EIN GEDICHT WALTHERS VON DER VOGELWEIDE.

Ein Gedicht von Walther von der Vogelweide.

Minnesänger, Mittelalter, Musiker, Dichter, Walther von der Vogelweide,
Walther von der Vogelweide (geb. um 1170 – um 1230).

O weh! wohin verschwanden alle meine Jahr?
Ist mein Leben mir geträumet oder ist es wahr?
Das ich stets wähnte, daß es wäre, war das icht?
Danach hab ich geschlafen, und so weiß ichs nicht.

icht] irgend etwas

Nun bin ich erwachet, und ist mir unbekannt,
Was mir hievor war Kundig wie mein andre Hand.
Leute und Land, dannen ich von Kinde bin geborn,
Die sind mir fremde worden, recht als ob es sei verlorn.
Die meine Gespielen waren, die sind träge und alt,
Bereitet ist das Feld, verhauen ist der Wald,
Nur daß das Wasser fließet, wie es weiland floß.
Fürwahr! ich wähnte, mein Ungelücke würde groß.
Mich grüßet mancher träge, der eh mich kannte wohl;
Die Welt ist allenthalben Ungenaden voll.
Wenn ich gedenke an manchen wonniglichen Tag,
Die mir entfallen sind, wie in das Meer ein Schlag:
Immermehr, O weh!

O weh! wie jämmerlich die jungen Leute tunt,
Denen nun viel traurigliche ihr Gemüte stund!
Die können nichts denn sorgen; O weh! wie tun sie so?
Wo ich zur Welt hinkehre, da ist niemand froh.
Tanzen, Singen zergeht mit Sorgen gar.
Nie Christenmann noch sah so jämmerliche Jahr!
Nun merket, wie den Frauen ihr Gebände staht!
Die stolzen Ritter tragen dörferliche Wat.
Uns sind unsanfte Briefe her von Rome kommen,
Uns ist erlaubet Trauren, und Freude gar benommen.

kundig usw.] bekannt, geläufig, wie der einen Hand die andre. – von Kinde] von Kindheit auf. – bereitet] was unangebautes Feld, also Wiesengrund war, ist jetzt ‚bereitet‘, d. h. umgebrochen in Äcker (Grimm). – Ungenaden] Ungunst, Mißgeschick. – Immer, mehr] immerfort. – tunt] tun. – stund] geworden, beschaffen ist. – zur Welt] auf der Welt. – Gebände] Kopfputz. – Wat] Kleidung. – unsanfte] unerfreuliche; die Bannbriefe.

Das mühet mich inniglichen sehr, wir lebten sonst viel
wohl,
Daß ich nun, für mein Lachen, Weinen kiesen soll.
Die wilden Vögel betrübet unsre Klage,
Was Wunder ist, wenn ich davon verzage?
Was spreche ich dummer Mann durch meinen bösen Zorn?
Wer dieser Wonne folget, der hat jene dort verlorn
Immermehr, O weh!
O weh! wie uns mit süßen Dingen ist vergeben!
Ich sehe die bittre Galle mitten in dem Honige schweben.
Die Welt ist außen schöne weiß, grüne und rot
Und innen schwarzer Farbe, finster, wie der Tod.
Wen sie nun verleitet habe, der schaue seinen Trost!
Er wird mit schwacher Buße großer Sünde erlost.
Daran gedenket, Ritter! es ist euer Ding.
Ihr traget die lichten Helme und manchen harten Ring,
Dazu die festen Schilde und das geweihte Schwert.
Wollte Gott, ich wäre solches Sieges wert!
So wollte ich notiger Mann verdienen reichen Sold,
Doch meine ich nicht die Huben, noch der Herren Gold:
Ich wollte selber Krone ewiglichen tragen,
Die möchte ein Söldener mit seinem Speer bejagen.
Möchte ich die liebe Reise fahren über See,
So wollte ich danne singen: wohl! und nimmermehr:
o weh!

mühet] betrübet, quälet. – vergeben] Gift gegeben. – schwacher] geringer. – euer Ding] eure Sache. – Ring] Panzerring. – Huben] Grundstücke, Lehngüter. – notiger] armer. – möchte] könnte. – bejagen] erjagen, erwerben.

Umschreibung von Ludwig Uhland.

Des Minnesangs Frühling mit Bezeichnung der Abweichungen von Karl Lachmann und Moriz Haupt und unter Beifügung ihrer Anmerkungen von Friedrich Hermann Traugott Vogt. Leipzig, S. Hirzel, 1888.

Walther von der Vogelweide (ca. 1170 – ca. 1230) war ein Minnesänger, der Liebeslieder und politische Lieder („Sprüche“) in mittelhochdeutscher Sprache komponierte und aufführte. Walther wird als größter deutscher Lyriker vor Goethe bezeichnet; seine rund hundert Liebeslieder gelten als Höhepunkt des Minnesangs, der mittelalterlichen deutschen Liebeslyrik, und seine Neuerungen hauchten der Tradition der höfischen Liebe neues Leben ein. Er ist auch der erste politische Dichter, der in deutscher Sprache schreibt, mit einer beträchtlichen Anzahl von Lobreden, Satiren, Invektiven und Moralisierungen.

Quelle:

  • Die Weingartner Liederhandschrift von Franz Pfeiffer und Friedrich Fellner. Stuttgart, Literarischer Verein 1843.
  • Insel-Almanach. Leipzig: Insel-Verlag 1909.

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