Lyren und Flöten. Musikinstrumente des antiken Griechenland.

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Lyren und Flöten. Musikinstrumente des antiken Griechenlands.

GRIECHENLAND. MUSIKINSTRUMENTE. LYREN UND FLÖTEN.

Die Lyra und die Flöte waren die beliebtesten Musikinstrumente der Griechen. Obwohl die Erfindung der ersteren dem Hermes zugeschrieben wird, welcher die zufällig gefundene Schale einer vertrockneten Landschildkröte mit den Hautstreifen derselben überspannt haben soll, ist die Lyra sowohl wie die Flöte asiatischen Ursprungs. Während die erstere sich jedoch schnell in Griechenland einbürgerte, setzte man der Einführung der letzteren Widerstand entgegen, da sie aufreizend wirkte. Sie wurde bei bacchischen und anderen orgiastischen Kulten verwendet, worauf auch jener Zug in der Sage hindeutet, nach welcher der Satyr Marsyas die von Athene weggeworfene Flöte, bei deren Spiel sich ihre Gesichtszüge verzerrt hatten, aufgehoben und den Apollo zu einem Wettkampfe mit der Kithara herausgefordert hat. Deshalb wollte sie auch Plato aus seiner Ideal-Republik verbannt wissen.

Auch in der historischen Zeit, über die uns die Denkmäler unterrichten, wurde der Rücken- und Brustpanzer der Schildkröte benutzt, um den Resonanzboden herzustellen. „In die natürlichen Öffnungen dieses Panzers, aus dem die Vorderbeine herausragen, wurden die gewundenen Hörner der Ziege mit ihren Wurzelenden befestigt, die in der Nähe ihrer Spitzen durch ein Joch verbunden wurden. Über dieses Gestell wurden die Saiten in folgender Weise gespannt: man befestigte auf dem Brustschild der Schildkrötenschale einen Steg, über dem die etwas tiefer in dem Schallkasten vermittelst Knoten befestigten Saiten bis zum Joch fortliefen und hier entweder einfach umgeschlungen oder durch Wirbel in Spannung erhalten wurden.“

Später wurden die Arme der Leier aus Holz, Elfenbein, Metall und anderen Materialien angefertigt. Die Form derselben blieb aber die gewundene der früheren Tierhörner. Die Saiten wurden aus Schafsdarm, aus Flachsfäden und später aus Metalldrähten gefertigt. Wenn der Lyrenspieler sass, stellte er das Instrument auf die Knie; wenn er stand, trug er es an einem um den Hals gehängten Riemen. Die Zahl der Saiten stieg bis auf zwanzig und vierzig. Eine Lyra mit zwanzig Saiten, die also zwei volle Oktaven umfasste, war die aus Lydien stammende Magadis. Sie wird von Anakreon erwähnt, während sich Sappho der Pektis bedient haben soll.

Eine eigene Art von Leiern, die auf Vasenbildern besonders von Sappho und Alkaios gehandhabt wird, ist folgendermassen gestaltet: „Von dem aus einer kleinen Schildkrötenschale gebildeten Schallkasten gehen in divergierender Richtung zwei gerade hölzerne Arme in die Höhe, die sich an ihren oberen Enden, da wo das Joch sie verbindet, gegen einander krümmen.“ Die Archäologen glauben in dieser Lyra das Barbiton zu erkennen, ein tieftönendes Instrument, das Terpandes aus Lydien in Griechenland eingeführt haben soll. Eine andere Art von Leiern war das Epigoneion, das mit vierzig Seiten bespannt war. Magadis und Epigoneion wurden mit beiden Händen gespielt. Das Plectron war also nicht nötig.

Das Plectron, mit dem die Saiten geschlagen wurden, bestand nach Pollux ursprünglich aus dem Nagel einer Tierklaue oder dem Horn eines Tieres, gewöhnlich der Ziege. Dann fertigte man es aus kostbaren Stoffen, besonders aus Elfenbein. In früheren Zeiten muss es sehr schwer gewesen sein, da die Sage erzählt, dass Herkules seinen Lehrer, den Sänger Linos, damit erschlagen habe.

Mit der Zeit wurden die Lyren immer kostbarer gestaltet und immer reicher mit künstlerischem Schmuck versehen, wofür uns Vasenbilder und Reliefs zahlreiche Beispiele liefern. Lucian erzählt, dass ein gewisser Euangelos von Tarent bei den pythischen Spielen mit einer Leier auftrat, die aus feinstem Gold und mit Ringen, Edelsteinen und schönen Skulpturen geschmückt war, die Apollo, die Musen und Orpheus darstellten.

Die Flöten waren bei religiösen und bürgerlichen Festen und Zeremonieen in Gebrauch. Ihre verschiedenen Formen, die bei Römern und Griechen gleich waren, sind auf der Tafel mit der Violine unter Nr. 1, 2, 3, 4, 7 10 dargestellt. Beim Blasen der Doppelflöte bedienten sich sowohl römische wie griechische Flötenspieler eines ledernen Backen- und Lippenverbandes, „durch dessen mit Metall beschlagenes Mundloch die Mundstücke des Doppel-Clarinets gesteckt wurden. Diese Binde hatte den Zweck, das zu starke Atmen beim Blasen zu verhindern, wodurch die Bildung sanfterer Töne unmöglich geworden wäre.“

Nr. 2. Wandernder Musikant mit Doppelflöte und der an dem Wanderstab aufgehängten Lyra.
Nr. 13: Zitherspielerin. Der Gegenstand, den sie in der rechten Hand hält, scheint eine Reservesaite zu sein.
Nr. 1. Gewöhnliche Form der Lyra.
Nr. 3. Ein der Gitarre ähnliches Saiteninstrument.
Nr. 4 und 6. Die Syrinx oder Panflöte, die aus Schilfrohr gemacht wurde. Sie enthielt sieben bis neun, ausnahmsweise auch elf längere und kürzere Rohrstücke, die mit Wachs zusammengeklebt und durch Querhölzer noch besser an einander befestigt wurden.
Nr. 5. Zitherspielerin mit dem Plectron in der rechten Hand.
Nr. 7, 10, 11, 12, 14-21. Verschiedene Formen der Lyra. Nr. 11 ist ein zweiseitiges Instrument. Nr. 12 spannt die Saiten. Bei Nr. 14 sieht man den Tragriemen, bei Nr. 15, wie das Plectron befestigt wurde, wenn man es nicht brauchte. Bei 16, 17, 9 sind die Plectren hinzugefügt.
Nr. 8. Trigonttin oder Harfe.
Nr. 9. Elfsaitige Lyra nach einem Wandgemälde aus Herculaneum. Die Enden der Saiten sind wie bei Nr. 21 nicht befestigt, sondern lose. An dem Steg, der die beiden Hörner oben verbindet, sind die Röhren einer Syrinx angebracht.

(Nach Willemin, Costumes de l’Antiquiti. Guhl und Koner, Leben der Griechen und Römer.)

Quelle: Geschichte des Kostüms in chronologischer Entwicklung von Auguste Racinet. Bearbeitet von Adolf Rosenberg. Berlin 1888.

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