DIE ALKOHOLFRAGE IM URCHRISTENTUM

Judenchristen – Essäer (Essener) – Therapeuten – Ebioniten

Die Frage der Enthaltsamkeit als Forderung des religiösen Lebens ist schon in den jungen Tagen des Christentums gestellt worden. Aus dem jüdischen Sektenwesen der Essener gekommene Anhänger der christlichen Verkündigung haben noch zu Lebzeiten des Herrn diese Forderung in den Vordergrund des asketischen Lebens gestellt. Und auch manche jüdisch christlichen Gemeinden außerhalb Palästinas, wie die zu Korinth, haben die Enthaltsamkeit als selbstverständliche Pflicht christlicher Lebensführung angesehen und haben den Apostel Paulus getadelt, weil er nicht enthaltsam lebte. Das ist ein Beweis dafür, daß die ersten jüdisch christlichen Gemeinden zumeist aus den Anhängern des frommen jüdischen Sektenwesens sich bildeten, das in Lehranschauungen und Lebensführung von dem dualistischen Religionsbild der Lehre des Zoroaster beschattet war. Und diese Bindungen an den jüdischen Asketismus erwiesen sich bei den jüdisch christlichen Gemeinden als stärker als die Zugehörigkeit zum Christentum. In der zweiten Hälfte des ersten christlichen Jahrhunderts haben sich die jüdisch christlichen Gemeinden ganzer Provinzen den jüdischen Sekten der Essener rund Therapeuten angeschlossen, ohne ihre Zugehörigkeit zum Christentum aufzugeben. Sie hielten sich sogar für die echten Christen, an denen der Segen der Väter und die Weissagungen der Propheten sich erfüllt haben und schauten mit Geringschätzung auf die aus dem Heidentum gekommenen Gläubigen herab, die niemals mit ihnen, den auserwählten Kindern Gottes, den Himmel teilen können.

In Syrien und Vorderasien nannte sich die jüdisch christliche Richtung Ebioniten (hebräisch-aramäisch ebionim, die Armen), nach Ebion, dem Führer dieser Bewegung. Sie lebten wie die Buddhisten in Klöstern, mieden Fleisch und Wein. Sie hatten eine republikanische, kommunistische Verfassung, gemeinsames Eigentum, trieben Ackerbau und Handwerk und widmeten viel Zeit der mystischen Kontemplation. Ihre Organisation wurde für das spätere christliche Mönchsleben vorbildlich.

Die Judenchristen in Ägypten schlossen sich der alten jüdischen Sekte der Therapeuten 1) an. Sie lebten nicht gemeinsam in Klöstern, versammelten sich aber jeden siebenten Tag zu gemeinsamer Mahlzeit. Sie trugen weiBe Kleidung und hielten Fleisch- und Weingenuss für unrein. Die Absonderung der judenchristlichen Gemeinden vom Christentum und ihr Anschluß an das jüdische Sektenwesen ist natürlich durch verschiedene Ursachen bedingt gewesen. Der altgenährte Religions- und Rassengegensatz zum Heidentum mochte sich gegen das Zusammenleben mit den aus dem Heidentum gekommenen Brüdern auflehnen, der geistige Hochmut, der sie als auserwähltes Volk erfüllte, konnte nicht ertragen, daß die verachteten Heiden mit ihnen das Erbe Abrahams und der Väter teilen, die in Fleisch und Blut übergegangenen alt jüdischen Heiligkeitsgesetze, die jede Berührung mit Heiden und Heidnischem als „unrein“ verboten, mochten das Gemeinschaftsleben mit Heidenchristen unerträglich finden.

1) Die Therapeuten waren eine jüdische Sekte, einschließlich Männern und Frauen, die in Alexandria und anderen Teilen der Diaspora des hellenistischen Judentums in den letzten Jahren der Periode des Zweiten Tempels existierte.

