Über Reliquien. Kultur-Kuriosa. Das hochheilige Präputium.

Kultur-Kuriosa

Vierzehnter Abschnitt

Reliquien

Limoges, Email, Reliquiar, Mittelalter, Kunsthandwerk,
Limoges-Email aus dem 12. oder 13. Jahrhundert. Ein Reliquiar. Ein Altar-Kreuzbecher. Ein Kerzenständer.

Seit den ersten Jahrhunderten des Christentums erfreuten sich die Reliquien der Heiligen überall der größten Beliebtheit. Das ging so weit, daß Leute auf eigene Faust oder im Auftrag eines fremden Bischofs die Kirchhöfe durchwühlten, um sich dann mit den Gebeinen der Märtyrer davon zu machen. Eines Tages entdeckten die bestürzten Römer griechische Männer, die neben der Basilika St. Pauls nach Knochen gruben. Da diese Reliquien neben der ihnen beigelegten schützenden Wirkung auch das Gute hatten, Pilger aus allen Teilen der Erde anzuziehen, so wurden sie von den Römern wie ihre Augäpfel gehütet. Gregor der Große (590-604) schrieb der Kaiserin Constantia auf ihre Bitte um ein Stück vom Leib des hl. Paulus einen Brief voll verhaltener Entrüstung. Die heiligen Leiber zu berühren sei ein todeswürdiges Verbrechen, aber es genüge bereits ein Stück Tuch, das das Apostelgrab bedeckt hatte, in eine Büchse gelegt, um Wunderwirkung zu erzielen, ebenso Feilspäne von den Ketten Petri, die bereits im 6. Jahrhundert vom Papst als höchstes, der späteren goldenen Rose gleich geachtetes Geschenk verliehen wurden 1).

Astolf, König der Langobarden, belagerte 755 Rom. Zwar plünderten seine Truppen alle Kirchen und Klöster außerhalb der Stadt, die in ihrem Machtbereich lagen, mißhandelten auch die Mönche und Nonnen, verspotteten Heiliges und verbrannten Heiligenbilder, das hinderte sie aber nicht, zu gleicher Zeit die Kirchhöfe der Märtyrer zu durchwühlen, um sich mit ihren Gebeinen zu beladen. Damals wurden die bisher unversehrten Katakomben zerstört und die Knochen der Blutzeugen in Wagenladungen nach der Lombardei geschafft 2).

Im Jahre 1672 wurden aus 3 Katakomben nicht weniger als 428 Leiber entfernt, um als Geschenk oder um Geld in die katholische Welt zu gehen. Ein Jahrhundert später blühte der Reliquienhandel Roms üppig. Der Pilger kaufte dort Reliquien, Knochen aus den Katakomben, wie der moderne Reisende Kunstgegenstände und Photographien erwirbt. Infolgedessen überstieg die Nachfrage das Angebot und Tote wurden gefälscht 3).

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Reliquiarium 1480-1520

Im Jahre 1635 edierte Bonfante seinen Triumpho de los Sanctos des Reyno de Cerdeiia, eine Sammlung der ältesten Inschriften Sardiniens. Da er aus Irrtum die Siglen B. M., Bene Merens, für „Beatus Martyrer“ klärte, schuf er mit einem Schlag mehr als 300 Heilige. Der Ruf dieses Schatzes wurde laut, die Stadt Piacenza bewarb sich um einen Teil davon und die großmütigen Sarden schenkten ihr 20 „Märtyrer“, die jubelnd entgegen genommen wurden.

Als der hl. Romwald einst Italien zu verlassen drohte, beabsichtigte man, ihm Mörder nachzuschicken, um ihn wenigstens als kostbare Reliquie im Lande zu behalten 4)!

Der hl. Dionysius existiert in zwei vollständigen Exemplaren zu St. Denis und in Sankt Emmeram in Regensburg, ferner rühmen sich Prag und Bamberg des Besitzes seines Kopfes. Er besaß also zwei vollständige Körper und vier Köpfe 5).
Im Reliquienschatz der gesamten katholischen Welt befinden sich (1910):

  1. Vom hl. Andreas: 5 Körper, 6 Köpfe, 17 Arme, Beine und Hände.
  2. Von der hl. Anna: 2 Körper, 8 Köpfe, 6 Arme.
  3. Vom hl. Antonius: 4- Körper und 1 Kopf.
  4. Vom hl. Blasius: 1 Körper und 5 Köpfe.
  5. Vom hl. Lukas: 8 Körper und 9 Köpfe.
  6. Vom hl. Sebastian: 4: Körper, 5 Köpfe und 13 Arme. Diesen allen weit über sind die hl. Georg und Pankraz mit je 30 Körpern. Nach so langer Zeit! Wie viele müssen sie erst bei Lebzeiten gehabt haben 6)!

