Kleidung der vornehmen Stände. Frankreich 12. und 13. Jahrhundert.

13, 6, 12, 9, 11, 2, 7, 14, 10,
4, 3, 5, 1, 8,

EUROPA MITTELALTER. FRANKREICH XII. UND XIII. JAHRHUNDERT.

TRACHTEN DER VORNEHMEN STÄNDE.

Diese von den Portalen der Kirchen Notre Dame de Paris, Notre Dame de Chartres, Notre Dame de Corbeil, Saint Germain l’Auxerrois und der Abtei Sainte-Geneviève in Paris herrührenden Statuen tragen nicht die Kostüme, welche der Zeit der dargestellten Personen, der ersten fränkischen Könige, entsprechen, sondern die Tracht, die zur Zeit ihrer Entstehung die herrschende war.

Der Charakter dieser Tracht ist durch Byzanz und den Orient bestimmt worden, mit dem das Abendland in Folge der Kreuzzüge bekannt wurde. In der Karolingischen Periode reichte die Tunica der Männer nicht über die Knie herab; erst mit Anfang des XII. Jahrhunderts wurde sie länger und länger, bis sie schliesslich bis zu den Knöcheln reichte. Die Stoffe sowohl wie ihre Stickereien, Besätze und sonstigen Dekorationen, die Schmiegsamkeit und Feinheit der Stoffe, der feine Faltenwurf, der Kopfschmuck, die Kronen und die goldenen Ringe, die das Haar zusammenhalten, dies alles findet sich auf byzantinischen Kunstdenkmälern des XI. und XII. Jahrhunderts.

Auch Frauen hatten an den Kreuzzügen Teil genommen und fanden an der orientalischen Tracht Gefallen. Venedig war die Vermittlerin bei der Einfuhr „damaszener, indischer und sarazenischer“ Stoffe und Waren wie sie in gleichzeitigen Dokumenten genannt werden.

Die mit einem Nimbus versehene Statue Nr. 1 stellt Clotilde, die Gemahlin Clodwigs I., des ersten Königs der Merowinger, dar. Sie trägt ein sich eng an den Körper anschliessendes Leibchen mit kleinem Halsausschnitt, das am Rücken zusammengeschnürt ist. Ein zweimal um den Leib geschlungener Gürtel bildet die Verbindung zwischen dem Leibchen und dem fein gefalteten Schleppkleid. Das Hauptbekleidungsstück ist der lange faltige Mantel, der an den Schultern befestigt ist, mit weiten tief herabhängenden Ärmeln. Die Schuhe (siehe Nr. 2) sind eng anliegend und vorn zugespitzt. Die Krone ist Goldschmiedearbeit. Das Haar ist in der Mitte über der Stirn gescheitelt und fällt auf beiden Seiten in langen von Bändern zusammengehaltenen Strähnen über die Schultern herab, fast so weit, als die Ärmel reichen.

Mode, Mittelalter, Haarmode, Frisur, Adel, 12. Jahrhundert,
Adlige Frau im Bliaut und Zopffrisur des 12. Jahrhunderts.

Als Stoffe für die Kleidung dienten Seide (für den Rock), feine Leinwand (für das Hemd) und Musselin. Das Leibchen war eine Art Tricot von Kreppseide, der ganz elastisch und weich war und sich ganz an die Formen des Körpers anschmiegte. Der seidene Rock war entweder einfarbig oder mit Gold gestickt oder endlich aus verschiedenfarbiger Seide zusammengewebt. Der Gürtel bestand aus Stoff, war aber mit goldenen Beschlägen und edlen Steinen besetzt. Seine Enden, die über dem Leib zusammengebunden wurden, bestanden aus geflochtenen seidenen Bändern, die nach der Knotung noch tief über das Kleid herabhingen und mit goldenen Ringen verziert waren. Der halbkreisförmige Mantel, dessen Schnitt für beide Geschlechter der gleiche war, bestand gleichfalls aus Seide, war aber nicht mit Pelz gefüttert, wie man an den zahlreichen feinen Falten sieht. An den Kanten war er mit Besätzen versehen, sonst gewöhnlich schmucklos und einfarbig, meist rot, blau oder grün.

Münchener Bilderbogen, Mittelalter, Kleidung, Kostüm, Gewandung, Bliaut
Vornehme deutsche Frauen. Deutsche Bürgerin. Letztes Drittel des 12. Jahrhunderts

Der Mantel wurde entweder über die Brust geschlagen und an der Schulter nach römischer Art mit einer Spange befestigt [siehe Nr. 3) oder man knotete die beiden Enden einfach über der Brust zusammen (s. Nr. 8). Die häufigste Art, den Mantel zu befestigen, war jedoch die, welche man an den Nrn. 5, 4, 7 und 6 sieht. Ein an der einen Seite befestigtes Band wurde an der anderen durch eine Öse gezogen und mittels eines Knotens befestigt. Man konnte auf diese Weise den Mantel beliebig eng zusammenziehen. Der Mantel war kürzer als der Rock. Er war das Abzeichen des Adels bis gegen das Ende des XIV. Jahrhunderts. Um ihn mit Würde und Anstand zu tragen, bedurfte es einer langen Übung. Der Gang der Damen war langsam und gemessen. Beim Spaziergang trugen sie lange Stöcke, die auf den Knöpfen Vögel trugen.