Die Hauptquelle für die Therapeuten ist die De vita contemplativa (angeblich vom jüdischen Philosophen Philo von Alexandria (ca. 20 v. Chr. – 50 n. Chr.).
Philo benutzte die vertraute Polarität in der griechischen Philosophie zwischen dem aktiven und dem kontemplativen Leben und veranschaulichte das durch das aktive Leben der Essener, einer weiteren streng asketischen Sekte, und das kontemplative Leben der wüstenbewohnenden Therapeuten. Laut De Vita Contemplativa waren die Therapeuten in der Antike, unter den Griechen und darüber hinaus in der nicht-griechischen Welt der „Barbaren“ weit verbreitet, wobei einer ihrer wichtigsten Treffpunkte in Alexandria, im Bereich des Mareotis-Sees lag.

Der christliche Schriftsteller Eusebius von Cäsarea (um 263-339) identifizierte in seiner Kirchengeschichte Philos Therapeuten als die ersten christlichen Mönche und identifizierte ihren Verzicht auf Eigentum, Keuschheit, Fasten und Einsamkeit mit dem cenobitischen Ideal der christlichen Mönche.
Der christliche Heresiologe Epiphanius von Salamis (um 315-403), Bischof von Salamis in Zypern, Autor des Panarion oder der Medizinschatulle gegen Ketzereien, hat Philos Therapeut als „Jessaens“ falsch identifiziert und sie als christliche Gruppe betrachtet.
Der christliche Schriftsteller Pseudo-Dionysius aus dem 5. Jahrhundert interpretiert nach Philo, dass „einige Leute den Asketen den Namen „Therapeutae“ oder Diener gaben, während andere ihnen den Namen Mönche gaben“. Pseudo-Dionysius interpretiert Philos Gruppe als eine hochgradig organisierte christliche asketische Ordnung und die Bedeutung des Namens „Therapeutae“ als „Diener“.

Alle diese Dinge haben sicherlich bei der Absonderung der jüdisch-christlichen Sekten mitgesprochen. Aber die Motivierung, mit der die Führer der Sektenbewegung ihre Absonderung den geistigen Vorkämpfern des Christentums gegenüber immer wieder rechtfertigen, ist die Forderung in der Enthaltsamkeit von Fleisch – und Weingenuss. Ihnen ist die absolute Enthaltsamkeit die vornehmste Pflicht christlicher Lebensaskese, sie gibt dem Christentum erst das Recht, sich als vollkommenere Form des von Ewigkeit her auserwählten Judentums zu betrachten. Und nur, wenn die aus dem Heidentum kommenden Proselyten (Neubekehrter) sich in der Taufe reinigen wollen und sich auf ein enthaltsames Leben verpflichten, können sie gewürdigt werden, Söhne Abrahams zu heißen.

Allein schon diese Begründung des ebionitischen Sektenwesens (Anhänger einer judenchristlichen Sekte des 1. und 2. nachchristlichen Jahrhunderts, die am mosaischen Gesetz festhielt. Quelle Duden: Ebi­o­nit) erweist die völlige Abhängigkeit vom Zoroastrismus bzw. Zarathustrismus (auch: Mazdaismus oder Parsismus). Das Böse im Menschen muß, wenn er den Weg zum Licht gehen will, durch die „Taufe“ getilgt werden. Ist er so vom Bösen befreit, muß er durch die strenge Meidung aller Dinge, die mit dem Bösen in „Beziehung“ stehen, verhüten, daß das Böse wieder über ihn Gewalt bekommt. Darum ist die Enthaltsamkeit vom Fleisch – und Weingenuss oberstes religiöses Gesetz. Aus dieser Einstellung heraus haben sie aus dem Judentum die Speiseverbote übernommen. Denn die Gebote des Heiligkeitsgesetzes mit der Charakterisierung des „Unreinen“ hatten für sie Berührungspunkte mit der zoroastrischen Lebensaskese. Sie verwarfen daher alle Briefe des Apostels Paulus, weil er sich am eifrigsten gegen die Unterscheidung zwischen erlaubten und unerlaubten Genüssen im Essen und Trinken ausspricht und den Weingenuss direkt empfiehlt. Taufe und Abendmahl behielten sie bei. Denn das waren auch Zoroasterforderungen. Sie feierten aber das Abendmahl mit Wasser, wie auch Zoroaster den heiligen; berauschenden Somaopfertrank in ein nichtberauschendes, harmloses Getränk gewandelt hatte.