In Aachen wird heute noch alle sieben Jahre das Hemd der allerseligsten Jungfrau und Gottesgebärerin Maria ausgestellt, desgleichen die Windeln Christi!

Das Kloster Macon rühmte sich des Besitzes der Haut des hl. Dorotheus. Die frommen Nonnen stopften die Haut mit Baumwolle aus und stellten den Heiligen her, als ob er lebte. Da sie aber damit Unfug trieben, schenkte die Äbtissin die Reliquie, in Unkenntnis ihres Wertes, den Jesuiten. Diese stifteten ihr zu Ehren die Brüderschaft vom hl. Leder: wodurch sie viel Geld verdienten. Die Nonnen erfuhren das und klagten beim Papst auf Rückgabe des Heiligtums, das ihnen auch zugesprochen wurde.

Aber die Jesuiten hatten die Reliquie in unverantwortlicher Weise verstümmelt. Darob große Entrüstung und abermalige Reklamation beim Papst auf Rückgabe des fehlenden Teiles. Da dies er aber den Mangel, wenigstens für ein Nonnenkloster, nicht für erheblich hielt, mußten sich die Nonnen als Ersatz mit zwei geweihten Muskatnüssen begnügen 7).

Der umbilicus (die Nabelschnur) und 13 praeputia Christi gehörten und gehören zum Teil noch zum Reliquienschatz der Kirche. Eine dieser hochheiligen Vorhäute wird noch heute in Charroux verehrt und gilt dem Landvolk als „der heilige Präziputius“. Im 17. und 18. Jahrhundert pilgerten besonders schwangere Frauen dorthin, um sich mit ihr segnen zu lassen 8). Eine andere erquickt noch heute die frommen Pilger in Calcata, unfern von Rom 9).
Dieses hochheilige Präputium hat eine große und glorreiche Geschichte. Zunächst galt es, das der Verehrung entgegenstehende Dogma von der unversehrten Auferstehung zu beseitigen. Das war aber gar nicht so einfach. 10)
Da Christus „in voller Integrität“ auferstanden war, wurde von einigen Theologen konstatiert, daß das Präputium zur Integrität des Juden nicht erforderlich sei. Ferner ist Christus nur insofern „ganz“ auferstanden, als dieses „ganz“ zum „Sein“ und „Schönsein“ gehört, aber „ohne“ findet es der Jude entschieden schöner. Eine andere Schule – diese für das Seelenheil so hochwichtige Frage hat natürlich eine Menge von Schulmeinungen hervorgerufen unter Führung des Jesuiten Raynaldus lehrt, daß Christus doch „mit“ auferstanden sei, trotzdem sei aber die Reliquie echt, denn er schuf sie aus einer beliebigen Materie. Mit kaum zu überbietender Poesie spricht der Jesuit Salmeron in seinem Evangelienkommentar (Köln 1602) von diesem Körperteil als dem „fleischenen Verlobungsring“ für seine Braut, die Kirche. Und der Bischof Rocca hat für die Vielheit dieser hochheiligen Reliquie die höchst plausible Erklärung, daß Gott in seiner Allmacht bewirkt habe, daß dasselbe Präputium zu gleicher Zeit an verschiedenen Orten gezeigt werden könne!!

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KOPFRELIQUIAR. Wahrscheinlich Prag. 14. Jahrhundert

Diese Schwierigkeit war also zu aller Zufriedenheit aus der Welt geschafft. Aber nur ein seichter Fant wäre über die andere, weit wichtigere Frage, die gebieterisch Beantwortung heischt, hinweggeglitten: Hat Christus in der Eucharistie ein Präputium oder nicht 11)? Da Christus zu Lebzeiten das hl. Abendmahl einsetzte, damals aber als Jude „ohne“ war, so muß logischerweise auch in der Hostie dieser zwar nicht umfangreiche, aber desto wichtigere Körperteil fehlen. Da aber nach der Auferstehung der verklärte Leib wieder komplett war, hätte er, auch in der Hostie es sein können. Eine unendlich verwickelte Frage, über deren Beantwortung sich die verschiedenen Schulen nicht einigen konnten.

