Venezianerinnen. Venezianische Kurtisane. Transportmittel. Italien 16. Jh.

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Italien. Trachten aus dem Ende des 16. Jahrhunderts.

ITALIEN XVI. JAHRHUNDERT. TRACHTEN AUS DEM ENDE DES JAHRHUNDERTS. TRANSPORTMITTEL.

Nr. 1. Zwei venezianische Gondeln. Die Kajüte dieses Fahrzeuges ist von Tonnenreifen überdacht, wie die Wagen des Mittelalters. Über die Reifen war ein dicker Stoff gezogen, der die Insassen völlig verbarg, aber auch zurückgeschlagen werden konnte, um eine freie Aussicht zu gewähren. Gewöhnlich war die Gondel fünf Fuss breit und fünfundzwanzig lang. An festlichen Tagen wählte man kostbare Stoffe, um die Kajüte und den Ehrensitz zu dekorieren. Die Nobilis hatten Gondoliere in ihren Diensten. Aber nur derjenige des Dogen durfte die
Livree seines Herrn tragen.

Nr. 2. Einwohner von Turin. Es war üblich, dass die Frau hinter dem Mann auf das Pferd stieg. Sie hielt sich entweder an dem Sattel oder an der Schulter des Mannes fest, ohne sich eines Steigbügels oder Fussbretts zu bedienen. Die Damen besserer Stände waren beim Reiten maskiert, wie auch die junge Frau auf unserer Abbildung, welche sich ein schleierartiges Stück Stoff, in welchem Löcher für die Augen ausgeschnitten sind, vor das Gesicht gebunden hat.

Nr. 3. Arzt aus Padua. Seine Kleidung ist unter dem weiten Mantel verborgen. Man sieht nur den Strumpf von schwarzem Tuch oder Seide und den Schuh von schwarzem Tuch oder Samt. Die unten gefaltete Mütze, ebenfalls von schwarzem Tuch oder Samt, wurde in der ganzen Lombardei von Ärzten und Rechtsgelehrten getragen. Der Reiter trägt Sporen mit grossen Rädern.

Nr. 4. Maultiere mit Tragkörben, die als Sänfte zur Beförderung von Personen dienten. Ein Diener führte die Tiere an einer Leine. Die Sänfte war lang genug, dass man eine halbliegende Stellung einnehmen konnte. Diese Art von Transport war besonders in Toskana üblich.

Nr. 5. Römischer Büsser. Noch im 19. Jahrhundert existierten in Italien geistliche Orden, deren Mitglieder verpflichtet waren, sich im Geheimen oder öffentlich zu geisseln. Die Geissel bestand aus neun oder zehn Stricken, an deren Enden Bleikugeln mit eisernen Spitzen befestigt waren. Damit die Spitzen in das Fleisch eindringen konnten, hatte die Kutte auf dem Rücken eine Öffnung.

Nr. 6. Vornehme Römerin. Sie trägt den gefalteten Fächer, der um diese Zeit den Feder- und Fahnenfächer zu verdrängen begann. Dieser letztere, wahrscheinlich saracenischen Ursprungs, war besonders in Venedig üblich. Der nach chinesischer Art gefaltete Fächer wurde damals in Rom, Ferrara, Turin und Neapel getragen. Man hing ihn mit einer goldenen Kette an den Gürtel.

Nr. 7. Venezianische Kurtisane. Die beiden, dieselbe Person darstellenden Abbildungen sind der unten zitierten Sammlung von Pietro Bertelli entnommen. Es sind zwei übereinander gelegte Blätter, deren oberes an einem Scharnier befestigt und aufzuklappen ist, sodass man die Unterkleidung sehen kann. Das Kgl. Kupferstich Kabinet in Berlin besitzt mehrere solcher aus drei Blättern bestehenden Darstellungen venezianischer Kurtisanen in sorgfältiger Malerei ausgeführt. Um diese Zeit war nämlich der Geschmack an majestätischer Grösse aufgekommen. Um eine solche zu erreichen, bediente man sich verschiedener Mittel. Man verlängerte die Büste und befestigte unter den Schuhen noch hohe Stelzenschuhe von Holz, das mit Leder überzogen war. Diese Stelzenschuhe nahmen schliesslich solche Dimensionen an, dass die Damen sich nur mit Mühe fortbewegen konnten und zu ihrer Unterstützung zwei Diener brauchten, welche sie vor dem Fall bewahrten. Das Museo Correr in Venedig besitzt Exemplare solcher Stelzenschuhe. Endlich wurden die Haare möglichst hoch frisiert, wie man an unserem Beispiele sieht, in Gestalt von zwei aufsteigenden Hörnern. Um die Taille mit dem durch die Anwendung von Stelzenschuhen länger gewordenen Kleid in Harmonie zu bringen, wurde dieselbe verlängert und, wie bei den Männern, nach Art des „Gänsebauchs“ ausgestopft und mit einer Spitze versehen.