Montanisten

Weniger fanatisch waren die Montanisten, die mit der Zoroasterlehre nur über den Umweg der orphischen Mysterien Verwandtschaft hatten. Sie hielten sich für die auserlesene Gemeinde im Christentum und machten für ihre Anhänger die Enthaltsamkeit zur Lebenspflicht, ohne aber bei anderen Christen, die nicht ihrer Gemeinde der Auserwähltheit angehörten, die Freiheit dem Alkoholgenuss gegenüber zu verdammen. Ihre Enthaltsamkeit war gewissermaßen ein Akt der Abtötung auf Grund freiwilligen Entschlusses und fand als solcher auch bei ihren christlichen Gegnern Verständnis und Billigung. Im letzten Grunde war aber ihre Forderung nach Enthaltsamkeit doch in ihrer dogmatischen Abhängigkeit vom dualistischen Weltbild des Zoroaster verwurzelt. Denn sie trennten sich schließlich von der Kirche wegen Lehrmeinungen, die auf die dualistische Zoroaster Lehre zurückführten.

Gnosis

Ganz von der Mystik der Zoroasterlehre beherrscht waren die verschiedenartigen Richtungen der Gnosis, religiöse Bewegungen in christlichem Gewande, die vom zweiten nachchristlichen Jahrhundert ab, als das Christentum Schritt für Schritt die heidnische Welt zu erobern begann, fast in allen Provinzen des römischen Weltreiches emporschossen. Diese Bewegungen hüllten sich äußerlich in christliches Gewand. Aber unter diesem christlichen Kleide kämpfte das Heidentum seinen letzten Kampf um Geltung und Existenz. Nicht mehr durch Darbietung von Mythologien und mehr oder weniger skandalösen Göttergeschichten, sondern durch Verheißung „höherer Erkenntnis“, des „Wissens“, der „Gnosis, die dem Glaubensgehalt des Christentums entgegengestellt wurde. Diese geheimnisvolle Erkenntnis war die Lehre des Zoroaster.

Die Kosmogonie und die Scheidung der Welt in die Welt des Guten und die des Bösen, die Lehre vom Himmel, Pleroma, der Welt des heiligen Geistes, und von der Hölle, wo der Böse und sein Anhang thront, die Lehre von den „Beziehungen“ der verschiedenen Erscheinungsformen der sinnfälligen Welt zu den beiden das Übersinnliche beherrschenden Mächten, also die Lehre von den „reinen“ und „unreinen“ Dingen. Wenn der Mensch in das Pleroma, den von aller irdischen Befleckung unberührten Himmel gelangen will, darf er in seinem Erden Dasein mit nichts in Berührung kommen, was „unrein“ ist, „Beziehung“ zur Welt des Ahriman hat. Daher ist die strenge Lebensaskese Pflicht, in der die Enthaltsamkeit von Fleisch und Alkohol die wichtigste Forderung ist.

Die Lehre des Zoroaster war also im zweiten christlichen Jahrhundert die gemeine Religion des römischen Reiches geworden. Die einzige Form des religiösen Kultes, in der das Heidentum noch dem siegreichen Christentum sich entgegenstellte. Die großen Götter des Olymp waren vergessen, nur der Arztgott Äskulap hatte noch seine Verehrer. Sonst war der zoroastrische Mythrasdienst und der mystische Kult des ägyptischen Serapis bis zu den äußersten Grenzen des Reiches verbreitet und rivalisierte mit dem Christentum um die Herrschaft über die Seelen.

