Schellen- und Zatteltracht im 14. Jh. Bürgerliche Trachten.

Frankreich. 14.und 15. Jahrhundert. Bürgerliche Trachten. Schellen- und Zatteltracht.
Frankreich. 14.und 15. Jahrhundert. Bürgerliche Trachten. Schellen- und Zatteltracht.

EUROPA MITTELALTER. FRANKREICH – XIV. UND XV. JAHRHUNDERT.

BÜRGERLICHE TRACHTEN.

Schellen- und Zatteltracht im 14. und 15. Jahrhundert.

Abbildungen oben: 4, 3
Abbildungen unten: 2, 1

Nr. 4. ist die Nachbildung einer Miniatur aus einem Manuskript des 14. Jahrhunderts, welches unter der Regierung König Johann und Karl V. entstanden ist, zeigt charakteristische Beispiele der sogenannten Schellen- und Zatteltracht, die nachmals das stehende Kostüm der Narren wurde. Und es ist in der Tat die närrischste Tracht, die jemals erdacht worden ist.

Der Mann auf der äussersten Linken des Bildes trägt die Schellentracht. An einem Wulst, welcher am unteren Saum des Wamses die Stelle des Gürtels vertritt, hängen silberne Schellen herab. Eine andere Schelle hängt am Zipfel der Gugel, jener vom lateinischen Cucullus abgeleiteten kapuzenartigen Kopfbedeckung, die auch vorn auf der Brust zugeknöpft werden konnte und Brust und Schulter bedeckte. Sie wurde namentlich von fahrendem Volk getragen, ging dann aber auch in den Gebrauch der Vornehmen über. Das Wams ist so knapp und eng anliegend, dass, wie eine Chronik erzählt, diejenigen, welche es trugen, dasselbe nicht ohne fremde Hilfe anlegen oder ausziehen konnten. Mit Bezug auf die verschiedene Farbe des Wamses und der eng anschliessenden, in Schnabelfüsslinge auslaufenden Strumpfhosen wurde die Tracht mi-parti genannt. An dem unteren Saum der Kapuze macht sich schon die Auszackung bemerkbar, die sich von der Mitte des 14. Jahrhunderts ab über das Kostüm verbreitete. Es ist die sogenannte Zatteltracht, welche von der Figur mit dem weissen Überkleid getragen wird.

Dieses Kleidungsstück, welches die zweite Figur, von links gerechnet, in seiner ursprünglichen Form trägt, ist der Houppelande, (Tappert) oder peliçon (Pelisse, pelzverbrämtes oder pelzgefüttertes Ober- oder Übergewand), in Deutschland Hoike genannt, ein weiter Überrock, der anfangs nur bis knapp über die Knie reichte, später aber die ganze Gestalt verhüllte und sogar auf dem Erdboden nachschleppte. Die Hoike wurde über den Kopf gezogen. Der Mann mit der roten Houppelande trägt an seinem breiten Gürtel eine Tasche, in welcher Geld u. dgl. aufbewahrt wurde. Seine Kopfbedeckung ist eine aus steifen Wülsten zusammengesetzte Mütze. Auch die Kopfbedeckungen der beiden anderen Figuren, von denen die erste eine mit Pelz gefütterte, gezattelte Houppelande trägt, sind in den Spitzen hornartig ausgestopft.

Ein Tabard (aus der französischen Tabarde) war ursprünglich ein bescheidenes Obergewand in Tunikaform, meist ohne Ärmel, das von Bauern, Mönchen und Fußsoldaten im Allgemeinen im Freien getragen wurde. Der Mantel konnte sowohl mit oder ohne Ärmel und in seiner weiterentwickelten Form an den Seiten offen, mit oder ohne Gürtel getragen werden. Obwohl es sich meist um gewöhnliche Kleidungsstücke handelte, oft Arbeitskleidung, konnten Vorder- und Rückseite mit einem Wappen (Livree) geschmückt werden, um in dieser Form als unverwechselbares Kleidungsstück von Wachen die Zeit zu überdauern.
In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurden der Tabard auch von Rittern im militärischen Kontext als Wappenröcke über ihrer Rüstung getragen und meist mit ihren Wappen geschmückt.

Auf Nr. 2. sehen wir einen Schliesser und einen Boten. Die Houppelande des ersteren hat ebenfalls ausgezackte Ärmel. Von seiner Mütze hängt eine Art Beutel herab, der auch aufgenommen und- um den Kopf geschlungen wurde. Aus diesem Anhang entwickelte sich später die Sendelbinde. Der Bote trägt seine Mütze auf der Schulter. Um beim Gehen nicht behindert zu sein, hat er die Ärmel aufgekrempelt. Am Gürtel trägt er einen Schubsack der das gewöhnliche Attribut der Boten und Pilger ist.

Nr. 3. welche im Originalmanuskript eine Lucretia, die sich tötet, darstellen soll, trägt das eng anschliessende Frauengewand ohne Gürtel mit langer Schleppe, das noch mit Pelz gefüttert war. Die Ärmel reichten nur bis zum Ellbogen, waren aber mit Hermelin besetzt, der bis auf die Erde herabfiel. Diese Kleider wurden hinten zugeschnürt. Vorn, etwas über den Hüften, waren Einschnitte gemacht, in welche man die Hände hineinsteckte, uni sie warm zu erhalten. Beim Gehen hob man die langen Ärmel auf und legte sie über den Arm. Auch nahm man das Kleid an einer Seite auf, wodurch zugleich die gestickten Unterkleider sichtbar wurden. Die Kopftracht gehört noch nicht zu den barocksten der Zeit. Es ist eine Flügelhaube aus gesticktem Samt- oder Seidenstoff, die mit Perlen besetzt ist, auch mit goldenen Schnüren benäht wurde. Die Haare fielen auf den Rücken herab. Die Figur im Hintergrunde ist ein gekreuzigter Verbrecher.

Die Nr. 1, 2, 3 stammen aus einer französischen Übersetzung des Valerius Maximus aus der ehemaligen Bibliothek von Saint-Germain des Pres (jetzt in der Nationalbibliothek in Paris). Die Figuren von Nr. 1 werden als Spanier, Gascogner und Franzosen bezeichnet. Als Zeit ist das Jahr 1320 angegeben.

Nr. 4 stellt die Aufnahme des Testamentes eines Sterbenden dar und ist einem Manuskript des XV. Jahrhunderts, Style du droit française (Pariser Nationalbibliothek, A.-F. 9387, fonds française) entlehnt. Die Kopfbedeckungen der Frauen haben sich noch his auf den heutigen Tag erhalten. Der Notar, welcher den letzten Willen des Sterbenden niederschreibt, trägt eine Kappe mit Klappen an den Seiten und mit der Sendelbinde. Auch die Form der Betten weicht von den heute üblichen nicht ab. Da die Sitte, Hemden zu tragen, erst am Ende des 16. Jahrhunderts aufkam, liegt der Kranke nackt im Bett. Nur sein Haupt ist mit einem Tuche umwunden.

Quelle: Geschichte des Kostüms in chronologischer Entwicklung von Auguste Racinet. Bearbeitet von Adolf Rosenberg. Berlin 1888.

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