Kranzjungfer, das Schäppelmeiggi aus Montafon, Vorarlberg.

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Österreich. Kranzjungfer (Schäppelmeiggi) aus Montafun, Vorarlberg.

BLÄTTER FÜR KOSTÜMKUNDE.

128) KRANZJUNGFER (SCHÄPPELMEIGGI) AUS MONTAFON. VORARLBERG.


Von Joh. Makloth.

Wer zur Sommerszeit einmal von Schruns, dem stattlichen Hauptort des Montafon, hinüber nach Tschagguns mit seiner weithin leuchtenden Wallfahrtskirche oder talaufwärts wandert gegen Sankt Gallenkirch oder Gaschurn, wo die Schroffen näher zusammenrücken und manchen malerischen Engpass bilden, dem kann es geschehen, dass er, um eine Wegbiege schreitend, sich einer Schar weiss gekleideter Gestalten gegenüber sieht, die ihn nötigen, seinen Schritt anzuhalten. Schmal ist das Strässlein, und es bleibt ihm zunächst nichts anderes übrig, als abseits auf ein Felsstück zu treten und zu warten, bis der lange Zug vorüber ist.

Wer aber täte es nicht gern? Ist es doch eine Ohren- und Augenweide zugleich. Man lauscht auf den wohllautenden Gesang der gutgeschulten Kehlen und mustert, indem man gar manchen ehrsam schüchternen Blick aus neugierigen, dunklen Augen auffangt, die hübschen Teilnehmerinnen an dem Bittgang; die in der Mehrheit fein geschnittenen Gesichter mit dem auffallend zarten Teint scheinen weit eher zierlichen, vor jedem Sonnenstrahl behüteten Städterinnen anzugehören, als derben, arbeitsgewohnten Bauernmädchen, die Sichel und Rechen auf der Wiese eben so emsig handhaben, wie auf der Schattenseite des Hauses oder im winterlichen Stübchen die Tambourir-Nadel.

Und wie schmuck sie gekleidet sind! Nur von vorn macht es den Eindruck, als trügen sie weisse Gewänder; es sind dies aber die weiten, bauschigen Hemdsärmel und die feingestickten Schürzen, durch welch letztere der schwarze Kurer-Rock zum Teil verdeckt wird. Es ist sonst dieselbe Tracht, wie wir sie schon beim 88. Blatt beschrieben haben, nur dass die dunkle Tschopa (Kamisol) zu Hause blieb und an die Stelle des Mässle gefertigt aus schwarzem Woll- oder Ziegenhaarfilz, das Schäpple gesetzt ist, ein niedliches Krönchen aus gekräuselten Gold – und Silberfäden, etwa 8 cm im Durchmesser, mit Drähten und kunstvoll geordneten, fast einen Strauss bildenden bunten Glasperlen und Metallblumen; dasselbe wird mitten auf dem Scheitel durch ein rotes Band aus Samt festgehalten, das sich leuchtend um die vollen, schwarzen Haarflechten schlingt und rückwärts als lange Schleife herabhängt und mit dem gleichen Muster wie das Brusttuch bestickt ist.

Der rote Strumpf, der rote Saum des Rockes, die rote Schürzenschleife und der bunte Vorstecker hinter den Prüsnestlen des Müders fügen, mit dem im Sonnenlicht gar hell glitzernden Hauptschmuck, das farbige Element zu der sonst so schlicht gehaltenen Gewandung und bilden zusammen ein anmutiges, geschmackvoll ansprechendes Ganzes.

Es ist dies die von Alters her erhaltene Ehrentracht der Jungfrau, das Schäppelmeiggi, die sie bei grossen kirchlichen Festlichkeiten, Prozessionen oder auch bei Hochzeiten als Schäpplerin trägt, zum letzten Male aber dann, wenn sie als Braut selbst an den Altar tritt. Da wandert darnach das Schäpple in den Schrank, bis die älteste Tochter für das Erbstück herangewachsen ist.

Quelle: Blätter für Kostümkunde: historische und Volkstrachten von Franz Lipperheide. Herausgegeben von A. von Heyden. Berlin 1887.

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