Unsere Kenntnis des Zoroaster Glaubens stammt aus dieser Zeit des Kampfes des Christentums mit dem Sektenwesen der Gnosis. Wir vermögen daher nicht zu sagen, ob all die Einrichtungen des Zoroaster Kultes, die äußerlich an die Kulteinrichtungen des Christentums anklingen, von Anfang an dem Zoroaster Glauben eigen gewesen sind oder ob sie, wie die Vorkämpfer des Christentums behaupten, von der Zoroaster lehre erst aus dem christlichen Kult übernommen worden sind, um desto leichter den Kampf mit dem Christentum aufzunehmen. Diese Kultangleichungen bedingten natürlich dem Zoroastertum im christlichen Sektenwesen den Erfolg. Die zoroastrischen Mystiker kannten die Taufe, das Opfer und die mystische Abendmahl Feier. Sie lehrten von Gott und dem Teufel, von Gottes· und Teufelsengeln, von der angeborenen Sündhaftigkeit des Menschen, von seiner Erlösungsbedürftigkeit, der Erlösungstatsache durch den Tod des Opfers, von der Heiligung des Menschen durch asketischen Lebenswandel und der Bestimmung des Menschen in den unbefleckten Himmel zu kommen, wenn er sein Leben nach den Geboten der Heiligkeitsaskese eingerichtet hat. Die Grundgedanken dieser Lehre sind sicher ursprünglich. Die Lehre von Gott und Teufel begegnet uns schon im Zendavesta, ebenso das mystische Abendmahl und der Erlösungsgedanke. Die Taufe kennen wir schon bei den vorchristlichen, durch das Zoroastertum beeinflußten jüdischen Essäern, ebenso die Heiligkeitsaskese. Aber diese Zoroastergedanken sind bei den Gnostikern in die Form des christlichen Kultzeremoniells gehhüllt worden, um die Übereinstimmung um so stärker zu betonen.

Tatian

Die Gnosis zählte sehr viele Schattierungen des Angleichs zwischen Zoroasterlehre und Christentum. Je nachdem die Stifter und Gründer einer solchen Bewegung geistig mehr der Zoroasterlehre oder dem Christentum nahestanden. Alle Schattierungen der Gnosis haben die Enthaltsamkeit als Forderung der christlichen Lebensaskese auf genommen, aber die Durchführung dieser Forderung war durchaus nicht in allen Richtungen der Gnosis gleich konsequent. Manche begnügten sich damit, nur die Priester und „Auserwählten“ auf diese Enthaltsamkeitsaskese zu verpflichten, sie gewissermaßen zum Lebensstandard der Vollkommenheit zu machen. Aber nur diese Vollkommenen, die Auserwählten, gingen nach dem Tode ohne weiteres ins Pleroma, in den Himmel, ein. Die anderen mußten in einer Zwischenstufe, im „Feuer“, noch eine Läuterung durchmachen, um von aller Befleckung gereinigt zu werden. Andere Richtungen ließen keine Ausnahmen zu und machten die strengste Abstinenz zur allgemeinen Pflicht. Die konsequenteste Richtung in der Durchsetzung der zoroastrischen Enthaltsamkeits Forderung war die Sekte, die Saturnin aus Antiochia und Tatian aus Syrien zu geistigen Häuptern zählte. Tatian wurde wegen seiner unerbittlichen Strenge gegen den Alkoholgenuß überall bekannt. Er war in Rom Lehrer der Beredsamkeit und fand wohl von den Zoroastermysterien her Interesse an der christlichen Lehre.

Justinus der Märtyrer, ein feingeistiger Vorkämpfer des Christentums, bekehrte ihn. Nach Syrien zurückgekehrt, schloß er sich der religiösen strengeren Richtung des Saturnin von Antiochia an, zu der er sich durch die Betonung der Enthaltsamkeit hingezogen fühlte. Saturnin lebte wohl selbst abstinent, aber er scheint in der Kirchenzucht nicht allzu strenge auf die Beobachtung des Abstinenzgebotes gedrungen zu haben. Das holte jetzt Tatian nach. Er verbannte das alkoholische Getränk nicht nur aus dem Leben der Gläubigen, sondern auch aus dem Kulte der Kirche. Das Abendmahl, meinte er,, werde durch den Genuß des Weines entweiht. Er führte daher die Abendmahlfeier mit Wasser ein. Wie Zoroaster das berauschende Soma Getränk durch „ein harmloses Opfergetränk ersetzt hatte. Alles, was aus den Zoroastermysterien zum Christentum gekommen war, schloß sich ihm an. Seine Sekte, von den Gegnern die „Wassermannsekte“ genannt, hatte um die Wende des dritten christlichen Jahrhunderts einen sehr großen Anhang und sammelte noch im vierten Jahrhundert Gläubige um sich, die von einer Vereinigung des Zoroasterglaubens mit dem Christentum träumten.

Die Kirchenväter zur Enthaltsamkeitsforderung der Gnostiker.