Noch ein Gewissenszweifel ist zu beseitigen: Ist die Gottheit mit dem hier auf Erden zurückgebliebenen Präputium noch vereinigt? Muß es infolgedessen „angebetet“ oder braucht es nur „verehrt“ zu werden? Auch hierüber konnte man keine rechte Harmonie erzielen, doch Bischof Rocca, Sakristan Sr. Heiligkeit, entschied sich dahin, daß das Präputium nach der vierten Modus der Latreia angebetet würde, der es den Haaren und Kleidern Christi gleich setzt, insofern es ein Körperteil ist, der ihm einst angehörte.

Endlich war noch das Problem zu lösen, was nach dem Weltuntergang aus der kostbaren Reliquie würde. Die verbreitetste Lehrmeinung entschied dahin, daß es den Weltuntergang überdauern und an irgend einem Ort des Himmels in saecula saeculorum aufbewahrt würde.
Das in der Sancta Sanctorum Kapelle aufbewahrte Präputium verschwand zwischen April 1903 und Sommer 1905.

Der hl. Camillus de Lellis wurde am 25. Mai 1550 in den Abruzzen geboren. Seine Mutter war damals bereits 59 Jahre alt. Mit 19 Jahren wurde Camillus Soldat in venezianischen Diensten, war aber dank seiner Streit- und Spielsucht und seines Ungehorsams kein Muster eines solchen. Mit 25 Jahren trat er in den Kapuzinerorden ein und erwarb sich durch karitative Werke große Verdienste.

Das ist alles in der Ordnung, und wir hätten keinen Grund, vom Heiligen Notiz zu nehmen, hätte er nicht auch Wunder gewirkt, „die hinreichend verbürgt scheinen.“ So bewirkte er, daß das Weinfäßchen einer Frau, die täglich eine Flasche Wein in das Kloster des Camillus sandte, nie leer wurde. Sein Leichnam blieb auch nach seinem Tode „frisch und biegsam“ und zwar 10 Jahre lang, denn als „der Arzt bei Erhebung des Leibes einen Schnitt in die Brust machte, floß aus der Wunde eine Flüssigkeit von außerordentlichem Wohlgeruch. Während der 6 Tage, an denen der Leib des Heiligen ausgesetzt war, ergoß sich eine Art Öl.“ Auch jetzt wirkte er noch Wunder, ja, jetzt hatte er damit besonders schöne Erfolge.

Als eine Römerin, die an einem besonders großem, eiterigen Kropf litt, sich Mörtel aus des Heiligen Zimmer zugleich mit einem Bilde des Camillus auf den Kropf legte und darüber das Zeichen des Kreuzes machte, trat die Wirkung gleich ein. „Kaum war dies geschehen, so verschwand der Schmerz. Die Frau war vollkommen geheilt.“ Dieser Mörtel hat überhaupt eine erstaunliche Kraft. Er heilte auch eine Frau, die dem Tode nahe war, als ihr ein Priester etwas davon in einem Löffel Suppe einflößte. Ein Mädchen, das an einem Nasenpolypen nebst Fieber, Krämpfen und kaltem Brand litt, wurde durch zwei Fäden aus dem Hemd des Heiligen kuriert.
An der Authentizität dieser Angaben ist jeder Zweifel unmöglich, da Athanasius Zimmermann S. J. in einer 1897 bei Herder in Freiburg erschienenen Schrift über Camillus de Lellis gehandelt hat.

Das „Agnus Dei“ ist ein kleines Medaillon aus weißem Wachs, noch heute von den Zisterziensermönchen des hl. Kreuzes zu Jerusalem aus dem Wachs der Osterkerzen der Sixtinischen Kapelle und der anderen römischen Kirchen angefertigt. Dieses ovale Gebilde trägt auf einer Seite das Sinnbild des Osterlammes mit der Aufschrift: „Ecce Agnus Dei qui tollit peccata mundi“, das Wappen und den Namen des Papstes, der sie mit dem hl. Chrisam geweiht und gesegnet hat, auf der andern Seite das Bildnis der hl. Jungfrau oder eines Heiligen. Die Weihe der Agnus, die die Kirche zu den Sakramentalien zählt, findet im ersten Jahre jedes Pontifikats statt, ferner regelmäßig alle sieben Jahre, außerdem wenn der Papst es mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der Gläubigen für angebracht hält.

