Die Tschäggättä im Kanton Wallis. Lötschentaler Fasnacht.

Masken und Maskenbräuche.

Die Tschäggättä im Kanton Wallis.

Von Prof. Dr. Leopold Rütimeyer, Basel.

Ich habe 1907 eine Studie veröffentlicht 1) über jene im Lötschental noch lebenden, einen überaus primitiven und wilden Charakter tragenden Masken und Maskenbräuche, die Tschäggättä, die wie ähnliche, je länger je mehr obsolet werdende Bräuche, wie die Perchtenläufe, speziell die „schiachen“ Perchten, in Pongau und Pinzgau, überhaupt in den bayerischen und österreichischen Alpenländern, sich noch erhalten haben.

Diese Bräuche erscheinen uns, wie ich mich damals ausdrückte, wie Fetzen einer früher weithin verbreiteten Kulturschicht, die nun in Folge der erodierenden Wirkungen neuerer Kulturströmungen grossenteils verschwunden ist, einer Kulturschicht, deren ethnographisches Leitartefakt eben die Masken und die Maskenbräuche sind.

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Fig. 54. Kostüm der Roichtschäggeten, Blatten, Lötschental. Sammlung für Völkerkunde, Basel. Phot. Dr. Schönberger.

Es war mir nun von Interesse, nach fast 10 Jahren an Ort und Stelle nachzusehen, ob diese alten Sitten im Lötschental sich noch erhalten haben. Dieses Tal ist jetzt, vom volkskundlichen Standpunkte aus muss man sagen leider, durch die Lötschbergbahn den weitesten Kreisen erschlossen, während es früher von drei Seiten nur über Gletscherpässe zugänglich, eines unserer abgelegensten Alpentäler gewesen war und wohl deshalb so viel altertümliches bewahrt hat.

1) L. Rütimeyer, Über Masken und Maskenbräuche im Lötschental (Kt. Wallis), Globus, Bd. 91 (1907), p. 201 u. 213 ff.

Die von mir im Sommer 1915 an Ort und Stelle vorgenommene Nachfrage ergab glücklicherweise, dass dieser uralte Volksbrauch mit Ausnahme von 1915, wo er wegen des Krieges verboten war (er war schon früher einmal von der Geistlichkeit als „heidnischer Gebrauch“ verboten gewesen, aber seit 1902 wieder gestattet worden) noch in alter Form durchgeführt wird, jeweils Montag und Dienstag vor Aschermittwoch an den Nachmittagen, so besonders in Kippel und Blatten (Fig. 54).

Tschäggättä, Blatten, Lötschental.,
55. Maskentänzer, Tschäggättä aus Lötschental. Sammlung für Völkerkunde, Basel. Phot. Dr. Schönberger.

Die ledigen Burschen springen an diesen Tagen noch herum, angetan mit ihren meist vom Eigentümer selbst aus freier Hand ohne viel Vorzeichnung aus einem Arvenholzklotz (Zirbelkiefer) geschnitzten Masken, die meist mit einem Gehänge aus Ziegenfell versehen sind, angetan mit schwarzen oder weissen Schaffellen, in der Hand einen Stock, wozu oft ein alter Flösserhacken dient, um den Leib einen Gürtel, an den Kuhglocken, Treicheln gehängt werden, die beim Herumspringen der Burschen, was unter Gebrüll „wie der Teufel oder wie ein Muni“ geschieht, laut schellen (Fig. 55).

Früher schlossen sich Frauen und Kinder beim Herannahen der maskierten „Roitscheggeten“, so genannt, weil man den Kindern sagte, sie kämen aus russigen Kaminen, in die Häuser ein, was jetzt noch besonders in Kippel zu geschehen scheint. Eventuell wurden die in die Häuser dringenden Maskierten dort mit Fleisch und „Nidlen“ regaliert (verköstigt); gebettelt oder gar geraubt wird nicht, wie dieses früher bei den höchst interessanten Bräuchen der „Tüfel“ der alten Wiler Fastnacht 2) der Fall war, wo das „Putzenrecht“ anerkannt war, eigentlich ein Recht auf Raub und Plünderung durch die Maskierten in Bäcker- und Metzgerläden. Auch das neuste von Manz 3) beschriebene Fleisch stehlen der Sarganser Knabenschaften am Donnerstag vor Fastnachtsonntag gehört hierher. Ein sehr interessantes, bis jetzt anscheinend unbekanntes, bei diesen Maskenbräuchen früher bis vor 3O—40 Jahren zur Verwendung gekommenes Objekt erhielt ich neulich aus dem Lötschental in Form einer Art von Spritze.