Im Geisteskampf der Apologeten des Christentums gegen die gnostischen Sektierer stand naturgemäß auch die Frage der Enthaltsamkei im Vordergrunde der Diskussion. Um diese Erörterungen richtig zu würdigen, muß man an die religiöse Problemstellung denken, die diese Erörterungen ausgelöst haben. Es stand nicht das Alkoholproblem als solches zur Erörterung, nicht die physiologische, medizinische oder biologische Wirkung des Alkoholgenusses, auch nicht die wirtschaftliche Auswirkung der Genußsitte. Alle diese Gesichtspunkte, die heute die Diskussion über das Alkoholproblem beherrschen, lagen nicht im Blickfeld der christlichen Apologeten im Kampfe gegen die gnostischen Sekten. Sondern ausschließlich die Verkoppelung der Enthaltsamkeitsforderung mit den Grundlagen der christlichen Lehre, die Motivierung des Genußverbotes mit der religiösen Unterscheidung zwischen „reinen“ und „unreinen“ Genüssen.

Die Kirchenväter wiesen den Zusammenhang auf zwischen der Enthaltsamkeits Forderung der Gnostiker und dem Dualismus des zoroastrischen Weltbildes. Wie der Dualismus mit dem Glauben an den einen Schöpfergott unvereinbar ist, wie man nicht an einen allmächtigen Gott glauben und gleichzeitig dem Teufel Macht auf die Dinge der Schöpfung einräumen kann, könne man auch keine „Beziehungen“ aufstellen zwischen Erscheinungsformen der Welt und der Macht des Teufels. Für den Christen gibt es nicht „rein“ und „unrein“, sondern nur Gaben Gottes, des Herrn der Welt. Das wird bewiesen aus dem Leben und der Lehre Christi und der Apostel, von denen sich Paulus, weil er zumeist mit Sektierern zu tun hatte, die vom Zoroastertum beeinflusst waren, am schärfsten gegen den Versuch, Genussdinge mit religiösem Mantel zu umkleiden, ausgesprochen hat. Von der gnostischen Enthaltsamkeitsfront wird den christlichen Apologeten der Vorwurf gemacht, daß sie Schlemmereien dulden und alkoholische Exzesse, und daß doch schon der alttestamentarische Spruchdichter gesagt habe, daß im Wein die Sünde liege. Als Beantwortung dieser Vorwürfe geben die christlichen Verteidiger eine Darstellung des Lebens eines gläubigen, frommen Christen, ein christliches Lebensbild, das wohl der Idealforderung christlicher Lebensweise im frühen Christentum entsprochen hat. Danach ißt man nur so viel, als zum Stillen des Hungers erforderlich ist, und trinkt nur so viel, als man unter Wahrung von Scham·und Anstand trinken kann. Das war das Leben der christlichen Allgemeinheit. Es stand, wie dieses Bild zeigt, unter der Forderung der Mäßigkeit. Enthaltsamkeit als Zwang wird abgelehnt, als Akt freiwilliger Askese, zur Erfüllung eines Gelübdes, als gottgefälliges Opfer anerkannt und gepriesen. Aber auch die freiwillige Enthaltsamkeit verliert ihren Tugendcharakter, wenn sie aus dem religiösen Glauben erfolgt, daß das Trinken alkoholischer Getränke dem Teufel Macht gibt. Denn dann bringt man ja dem Teufel das Opfer, nicht aber Gott.

Die Mani Lehre.