Die Päpste Urban V., Paul II., Julius III., Sixtus V. und Benedikt XIV. erkennen den Agnus für alle jene, welche sie mit Andacht und Vertrauen gebrauchen, folgende Eigenschaften zu: „Sie löschen die läßlichen Sünden aus und tilgen den Fleck, den die im Bußsakrament bereits vergebene Sünde zurückläßt. Sie schlagen die bösen Geister in die Flucht, befreien von ihren Versuchungen und bewahren vor der ewigen Verdammnis. Sie behüten vor plötzlichem und unvorhergesehenem Tod. Sie verhindern die schreckhaften Einflüsse der Phantome und beschwichtigen das von bösen Geistern hervorgerufene Entsetzen. Sie verleihen göttlichen Schutz gegen Feindschaft, sichern vor Unglück und Verderben, verleihen Wohlstand. Sie beschützen im Kampf und verhelfen zum Sieg. Sie machen Gifte unschädlich und bewahren vor den Schlingen des Feindes. Sie sind ausgezeichnete Schutzmittel gegen Krankheiten und auch ein wirksames Heilmittel. Sie bekämpfen die Epilepsie. Sie verhindern die Verheerungen der Pest, der Epidemien und der verseuchten Luft. Sie beruhigen die Winde, brechen die Wucht der Orkane und der Wirbelwinde und verjagen die Ungewitter. Sie retten vor Schiffbruch. Sie vertreiben die Gewitter und bewahren vor Blitzgefahr. Sie verjagen die Hagelwolken. Sie löschen die Feuersbrünste und halten deren Verheerung auf. Sie sind wirksam gegen die Wolkenbrüche, das übertreten der Flüsse und die Überschwemmungen. Die Agnus behüten endlich Mutter und Kind während der ganzen Zeit der Schwangerschaft und beseitigen die Gefahren bei der Niederkunft, deren Schmerzen sie mildem und abkürzen. H. Barbier de Montaut, Kämmerer Seiner Heiligkeit“ 12).

Welcher Segen, daß es im 20. Jahrhundert noch so etwas gibt! Welche Torheit, daß nicht jedermann ein Agnus, von dem bereits das geringste Teilchen die gleiche Kraft besitzt wie das Ganze, ständig bei sich trägt, oder doch in seinem Hause hat!

Wie Herr Ingenieur Feldhaus mir mitteilt, sah er noch im Frühjahr 1909 in der Kirche zu Doberan in Mecklenburg eine Flasche mit ägyptischer Finsternis!

Die Inquisitions-Kongregation in Rom stellte am 29. Juni 1903 fest, daß es kein Aberglaube sei, wenn Papierbilder, die die Madonna darstellen, in Wasser aufgelöst, getrunken oder zu Pillen gedreht verschluckt werden, um Genesung von Krankheiten zu erlangen 13).

1) Ferdinand Gregorovius, Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter, 2. Aufl., 2. Bd., S. 74ff 2) Eb. 2. Bd., S. 281 f. 3) Eb. 3. Bd., S. 76ff., besonders S. 79, Anm. 1. Hier auch das Folgende, vgl. ferner H. Schultze in der „Wartburg“, 1. Bd., 1902, S. 79f. 4) Eb. 3. Bd., S. 509. 5) Vgl. Corvin, Pfaffenspiegel, 5. Aufl.. Rudolstadt 1885, S. 105. 6) „Das freie Wort“, 7. Bd., S. 35. Abb. von Hemd und Windeln in der „Wartburg“ I, S. 145. 7) Corvin, S. 11Of. 8) Alphons Victor Müller, Die hochheilige Vorhaut Christi, Berlin 1907, S. 105 ff. Johann Georg Keysslers „Reisen“, Hannover 1776, S. 506m und ferner Archiv f. Kulturgeschichte VII. Bd. 1909. S. 137ff. 9) Müller, S. 18 und 119ff. 10) Eb. S. 36ff. und 46ff. 11) Eb. S. 56 ff. 12) Über Agnus Dei vgl. Ad. Franz, „Die kirchlichen Benediktionen im Mittelalter“, 1. Bd., S. 553ff., besonders S. 567-569 und Keysslers „Reisen“. S. 426c. 13) Nach Hansemann, „Der Aberglaube in der Medizin etc.“, S. 86.

Quelle:

  • Kultur-Kuriosa von Dr. Max Philipp Albert Kemmerich. München, Albert Langen, 1910.
  • Art treasures of the United Kingdom from the Art Treasures Exhibition, Manchester. Edited by J. B. Waring. London, Day and Son, 1857.

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