Im allgemeinen Typus unterschied sich die Tracht der Kurtisanen nicht von derjenigen der Frauen des Adels. Wir finden in der Sammlung Vecellios edle Venezianerinnen, deren Tracht mit der unsrigen übereinstimmt. Wir finden denselben fächerartigen, von Messingdrähten gehaltenen Kragen, die Schulterkrause, die hörnerartige Frisur, den tiefen Halsausschnitt und das Taschentuch mit kleinen Bleistückchen, die in die Ecken eingenäht waren, um einen schönen Faltenwurf zu erzeugen. Aus den Malereien des Berliner Kupferstich-Kabinets scheint übrigens hervorzugehen, dass auch damals noch nicht die Sitte, Hemden zu tragen, allgemein verbreitet war.
Die Kurtisanen spielten in Venedig eine hervorragende Rolle. Bei der durch die Sitte gebotenen Zurückgezogenheit der venezianischen Frau bildeten jene den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens.

Bei den vornehmen Kurtisanen trafen oft die Gesandten auswärtiger Mächte zusammen, welche dort die wichtigsten Dinge verhandelten. Um jedoch den masslosen Luxus der Kurtisanen einzuschränken und namentlich um gewisse Unterscheidungen ihrer Tracht von der der anständigen Frauen herbeizuführen, wurde ihnen u. a. das Tragen von Perlen verboten. „Man konnte, sagt Vecellio, wen Stand erkennen, sobald sie den Hals entblössten, wiewohl sie runde Gegenstände trugen, welche den Perlen ähnelten.“ Über die venezianischen Kurtisanen vgl. Les femmes blondes selon les peintres de l’école de Venise par deux Venitiens. Paris, 1865.

Unsere Abbildung Nr. 7 zeigt, dass die venetianischen Kurtisanen unter ihren Kleidern Männerhosen trugen. Der Grund dieser eigentümlichen Sitte ist vielleicht darin zu suchen, dass sich die Trägerinnen, da die Röcke nicht unten so eng anschlossen wie früher, durch die Hosen vor Erkältung schützen wollten. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass sie im Hause das unbequeme langschleppende Oberkleid ablegten und sich in männlicher Tracht bewegten. Die Strümpfe und die Hosen waren nicht von derselben Farbe, die Strümpfe gewöhnlich weiss, die Beinkleider bunt. Es scheint, dass auch den Waden durch Wattierung nachgeholfen wurde.

Man glaubt annehmen zu dürfen, dass die Sitte, unter den Röcken Hosen zu tragen, von Katharina de‘ Medici (1519-1589) eingeführt worden ist. Sie brachte nämlich für die Damen eine andere Art des Reitens, die noch jetzt übliche, auf. Während die Damen früher seitlings auf dem Sattel sassen und die Füsse auf ein hängendes Brett stützten, liess sie Katharina das rechte Bein auf den Sattelbogen legen, auf welchem man später eine Art Gabel anbrachte. Diese neue Art zu reiten hat wohl auch die Aufnahme der Hosen in das weibliche Kostüm zur Folge gehabt. Denn es gibt Beispiele, aus welchen ersichtlich ist, dass auch anständige Damen Beinkleider bis zu den Knie getragen haben.

(Die Figuren sind den Stichen aus der Sammlung von Pietro Bertelli entlehnt, welche in Padua 1589 und 1591 in zwei Bänden erschienen ist.)

Quelle: History of the costume in chronological development by Auguste Racinet. Edited by Adolf Rosenberg. Berlin 1888.

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