2) H. Baumberger, St.Galler Land, St. Galler Volk. Einsiedeln (1903), p. 109

3) W. Manz, Volksbrauch und Volksglaube des Sarganserlandes. Schweiz. Ges. f. Volkskunde, Basel (1916), p. 31.

Das alte Gerät, das in seiner Primitivität zunächst fast als afrikanisches Ethnographicum imponierte, besteht aus einem konischen hohlen, 47 cm langen, mit seitlichem Griff versehenen Holzstück, in dessen röhrenförmiger Höhlung ein früher offenbar durch Lederdichtung geführter Spritzenstempel in Form eines zylindrischen Holzstabes auf und ab bewegt werden kann.

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Fig. 56. „Maskenspritze“ und gehörnte Maske, Kippel, Lötschental. Sammlung für Völkerkunde, Basel.

Die Vorderfläche zeigt höchst typisch, dass das merkwürdige Objekt zu den Maskenbräuchen, den Tschäggättä gehört, eine aus Leder hergestellte kleine Maske, ähnlich den grossen, mit Haarschnauz unter der Nase als Dekor. Die Spritze wurde, nach den mir gewordenen Informationen, früher ausschliesslich bei den Maskenumzügen gebraucht, um die in den verschlossenen Häusern zum Fenster hinaussehenden Frauen und jungen Mädchen zu spritzen (Fig. 56). Es kamen dabei verschiedene Flüssigkeiten zur Anwendung, wie aufgeschwemmter Kaminruss, Jauche und, wenn es zu haben war, Blut, welch letzteres wohl auf sehr alte Erinnerungen hinweist. Es scheint sich hier wohl um einen Fruchtbarkeitsritus durch Anspritzen der Frauen gehandelt zu haben, einen Ritus, dessen weite Verbreitung ja bekannt ist.

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Masken der Roitscheggeten, Blatten und Kippel, Lötschental. Sammlung für Völkerkunde, Basel.

Was die Masken selbst betrifft, so konnte ich neben den früher schon von mir beschriebenen Typen einige 4) neue sammeln. So zwei mit Ziegenhörnern versehene, eine angeblich zirka 100 Jahre alte von besonders sorgfältiger Arbeit und roter Bemalung, und zwei neuere, nicht aus Arvenholz, sondern aus Lerchenrinde geschnitzte, von denen die eine ebenfalls mit ausgeschnitzten Hörnern versehen ist.

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Masken der Roitscheggeten aus Blatten und Kippel im Lötschental.

Eine sehr primitiv und wüst aussehende Rindenmaske aus Kippel ist aussen angekohlt, offenbar um so recht den Typus der „Roitscheggeten“ (Rauch, Russ) zu markieren (Fig. 57). Tiermasken, wie im bayrisch-österreichischen Alpenland, kommen im Lötschental nicht vor.

Aus andern Wallisertälern war es mir trotz vielfacher Nachfrage seit Jahren nicht möglich, Masken nachzuweisen. Wohl aber scheinen Holzmasken von ähnlicher Primitivität und Wildheit, wie ich einer mündlichen privaten Mitteilung entnehme, in einigen Dörfern am Fusse des Pilatus vorzukommen oder noch vor kürzerer Zeit vorgekommen zu sein. Im übrigen sei über das Vorkommen von Masken in der Schweiz auf den Aufsatz von E. Hoffmann-Krayer 5) verwiesen. Die neuesten von Manz 6) aus dem Sarganserlande, Flums, Berschis, erwähnten und abgebildeten Holzmasken — Fastnachts- „Butzi“ – Masken — von denen das Basler Museum für Volkskunde ebenfalls wie von den Lötschentalern eine ansehnliche Sammlung besitzt, sind im Ganzen viel moderner und glatter gehalten. Einige stellen hier Tiermasken dar. An die Lötschentaler punkto Wildheit erinnert dann wieder die „Gemeindelarve“ von Wallenstadt.

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Fig. 57. Angekohlte Maske aus Lerchenrinde (Kippel). Sammlung für Völkerkunde, Basel.