Die gnostischen Bewegungen, so viel sie auch von der Lehre und den asketischen Lebensforderungen der Zoroasterlehre aufgenommen hatten, suchten doch alle den Zusammenhang mit dem Christentum zu wahren. Sie suchten den Ausgleich zwischen den beiden Religionen des Reiches unter Führung des Christentums. Einen anderen Weg ging Mani, der diesen Ausgleich in einer neuen Religionsform, dem Manichäismus, suchte. Mani war Perser, Sprössling einer alten Priesterfamilie, von Jugend auf im Zoroastertum erzogen, durch die Berührung mit jüdischchristlichen Sekten Persiens, die ja der Zoroasterlehre nahestanden, für das Christentum interessiert, trat zum Christentum über und erhielt die Presbyterweihe. Er ging von Anfang an bewusst auf einen Synkretismus der im römischen Reich herrschenden Religionen aus durch Schaffung einer neuen Religion, in der nicht nur Zoroastertum und Christentum vereinigt sind, sondern auch buddhistische Grundgedanken und die Weisheit der alten heidnischen Mysterien Platz haben sollten. Die Grundlage seiner Religion war der zoroastrische Dualismus, der Gegensatz zwischen Geist und Materie, identisch mit dem Gegensatz zwischen Gut und Böse, der Gegensatz zwischen Geist- und Triebleben im Menschen, in dem die Triebe sich bösen Prinzip zueignen. Durch Unterdrückung des Trieblebens muß sich der Mensch vom Bösen reinigen. Gelingt dies nicht, wird er nicht, wie das Zoroaster lehrt, in die Hölle Ahrimans verbannt, sondern er wird, wie Buddhas Erlösungslehre besagt, zu neueren Kampf in anderer Daseinsform wiedergeboren. Wer den Kampf besteht, erwirbt die Unsterblichkeit, geht in das Pleroma ein, wer aber die Läuterung nicht erreicht, muß im Feuer des Weltenbrandes vergehen.

Propheten, Mani, Zoroaster, Buddha, Jesus, Manichäer,
Die vier primären Propheten des Manichäismus im manichäischen Diagramm des Universums, von links nach rechts: Mani, Zoroaster, Buddha und Jesus. 13. bis 14. Jahrhundert.

Hier löst sich das gute Element im Menschen von dem Materiellen, dem Anteil des Ahriman, und führt an einem Sonderort, getrennt vom Himmel der Seeligen, ein einsames Dasein ohne Leid und Freud. Wie schon manche Gnostiker vor ihm getan, unterschied er unter „Auserwählten“ und „gewöhnlichen Gläubigen“, den „im Vorhof Harrenden“. Die Auserwählten gelangen in den Besitz der tiefen Geheimnisse, zu denen der Weg durch eine mehrstufige Übung der Meditation führt, wie die buddhistische Philosophie sie kennt. Die „im Vorhof Harrenden“ brauchten nur die elementaren Begriffe der Religion zu kennen, die, der Fassungskraft primitiver Menschen angepasst, der neuen Religion weite Verbreitung auch unter den noch stark naturgebundenen Völkern Innerasiens sicherten. Nur die „Auserwählten“, waren an die strengste Beobachtung der Lebensaskese gebunden, an die Beobachtung unbedingter „Reinheit“ in Rede, Speise und Trank. Fleisch – und Weingenuß war als „unrein“ absolut verboten, die Unterdrückung des Geschlechtstriebes war Pflicht. Zu den Geboten der Zoroasterlehre kamen also noch Vorschriften aus der buddhistischen Lebenslehre. Die ganze Gemeinschaft, Auserwählte und einfache Gläubige, hielt am Sonntag ihre Religionsversammlung ab, am Montag war die Zusammenkunft der Geweihten. Sie kannten die Liturgie des Christentums, feierten auch die Feste des christlichen Kalenders, die mystischen Geheimnisse der Menschwerdung Christi, seines Leidens, seiner Vereinigung mit den Gläubigen im Abendmahl, und als größtes Fest galt ihnen die Sendung des Geistes in die Welt. Denn der Geist, den Christus seiner Kirche zu senden versprochen, war Mani, der Christi Werk vollenden sollte. Christus selbst war das erste Geschöpf des Zoroastergottes, der Sonnengeist, der in einem Scheinkörper zur Erde herabgestiegen sei, um die Menschheit zu erlösen. Satan kämpfte gegen ihn und suchte ihn zu vernichten. Er traf aber nur den Scheinkörper. Den Sonnengeist selbst konnte er nicht töten. Leiden und Tod trafen nur den Scheinleib des Erlösers.

