Polychrome Marmorbüste einer jungen Florentinerin. Italien Renaissance.

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Polychrome Marmorbüste einer jungen Florentinerin. Radierung von August Steininger.

Polychrome Marmorbüste einer jungen Florentinerin.

Tafel XI A. (44, 5 cm hoch).

Farbige Radierung von August Steininger in Wien.

Die vorliegende Büste (vgl. Fig. 6), ist zweifellos die schönste Skulptur der kaiserlichen Sammlung. Sie erhält ihren unbeschreiblichen Reiz durch die eigentümliche, überaus delikate Behandlung der Formen und durch die, von einigen Nachbesserungen im Gewand namentlich abgesehen, fast unversehrt erhaltene, sehr diskrete Polychromie.

Renaissance, Marmorbüste, Skulptur, Florenz
Fig. 6

Das blonde Haar ist von einer goldgestickten Haube bedeckt; ungemein zart ist die leichte Rötung der Wangen, der Augenlider etc. angegeben. Ein feines Hemd (durch Strichelung angedeutet) bedeckt die Büste und lässt den schönen, schlanken Hals frei. Die rein gewölbte Stirn scheint nach der Mode des Zeitalters mit einem Schmuckstück geziert gewesen zu sein; ein in ihrer Mitte noch sichtbares kleines Loch diente vielleicht einer Perle oder dergleichen als Halt (»perla in bianca fronte« Par. III, 14).

Der Kopf verkörpert in sprechender Weise den zarten florentinischen Frauentypus; er erhält einen unsäglichen Reiz durch die unsymmetrische, höchst individuelle Bildung der beiden Gesichtshälften (das rechte Auge ist anders geschnitten und steht etwas höher als das linke), sowie durch den eigentümlichen gesenkten Blick unter halbgeschlossenen Lidern hervor. Mit künstlerischem Feingefühl sondergleichen ist die ovale Linie des Untergesichtes, die Nackenlinie und die nur im Original ganz zu würdigende Modellierung der Brustpartie wiedergegeben. Der nach unten gerichtete Blick, sowie die Form der Marmorbüste zeigen, dass die Büste für eine Aufstellung in der Höhe, etwa nach florentinischer Sitte über einem Kamin oder Türsturz berechnet war; ob dieses außerordentlich individuelle Porträt die künstlerische Belebung einer Totenmaske darstellt, wie u. a. G. Morelli gemeint hat, muss angesichts der unten angeführten Daten mindestens in Erwägung gezogen werden.

W. Bode (Wilhelm von Bode) ist es gelungen, eine ganze Reihe von Büsten zusammenzustellen, die alle die gleichen Eigentümlichkeiten (namentlich den seltsamen gesenkten Blick) zeigen und zweifellos einem und demselben bedeutenden Meister gehören (vergl. Jahrbuch der preuß. Kunstsammlungen IX, s. 209). Unter ihnen sind die wichtigsten: die früher sogenannte Marietta Strozzi in Berlin, die mit dem Namen der Diva Battista Sforza (der zweiten Gemahlin des Herzogs Federigo von Urbino, † 1472) bezeichnete Büste im Bargello zu Florenz, ferner der (Diva) Beatrix von Aragon († 1508), Gemahlin des Mathias Corvinus, in der Collection Dreyfus in Paris.

Eine Marmorbüste des Louvre steht der unseren außerordentlich nahe; ein anderes Exemplar im Besitze des Kunsthändlers Herrn Bardini in Florenz (früher Coll. Castellani in Rom) war 1900 auf der Pariser Weltausstellung zu sehen. Bode und Courajod haben ferner auf eine Reihe von Marmormasken hingewiesen, von denen einige in kleinen südfranzösischen Lokalmuseen sich befinden, wohl zweifellos auf Totenmasken zurückgehen und stilistische Verwandtschaft mit den Büsten zeigen. Bode hat dann mit außerordentlichem Scharfsinn namentlich aus den historischen, auf Urbino, Süditalien und Frankreich weisenden Daten dieses Materiales geschlossen, dass der Künstler, bei dem alle diese Voraussetzungen zutreffen, kein anderer als der Plastiker und Medailleur Francesco Laurana sei.

Diese Annahme hat indessen Widerspruch gefunden, besonders von G. Carotti (im Archivio stor, dell‘ arte, IV, 1891, s. 38 ff.), der aber seinerseits durch die ganz konventionelle Bezeichnung der Wiener Büste als »lombardisch« auf einer im Handel befindlichen Photographie verleitet, an die Werkstatt des G. A. Amedeo, des Künstlers der Medea Colleoni in Bergamo, gedacht hat, und neuerdings wieder von Reymond (Sculpture florentine, III s. 73).

Nun fällt diesen Autoren gegenüber das Verdict eines solchen Kenners, wie Bode, immerhin stark ins Gewicht; gleichwohl muss ich bekennen, dass ich nach dem Wenigen, das ich von Laurana kenne, mich allerdings nicht davon überzeugen kann, dass von diesem doch etwas handwerksmäßigen Meister die feinen Frauenbildnisse der Wiener, wie der anderen Sammlungen herrühren. Das Problem gibt uns noch so viele Rätsel auf, dass wir uns besser bescheiden, den Künstler vorläufig als einen Florentiner aus der Richtung des Desiderio da Settignano anzusehen. Täusche ich mich nicht, so scheint er mit dem Künstler der sogenannten Isottabüste des Campo Santo zu Pisa am nächsten verwandt zu sein.

1871 aus dem alten Bestand der Schatzkammer übernommen; über die Provenienz ist leider nichts bekannt.

Quelle: Album ausgewählter Gegenstände der kunstindustriellen Sammlung des Allerhöchsten Kaiserhauses von Julius (Alwin Franz Georg Andreas) Ritter von Schlosser. Österreichisch-Ungarische Monarchie. Oberstkämmerer-Amt. Wien: A. Schroll 1901.

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