4) l. c. vergl. die farbige Tafel. — 5) E. Hoffmann-Krayer, Einige schweiz. Masken und Maskenbräuche. Die Schweiz, Jahrg. 1 (1897), p. 506. — 6) 1. c. Tafel I—V.

Bei erneuten Nachfragen über den Ursprung dieser Maskenbräuche im Lötschental, wurde mir von alten erfahrenen Leuten übereinstimmend mit den vor ca. 10 Jahren gesammelten Berichten gesagt, man nehme an, dass sie von den „Schurtendieben“ herstammen, die angeblich etwa im 15. Jahrhundert im „Dietrich“ hausten, einer kleinen Waldlichtung in den Wäldern der Südseite des Lötschentales, gegenüber dem Ostausgang des Dorfes Wiler. Es sind dort jetzt noch Mauerreste alter Hofstätten vorhanden. Schürte heisst kurzer Rock, und der Name Schurtendiebe dürfte wohl herrühren von den kurzen Schaf-Pelzen, wie sie heute noch von den Maskierten getragen werden. Weiter wird berichtet, wie diese Schurtendiebe mit Holzmasken versehen, nächtens in die Dörfer einbrachen und Korn und anderes raubten und stahlen. Sie wurden geschildert als eine organisierte Räuberbande, in deren Bund nur aufgenommen wurde, wer bei einer bei Blatten gelegenen Stelle den wilden Talbach, die Lonza, mit einer Last beladen, überspringen konnte. Der „Dietrich“ soll die Stelle des Tales sein, wo sich in der Vorzeit die ersten Lötscher ansiedelten.

Ich möchte also nochmals auf Grund der neuen Informationen, sowie auf demjenigen meiner frühem Ausführungen und herbeigezogenen reichlichen europäischen und aussereuropäischen Parallelen meine damals geäusserte Auffassung bestätigen, dass wir es hier bei dieser wie ein alter Findlingsblock in unsere Kultur ragenden Erscheinung in jener legendarischen „Räuberbande“, von der die heutigen Maskenbräuche direkt abzuleiten sind, mit Riten von Geheimbünden und Altersklassen zu tun haben. Die Mitglieder dieser Verbindungen lebten wohl im gewöhnlichen Leben unter ihren Angehörigen in den Dörfern, hatten aber in den Wäldern ihre Mysterien und Versammlungsplätze (vergl. die Männerhäuser Melanesiens, das Knabenhaus der Sarganser Knabenschaften (Manz) etc.) und machten von hier aus unter dem Schutz verhüllender Masken (Masken stehen im Zusammenhang mit der Dämonenwelt) vielleicht ursprünglich auch in Verbindung mit manistischen Vorstellungen zu gewissen Kultzeiten, mit Geistergewalt versehen, ihre Plünderungszüge in die Dörfer.

Die Einzelheiten des Bildes, die Masken, der Lärm (gewöhnliche Diebe pflegen ihre Anwesenheit nicht durch Läuten mit Kuhglocken anzuzeigen!), die Flucht der Frauen und Kinder, das früher übliche Rauben und Plündern, die Organisation, der nur ledige Burschen angehören dürfen, entspricht, abgesehen von ähnlichen noch vielfach erhaltenen europäischen Knabenschaften und Maskenbräuchen durchaus den weitverbreiteten westafrikanischen und melanesischen Geheimbundbräuchen. Wir brauchen nur statt Kamerun, Neu Pommern oder Banks Inseln Lötschental zu setzen, um sofort die gleiche, einen grossen Teil der Erde umspannende Kulturschicht zu erkennen.

Von Fruchtbarkeitsriten, wie sie mit diesen Bräuchen so vielfach verbunden waren, lässt sich ausser jenem Gebrauch der Spritze gegenwärtig nichts mehr erkennen. Speziell ist die sonst öfters nachweisbare Anschauung, dass bei Auftreten zahlreicherer Maskierter etwa die Ernte besser würde, völlig unbekannt.

Wie weit solche Maskenbräuche auch in unserem Europa in uraltem Boden wurzeln, ist erst in den letzten Jahren klar geworden durch Abbildungen maskierter Menschen, die vor allem Breuil 7) aus paläolithischen Fundorten aus Südfrankreich und Spanien beschrieben hat. Es finden sich hier auf Stein und Knochen Maskierte, meist Tiermasken, deutlich dargestellt.

