms in chronologischer Entwicklung von Auguste Racinet. Herausgegeben von Adolf Rosenberg. Berlin 1888.

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