Schweiz. Weibliche Trachten aus Bern, Appenzell, Freiburg, Uri u. a.

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Schweiz. Weibliche Trachten.

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7, 8, 9, 10

SCHWEIZ. WEIBLICHE TRACHTEN AUS BERN, APPENZELL, FREIBURG, URI, LUZERN, SCHWYZ UND UNTERWALDEN.

Nr. 1, 8 u. 10. Trachten aus dem Kanton Bern. Wie im übrigen Europa finden sich auch in der Schweiz die alten Nationaltrachten nur noch bei den Mägden und Bäuerinnen. Die Frauen der höheren und mittleren Stände, folgen der französischen Mode. Wie man aus Nr. 8 sieht, hat dieselbe auch schon bei den Dienstmägden Eingang gefunden; denn der Schlepprock des Mädchens, das einen Zober trägt, ist nicht nationalen Ursprungs.

Die alte Bernerische Tracht findet sich noch in ihrer echten Grazie bei den Bäuerinnen. Der Rock ist weit und von dunkler Farbe, das Leibchen von schwarzer Seide oder Samt. Es hat einen viereckigen Schnitt und geht nicht über den Busen hinauf (Nr. 1).

Die Brust ist vollständig mit einem gefälteten, sehr weissen Hemd bedeckt. Um den Hals ist eine Krawatte von schwarzem Samt geschlungen. Silberne Ketten, die an den Enden dieser Krawatte befestigt sind, fallen auf jeder Seite über das Leibchen herab und werden mit dem Gürtel verbunden. Die Hemdsärmel haben einen sehr weiten Schnitt. Die Kopfbedeckung besteht gewöhnlich aus einer eng anliegenden, kurzen Haube von schwarzem Atlas, die auf den Scheitel gesetzt wird und von der schwarze Spitzen auf die Haare herabfallen.

Die Frau von Nr. 10 trägt nicht diese Kopfbedeckung, sondern eine Mütze mit einer aufrecht stehenden Quaste auf dem Deckel. Oft besteht diese Mütze aus Gold oder Silberstoff. Die Tracht der Bernerinnen hat sich, ungeachtet ihrer Veränderungen, von allen schweizerischen Volkstrachten noch am vollständigsten erhalten. Die Frauen der übrigen Kantone unterscheiden sich von einander nur durch die Art, ihre Haare zu flechten und dieselben mit Bändern, Spitzen, Zeug und Nadeln zu schmücken. Am besten und reinsten hat sich die Bernerische Tracht im Emmental erhalten.

Nr. 2 u. 6. Frauen aus dem Kanton Appenzell. In dieser sehr gebirgigen Gegend der Schweiz, die keine grossen Städte, sondern nur zwei oder drei Flecken besitzt und in ihrer Gesamtheit einem grossen Dorfe gleicht, das aus vereinzelten Hütten zusammengesetzt ist, hält man noch am zähesten an den alten Gebräuchen fest. Das charakteristische Merkmal der Appenzeller Frauentracht ist die Haube aus schwarzer Gaze, die sich wie ein steifer Kamm in Gestalt von zwei Schmetterlingsflügeln über den Kopf erhebt.

Nr. 3. Verheiratete Frau aus dem Kanton Freiburg. Diese Frau stammt aus der deutschen Hälfte des Kantons, in dem sich die alten Sitten besser erhalten haben, als in der französischen. Die Heirat gilt in dieser Gegend als ein besonders wichtiger Akt. Die Sitte will es, dass Bräutigam und Braut bei der Zeremonie die Kleider ihrer Grosseltern anziehen, um damit zu bekräftigen, dass sie nach der Weise ihrer Voreltern leben wollen. Die einer Husarenmütze ähnliche Haube, der Halskragen und die metallenen Schuhschnallen stammen noch aus früher Zeit. Der Schmuck besteht aus einer langen, feinen Halskette, an der eine grosse, silberne Schaumünze hängt, die man Agnus dei nennt. Im Canton Schaffhausen ist die Mütze noch höher und schwerer. Der Rock und die Strümpfe sind gewöhnlich rot.

Nr. 4. Frau aus dem Kanton Luzern. Ein unten spitz zulaufendes Leibchen aus schwarzem Samt, das weit enger anschliesst als das der Bernerinnen, ein gefaltetes, die Brust bedeckendes Hemd, ein Halstuch, eine lose, vorn offene Jacke mit weiten Ärmeln, die mit schmalen Aufschlägen versehen sind, eine Mütze mit breiter Rüsche, die den Kopf wie ein schwarzer, durchsichtiger Nimbus umgibt, und eine Schürze sind die Bestandteile dieser Tracht, die wenig charakteristisches hat.

Nr. 5, 7 u. 9. Frau aus dem Kanton Schwyz. – Frau aus dem Kanton Uri, Frau aus dem Kanton Unterwalden.

Die Nationaltracht der Unterwalder und besonders die der Frauen gehört zu denjenigen, die mehr und mehr verschwinden. Sie besteht aus einem kurzen, weiten Rocke aus braunem Stoff, einem roten Gürtel, blauen Strümpfen und zierlichen Schuhen. Die Haarflechten werden hinten durch eine löffelartige Nadel zusammengehalten. Die Schuhe sind oft mit metallenen Hacken versehen.

An Nr. 9 findet man das genannte Haararrangement, die niedlichen Schuhe mit Bandrosetten, eine den Hals eng wie ein Halseisen umgebende Kette, den breiten hohen Brustlatz, der auf jeder Seite mit breitem Gehänge aus Silberfiligran besetzt ist, den weiten, unten rund ausgezackten Hemdsärmel, der im Armgelenk mit einem Samtband zusammengefasst ist, und eine breite seidene Schürze.

Die Tracht der jungen Frau aus dem Kanton Schwyz (Nr. 5) bietet die Eigentümlichkeit, dass sie, ohne so weit in die Vergangenheit hinaufzureichen wie die der Unterwalderin, keinen modernen Bestandteil hat. Abgesehen von der hohen Gazemütze, gehört alles an dieser Tracht dem vorigen Jahrhundert an. Das Arrangement des Haares, die Entblössung des Halses, das Brusttuch und die kurzen Ärmel sind Kennzeichen der französischen Mode vor der Revolution.

Die weiblichen Trachten im Kanton Uri (Nr. 7) erinnern an die italienischen Volkstrachten. Die Urnerinnen tragen die Schnupftücher wie die Italienerinnen um den Kopf gebunden; ebenso ist es italienische Sitte, das Brusttuch unter dem zusammengeschnürten Leibchen zu tragen. Die Schweizerinnen trugen früher Halbstrümpfe, die nur die Wade bedeckten.

(Nach Photographien von A. Braun & Co. in Dornach und Aquarellen von J. Bastinos.)

Vögel, Scherenschnitt, Illustration

Quelle: Geschichte des Kostüms in chronologischer Entwicklung von Auguste Racinet. Bearbeitet von Adolf Rosenberg. Berlin 1888.

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