Wirtschaftsformen in abgelegenen Schweizer Tälern um 1920.

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Die westlichen Alpenvölker.

1. Ausschlagen von Ähren mit einem Stock, Piemont. 2. Alpenhorn, das abends die Kühe heim ruft. 3. Wagen mit Scheibenrädern zur Beförderung von Holz und Heu, Chamonix. 4. Holzrechen zum Enthülsen der Kastanien, Bex, Waadt. 5. Birkenfackel. 6. Alpscheit aus dem Lötschental. 7. Rinderschädel an einem alten Bauernhaus als Schutzmedizin. 8. Hirtenhorn. 9. Maskenträger, Lötschental. 10. Brettförmiger Schlitten mit Eigentumsmarke. 11. Traggestell aus natürlichen Ästen, Kanton Wallis. 12. Fellschaber, früher bei den Hausschlachtungen gebraucht, um die Haut vom Fell zu befreien, aus Eisenblech und Hornring um die Dülle, Evolena. 13. Spielzeug (Kuh). 14. Holzhammer. 15. Schlitten mit Knochenkufen. 16. Tessle für Schafe und Ziegen. 17. Milchrechnung, Graubünden. 18.-23. Masken der Roitscheggeten, Lötschental.

Die westlichen Alpenvölker.
II.

Nr. 2, 4, S, 6, 10-22 in der Sammlung für Völkerkunde zu Basel.

Von altertümlichen, in abgelegenen Schweizertälern erhaltenen Wirtschaftsformen zeigt Bild 1 den Getreidedrusch mittels eines Stockes, der hier etwa halbmeterlang ist, sonst auch länger genommen wird. Der sitzende oder am Boden kniende Drescher klopft die Ähren aus, worauf der Drusch mit der „Wanne“ behandelt wird, oder die Garben werden von den Frauen auf ein gegen die Wand gelehntes Brett oder eine Steinplatte geschlagen, dann von den Männern frei in der Luft gehalten und mit einem Stock ausgeklopft. Im Tessin wird das mit der Sichel gemähte Korn noch mit einem Dreschwagen, einem durch die Kinder der ganzen Nachbarschaft besetzten und belasteten Ochsenwagen, der auf der Tenne im Kreise herumfährt, ausgetreten und ausgefahren. Die Körner werden mit der Wurfschaufel von der Streu befreit.

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Masken der Roitscheggeten aus Blatten und Kippel im Lötschental.

In der Südschweiz bilden ein wichtiges Nahrungsmittel die Kastanien: man läßt sie abfallen oder schlägt sie mit Stöcken herunter, schlägt mit einem Holzrechen, manchmal nach einer Fermentation von drei Wochen in Erdlöchern, die grüne Schale ab, kocht oder vermahlt sie in Mühlen zu Mehl und verbackt das zu Fladen; zum Konservieren räuchert man sie und schlägt sie in Steinmörsern mit Stößel oder Hammer.

Urtümlich sind die vollen Scheibenräder an den Heukarren von Chamonix, die sich ähnlich im Kaukasus und in den Pyrenäen (s. Tafel Basken) erhalten haben; es sind Waschbecken und andere Behälter aus ausgehöhlten Baumstücken, Schlitten mit Knochenkufen, die sich in den mittleren und östlichen Alpen wie in der norddeutschen Ebene bis vor kurzem vereinzelt gleichfalls noch fanden, brettförmige Schleifen, die sich aus dem natürlichen Abrutsch im Gebirge von selbst ergeben; altertümlich und durch seine Parallelen in Asien (Jakuten, s. Band I dieses Atlas) und Afrika (Nil) für die Entwicklung künstlerischer Vorstellungen wichtig ist das Kinderspielzeug in Bild 13 (weiteres s. Literatur, Rütimeyer). Ebenso durch seinen Ursprung im Hirtenleben und Sippenwesen eines schriftlosen Zeitalters wichtig und an Verwandten in allen Kulturkreisen gleicher Stufe reich ist das Kerbholz: auf dem Stück des Bildes 16 zeigen die Kerben der Kanten die Zahl der Schafe und Ziegen an, die der Eigentümer besitzt; das Zeichen auf der Fläche ist die Hausmarke.

Bild 6 ist ein Alpscheit von 1605, die Ausschnitte bedeuten die Alpberechtigten und die Größe der Alp, in die passen genau die „Einlege- oder Beiteßlen“, die im Besitz der Kuhhalter bleiben, während das Alpscheit vom Alpvogt als Vertreter der Gemeinde aufbewahrt wird. Sogenannte Kehrteßlen stellen die Verpflichtungen zu Gemeindeleistungen wie Viehhüten an.

Bild 17 ist ein achtkantiges Holz mit eingekerbten Hausmarken zum Anmerken der von den Alpteilhabern gelieferten Milchmengen. Die Erhaltung alten Kulturgutes erklärt sich aus dem geographisch bedingten Gleichbleiben der Umwelteinflüsse. Dazu tritt aber als Wesentliches ein Verharren auf älterer Bewusstseinsstufe. Darum finden sich hier Ausdrucksformen eines Geisteslebens, die in der Ebene Mitteleuropas, auf dem Boden, den der Gleichmacher Zivilisation durchschritten und verödet hat, nicht oder kaum noch vorkommen.

Die emanistischen Bräuche, die sich die geistigen Kräfte von Tieren und Pflanzen zu Schutz und Trutz dienstbar machen, magische Medizinen (Amulette, Talismane) verwenden, finden sich noch öfter, der Rinderschädel des Bildes 7 ist nur ein besonders drastisches Beispiel. Seltener aber (vgl. Tafel: Mittlere Alpenvölker) ist der Maskenbrauch im Lötschental: am Montag und Dienstag vor Aschermittwoch springen die ledigen Burschen als „Roitscheggeten“ (von Roich-Kamin, Rauch, Ruß – Gescheckte oder Rauchgescheckte „mit Ruß beschmiert“), angetan mit Schaffell und Maske, mit Schellengürtel und Stock herum, necken Frauen und Kinder, haben früher auch wohl in den Häusern gebettelt und geplündert. Der Brauch soll auf verkleidete Räuber „Schurtendiebe“ des 15. Jahrhunderts zurückgehen, das indes gewiß nur der Punkt ist, bis zu dem man geschichtliche Überlieferungen hat.

In Wahrheit stehen wir hier vor Resten alter Mysterienspiele, in denen die guten und bösen elementarischen Wesen zum bildhaften Erlebnis gebracht wurden. Die Masken, die im Lötschental keine Tierköpfe (vgl. Tafel: Mittlere Alpenvölker), sondern dämonisch verzerrte, oft hörnertragende menschliche Köpfe darstellen, beweisen aber, daß hier vor allem am Leben geblieben ist das Erlebnis der tierhaften Natur im Menschen, das seelische Erlebnis, das den Menschen in exoterischen Mysterienfeiern durch die Maske vermittelt wurde: in grobsinnlichem Anschauen sollten sie das Tier in sich erleben und überwinden lernen.

Literatur : Der Basler Arzt und Ethnograph Leopold Rütimeyer (1856-1932) in Schweizerisches Archiv für Volkskunde. Rütimeyer, „Urethnographie der Schweiz“.

Quelle: Die Völker Europas. Atlas der Völkerkunde. Herausgegeben von Prof. Dr. R. Karutz, 1926.

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