Der Manichäismus ist der erste Versuch einer rationalistischen Ausdeutung der christlichen Glaubensgeheimnisse auf der Grundlage des zoroastrischen Weltbildes, das unserer sinnenfälligen Weltbeohachtung am nächsten liegt. Weil in der Religion des Mani scheinbar die Glaubensgeheimnisse der Vernunft zugänglich gemacht wurden, fand sie gerade in den geistig interessierten Kreisen im römischen Weltreich leichten Eingang. Sie bot die Möglichkeit, aus dem Wust von Religionen, Sektenmeinungen, philosophischen Systemen, mystischen Geheimbünden, die das geistige Leben jener Zeit verwirrten, eine einheitliche, religiöse und philosophische Weltanschauung herauszubilden, die das klare, vernünftige Denken befriedigt und doch in ihrer Mystik dem geheimnisvollen Sehnen der Seele entgegenkommt, der sich in höherer übersinnlicher Erkenntnis die letzten Geheimnisse entschleiern sollen. Daraus erklärt sich die ungeheure Verbreitung des Manichäismus im Römischen Reich. Ehe ihn das Christentum überwinden konnte, war er in manchen Provinzen des Reiches eine ernste Gefahr für seinen eigenen Bestand. Namentlich die gebildeten Kreise brachten ihm viel Sympathie und Interesse entgegen. Auch Augustin hat, wie er in seinen Bekenntnissen sagt, neun Jahre lang in ihm das Sehnen seiner großen Seele zu stillen gesucht.

Der Manichäismus verpflichtete, wie schon betont, nur die „Eingeweihten“ zur genauen Einhaltung der „Reinheitsvorschriften“, zur vollkommenen Abstinenz von Fleisch- und Weingenuß. Er hielt konsequenterweise auch den Wein vom Kulte fern und feierte das Abendmahl mit Wass er. Die große Gemeinde der gewöhnlichen Gläubigen war zwar zur Beobachtung des Abstinenzverbotes nicht direkt verpflichtet, aber sie lebte in einer geistigen Luft, die dem Weingenuß durchaus feindselig gegenüberstand. Es liegt daher auch die Vermutung nahe, daß im allgemeinen die Anhänger der Mani-Kirche abstinent gelebt haben. Die ganze Lebensauffassung des Manichäismus war auf Entsagung, Verzicht, Abtötung der Lust und Niederhaltung des Trieblebens eingestellt. Das Leben galt als Läuterungsperiode zur Überwindung des dem Menschen anhaftenden Bösen, damit am Ende des Lebens, nach der Besiegung des Bösen, die Seele in das Reich der seligen Geister eingehe. Die Enthaltsamkeit war in der religiösen Weltanschaung bedingt, nicht wie im Buddhismus nur ein Akt des äußerlichen Bußlebens. Sie war nicht nur eine Forderung des religiösen Lebens, sondern ein Wesensbestandteil des religiösen Weltbildes. Sie ist daher auch im Manichäismus nie in Vergessenheit geraten, mit anderen Äußerlichkeiten im Laufe der religiösen Entwicklung fallen gelassen worden, wie wir das aus der Geschichte des Buddhismus wissen.

Gegen Ende des vierten christlichen Jahrhunderts verschwindet der Manichäismus aus dem Abendland. Der vereinte Kampf der Kirche und der staatlichen Gewalt vertreibt die ManiLehre aus den Grenzen des Reiches. Sie weicht nach Persien und Innerasien zurück und wirbt, in Konkurrenz mit dem Buddhismus, um die Herrschaft bei den Nomadenstämmen Innerasiens. Sie hat ihre Anhänger bis weit nach Chinesisch- Turkestan und selbst im Land der Mitte gefunden. Wie die Ausgrabungen in den Stadtoasen am Rande der Tarim-Ebene erwiesen haben, saßen noch im achten Jahrhundert geschlossene Manichäergemeinden mitten unter den Siedlungen buddhistischer Klöster in diesem Oasenstadtstaat. Und während, zufolge dieser Ausgrabungen, das Alkoholgenußverbot bei den Buddhisten ganz in Vergessenheit gekommen war, finden sich in den Manichäersiedlungen keine Spuren, daß dem Weingenuss gehuldigt worden wäre. Noch im dreizehnten Jahrhundert finden sich ihre Spuren in den Grenzgebieten zwischen Inner- und Ostasien. An der großen „Glaubenskonferenz“, die der Tataren-Großchan Kublai in seiner Winterresidenz abhalten ließ und auf der der Franziskaner Missionar Wilhelm von Rubruck die Glaubenswahrheiten seiner Kirche vortrug, nahmen neben buddhistischen Lamas, Nestorianern, griechischen Popen auch Manichäer teil. Auch am Hofe des Großchan lebten die Manichäer enthaltsam während Buddhisten und Nestorianer ohne jede Scheu und ohne Skrupel den Versuchungen, die ihnen von den trinkfesten Tataren geboten wurden, unterlegen sind.