Die Tracht der Männer war einfacher und praktischer. Der Mantel war der nämliche, wie der der Frauen. Der Rock reichte aber nur bis zu den Knöcheln. Darüber trug man noch eine Art Leibrock, bliaut genannt, der nur oben eine Öffnung hatte, um den Kopf hindurch zu stecken. Er bestand aus einem einzigen Stück Stoff und war an den Schultern enger als unten, wo er bis zu einer gewissen Höhe an den Seiten aufgeschlitzt war, um das Gehen zu erleichtern. Dieser Leibrock war kürzer als der eigentliche Rock (siehe Nr. 5). Dieser bestand meist aus Linnen und wurde über dem Hemd getragen, ersetzte aber auch häufig die Stelle desselben. Während der Bliaut ärmellos war, schlossen sich die Ärmel des Rockes, die an den Schultern weit und faltenreich waren, unten eng an das Handgelenk an.

Der Gürtel kam in der bürgerlichen Tracht der Männer erst gegen das Ende des XII. Jahrhunderts auf. Er bestand aus weichem Leder oder Seidengewebe und wurde mit vergoldeten oder emaillierten Metallrosetten geziert. An diesem Gürtel hing die Almosentasche. Das Haar, in der Mitte gescheitelt, fiel über die Ohren auf Hals und Schultern herab. Am Anfang des 12. Jahrhunderts trug man den Bart noch lang; gegen Ende des Jahrhunderts verschwand diese Mode.

Die weiblichen Trachten neigten im Laufe des XII. Jahrhunderts, dem byzantinischen Vorbilde folgend, immer mehr zur Übertreibung. Die Ärmel schleppten bis auf die Erde herab und die Leibchen wurden immer enger anliegend. Der Luxus der Gürtel und des Kopfschmucks nahm immer mehr zu. Oft trugen die Frauen unter der Krone oder dem Stirnreifen einen runden Schleier von durchsichtiger Seide oder feinem Linnen, welcher das Gesicht umrahmte und auf die Schultern zu beiden Seiten herabfiel (siehe Nr. 2 und 12). Die Tracht der Männer hatte sich in umgekehrter Weise entwickelt. Gegen das Ende des Jahrhunderts wurde der Schnitt immer einfacher und einfacher und die Kleidung leichter zu tragen (siehe Nr. 5 und 6).

Houppelande, Tappert, Gewandung, Mittelalter, Gotik, Kostüme, Mantel, Viollet-Le-Duc
Fürst im Tappert. 14. Jahrhundert. Houppelande de Seigneur. XIVe Siècle.

Die Nrn. 9, 10 und 11 sind Statuen von Geistlichen. Der Bischof mit der Mitra trägt einen Bart. Zu den dreizehn Kleidungsstücken des ministrierenden Priesters gehört der amictus, welchen die drei Geistlichen um den Hals tragen. Es ist eine Art Kapuze, die emporgezogen wurde und den Kopf des Priesters verhüllte;‘ wenn er zum Altar hinaufstieg. Der amictus war noch im 13. Jahrhundert im Gebrauch. Das lang herabhängende Tuch am Arm der beiden jüngeren Geistlichen ist das manipulum, das sie um die Hände wickelten, wenn die heiligen Gefässe, Kelch, Monstranz u. s. w., angefasst wurden.

Herkunft der Statuen und die Namen, unter welchen sie geweiht worden sind:
Nr. 1. Clotilde (c. 474–545), Königin der Franken und Frau des Clodwig I. (493–511) der erste König der Franken, der alle fränkischen Stämme unter einem Herrscher vereinte, vom Portal von Notre Dame in Corbeil. Nr. 2. Haregunde (510-573), Frau von Chlothar I. (495-561), ein Frankenkönig aus dem Geschlecht der Merowinger; Portal von Notre Dame in Paris. Nr. 3. Clodwig I.; Portal von Notre Dame in Corbeil. Nr. 4. St. Genovefa; Portal von St. Germain l’Auxerrois. _ Nr. 5. Clodwig I.; Abtei von St. Genevieve in Paris. Nr. 6. Childebert I., Sohn Clodwigs; ebendaher. – Nr. 7. Ultrogotha, Frau von Childebert I. Nr. 8. Childebert I.; diese Statue bedeckte sein Grab. Nr. 9. St. Marcel, Bischof von Paris; Portal von St. Germain l’Auxerrois. Nr. 10. Priester; Portal von Notre Dame in Chartres. – Nr. 11. Priester; Portal von St. Germain I‘ Auxerrois. Nr. 12. Fredegunde, Frau Chilperich 1.; Portal von Notre Dame in Paris. Nr. 13. Chilperich 1.; ebendaher. – Nr. 14. Clotar I.; ebendaher.

(Nach Les Monumens De La Monarchie Françoise.)

Quelle: Geschichte des Kostüms in chronologischer Entwicklung von Auguste Racinet. Bearbeitet von Adolf Rosenberg. Berlin 1888

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