Welche Schlüsse dürfen wir nun aus den oben besprochenen Parallelerscheinungen von primitiven Objekten und Bräuchen aus dem Wallis und solchen der Prähistorie oder gegenwärtiger fremder ethnographischer Provinzen ziehen? Haben wir hier gewisse Konvergenzerscheinungen anzunehmen, selbständige Entstehung infolge ähnlichen Milieus oder gleichartig vorhandenen äussern Materiales, entsprechend den von Bastian angenommenen menschlichen Elementargedanken, oder handelt es sich um ergologische Kulturzusammenhänge durch direkte Übertragung im Laufe der Jahrtausende? Es sind dies ja die bekannten, so vielfach diskutierten Zentralprobleme der vergleichenden Ethnographie.

Obschon nach meiner Ansicht bei der Deutung von Objekten der materiellen Kultur beide Möglichkeiten vorhanden sind und eine selbständige Entstehung an verschiedenen Stellen der Erde zu verschiedenen Zeiten der geschichtlichen menschlichen Entwicklung in jedem Einzelfall zu erwägen ist, wird doch wohl sicher die Übertragung durch Kulturzusammenhänge, Wanderungen und Völkerbewegungen und somit eine direkte Kontinuität der Herstellung und des Gebrauches solcher Objekte in weitaus der Mehrzahl der Fälle das wirklich erklärende Moment sein. Selbstverständlich braucht mit dieser ergologischen Kontinuität nicht zugleich eine anthropologisch-somatische einherzugehen. Wie weit solche ergologischen Wanderungen und Übertragungen von Geräten und Formen gehen können, darauf hat unlängst v. Luschan 8) hingewiesen, wenn er aufzeigt, wie aus Erz gegossene Armbänder, Schwerter und Spiralornamente aus Adamaua und Kamerun in ihrer Form an die alte europäische Bronzezeit erinnern und wie im tropischen Afrika noch Formen vorhanden sind — ich möchte hier auch an gewisse Holzbecherchen vom Kassai erinnern, die genau solchen aus Hirschhorn unserer Pfahlbauten gleichen — die bei uns schon vor Jahrtausenden durch andere verdrängt wurden.

7) Capitan, Breuil, Bourrinet, Peyroni, Observations sur un bâton de commandement orné de figures animales et de personnages semi-humains, Revue de l’École d’Antropologie de Paris (1909), p. 72, Fig. 11. Vergl. auch Weule, Ein Ausflug in die Diluvialhöhlen Nordspaniens, Jahrb. d. städt. Mus. f. Völkerkunde zu Leipzig Bd. 6 (1913/14), 99 Abbildg. 12. — 8) v. Luschan, Prähistorische Zusammenhänge zwischen Europa und dem tropischen Afrika, Korrespbl, der D. Ges. f. Anthropol.. Ethnol. u. Urg. (1911), p. 65.

Diese Dinge haften, wenn sie in die ungeheuer konservative Ergologie primitiver oder abgelegener Volksstämme, besonders auch der Gebirgsgegenden, gelangt sind, Jahrtausende lang zäh und unveränderlich fest.

So möchte ich für das Besprochene in erster Linie annehmen, dass die vorliegenden, aber bei den heutigen Verkehrsverhältnissen in raschem Verschwinden begriffenen und deshalb in den Archiven der Museen sorgfältig zu sammelnden Objekte primitiven und archaistischen Charakters ihre Wurzeln tief in den Urgrund der Prähistorie hinein senken. Sie flössen dem aufmerksamen Beobachter, wenn er sie auf dem Boden unseres eigenen Landes gewahrt, bei all ihrer Unscheinbarkeit ein Gefühl einer gewissen Ehrfurcht ein, das, ich möchte fast sagen demjenigen etwas ähnlich ist, wenn er beim Besuche eines primitiven Menschenstammes der Tropen — ich denke hier persönlich an die Weddas in Ceylon — sich plötzlich den Anfängen aller menschlichen Kultur direkt und unvermittelt gegenübergestellt sieht.

Quelle: Volkskundliche Untersuchungen von einem internationalen Kreise befreundeter Forscher. Eduard Hoffmann-Krayer dargebracht zur Feier des Zwanzigjährigen Bestehens des Schweizerischen Archivs für Volkskunde. Im Auftrage der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde; Hanns Bächtold-Stäubli. Basel: Schweiz 1916.

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