Es ist zweifellos, daß durch die gnostischen Sekten, namentlich aber durch den Manichäismus, im letzten Grunde also durch die religiöse Reform des Zoroaster, die öffentliche Meinung der abendländischen Kulturwelt zugunsten der Enthaltsamkeit stark beindruckt worden ist. Weit verbreitete philosophische Systeme, der Neuplatonismus. der Neupytagoräismus und vor allem die Stoa, die ja alle in den grundlegenden Gedanken und in ihren Lebensregeln der Zoroasterlehre oder dem Buddhismus verwandt waren, hatten den Boden für die Enthaltsamkeitsforderung vorbereitet, so daß die öffentliche Meinung die Mäßigkeit zur absoluten Pflicht machte und in der Enthaltsamkeit einen anerkennenswerten und bewunderungswürdigen Akt der Selbstzucht und Selbstbeherrschung erkannte. Unmäßigkeit wird allgemein verurteilt und bei Heiden und Christen als Zeichen eines unbeherrschten, eines Mannes unwürdigen Trieblebens bewertet. Gerade in der Achtung der Massen vor der harten Lebensaskese der Sektierer, in der Bewunderung ihrer konsequenten Selbstüberwindung durch ein enthaltsames Leben liegt ja die Erklärung für den Erfolg, den alle Sektengründer beim Volk gehabt haben. Denn Mystik und geheimnisvolle Erkenntnis bot auch die Kirche. Und das spekulative Gebäude des Weltbildes blieb doch wohl den meisten Anhängern fremd. Es waren in der Hauptsache die ÄuBerlichkeiten, die harte Askese, die Enthaltsamkeitsforderung, der Zwang zu harter Entsagung und Selbstüberwindung, was die Massen zu den Kirchen der Sektierer zog.

Die Kirche zur Enthaltsamkeits Forderung der Manichäer.

Dieser Einstellung der öffentlichen Meinung gegenüber der Enthaltsamkeits Forderung der Sektierer trugen auch die Verteidiger der christlichen Orthodoxie Rechnung. Sie fanden Worte der Anerkennung für die Opfer der Lebensaskese. Lobten die alkoholische Enthaltsamkeit als freiwilliges Opfer, betonten aber mit Nachdruck, daß das Opfer vergebens gebracht sei, wenn man sich des Weines enthalte, weil er zu den „unreinen“ Dingen zu rechnen sei. Es gibt nichts von „Natur aus unreines“ und Sündhaftes. Erst der Mensch verwendet die Dinge der Schöpfung zu sündhaften Zwecken. Wein und Fleisch sind Genuss- und Nahrungsmittel wie alles andere, was der Mensch genießt, weder gut noch böse. Wenn sie der Mensch durch Fraß und Völlerei mißbraucht, liegt die Sünde in der Unbeherrschtheit des Menschen, der ohne Rücksicht auf Vernunft und Gesetz seinen tierischen Trieben nachgibt, nicht aber in den Genussmitteln an sich.

So energisch und scharf die christlichen Apologeten die religiöse Verbindung der Enthaltsamkeits Forderung der Sektierer bekämpfen, in der Enthaltsamkeit selbst sehen sie durchaus nichts Tadelnswertes. Sie sprechen dem Heroismus der Gesinnung, die sich zu dieser Selbstentsagung zwingt, ihre Achtung aus, bedauern nur, daß solch große Opfer wegen der „heidnischen Gesinnung“ wertlose Anstrengungen sind, „große Schritte abseits vom rechten Pfade“.

Quelle:

Der Kampf um den Alkohol im Wandel der Kulturen von Dr. E. Huber. 1930 Verlag Trowitzch & Sohn, Berlin SW 48 und Frankfurt/Oder.

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